Jansen, Fasia
- Lebensdaten
- 1929 – 1997
- Geburtsort
- Hamburg-Rothenburgsort
- Sterbeort
- Oberhausen
- Beruf/Funktion
- Liedermacherin ; Friedensaktivistin ; Musikerin ; Sängerin
- Konfession
- konfessionslos
- Normdaten
- GND: 110103742 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Jansen, Fasia Augusta
- Jansen, Fasia
- Jansen, Fasia Augusta
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Jansen, Fasia Augusta
1929 – 1997
Liedermacherin, Friedensaktivistin
Als politische Liedermacherin prägte Fasia Jansen seit den 1960er Jahren die bundesdeutsche Friedens-, Frauen- und Arbeiterbewegung. Die Erfahrungen ihrer rassenideologisch motivierten Verfolgung während des Nationalsozialismus und ihre kommunistischen Überzeugungen waren der Antrieb für ihren Kampf gegen Krieg und Unterdrückung. Für ihr gesellschaftliches Engagement erhielt sie als erste afrodeutsche Frau 1991 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Bande.
Lebensdaten
Fasia Jansen, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Alina Marktanner (Aachen)
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Zitierweise
Marktanner, Alina, „Jansen, Fasia“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd110103742.html#dbocontent
Jansen wuchs als uneheliche Tochter des liberianischen Generalkonsuls Momolu Massaquoi (1869–1938) bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater im Hamburger Arbeiterviertel Rothenburgsort auf. Ihr leiblicher Vater war kurz nach ihrer Geburt nach Liberia zurückgekehrt. Im „Dritten Reich“ war Jansen als schwarzes Kind alltäglichen rassistischen Diskriminierungen und Repressionen ausgesetzt. Eine um 1940 behördlich angeordnete ärztliche Untersuchung, bei der ihr laut eigener Aussage eine Spritze unbekannten Inhalts verabreicht wurde, führte zu einer chronischen Herzinnenhautentzündung, an der sie zeitlebens litt. Seit 1941 nahm Jansen Unterricht an der Hamburger Tanzschule Sauer, wurde aber wegen ihrer „nicht-arischen“ Abstammung 1943 ausgeschlossen. Aufgrund ihrer Hautfarbe weigerte sich das Arbeitsamt Hamburg 1944, sie im Rahmen des „Pflichtjahrs“ für eine Tätigkeit in der Land- oder Hauswirtschaft zu vermitteln. Stattdessen wurde sie von der Gestapo in die Munitionsfabrik Düneberg bei Geesthacht (Lauenburg) verbracht, nach Intervention der Familie zum Küchendienst ins Außenlager Hamburg-Rothenburgsort des Konzentrationslager Neuengamme zwangsverpflichtet.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Jansen durch ihren Stiefvater und einen Freund Kontakt zum kommunistischen Milieu in West- wie Ostdeutschland auf, ohne einer Partei beizutreten. 1947 trat sie als Sängerin im Hamburger Chor „Dreiklang“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und 1951 bei den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Berlin-Ost vor 30 000 Jugendlichen auf. Dort lernte sie die Friedensaktivistin und spätere Verlegerin Anneliese (Anna) Althoff (1930–2020) kennen, mit der sie zeitlebens eine enge Freundschaft verband und zu deren Familie in Oberhausen sie 1952 übersiedelte. In den 1950er Jahren nahm sie im Ruhrgebiet an der pazifistischen „Ohne Mich“-Bewegung und an Kampagnen von „Kampf dem Atomtod“ (1957/58) gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und die atomare Aufrüstung teil.
1962 hörte der Liedermacher Gerd Friedrich Semmer (1919–1967) Jansen bei einer Theateraufführung singen und schrieb daraufhin mehrere Liedtexte für sie. Später komponierte sie selbst und schrieb eigene Texte zu bekannten Melodien. Auf den Ostermärschen der 1960er und 1970er Jahre wurde Jansen als Protestsängerin mit kräftiger Bluesstimme bekannt. Ihre Liedtexte und politischen Statements richteten sich gegen den Vietnamkrieg, die bundesdeutschen Notstandsgesetze, den Ausbau der Kernenergie, Rechtsradikalismus und Antikommunismus. Sie trat mit Liedermachern wie Dieter Süverkrüp (1934–2025), Skiffle-Gruppen wie die Brüder Conrads und mit dem Trompeter und Bassisten Walter Kurowski (1939–2017) auf und sang v. a. Folksongs auf einem Jazzbeat. Jansens Interpretation des St. James Infirmary-Blues war einer der ersten Blues in deutscher Sprache. Bei den Burg-Waldeck-Festivals im Hunsrück (1964–1969) begegnete sie Franz Josef Degenhardt (1931–2011) und Hannes Wader (geb. 1942); 1965 sang sie dort stellvertretend für Wolf Biermann (geb. 1936), dem als DDR-Bürger die Ausreise in die Bundesrepublik verweigert worden war, dessen Ballade vom „Briefträger William L. Moore“. Im April 1965 trat sie beim Festival Il Canzoniere internazionale dei Ribelli in Bologna auf. Von Dezember 1969 bis Februar 1970 absolvierte Jansen ein Praktikum mit Stimmschulung beim Berliner Ensemble unter Helene Weigel (1900–1971). Im September 1970 gastierte sie bei der Fête de l’Humanité in Paris, 1971 unternahm sie eine mehrwöchige Konzerttournee in die Sowjetunion, und im Sommer 1973 trat sie bei den X. Weltfestspielen der Jugend in Berlin-Ost auf.
Jansen engagierte sich bei Arbeitskämpfen: Von 1979 bis 1981 unterstützte sie mit dem „Lied der Heinze-Frauen“ die weiblichen Angestellten des Gelsenkirchener Fotounternehmens Heinze, die sich für Lohngerechtigkeit einsetzten. Die Frauen- und Arbeiterproteste gegen die Schließung von Stahlwerken der Hoesch AG in Dortmund (1980/81), der Werke der Thyssen AG in Essen (1981) sowie des Werks der Friedrich Krupp KG in Duisburg-Rheinhausen (1987/88) begleitete sie mit Liedern der Arbeiterbewegung. Die deutsche Interpretation des US-amerikanischen Arbeiterlieds „We Shall Not Be Moved“ war eines ihrer prominentesten Lieder. Für ihre Proteste bei Demonstrationen erhielt sie wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt wiederholt Platzverweise und wurde mehrfach vorübergehend festgenommen. Im März 1970 wurde aufgrund ihrer Teilnahme an einer Anti-NPD-Versammlung vom Amtsgericht Oberhausen u. a. wegen angeblichen Aufruhrs und Volksverhetzung gegen sie ermittelt, das Ermittlungsverfahren aber einige Monate als unbegründet eingestellt.
Mit ihrer Lebensgefährtin Ellen Diederich (geb. 1944) reiste Jansen 1987 sechs Monate in einem bunt bemalten „Friedensbus“ ca. 20 000 Kilometer durch West- und Ostdeutschland, Europa und in die Sowjetunion, um Aktionen der Friedens-, Frauen- und Arbeiterbewegungen mit Musik- und Redebeiträgen zu unterstützen. An diesen Veranstaltungen nahmen u. a. Gert Bastian (1923–1992), Angela Davis (geb. 1944) und Petra Kelly (1947–1992) teil. 1989 baute sie mit Diederich in Oberhausen den Eine-Welt-Laden „Vier Himmelsrichtungen“ auf, mit dem geflüchtete Frauen und Kinder sowie Frauenprojekte unterstützt wurden. Im selben Jahr etablierten beide das Internationale Frauenfriedensarchiv (heute mit dem Namenszusatz „Fasia Jansen e. V.). In ihren letzten Lebensjahren ging Jansen als freischaffende Künstlerin und Aktivistin kurzzeitigen Tätigkeiten nach und lebte zeitweise von Sozialhilfe. 1991 wurde sie als erste afrodeutsche Frau mit dem Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Bande ausgezeichnet. Jansens Wirken in der Friedens-, Frauen- und Antirassismusbewegung wird von Institutionen wie das Internationale Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen in Oberhausen, die Fasia Jansen-Stiftung in Oberhausen und die Fasiathek in Hamburg fortgeführt.
| 1966 | 2. Preis des Süddeutschen Rundfunks für den Song „An meinen amerikanischen Brieffreund Jonny“ |
| 1969 | Preis des Internationalen Chanson-Festivals, Sotschi (Sowjetunion) |
| 1991 | Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
| 1997 | Ehrensold des Landes Nordrhein-Westfalen |
| 1997 | Ehrennadel der Stadt Oberhausen (mit Ellen Diederich) |
| 1997 | Internationales Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen e. V., Oberhausen (gegründet 1989 als Internationales Frauenfriedensarchiv) (weiterführende Informationen) |
| 1998 | Fasia Jansen-Stiftung e. V., Oberhausen (weiterführende Informationen) |
| 2014 | Fasia-Jansen-Gesamtschule, Oberhausen |
| 2022 | Fasiathek (Präsenzbibliothek aus Schwarzer Perspektive) des Afrikanischen Bildungszentrums ARCA e. V., Hamburg-Altona (weiterführende Informationen) |
| 2023 | Fasia Jansen-Straße, Bremen-Walle (weiterführende Informationen) |
| 2023 | Fasia Jansen-Straße, Kleve-Rindern (weiterführende Informationen) |
| 2025 | Fasia-Jansen-Festival, Oberhausen (weiterführende Informationen) |
| 2025/26 | Fasia Jansen-Straße, Köln-Ehrenfeld (weiterführende Informationen) |
Nachlass:
Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund. (weiterführende Informationen)
Weitere Archivmaterialien:
Kölner Frauengeschichtsverein e. V., Köln, Best. 80, Mappe 319. (weiterführende Informationen)
Gedruckte Quellen:
Fatima Massaquoi, The Autobiography of an African Princess, hg. v. Vivian Seton/Konrad Tuchscherer/Arthur Abraham, 2013. (Familiengeschichte)
Lieder:
Verbrannte Erde in Deutschland, Feuerlied, 1965. (Text: Fasia Jansen/Gerd Semmer; Musik: Fasia Jansen)
An meinen amerikanischen Brieffreund Jonny, 1965. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Oh Mutter, gib deinen Jungen nicht her, 1965. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Der Zug nach Aldermaston, 1965. (Text: Heinz Kahlauf/Fasia Jansen, Musik: Fasia Jansen)
In Athen, im April in der Nacht, 1967. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Mein Mann war Bergmann, 1967. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Der Himmel ist blau. 1. Mai, 1968. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Bevor wir demonstrieren. Freedom, Freiheit, Liberté, 1968. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Denk mal nach, 1968. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Lied vom Beitrag, 1969. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Lied von den Septemberstreiks, 1969. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Krupp-Ballade, 1970. (Text: Fasia Jansen, Melodie: Glory, Glory, hallelujah!)
An die Justizangestellte Neumann, 1970. (Text/Sprechgesang: Fasia Jansen/Dieter Süverkrüp)
Arbeitslosen-Blues, 1975. (Text und Musik: Fasia Jansen)
Die Bosse haben Profit gemacht, 1980. (Text/Sprechgesang: Fasia Jansen/„Hoesch-Frauen“)
Macht die Tore zu, ihr Männer, 1981. (Text: Fasia Jansen/Driessen, Musik: Fasia Jansen)
Tonträger:
Lieder gegen die Bombe, 1962. (LP)
Geliebte Rebellin, 2004. (CD)
Verzeichnis der Lieder und Tonträger:
Marina Achenbach, Fasia, geliebte Rebellin, hg. v. d. Fasia Jansen Stiftung e. V. 2004, S. 296–300.
Monografien und Sammelbände:
Marina Achenbach, Fasia, geliebte Rebellin, hg. v. d. Fasia Jansen Stiftung e. V., 2004. (Qu, W, L, P)
Tina Campt, Other Germans. Black Germans and the Politics of Race, Gender, and Memory in the Third Reich, 2004, S. 138–143 u. 163 f.
Aufsätze und Beiträge:
Princela Biyaa/Marny Garcia Mommertz, „Her name is Fasia: It’s a Vai name, you know?” Wie Fasia Jansens Lebensabschnitte aus Schwarzen deutschen Perspektiven betrachtet werden können, in: Johanna-Yasirra Kluhs/Aurora Rondonò/Fabian Saavedra-Lara/Nesrin Tanç (Hg.), Worauf wir uns beziehen können. Interkultur 2016–2021, 2021, S. 63–71.
Holger Tilicki, Fasia Jansen. Aus dem Leben einer widerständigen Frau, in: Rundbrief 2021, hg. v. d. Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e. V., S. 34–43.
Max Florian Kühnem, Ganz alleine Schwarz. In einigen Teilen des Landes wird sie wiederentdeckt. Fasia Jansen könnte Identifikationsperson für Schwarze Künstler*innen in Deutschland sein, in: taz v. 16.2.2021. (P) (Onlineressource)
Uta C. Schmidt, Fasia Jansen, 1929–1997, „Ich singe, um Mut zu machen!“, in: frauen/ruhr/geschichte, 2022. (P) (Onlineressource)
Ursula Trümper, Lieder gegen die Bombe. Die Liedermacherin Fasia Jansen war eine der prägenden Figuren der westdeutschen Friedensbewegung und der Ostermärsche, in: junge Welt v. 19.4.2025, S. 12. (P) (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Theaterstück:
Fasia – das letzte Jahr, Text/Szenografie/Regie: Elisabeth Gers, Erstaufführung: Volksbühne Berlin am 20.9.2023. (weiterführende Informationen)
Dokumentarfilm:
Fasia Jansen, Sängerin, Reihe Frauengeschichten, BR 1985. Ein Film von Christel Priemer (weiterführende Informationen)
Fasia – von trutzigen Frauen und einer Troubadoura, 1987, Regie: Re Karen. (weiterführende Informationen)
Filmografie:
Marina Achenbach, Fasia, geliebte Rebellin, hg. v. d. Fasia Jansen Stiftung e. V., 2004, S. 300.
Fasia Jansen-Stiftung, e.·V. (P)
Fasia Jansen, in: discogs. (Diskografie)
Beschuldigung der Volksverhetzung gegen Fasia Jansen (1970), in: Black Central Europe.
Fasia Jansen. Ein Porträt von Schülern der Fasia-Jansen-Gesamtschule, Oberhausen, 2022, in: YouTube.
Cornelia Göksu, Fasia Jansen, in: Biografien-Datenbank Frauen aus Hamburg. (P)
Clemens Seiz/Gernot Steinweg, Fasia. Defiant Women and a Troubadoura, Trailer für das Filmfest Bremen, 2025, in: YouTube. (aus Fasia – von trutzigen Frauen und einer Troubadoura, 1987, Regie: Re Karen)
Fotografien, um 1931–1997, Nachlass Fasia Jansen, Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund.
Fotografien v. Klaus Rose (geb. 1937), 1962 u. 1966, Abbildungen in: Marina Achenbach, Fasia, geliebte Rebellin, hg. v. d. Fasia Jansen Stiftung e. V. 2004, S. 83 u. 156.
Fotografien v. Michael Meyborg u. Manfred Scholz, 1980er Jahre, Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Abbildungen in: Princela Biyaa/Marny Garcia Mommertz, Fasia Jansen v. 27.8.2024, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv. (Onlineressource)