Schwerin, Gerhard Graf von

Lebensdaten
1899 – 1980
Geburtsort
Hannover
Sterbeort
Tegernsee (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Berater beim Aufbau der Bundeswehr nach 1945 ; Offizier ; Generalmajor ; Kaufmann
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 133616169 | OGND | VIAF: 47957360
Namensvarianten

  • Schwerin, Gerhard Helmut Detloff Graf von
  • Schwerin, Gerhard Graf von
  • Schwerin, Gerhard Helmut Detloff Graf von
  • Schwerin, Gerhard Helmut Detloff von

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Zitierweise

Schwerin, Gerhard Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd133616169.html [13.01.2026].

CC0

  • Schwerin, Gerhard Helmut Detloff Graf von

    1899 – 1980

    Berater beim Aufbau der Bundeswehr, General

    Gerhard Graf von Schwerin war ein hochdekorierter General der Panzertruppe in der Wehrmacht. Nach 1945 spielte er als Berater von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876–1967) eine zentrale Rolle bei dem Aufbau westdeutscher Streitkräfte, wurde aber wegen interner Machtkämpfe nicht in die Bundeswehr übernommen. Seine Rolle im Nationalsozialismus und nach 1945 wird in der Wissenschaft kontrovers bewertet.

    Lebensdaten

    Geboren am 23. Juni 1899 in Hannover
    Gestorben am 29. Oktober 1980 in Tegernsee (Oberbayern)
    Grabstätte 7. November 1980 in Rottach-Egern am Tegernsee
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Gerhard Graf von Schwerin, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC)
    Gerhard Graf von Schwerin, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC)
  • 23. Juni 1899 - Hannover

    - bis 1908

    Privatunterricht

    Ostern 1908 - Ostern 1912 - Köslin (Pommern, heute Koszalin, Polen); Anklam bei Greifswald

    Schulbesuch (ohne Abschluss)

    Gymnasium

    Ostern 1912 - April 1915 - Köslin; 1913 Berlin-Lichterfelde; Berlin

    Kadett; seit August 1914 Fähnrich

    Kadettenanstalt; 2. Garde Regiment zu Fuß, Rekrutendepot

    April 1915 - November 1918 - Ostfront, Westfront, Ostfront, Westfront

    Kriegsdienst (Juni 1915 Leutnant)

    2. Garde Regiment zu Fuß

    Mai 1919 - Mai 1920 - Berlin

    Freikorpskämpfer

    Freiwilligen Detachement Küntzel; später Marine-Brigade Ehrhardt

    Mai 1920

    Verabschiedung aus der Armee als Oberleutnant

    1920 - 1923 - Bremen; Berlin

    Lehre und Tätigkeit als Kaufmann

    Kaffeehandels AG; AG für Petrol-Industrie

    Juli 1923 - Mai 1933 - Königsberg (Ostpreußen, heute Kaliningrad, Russland); Osterode am Harz; Paderborn

    Wiedereintritt in die Reichswehr (Mai 1933 Hauptmann)

    1. Infanterie-Regiment; 3. Infanterie-Regiment; 18. Infanterie-Regiment

    1933 - 1935 - Berlin

    Generalstabsausbildung

    Kriegsakademie

    Oktober 1935 - Oktober 1938 - Bremen; Braunschweig

    Generalstabsoffizier (März 1937 Major i. G.); Oktober 1937 Kompaniechef

    Stab 22. Infanterie-Division; seit Oktober 1937 Infanterie-Regiment 17

    Oktober 1938 - September 1939 - Berlin

    Chef (1939 Oberstleutnant)

    Gruppe USA/England der Abteilung Fremde Heere West im Oberkommando des Heeres (OKH)

    September 1939 - Mai 1942 - Belgien; Frankreich; Dezember 1940 Lüneburg; Januar 1941 Afrika; August 1941 Ostfront (Raum Leningrad, heute St. Petersburg)

    Bataillonskommandeur; Dezember 1940 Kommandeur (Juli 1941 Oberst)

    1. Infanterie-Regiment Großdeutschland; Dezember 1940 Infanterie-Regiment 254; Januar 1941 Infanterie-Regiment z. b. V. 200; August 1941 Infanterie-Regiment 76

    Mai 1942 - Juli 1942

    Führerreserve

    OKH

    Juli 1942 - November 1942 - Demjansk (Oblast Nowgorod, Sowjetunion, heute Russland)

    Divisionsführer (Oktober 1942 Generalmajor)

    8. Jäger-Division

    November 1942 - September 1944 - Stalingrad (Sowjetunion, heute Wolgograd, Russland); Ukraine; Mai 1944 Frankreich; Aachen

    Kommandeur (Juni 1943 Generalleutnant)

    16. Infanterie-Division; Mai 1944 116. Panzer-Division

    September 1944

    Führerreserve

    OKH

    Dezember 1944 - April 1945 - bei Bologna

    Kommandeur; April 1945 General der Panzertruppe und Kommandierender General

    LXXVI. Panzer-Korps

    April 1945 - Dezember 1947 - Italien; Frankreich; Deutschland; Belgien

    alliierte Kriegsgefangenschaft

    Gefangenenlager

    Dezember 1947 - Mai 1950 - Bad Tölz (Oberbayern); Bonn

    Kraftfahrer; Tätigkeit in der Wirtschaft

    US-amerikanische Besatzungsbehörden; Marmeladenfabrik; Pharmaunternehmen

    Mai 1950 - Oktober 1950 - Bonn

    Berater für Militär- und Sicherheitsfragen (Entlassung)

    Zentrale für Heimatdienst (Dienststelle Schwerin)

    Oktober 1950 - 1980 - Sesto San Giovanni bei Mailand; Karlsruhe; München

    Tätigkeit für alliierte Geheimdienste und in der Rüstungsindustrie

    Breda Meccanica Bresciana S.p.A.; Industriewerke Karlsruhe-Augsburg AG; Krauss-Maffei AG)

    1959 - 1979 - Bonn; Rottach-Egern am Tegernsee (Oberbayern)

    wehrpolitischer Berater

    FDP

    29. Oktober 1980 - Tegernsee (Oberbayern)

    Schwerin schlug gemäß der Familientradition die Offizierslaufbahn ein und meldete sich 1915 freiwillig an die Front. Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte er in verschiedenen Freikorps, nahm u. a. am Kapp-Putsch teil und schied im Mai 1920 aus der Armee aus. In den folgenden Jahren absolvierte er eine kaufmännische Lehre und übte den Beruf bis 1923 in Bremen und Berlin in wechselnden Firmen aus. 1923 trat er in die Reichswehr ein und durchlief aufgrund seiner überdurchschnittlichen Leistungen die Generalstabsausbildung. Im Sommer 1939 reiste Schwerin dienstlich-privat nach London, wo er eigeninitiativ und geheim Kontakt mit britischen Spitzenmilitärs und dem Außenministerium aufnahm, vor den Kriegsplänen Adolf Hitlers (1889–1945) warnte und vergeblich versuchte, Verbindungen zu konservativen Widerstandskreisen herzustellen.

    Trotz seiner NS-kritischen Haltung machte Schwerin im Zweiten Weltkrieg eine rasante militärische Karriere: Er war bei Kriegsende General und Kommandierender General des LXXVI. Panzer-Korps und Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern. Das nach 1945 jahrzehntelang kursierende Gerücht, Schwerins 116. Panzer-Division wäre im Sommer 1944 von den Verschwörern des 20. Juli bewusst als Reserve für den Staatsstreich zurückgehalten worden, trifft nicht zu, da die Division im Juni/Juli 1944 weder materiell noch personell für einen Fronteinsatz in der Normandie bereit war. Mitte September 1944 stoppte Schwerin, als Kommandant mit der Verteidigung der Stadt Aachen beauftragt, die von der örtlichen NSDAP-Parteileitung angesichts des Vorrückens der US-Army befohlene Evakuierung der Bevölkerung. Aufgrund eines in der Stadt hinterlegten und an das Führerhauptquartier gemeldeten Schreibens Schwerins an die US-Truppen mit der Bitte, die Bevölkerung schonend zu behandeln, wurde er umgehend seines Kommandos enthoben. Ein gegen ihn eröffnetes Verfahren beim Reichskriegsgericht wurde mit einem strengen Verweis eingestellt, da seine Vorgesetzten ihn deckten. Schwerin erhielt im Dezember 1944 ein neues Kommando auf dem italienischen Nebenkriegsschauplatz und war von 1945 bis 1947 in alliierter Kriegsgefangenschaft.

    Nach seiner Entlassung arbeitete Schwerin als Kraftfahrer für die US-amerikanischen Besatzungsbehörden und nahm einige Monate später eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft auf. Gleichzeitig unterhielt er enge Kontakte zu alliierten Geheimdiensten sowie ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, um sich in der Debatte um die Wiederbewaffnung Westdeutschlands in Stellung zu bringen. Im Mai 1950 wurde Schwerin, der nach 1945 als honorige Persönlichkeit galt, von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876–1967) als Berater für Militär- und Sicherheitsfragen (sog. Zentrale für Heimatdienst, „Dienststelle Schwerin“) berufen und mit der Vorbereitung einer Expertenkonferenz zur Planung eines westdeutschen Verteidigungsbeitrags beauftragt. Das wichtigste Ergebnis seiner Amtszeit war die Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950, die als erster Schritt für den Aufbau der Bundeswehr gilt. Schwerin hatte an der Himmeroder Konferenz nicht teilgenommen, die Denkschrift wich in einigen Punkten von seinen Vorstellungen ab.

    Schwerin, der sich ohne starken politischen Rückhalt in Bonn nicht gegen konkurrierende militärische Netzwerke durchsetzen konnte, wurde Ende Oktober 1950 entlassen. 1957 bewarb er sich vergeblich um eine Verwendung in einer Führungsposition in der neu aufgestellten Bundeswehr und bewegte sich fortan zwischen Politikberatung für die FDP, Rüstungslobbyismus (v. a. für das italienische Unternehmen Breda Meccanica Bresciana S.p.A .) und Veteranenpolitik seiner ehemaligen 116. Panzer-Division („Windhund-Division“). In den 1970er Jahren kamen kritische Stimmen auf, die Schwerin als Kampfkommandanten von Aachen mit der Erschießung von zwei Jugendlichen als vermeintlichen Plünderern in Verbindung brachten. Die „Wehrmachtsdebatte“ der 1990er und 2000er Jahre führte zu einer Neubewertung seiner Person und seiner Rolle in Aachen 1944. Auf der Basis eines wissenschaftlichen Gutachtens, das den Mythos des Stadtretters zu widerlegen suchte, wurde 2007 eine Straßenbenennung nach Schwerin in Aachen rückgängig gemacht.

    In der Person Schwerins zeigt sich die gewandelte Wahrnehmung der Wehrmacht in der westdeutschen Gesellschaft seit 1945. Seine Rolle beim Aufbau der Bundeswehr ist heute weitgehend vergessen.

    1914 Eisernes Kreuz II. und I. Klasse (1940 Spange zum Eisernen Kreuz II. und I. Klasse)
    Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern
    1918 Verwundetenabzeichen in Schwarz
    1941 Panzerkampfabzeichen
    1942 Ritterkreuz der Eisernen Kreuzes (1943 mit Eichenlaub, November 1943 mit Schwertern)
    1942 Medaille Winterschlacht im Osten (Ostmedaille)
    1963–2007 Graf-Schwerin-Straße, Aachen (2007 umbenannt in Kornelimünsterweg)
    1977 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

    Nachlass:

    Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, N 873.

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, Pers 6/353. (militärische Personalakte der Wehrmacht)

    Heinz G. Guderian, Das letzte Kriegsjahr im Westen. Die Geschichte der 116. Panzer-Division, Windhund-Division, 1944–1945, 21997.

    Alaric Searle, Wehrmacht Generals, West German Society, and the Debate on Rearmament 1949–1959, 2003.

    Christoph Rass/René Rohrkamp/Peter M. Quadflieg, General Graf von Schwerin und das Kriegsende in Aachen. Ereignis, Mythos, Analyse, 2007. (wissenschaftliches Gutachten zu Schwerin und Aachen 1944)

    Alaric Searle, Internecine Secret Service Wars Revisited. The Intelligence Career of Count Gerhard von Schwerin, 1945–1956, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 71 (2012), H. 1, S. 25–55. (Onlineressource)

    Agilolf Keßelring/Thorsten Loch, Himmerod war nicht der Anfang. Bundesminister Eberhard Wildermuth und die Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 74 (2015), H. 1/2, S. 60–96. (Onlineressource)

    Peter M. Quadflieg, Gerhard Graf von Schwerin. Wehrmachtgeneral, Kanzlerberater, Lobbyist, 2016.

    Fotografie, 1943, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Peter Lieb (Potsdam)

  • Zitierweise

    Lieb, Peter, „Schwerin, Gerhard Graf von“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd133616169.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA