Honecker, Margot

Lebensdaten
1927 – 2016
Geburtsort
Halle an der Saale
Sterbeort
Santiago de Chile
Beruf/Funktion
Minister für Volksbildung der DDR ; Politikerin ; Ministerin
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 122782933 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Feist, Margot / geborene
  • Honecker, Margot
  • Feist, Margot / geborene
  • Feist, Margot

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Zitierweise

Honecker, Margot, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd122782933.html#indexcontent [11.07.2026].

CC0

  • Honecker, Margot (geborene Margot Feist)

    1927 – 2016

    Minister für Volksbildung der DDR

    Margot Honecker beeinflusste die Geschichte der DDR als langjähriger Minister für Volksbildung (Honecker wählte selbst das generische Maskulinum in ihren Funktionsbezeichnungen) ebenso wie als Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (1912–1994). Im Dienst eines Bildungssystems, das die SED-Herrschaft pädagogisch zu stärken suchte, vertrat sie in ihrem Ressort eine konsequent autoritäre und repressive Linie. In den 1980er Jahren stemmte sie sich gegen politische Reformen und blieb bis zu ihrem Tod im chilenischen Exil von der historischen Legitimität der DDR überzeugt.

    Lebensdaten

    Geboren am 17. April 1927 in Halle an der Saale
    Gestorben am 6. Mai 2016 in Santiago de Chile
    Grabstätte unbekannt
    Konfession konfessionslos
    Margot Honecker, Imago Images (InC)
    Margot Honecker, Imago Images (InC)
  • 17. April 1927 - Halle an der Saale

    1933 - 1941 - Halle an der Saale

    Schulbesuch (Abschluss: Volksschulabschluss)

    Grund- und Volksschule

    1938 - 1945

    Mitglied

    Jungmädelbund/Bund Deutscher Mädel

    1943 - 1945 - Halle an der Saale

    Ausbildung zur Telefonistin (dienstverpflichtet)

    Postamt

    1945 - 1946

    Stenotypistin

    Landesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB)

    1945 - 1990

    Mitglied (Austritt)

    KPD; SED; PDS

    1946 - 1948 - Halle an der Saale; Berlin-Ost

    Mitglied; Sekretär Agitation und Propaganda; Leiter der Kindervereinigung

    Kreisvorstand der Freien Deutschen Jugend (FDJ)

    1948 - 1949 - Halle an der Saale

    Mitglied; Sekretär Kultur und Erziehung; Leiter der Kindervereinigung

    Landesvorstand der FDJ

    1948 - 1949 - Berlin-Ost

    Delegierte der FDJ

    Deutscher Volkskongreß/Volksrat

    1949 - 1954 - Berlin-Ost

    Mitglied; Sekretär; Vorsitzende

    Zentralrat der FDJ; Zentralleitung der Pionierorganisation Ernst Thälmann

    1949 - 1954 - Berlin-Ost

    Abgeordnete der SED

    (Provisorische) Volkskammer

    1950 - 1963 - Berlin-Ost

    Kandidat

    Zentralkomitee (ZK) der SED

    1953 - 1954 - Moskau

    Studium

    Zentralschule des Komsomol

    1954 - 1958 - Berlin-Ost

    Leiter

    Abteilung Organisation der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung

    1958 - 1963 - Berlin-Ost

    Stellvertreter des Ministers für Volksbildung

    Ministerium für Volksbildung

    1960 - 1963 - Berlin-Ost

    Mitglied

    Ideologische Kommission beim Politbüro des ZK der SED

    1963 - 1989 - Berlin-Ost

    Mitglied

    ZK der SED

    1963 - 1989 - Berlin-Ost

    Mitglied

    Ministerrat

    1967 - 1989 - Berlin-Ost

    Abgeordnete der SED

    Volkskammer

    1963 - 1989 - Berlin-Ost

    Minister für Volksbildung

    Ministerium für Volksbildung

    1991 - 1992 - Moskau

    Exil

    1992 - 2016 - Santiago de Chile

    Asyl

    6. Mai 2016 - Santiago de Chile

    alternativer text
    Margot Feist (seit 1955 Honecker), BArch / Bildarchiv (InC)

    Honecker stammte aus einer kommunistisch orientierten Handwerkerfamilie, die aufgrund ihres Widerstands gegen das NS-Regime unter politischer Verfolgung zu leiden hatte, und wuchs infolge des frühen Tods ihrer Mutter in schwierigen Verhältnissen auf. Sie absolvierte eine Lehre als kaufmännische Angestellte und arbeitete nach 1945 im Landesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) Sachsen-Anhalt und im Kreisvorstand der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Halle an der Saale, bevor sie 1948 die Leitung der Abteilung für Kultur und Erziehung im FDJ-Landesvorstand Sachsen-Anhalt übernahm. Dort lernte sie den FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker (1912–1994) kennen und wurde 1949 nach Berlin-Ost gerufen, wo sie als Sekretär im Zentralrat der FDJ und Vorsitzende der Kinderorganisation Junge Pioniere (offiziell: Pionierorganisation Ernst Thälmann) eingesetzt wurde. In dieser Funktion trug sie das repressive Vorgehen der SED gegen die evangelische Junge Gemeinde uneingeschränkt mit und hielt in der Regimekrise 1953 fest zur SED-Führung und zu Walter Ulbricht (1893–1973). Ihr politischer Aufstieg erfuhr infolge ihrer Liaison mit dem verheirateten Erich Honecker und der Geburt einer gemeinsamen Tochter eine Unterbrechung und führte 1953 zu einer einjährigen Delegierung auf die Zentralschule des Komsomol in Moskau. Von dort zurückgekehrt, wurde Honecker 1954 Abteilungsleiter für die Organisation der Lehrerbildung im Ministerium für Volksbildung und stieg binnen weniger Jahre zur stellvertretenden Leiterin des Hauses auf.

    Mit ihrer Ernennung zum Minister für Volksbildung 1963 avancierte Honecker nicht nur zur einflussreichsten Politikerin in der Machthierarchie der DDR, sondern kehrte in ihrem Arbeitsbereich auch die regimetypische Dominanz des Zentralkomitees (ZK) der SED über den Staatsapparat um. Zu dieser Entwicklung trug neben ihrer Tatkraft und Sachkompetenz ihre Stellung als Ehefrau Honeckers bei, mit dem sie das konservative Herrschaftsverständnis teilte und die kompromisslose Machtsicherung über alle Reformüberlegungen stellte. Sie trieb die Reorganisation des DDR-Bildungswesens unter der Leitvorstellung der „kommunistischen Erziehung“ voran, zu der auch eine neu ausgerichtete Jugendhilfe mit repressiver Heimerziehung bis hin zum Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau zählte. Der als „bürgerlich“ etikettierten Soziologie stand sie ebenso skeptisch gegenüber wie der Propagierung der Kybernetik in der Ulbricht-Ära und den daraus abgeleiteten Lerntheorien, die auf einen programmierten Unterricht anstelle des traditionellen Frontalunterrichts zielten.

    Nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Erich Honecker 1971 verzichtete Honecker weitgehend darauf, Repräsentationspflichten an der Seite ihres Mannes zu übernehmen, den sie ihn in seinen Entscheidungen und besonders mit ihrem Misstrauen gegenüber „liberalistischen“ Tendenzen gleichwohl stark beeinflusste. Sie konzentrierte sich weiterhin auf ihre Ministertätigkeit, die sie in einem zunehmend autoritären Leitungsstil ausübte. Honecker verantwortete Zwangsadoptionen von Kindern „republikflüchtiger“ Eltern und führte 1978 gegen kirchlichen Widerstand den sog. Wehrunterricht als obligatorisches Unterrichtsfach für alle Schüler der 9. und 10. Klassen ein. In den 1980er Jahren lehnte Honecker, die in der DDR zu den unbeliebtesten Repräsentanten der SED-Herrschaft zählte, den Reformkurs Michail Gorbatschows (1931–2022) in der Sowjetunion ebenso strikt ab die wie die Liberalisierungsbestrebungen in Polen und Ungarn, die sie als Verrat am Sozialismus bewertete. Auch in der finalen Krise des SED-Regimes beharrte sie auf ihren dogmatischen Positionen und suchte die aufkeimende Opposition etwa an der Erweiterten Oberschule Carl-von-Ossietzky in Berlin-Pankow mit unnachsichtiger Härte zu unterdrücken.

    Nach der Ablösung Erich Honeckers von allen Ämtern im Oktober 1989 trat Honecker von allen Funktionen zurück und folgte ihrem Mann auf seiner Flucht vor politischer und juristischer Verfolgung über Bernau-Lobetal bei Berlin und Beelitz bei Potsdam nach Moskau. Infolge Verjährung wurde sie trotz verschiedener Strafanzeigen, u. a. wegen der Zustände in Jugendwerkhöfen der DDR und erzwungener Adoptionen von Kindern geflüchteter und regimekritischer Eltern, von der bundesdeutschen Justiz nicht belangt, unterstützte aber vorbehaltlos ihren Mann, dessen letzte öffentliche Verlautbarungen sie redigierte, und bemühte sich um einen sicheren Exilort für beide. Nach der Rücküberstellung Erich Honeckers nach Deutschland durch die russische Regierung im Sommer 1992 zog Honecker zu ihrer Tochter nach Santiago de Chile. Sie lebte dort von einer bundesdeutschen Pension und Witwenrente und pflegte ihren Mann, der ihr im Januar 1993 nach Chile gefolgt war, bis zu dessen Tod 1994. Auch danach blieb sie eine unbeirrbare Verteidigerin der Verhältnisse in der DDR, die sie bis zu ihrem Tod in gelegentlichen öffentlichen Stellungnahmen vehement als das bessere Deutschland pries.

