Lebensdaten
1901 bis 1938
Geburtsort
Fiume
Sterbeort
Paris
Beruf/Funktion
Dramatiker ; Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118553739 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Horváth, Ödön von
  • horvath, ödön von
  • Chorbat, Enten
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Horváth, Ödön von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118553739.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Edmund Josef, Dr., Diplomat in F, später in München;
    M Maria Hermine Prehnal; ledig.

  • Leben

    H. wuchs in Belgrad, Budapest, München, Preßburg und Wien auf. Nach einem Studium der Germanistik in München lebte er seit 1924 in Berlin, Salzburg, Murnau/Obb. und in Wien, von wo er 1938 über Umwege durch halb Europa in die Emigration nach Zürich, Amsterdam und Paris ging. Bei seinem plötzlichen Tod – ein vom Blitz gefällter Baum erschlug ihn auf den Champs Elysées – hinterließ er 17 Dramen und 3 Romane, ein vierter mit dem Titel „Adieu Europa“ blieb unvollendet. 1933 verschwanden seine Stücke von den deutschen und bald auch von den österreichischen Bühnen, und erst in den späten 60er Jahren setzte eine H.-Renaissance ein, durch die er neben Brecht als der bedeutendste sozialkritische Dramatiker|des deutschen Theaters in der 1. Hälfte des 20. Jahrhundert erkennbar wird.

    Die wirtschaftlichen Verhältnisse – und, weil in den 20er und 30er Jahren geschrieben, auch immer die wirtschaftliche Misere – bilden die Basis der Stücke H.s. „Demaskierung des Bewußtseins“ nennt er das Ziel seines Schaffens. Im Volksstück, wie H. es auffaßt, sollen „Probleme auf eine möglichst volkstümliche Art behandelt und gestaltet werden, Fragen des Volkes, seine einfachen Sorgen, durch die Augen des Volkes gesehen … Nun besteht aber Deutschland, wie alle übrigen europäischen Staaten zu 90 Prozent aus vollendeten oder verhinderten Kleinbürgern …“. Exakt, auch noch in der letzten Statistenrolle, decouvriert er die Schäbigkeit und Muffigkeit dieser Kleinbürgerwelt, ihre Sentimentalität und ihr Selbstmitleid, mit dem sie ihre Schuld zudeckt. Die Präzisierung dieses dumpfen Denkens und Fühlens, die Bloßlegung des Unbewußten, macht deutlich, warum H.s Figuren so unausweichlich auf die Katastrophe zusteuern müssen. „Alle meine Stücke sind Tragödien – sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind.“ H. versteht sich auf die Komik des Skurrilen und Grotesken, die Tradition von Raimund und Nestroy schimmert durch. Seine Dramen stehen in der Nähe der Moritaten, seine Personen lassen die Möglichkeiten ihrer Karikatur ahnen. Die kleinen Ladenbesitzer und Angestellten, die verarmten Beamten und Intellektuellen stellen die Substanz für H.s Rollen, der Rummelplatz (Kasimir und Karoline, 1932) und das Wirtshaus (Italienische Nacht, 1931), der Kramladen und das Ausflugslokal (Geschichten aus dem Wiener Wald, 1931) sind seine bevorzugten Schauplätze. Für seine „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hatte er 1931 den Kleistpreis erhalten. Die Grundmuster der Wiener Operettenwelt sind zwar bei H. noch vorhanden: Liebelei und Eifersucht, Verlassenwerden und am Ende allgemeines Verzeihen. Aber was dort als charmant-verkitschte Spielerei abläuft, wird hier in seiner Dummheit und Glücklosigkeit erbarmungslos aufgedeckt. Die Konzeption dieses Stücks ist bezeichnend für alle Dramen H.s: Locker und lose sind die Szenen aneinandergefügt, die Handlung gleitet oft ins Beiläufige ab, malt Milieu und Situation mit aller Genauigkeit des Details aus. Gerade daher rührt die atmosphärische Dichte seiner Werke. Der Dialekt ist hier nicht mehr naturalistisch notwendig, solche Anklänge finden sich nur in dem frühesten Drama „Revolte auf Côte 3018“ (1927, umgearb. zu „Die Bergbahn“, 1929). An seine Stelle tritt die mit „Bildungsjargon“ und Klischees beladene Sprache des Kleinbürgertums, in der die Dialekte nivelliert sind.

    Schon früh erkennt H. die politischen Folgen der wirtschaftlichen Verhältnisse. 1926 in „Zur schönen Aussicht“ und 1929 in dem Drama „Sladek der schwarze Reichswehrmann“ deutet er die Gefahr von seiten der Rechten an, die unter dem Vorwand, Ordnung zu schaffen, militant wird. In dem Volksstück „Italienische Nacht“ (1931) analysiert er neben der sozialen die psychologische Komponente im Verhalten der Faschisten, das von einem sich zugleich brutal wie masochistisch-sentimental gebenden Minderwertigkeitsgefühl bestimmt war.

    Da H. nach der Emigration die deutschsprachigen Bühnen versperrt waren, schrieb er Romane: „Jugend ohne Gott“ (1938) und „Ein Kind unserer Zeit“ (1938, beide zusammen unter dem Titel „Das Zeitalter d. Fische“, 1953). Seine Kritik am politischen und sozialen Versagen wurde direkter und bitterer: Der Einzelne wird, da wo er sich auflehnen will, von der Gesellschaft, und das ist nunmehr der faschistische Staat, zerrieben, wenn er nicht resigniert.“ In seinen aus dem Nachlaß veröffentlichten Bemerkungen über seine Dramaturgie schrieb H.: „Ich habe nur zwei Dinge, gegen die ich schreibe, das ist die Dummheit und die Lüge. Und zwei wofür ich eintrete, das ist die Vernunft und die Aufrichtigkeit.“

  • Werke

    Ges. Werke, 4 Bde., 1970/71, hrsg. v. D. Hildebrandt, W. Huder u. T. Krischke;
    Stücke, hrsg. v. T. Krischke, mit Nachwort v. U. Becher, 1961;
    Zeitalter d. Fische, 3 Romane u. eine Erz., mit e. Gedächtnisrede v. C. Zuckmayer, 1968;
    Sportmärchen, mit Nachwort v. W. Huder, 1969.

  • Literatur

    F. T. Csokor, in: Der Monat, 1951, H. 33;
    U. Weisstein, Ö. v. H., a Child of Our Time, in: Mhh. 52, Wisconsin 1960;
    G. Reuther, Ö. v. H., Gestalt, Werk u. Verwirklichung auf d. Bühne, Diss. Wien 1962 (ungedr.);
    R. Federmann, Das Za. d. Fische, Ein Versuch üb. Ö. v. H., in: Wort in d. Zeit, 1962;
    T. Krischke, Der Dramatiker Ö. v. H., in: Akzente, 1962;
    J. Strelka, Ö. v. H., Die Wirklichkeit als Tor z. Irrealen, in: ders., Brecht, H., Dürrenmatt, 1962, S. 71-113;
    W. Emrich, Die Dummheit od. d. Gefühl d. Unendlichkeit, Ö. v. H.s Kritik, in: ders., Geist u. Widergeist, 1965, S. 185-96;
    K. Kahl, Ö. v. H., 1966;
    K. Mann, Prüfungen, 1968, S. 292-96;
    Materialien zu Ö. v. H., hrsg. T. Krischke, 1970 (Bibliogr.);
    Kunisch.

  • Autor/in

    Gertraude Wilhelm
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilhelm, Gertraude, "Horváth, Ödön von" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 647 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118553739.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA