Braun, Helene

Lebensdaten
1914 – 1986
Geburtsort
Frankfurt am Main
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Mathematikerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118901559 | OGND | VIAF: 200663879
Namensvarianten

  • Braun, Hel
  • Braun, Helene
  • Braun, Hel

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Zitierweise

Braun, Helene, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118901559.html [15.01.2026].

CC0

  • Braun, Hel (eigentlich Helene Braun)

    1914 – 1986

    Mathematikerin

    Hel Braun wurde von Carl Ludwig Siegel (1896–1981) in die Analytische und Arithmetische Zahlentheorie eingeführt und gehörte in den 1940er Jahren zu der internationalen Spitzengruppe der auf diesem Gebiet Forschenden. Später rückten algebraische Fragestellungen, insbesondere der Zusammenhang der nichtassoziativen Algebren mit Objekten der Analysis, in ihren Fokus. Ihr mit Max Koecher (1924–1990) verfasstes Werk „Jordan-Algebren“ (1966) gehört zur Standardliteratur der an Algebra interessierten Mathematiker.

    Lebensdaten

    Geboren am 3. Juni 1914 in Frankfurt am Main
    Gestorben am 15. Mai 1986 in Göttingen
    Grabstätte Familiengrab in Frankfurt am Main
    Konfession evangelisch
    Hel Braun, MFO (InC)
    Hel Braun, MFO (InC)
  • 3. Juni 1914 - Frankfurt am Main

    - bis Ostern 1933 - Frankfurt am Main

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Herderschule (Höhere Töchterschule)

    1933 - 1938 - Frankfurt am Main; 1935/36 Marburg an der Lahn; seit 1936 Frankfurt am Main

    Studium der Versicherungsmathematik bzw. eigentlich der Mathematik

    Universität

    10.11.1937 - Frankfurt am Main

    Promotion (Dr. phil. nat.)

    Universität

    Januar 1938 - März 1938 - Göttingen

    Hilfsassistentin

    Mathematisches Institut der Universität

    April 1938 - März 1939 - Göttingen

    Stipendiatin der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft

    Universität

    April 1939 - Mär 1952 - Göttingen

    wissenschaftliche Assistentin

    Universität

    1940/41 - Göttingen

    Habilitation für Mathematik; Dozentin

    Universität

    April 1947 - September 1947 - Dänemark

    Aufenthalt, u. a. bei Harald Bohr (1887–1951) in Kopenhagen

    September 1947 - September 1948 - Princeton (New Jersey, USA)

    Studienreise auf Einladung Frank Aydelottes (1880–1956)

    Institute for Advanced Study

    März 1947 - März 1952 - Göttingen

    außerplanmäßige Professorin

    Universität

    April 1952 - September 1952 - Hamburg

    Verwalterin einer Stelle als wissenschaftliche Assistentin; seit September 1952 wissenschaftliche Assistentin

    Universität

    1952 - Hamburg

    Umhabilitation

    Universität

    November 1952 - Hamburg

    außerplanmäßige Professorin

    Universität

    Juli 1965 - März 1981 - Hamburg

    wissenschaftliche Rätin und Professorin; seit Mai 1968 ordentliche Professorin für Mathematik

    Universität

    Januar 1970 - Februar 1970 - Bombay (heute Mumbai, Indien)

    Gastprofessorin

    Tata-Institute of Fundamental Research

    15. Mai 1986 - Göttingen

    alternativer text
    Hel Braun, MFO (InC)

    Nach ihrem Abitur 1933 an der Herderschule in Frankfurt am Main studierte Braun hier Mathematik. 1937 wurde Braun mit der Dissertation „Über die Zerlegung quadratischer Formen“ zur Dr. phil. nat. bei ihrem wichtigsten Lehrer Carl Ludwig Siegel (1896–1981) promoviert. 1938 wechselte Siegel an die Universität Göttingen und holte Braun als Hilfsassistentin nach, die 1938/39 durch ein Stipendium der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gefördert wurde. Von 1939 bis Ende März 1952 hatte sie eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin am dortigen Mathematischen Institut inne.

    Braun beschäftigte sich weiterhin mit analytischer und arithmetischer Zahlentheorie, der Theorie der Modulformen n-ten Grades, der Konvergenz verallgemeinerter Eisensteinscher Reihen und den Geschlechtern quadratischer Formen. Ihre Arbeiten zu Hermiteschen Forme bildeten die Grundlage ihrer 1940 vorgelegten Habilitationsschrift; Braun war die vierte Frau in Deutschland, die sich für Mathematik habilitierte. 1941 knüpfte sie erste Kontakte zur Universität Hamburg, insbesondere zu Wilhelm Blaschke (1885–1962).