    1954 Karl-Friedrich-Wilhelm-Wander–Medaille in Silber
    1956 Pestalozzi-Medaille für treue Dienste in Bronze (1976 in Gold)
    1959 Vaterländischer Verdienstorden in Silber (1964 in Gold)
    1960 Clara-Zetkin-Medaille
    1969 Held der Arbeit (erneut 1984)
    1969 Artur-Becker-Medaille in Gold
    1970 Lenin-Erinnerungsmedaille
    1971 Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold
    1971 Karl-Marx-Orden (erneut 1987)
    1973 Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Gold
    1974 Dr. h. c., Adam-Mickiewicz-Universität Poznań (Polen)
    1974 Ehrenbürger der Stadt Poznań
    1976 Scharnhorst-Orden
    1976 Ehrennadel des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR
    1977 Orden der Völkerfreundschaft der UdSSR
    1977 Ehrentitel „Verdienter Angehöriger der NVA“
    1977 Fritz-Heckert-Medaille in Gold
    1977 Krupskaja-Medaille der Pädagogischen Hochschule Halle an der Saale
    1977 Verdienstmedaille der Zivilverteidigung der DDR in Gold

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, DR 2 (Ministerium für Volksbildung); DY 30 (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands); BILDY (Biografische Fotosammlung).

    Gedruckte Quellen:

    Luis Corvalán, Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland, 2001.

    Zur Volksbildung. Gespräch, 2012. (P) (zugangsbeschränkte Onlineressource)

    Roberto Yáñez/Thomas Grimm, Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers, 2018.

    Zur Bildungspolitik der Partei, 1969.

    Die Schulpolitik der SED und die weiteren Aufgaben bei der Gestaltung des sozialistischen Bildungssystems, 1971.

    Der gesellschaftliche Auftrag unserer Schule, 1978.

    Die marxistisch-leninistische Schulpolitik unserer Partei und ihre Verwirklichung unter unseren heutigen gesellschaftlichen Bedingungen, 1985.

    Zur Bildungspolitik und Pädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik. Ausgewählte Reden und Schriften, 1986.

    Unser sozialistisches Bildungssystem. Wandlungen, Erfolge, neue Horizonte, 1989.

    Jörn Kalkbrenner, Margot Honecker gegen Ossietzky-Schüler. Urteil ohne Prozess, 1990.

    Ed Stuhler, Margot Honecker. Eine Biographie, 2003.

    Thomas Kunze, Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker, 2012.

    Nils Ole Oermann, Zum Westkaffee bei Margot Honecker, 2016.

    Nachrufe:

    Klaus Taubert, Margot Honecker und ihr verlorenes Paradies, 6.5.2016, in: Wordpress. (P) (Onlineressource)

    Margot Honecker in Chile gestorben, in: Deutschlandfunk v. 6.5.2016. (P) (Onlineressource)

    Tilman Steffen, Die Eiserne des Ostens, in: Die Zeit v. 7.5.2016. (P) (Onlineressource)

    Peter Tiede, Keine Tränen für die „lila Hexe“ …, in: Bild v. 7.5.2016. (Onlineressource)

    Hubertus Knabe, Unbeliebter als sie war nur noch Erich Mielke, in: Bild v. 8.5.2016. (Onlineressource)

    Jens Bisky, Ein Gesicht des Sozialismus, in: Süddeutsche Zeitung v. 10.5.2016. (Onlineressource)

    Klaus Taubert, Margot Honecker. Der Tod der starrsinnigen Witwe, in: Der Spiegel v. 6.5.2016. (P) (Onlineressource)

    Jan Fedderssen, Niemand war so verhasst, in: taz v. 7.5.2016. (P) (Onlineressource)

    Dokumentarfilme:

    Hier lebt auch Margot Honecker. Auf deutschen Spuren durch Chile, MDR 2002, Regie: Thomas Grimm.

    Die Honeckers privat, MDR 2003, Drehbuch u. Regie: Thomas Grimm/Ed Stuhler. (weiterführende Informationen)

    Margot Honecker. Die wahre Geschichte, ZDF History 2015, Regie: Thomas Grimm/Mario Sporn.

    Die Honeckers. Die private Geschichte, ZDF History 2017, Regie: Thomas Grimm/Mario Sporn. (Onlineressource)

    Spielfilme:

    Willkommen bei den Honeckers, 2016, Regie: Philipp Leinemann.

    Honecker und der Pastor, ZDF 2022, Regie: Jan Josef Liefers.

    Fotografien, 1949–1989, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Martin Sabrow (Berlin)

  • Zitierweise

    Sabrow, Martin, „Honecker, Margot“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd122782933.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA