Altenburg, Wolfgang
- Lebensdaten
- 1928 – 2023
- Geburtsort
- Schneidemühl (Westpreußen, heute Piła, Polen)
- Sterbeort
- Travemünde
- Beruf/Funktion
- General der Bundeswehr ; Generalinspekteur der Bundeswehr ; Vorsitzender des NATO-Militärausschusses ; General
- Konfession
- evangelisch-lutherisch
- Normdaten
- GND: 1077494661 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Altenburg, Wolfgang Bruno
- Altenburg, Wolfgang
- Altenburg, Wolfgang Bruno
- Altenburg
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Altenburg, Wolfgang Bruno
1928 – 2023
General der Bundeswehr, Generalinspekteur der Bundeswehr, Vorsitzender des NATO-Militärausschusses
Wolfgang Altenburg, von 1983 bis 1986 Generalinspekteur der Bundeswehr, war sicherheitspolitischer Berater der Bundesregierung und auch international hoch angesehener Experte für Fragen der Nuklearen Abschreckung. Nach seiner Amtszeit als Generalinspekteur war er bis 1989 Sprecher des NATO-Militärausschusses (Chairman NATO Military Committee).
Lebensdaten
Wolfgang Altenburg, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Heiner Möllers (Potsdam)
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Zitierweise
Möllers, Heiner, „Altenburg, Wolfgang“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1077494661.html#dbocontent
Jugend und Kriegsdienst
Altenburg besuchte die Deutsche Oberschule für Jungen in Schneidemühl (Westpreußen, heute Piła, Polen), bevor er im Februar 1944 als Marinehelfer verpflichtet und auf Helgoland eingesetzt wurde. Dort geriet er Anfang Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft. Im August 1945 entlassen, kehrte er zu seiner aus Schneidemühl geflüchteten Familie zurück, die im Bremer Umland lebte. Im Oktober 1945 wurde er als Hilfskraft und Übersetzer bei den US-amerikanischen Besatzungstruppen angestellt, wo er in unterschiedlichen Beschäftigungen bis zum Sommer 1956 arbeitete.
Eintritt in die Bundeswehr und militärische Karriere
Im Juli 1956 absolvierte Altenburg in Münster einen dem Abitur gleichwertigen Abschluss und trat am 1. Oktober 1956 als Offizieranwärter in die Bundeswehr ein. Nach der Grundausbildung, mehreren Lehrgängen und Beförderungen wurde er 1961 zum Batteriechef in einem für den Nuklearwaffeneinsatz vorgesehenen Raketenartilleriebataillon in Dörverden-Barme an der Weser ernannt. Von 1962 bis 1964 nahm er am 5. Lehrgang Generalstabsdienst Heer teil. Anschließend durchlief Altenburg die typischen Verwendungen für einen Generalstaboffizier als G 1 der 6. Panzergrenadierdivision und als G 3 der Panzerbrigade 18. Seit Oktober 1968 war er Kommandeur des Feldartilleriebataillons 61 in Albersdorf (Holstein), das über eine Feldhaubitzbatterie für den nuklearen Einsatz verfügte. In diesen Tätigkeiten war er mit den Verteidigungsplanungen für Schleswig-Holstein mit den Ostseezugängen an einer Grenze der NATO-Vorneverteidigung mit herausragender Bedeutung für die NATO-Planungen befasst.
Um die Jahreswende 1969/70 wurde Altenburg in das Bundesverteidigungsministerium berufen, um den Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Albert Schnez (1911–2007), bei der Öffentlichkeits- und Pressearbeit zu unterstützen. Im Oktober 1971 vorzeitig zum Oberst befördert, hatte Altenburg bis März 1973 eine Leitungsfunktion in der neu gegründeten Nuclear Policy Section im NATO-Hauptquartier in Mons (Belgien), die den Befehlshaber des Supreme Headquarter Allied Powers Europe hinsichtlich der militärpolitischen Implikationen und der Einsatzregeln für Nuklearwaffen beraten sollte, womit Altenburg auf der strategischen Ebene der Allianz tätig wurde.
Ministerium und Militärpolitik
Im April 1973, einer Zeit, die v. a. durch die bilateralen Rüstungskontrollvereinbarungen zwischen den USA und der Sowjetunion geprägt war, wurde Altenburg Referatsleiter III 1 im Führungsstab der Streitkräfte des Bundesverteidigungsministeriums, das Grundsatzarbeiten zur Militärpolitik und Führung der Bundeswehr leistete. Nach einer Zwischenverwendung als Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 7 in Hamburg-Fischbek von Mai 1975 bis September 1976 kehrte Altenburg in das Bundesverteidigungsministerium zurück als Stellvertreter des Stabsabteilungsleiters Jürgen Brandt (1922–2003), dessen Nachfolger er 1978 wurde. Brandt und Altenburg galten als führende Fachleute in der Militärpolitik, die infolge der Modernisierung sowjetischer Mittelstreckenraketen und Stationierung von SS-20 in Osteuropa und einem entstehenden militärischen Ungleichgewicht eine erhebliche Dynamik gewann. Die „Londoner Rede“ Bundeskanzler Helmut Schmidts (1918–2015) vom Oktober 1977 gilt als initiativ für die Aushandlung des NATO-Doppelbeschlusses vom 12. Dezember 1979. Altenburgs Mitwirkung an dieser Rede ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte, sein Anteil an der Entstehung dieser Rede kann nicht nachgewiesen werden. Von Januar 1979 bis März 1980 war Altenburg als Deutscher Militärischer Vertreter in Brüssel beim NATO-Militärausschuss tätig, anschließend wurde er zum Kommandierenden General des III. Korps in Koblenz ernannt.
Generalinspekteur der Bundeswehr und Chairman MC NATO
Altenburgs Berufung zum Generalinspekteur im April 1983 wurde von Bundesverteidigungsminister Hans Apel (1932–2011) im Mai 1982 angekündigt. Nach dem Regierungswechsel 1982 wurde die Außen- und Sicherheitspolitik vom Auswärtigen Amt und dem Kanzlerberater Horst Teltschik (geb. 1940) beansprucht und erfuhr bei Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) wenig Aufmerksamkeit, weshalb sich Altenburg unter Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (1934–1994) der Bundeswehr widmete. Diese war u. a. wegen großer Rüstungsprojekte unterfinanziert, technologisch in einigen Bereichen unzureichend ausgestattet und hatte mittelfristig mit geringeren finanziellen Mitteln die der NATO zugesagte Stärke von rund 500 000 Soldaten sicherzustellen. Die hierfür unter Altenburgs Verantwortung begonnenen Überlegungen zu einem Bundeswehr-Plan 86 verliefen ergebnislos.
Nach Ablauf seiner Amtszeit als Generalinspekteur wurde Altenburg im Herbst 1986 Chairman (Sprecher) des Military Committee der NATO (NATO-Militärausschuss), nach Adolf Heusinger (1897–1982) und Johannes Steinhoff (1913–1994) der dritte Deutsche an der (protokollarischen) militärischen Spitze der NATO. Er übte diese Funktion bis zu seiner um ein Jahr hinausgeschobenen Pensionierung im September 1989 aus. Seine Amtszeit war geprägt durch die Wahl Michail Gorbatschows (1931–2022) zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und die dadurch mögliche Annäherung und Abrüstung zwischen den Blöcken. Dies führte nach dem 1987 zwischen den USA und der UdSSR geschlossene INF-Vertrag und der Verschrottung oder dem Abzug nuklearer Mittelstreckensysteme in Europa zu einer Aufwertung der konventionellen Überlegenheit des Warschauer Pakts gegenüber der NATO. Altenburg nahm dies zugunsten der nuklearen Abrüstung und der Entspannungspolitik in Kauf, womit er sich gegen den Widerspruch höchster militärischer Befehlshaber der NATO wie des Alliierten Oberkommandierenden in Europa, General Bernard W. Rogers (1921–2008) stellte. In den letzten Wochen seiner Amtszeit begann die Erosion des Warschauer Pakts, die 1991 zu dessen Selbstauflösung führte.
Nach dem militärischen Dienst
Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr war Altenburg als Berater in Industrie, Wirtschaft sowie in Vereinen und Verbänden aktiv. Hervorzuheben ist seine Tätigkeit von 1994 bis 2010 als Mitglied, seit 2002 als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH in Ottobrunn bei München, einer bis in die 1990er Jahre bundeseigenen Gesellschaft zur Entwicklung und Prüfung von Hochtechnologie v. a. im Flugzeugbau. Daneben war er von 1989 bis 1999 Vorstandsmitglied bei der Thomson CSF, einem französischen Konsortium für Hochtechnologie.
| 1963 | Sturmflutmedaille Niedersachsen 1962 |
| 1980 | Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1984 Großes Verdienstkreuz, 1986 mit Stern, 1989 mit Stern und Schulterband) |
| 1982 | Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold |
| 1983 | Legion of Merit (1987 Commander) (USA) |
| 1984 | Kommandeur der Ehrenlegion (Frankreich) |
| 1985 | Aztekischer Adler am Bande (Mexiko) |
| 1985 | Ordre National du Niger |
| 1985 | Kommandeur des Ordre National de la Légion d’honneur (Frankreich) |
| 1986 | Großkreuz des Militärverdienstordens (weiß) (Spanien) |
| 1986 | Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik |
| 1989 | Großkreuz zum Ordre Militar de Christo (Portugal) |
| 1989 | Großkreuz des Verdienstordens der Marine (weiß) (Spanien) |
Nachlass:
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, N 884.
Weitere Archivmaterialen:
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, Pers. 1/104 116. (Personalakte)
60 Jahre Bundeswehr. Erinnerungen und Ausblick eines Zeitzeugen. Interview mit dem Ehrenpräsidenten der Clausewitz-Gesellschaft e. V., General a. D. Wolfgang Altenburg, anlässlich „60 Jahre Bundeswehr“, in: Clausewitz-Gesellschaft (Hg.), Jahrbuch 2015, 2016, S. 20–59.
Braucht der Soldat der Bundeswehr Tradition?, in: Bundeswehr und Tradition. Zur Debatte um das künftige Geschichts- und Traditionsverständnis in den Streitkräften, hg. v. Andreas Prüfert, 2000, S. 28–32.
Das Dritte Korps, in: Jahrbuch des Heeres 9 (1982), S. 102–111.
Die Bundeswehr, hier und heute, 1985.
Defence in the Air/NATO’s Integrated Air Defence Today and in the Future, in: NATO’s Sixteen Nations 31 (1986), S. 22–25.
Ethische Überlegungen zur Abschreckung, in: De officio. Zu den ethischen Herausforderungen des Offizierberufs., hg. v. Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr, 1985, S. 195–200.
Die militärstrategische Konzeption der Allianz. in: Peter-Kurt Würzbach (Hg.), Die Atomschwelle heben, 1983, S. 107–134.
NATO. Current Issues and Military Thinking, in: RUSI. Journal Royal United Serv Institute for Defence Studies 134 (1989), H. 3, S. 9–11.
Die NATO und die Wende in Osteuropa, in: Bruno Thoß (Hg.), Vom Kalten Krieg zur deutschen Einheit. Analysen und Zeitzeugenberichte zur deutschen Militärgeschichte 1945–1990, 1995, S. 443–446.
Die Nuklearstrategie der Nordatlantischen Allianz. Vom Gegeneinander zum Miteinander im Ost-West-Verhältnis, in: Klaus-Jürgen Bremm/Hans-Hubertus Mack/Martin Rink (Hg.), Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr, 2005, S. 63–72, erneut in: Frank Nägler (Hg.), Die Bundeswehr 1955 bis 2005. Rückblenden, Einsichten, 2007, S. 329–338.
Rolle und Verantwortung des Militärs bei der Beratung von politischen Entscheidungsträgern, in: Beiträge aus der evangelischen Militärseelsorge, hg. v. Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr, 1989, S. 65–72.
Rüstungskontrolle und die Zukunft, in: NATO-Brief 37 (1989), H. 4, S. 3–7.
Der Soldat grüßt den Philosophen, in: Tamen! Gegen den Strom. Günter Rohrmoser zum 80. Geburtstag, hg. v. Philipp Jenniger/Rolf W. Peter/Harald Seubert, 2007, S. 183 f.
Was kommt nach dem Kalten Krieg?, in: Christoph Butterwegge/Eva Senghaas-Knobloch (Hg,), Von der Blockkonfrontation zur Rüstungskonversion? Die Neuordnung der internationalen Beziehungen, Abrüstung und Regionalentwicklung nach dem Kalten Krieg, 1992, S. 19–23.
Monografien:
Helmut Schmidt, Verteidigung oder Vergeltung. Ein deutscher Beitrag zum strategischen Problem der NATO, 1961, 51968.
Ulrich de Maizière, Führen – im Frieden. 20 Jahre Dienst für Bundeswehr und Staat, 1974.
Zur Sache 2/84. Diskussionen und Feststellungen des Deutschen Bundestages in Sachen Kießling. Antrag, Bericht und Aussprache in der Angelegenheit des Bundesministers der Verteidigung. Bericht und Empfehlung des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuss. Beratung und Beschluss des Plenums, 1984.
Detlef Bald, Generalstabsausbildung in der Demokratie. Die Führungsakademie der Bundeswehr zwischen Traditionalismus und Reform, 1984.
Hans Apel, Der Abstieg. Politisches Tagebuch 1978–1988, 1990.
Günter Kießling, Versäumter Widerspruch, 1993.
Ulrich de Maizière, In der Pflicht. Lebensbericht eines deutschen Soldaten im 20. Jahrhundert, 1997.
Klaus Naumann, Überleben als Beruf, in: ders., Generale in der Demokratie. Generationengeschichtliche Studien zur Bundeswehrelite, 2007, S. 243–277.
Philipp Gassert/Tim Geiger/Hermann Wentker (Hg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung. Der NATO-Doppelbeschluss in deutsch-deutscher und internationaler Perspektive, 2011.
Daniel Uhrig, Soldaten als Helfer. Die Rolle der Bundeswehr während der Sturmflut 1962, ungedr. Bachelorarbeit, Helmut Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr, 2012.
Florian Reichenberger, Der gedachte Krieg. Vom Wandel der Kriegsbilder in der Bundeswehr, 2018.
Andreas Lutsch, Westbindung oder Gleichgewicht? Die nukleare Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland zwischen Atomwaffensperrvertrag und NATO-Doppelbeschluss, 2020.
Heiner Möllers, Wolfgang Altenburg. Ein General der Bundeswehr zwischen Militär und Sicherheitspolitik, 2026. (W, P)
Festschrift:
Hans-Eckehard Tribess (Hg.), Im Leben unterwegs – für den Frieden. Festschrift für Wolfgang Altenburg zum 90. Geburtstag am 24. Juni 2018, 2019.
Nachrufe:
Heiner Möller, Nachruf auf General a. D. Wolfgang Altenburg, in: Clausewitz-Gesellschaft e. V. v. 3.2.2023. (Onlineressource)
Frank Jungbluth, Trauer um einen Patrioten und überzeugten Demokraten, in: Deutscher Bundeswehrverband v. 13.2.2023. (Onlineressource)
Zum Tod von General a. D. Wolfgang Altenburg, in: Bundeswehr v. 14.2.2023. (Onlineressource)
Fotografien, 1983–1987, in: Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)