    Seit März 1947 wirkte Braun als außerplanmäßige Professorin an der Universität Göttingen. 1947/48 verbrachte sie einen etwa einjährigen Studienaufenthalt am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey, USA), wo auch Siegel bis zu seiner Rückkehr nach Göttingen 1951 arbeitete. Im April 1952 wechselte Braun als Verwalterin einer Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten an die Universität Hamburg; es folgte die Umhabilitation, die Ernennung zur wissenschaftlichen Assistentin und noch im selben Jahr zur außerplanmäßigen Professorin. Einen Ruf an die Universität Halle-Wittenberg 1957 lehnte sie ab, 1965 wurde sie wissenschaftliche Rätin und Professorin und 1968 als Nachfolgerin von Helmut Hasse (1898–1979) ordentliche Professorin für Mathematik an der Universität Hamburg. Mit dem 1958 aus Princeton an die Universität Hamburg zurückgekehrten Mathematiker Emil Artin (1898–1962) verband Braun bald eine enge Freundschaft. Nach Artins Tod wurde dessen letzter Doktorand, Armin Thedy (geb. 1935), unter Brauns Ägide promoviert.

    In Hamburg forschte Braun v. a. über Jordan-Algebren, ein Thema, dem sich auch ihr Göttinger Doktorand Max Koecher (1924–1990) zugewandt hatte, mit dem sie 1966 das erste Lehrbuch zu diesem Gegenstand verfasste, das zum Standardwerk wurde. Sie und zahlreiche ausländische Forschende nahmen 1967 an einer erstmals abgehaltenen Tagung über „Jordan-Algebren und nicht assoziative Algebren“ am Mathematischen Forschungsinstitut in Oberwolfach teil.

    Braun galt als vorzügliche Lehrerin; zahlreiche ihrer Vorlesungen wurden in ausgearbeiteter Form vom Mathematischen Seminar der Universität Hamburg veröffentlicht. Zwischen 1960 und 1984 promovierte sie 18 Studierende, darunter zwei Frauen. Von 1968 bis 1985 fungierte sie als Mitherausgeberin der Zeitschrift „Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg“. Bei der Erforschung der Jordan-Algebren standen in der Folgezeit analytische Aspekte, die Einbettung in Lie-Algebren, was zu den Jordan-Lie-Algebren führte, sowie die Einbeziehung linearer algebraischer Gruppen im Vordergrund, den Anfang hierzu hatten Braun und Koecher gelegt.

    1956 Mitglied der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg (1980 Ehrenmitglied)

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Universitätsarchiv Frankfurt am Main, Abt. 604, Nr. 66 (Studierendenakte) u. Abt. 146, Nr. 981. (Promotionsakte)

    Universitätsarchiv Marburg 305m 1 Nr. 112 (Studierendenkartei), u. 305m 2 Nr. 395 und Nr. 399. (Belegbögen)

    Universitätsarchiv Göttingen, Math.-Nat. Pers. in 31 (Personalakte) u. Kur. 10069, Bd. 1 u. 2. (Kuratoriumsakte)

    New York University Archives, Courant Institute. (Korrespondenz)

    Institute for Advanced Study Princeton (New Jersey, USA), Shelby White and Leon Levy Archives Center. (Korrespondenz, Fotografien)

    Staatsarchiv Hamburg 361-6 HW-DPA IV 3075. (Personalakte)

    Universitätsarchiv Halle-Wittenberg, Rep. 31, Nr. 229.

    Blaschke-Stiftung, Hamburg, Blaschke-Nachlass. (Korrespondenz)

    Monografien und Herausgeberschaften:

    Über die Zerlegung quadratischer Formen, 1937, Wiederabdr. in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 178 (1937), S. 34-64. (Diss. phil. nat.)

    Hel Braun/Max Koecher, Jordan-Algebren, 1966.

    Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg 32–55 (1968–1985). (Mithg.)

    Aufsätze:

    Zur Theorie der Modulformen n-ten Grades, in: Mathematische Annalen 115 (1938), S. 507–517.

    Konvergenz verallgemeinerter Eisensteinscher Reihen, in: Mathematische Zeitschrift 44 (1938), S. 387–397.

    Geschlechter quadratischer Formen, in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 182 (1940), S. 32–49.

    Zur Theorie der Hermiteschen Formen, in: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Hansischen Universität 14 (1941), S. 61–150. (Habilitationsschrift)

    Hermitian Modular Functions, T. 1-3, in: Annals of Mathematics 50 (1949), S. 827–855, 51 (1950), S. 92–104 u. 53 (1951), S. 143–160.

    Der Basissatz für hermitesche Modulformen, in: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg 19 (1954), S. 134–148.

    Darstellung hermitescher Modulformen durch Poincarésche Reihen, in: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg 22 (1958), S. 9–37.

    Doppelverhältnisse in Jordan-Algebren, in: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg 32 (1968), S. 25–51.

    Vorlesungsausarbeitungen:

    Armin Thedy (Hg.), Vorlesungen über algebraische Topologie von Emil Artin und Hel Braun, 1964, engl. 1969.

    Topologie. Ausarbeitung der von Hel Braun an der Universität Hamburg im Wintersemester 1967/68 gehaltenen Vorlesung, 1968, 21969.

    Topologie. Ausarbeitung der von Hel Braun an der Universität Hamburg im Sommersemester 1968 gehaltenen Vorlesung, ca. 1968.

    Analytische Aspekte der Jordanalgebren. Ausarbeitung der im Sommersemester 1969 an der Universität Hamburg gehaltenen Vorlesung, 1969.

    Zahlentheorie I. Skriptum der im Wintersemester 1969/70 an der Universität Hamburg gehaltenen Vorlesung, 1970.

    Zahlentheorie II. Skriptum der im Sommersemester 1970 an der Universität Hamburg gehaltenen Vorlesung, 1970.

    Analysis I (Mathematik Ia). Ausarbeitung der an der Universität Hamburg im Sommersemester 1971 gehaltenen Vorlesung, 1971.

    Analysis II (Mathematik IIa). Ausarbeitung der an der Universität Hamburg im Wintersemester 1971/72 gehaltenen Vorlesung, 1972.

    Analysis III. Ausarbeitung der an der Universität Hamburg im Sommersemester 1972 und Wintersemester 1972/73 gehaltenen Vorlesung, 1973.

    Funktionentheorie I. Ausarbeitung der im Sommersemester 1973 gehaltenen Vorlesung, 1973.

    Funktionentheorie II. Ausarbeitung der im Wintersemester 1973/74 an der Universität Hamburg gehaltenen Vorlesung, 1974.

    Autobiografie:

    Max Koecher (Hg.), Hel Braun, Eine Frau und die Mathematik 1933–1940. Der Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn, 1990. (P)

    Oswald Riemenschneider, Hel Braun. [Nachruf], in: uni hh 17 (1986), H. 4, S. 42.

    Helmut Strade, Hel Braun 1914–1986. [erweiterte Fassung eines Nachrufes vor der Hamburgischen Mathematischen Gesellschaft am 18.6.1986], in: Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 11 (1987), H. 4, S. 373-376. (W)

    Irene Pieper-Seier, Zwei erfolgreiche Frauen in der Mathematik. Ruth Moufang (1905–1977) und Hel Braun (1914–1986), in: Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 16 (1997), S. 25–38.

    Norbert Schappacher, Das Mathematische Institut der Universität Göttingen 1929–1950, in: Heinrich Becker/Hans Joachim Dahms/Cornelia Wegeler (Hg.), Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, 21998, S. 522–551.

    Armin Thedy, Emil Artins Hamburger Zeit 1958–1962. Ein Zeitzeuge berichtet, in: Karin Reich/Alexander Kreuzer (Hg.), Emil Artin (1898–1962). Beiträge zu Leben, Werk und Persönlichkeit, 2007, S. 119–136.

    Ellen Eischen, Introduction to the Mathematical Legacy of Hel Braun, in: Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 33 (2025), H. 4, S. 268–275

    Lexikonartikel:

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 7a, 1956, S. 252 u. Bd. 8, 1999, S. 515.

    Werner Schuder (Hg.), Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1983, 1983, S. 443.

    Fotografien, Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach, Photo Collection.

    Fotografien, 1938/39–1960, Abbildung, in: Max Koecher (Hg.), Hel Braun. Eine Frau und die Mathematik 1933–1940. Der Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn, 1990.

    Fotografie, 1949, Universitätsbibliothek Göttingen, Handschriftenabteilung, Sammlung Voit: H. Braun.

  • Autor/in

    Karin Reich (Berlin)

  • Zitierweise

    Reich, Karin, „Braun, Helene“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118901559.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA