Lebensdaten
1909 – 1952
Geburtsort
Karolinenthal bei Prag
Sterbeort
Oxford
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Ethnologe ; Lyriker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118897497 | OGND | VIAF: 54222977
Namensvarianten
  • Steiner, Franz Baermann
  • Steiner, Franz
  • Steiner, Franz Baermann
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Zitierweise

Steiner, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118897497.html [23.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    Aus liberaler jüd. Fam. in P.;
    V Heinrich (1871–1942, ermordet vermutl. in d. Nähe v. Minsk), Kaufm. in P., S d. Wilhelm u. d. Babette N. N.;
    M Martha Gross (1882–1942, ermordet vermutl. in d. Nähe v. Minsk);
    Schw Suse (1913–32); – ledig.

  • Biographie

    S. besuchte das Staatsgymnasium in Prag, bevor er 1928 an der Dt. Universität das Studium der Semitistik, Indologie und Allgemeinen Sprachwissenschaft aufnahm und sich bald darauf der Ethnologie zuwandte (Dr. phil. aufgrund d. Diss. „Studien z. arab. Wurzelgesch.“, 1934). Das frühzeitige Interesse für sozialreformerische Ideen – S. war zeitweilig Mitglied des Roten Studentenbunds – integrierte sich in eine zionistische Perspektive, nachdem S. 1930/31 in Jerusalem bei Hugo Bergmann (1883–1975) gewohnt und studiert hatte. Frühe lyrische Texte entstanden seit Ende der 1920er Jahre, deutlich inspiriert von Rainer Maria Rilke (1875–1926) und Alfred Mombert (1872–1942). Seit 1930 fanden erste öffentliche Lesungen statt (S. war Mitbegründer der „Freien Gruppe Prag“), teilweise gemeinsam mit H. G. Adler (1910–88), dem lebenslangen Freund. 1935 veröffentlichte der Orbis-Verlag mit „Die Planeten“ S.s einziges Buch zu Lebzeiten, eine Übersetzung der mystischen Gedichte Emanuel Lešehrads. Über die Stationen Wien, wo er mit Elias Canetti (1905–94) einen wichtigen Bezugspunkt seines Schaffens kennenlernte, und London, wo ihn Bronisław Malinowski (1884–1942) beeindruckte, gelangte S. 1938 nach Oxford und schloß sich dort der brit. Sozialanthropologie um Edward E. Evans-Pritchard (1902–73) an (Ph. D. 1949). Seit 1949 war S. Assistant Professor, seit 1950 Dozent am Institute for Social Anthropology in Oxford, wo u. a. Laura Bohannan und Mary Douglas zu seinen Schülern zählten. Im Mittelpunkt des letzten Lebensjahrzehnts standen die „Eroberungen“ (hg. v. H. G. Adler, 1964), eine „metaphysische Autobiographie“, sowie die Essays und Fragmente der „Feststellungen und Versuche“ (Aufzeichnungen 1943–1952, Aus d. Nachlaß hg. v. U. van Loyen u. E. Schüttpelz, 2009; Auswahl u. d. T. „Fluchtvergnüglichkeit“, hg. v. M. Hermann-Röttgen, 1988), einer eigenwilligen, nicht zuletzt durch die Lektüre von Canettis „Aufzeichnungen“ beeinflußten Schreibform. S. versuchte zeitlebens, seine Religiosität mit dem Lebensstil eines Bohemien zu verbinden. 1952 verlobte er sich symbolisch mit der (kath.) Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch (1919–99). Im selben Jahr starb er an einer verschleppten Herzerkrankung.

    Das gemeinsame Anliegen aller Werke S.s ist ein religionspolitisches Projekt, das sowohl in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott wie auch in dessen ,Fremdheit` gegenüber der Welt gründet. S.s Apologie des Nomadentums sowie unentfremdeter sozialer Beziehungen steht – auch mit ihren emanzipatorischen Ansätzen, im Hinblick z. B. auf die Palästinafrage – im Horizont einer ,Aufklärung der Aufklärung`, die sich – anders etwa als die Frankfurter Schule – mehr Einzelthemen als Großtheorien widmet. So wird S.s Beitrag zur Ethnologie heute v. a. im Bereich der Methodenkritik gewürdigt. Während die Rezeption seines Œuvres im dt. Sprachraum lange schleppend verlief, galt seine Tabu-Studie (Taboo, hg. v. L. u. P. Bohannan, 1956, erneut in: Selected Writings I, s. W) der angloamerik. Anthropologie schon früh als Klassiker.

    Weitere W Unruhe ohne Uhr, hg. v. H. G. Adler, 1954; Eroberungen, hg. v. dems., 1964; Modern Poetry in Translation, hg. u. übers. v. M. Hamburger, 1992; Selected Writings, 2 Bde., hg. v. J. Adler u. R. Fardon, 1999; Am stürzenden Pfad, Gesammelte Gedichte, hg. v. J. Adler, 2000 (W, L, P); Zivilisation u. Gefahr, Gesammelte Essays, hg. v. J. Adler u. R. Fardon, 2008; – Bibliogr.: J. Adler, Special bibliogr., The Writings of F. B. S. (1909–1952), in: Comparative Criticism 16, 1994, S. 281–92; – Nachlaß: DLA Marbach.

  • Literatur

    E. E. Evans-Pritchard, in: Man 52, 1952, S. 181;
    H. G. Adler, Das Hölderlinbild F. B. S.s, in: Hölderlin-Jb. 9, 1955/56, S. 258–80;
    ders., Über F. B. S., Brief an Chaim Rabin, hg. v. J. Adler u. C. Tully, 2006;
    A. Fleischli, F. B. S., Leben u. Werk, 1970 (W, L);
    J. Serke, in: ders., Böhm. Dörfer, 1987, S. 200–12;
    J. Adler, The Poet as Anthropologist, in: Psychoanalysis in its Cultural Context, hg. v. E. Timms, 1992, S. 145–57;
    M. Mack, F. B. S.s Auseinandersetzung mit dem NS, in: Mit d. 14, 1997, S. 17–22;
    ders., Anthropology as Memory, Elias Canetti`s and F. B. S.s Responses to the Shoah, 2001 (W, L);
    „Ortlose Botschaft“, Der Freundeskreis H. G. Adler, Elias Canetti u. F. B. S. im engl. Exil, bearb. v. M. Atze, 1998, tschech. 2000 (W, L, P);
    J. Adler u. a. (Hg.), From Prague Poet to Oxford Anthropologist, F. B. S. Celebrated, 2003 (P);
    Nicolas Ziegler, Die Eroberungen, Das Hauptwerk v. F. B. S., Diss. London 2003;
    E. Canetti, Party im Blitz, Die engl. Jahre, 2003;
    E. Schüttpelz, Die Moderne im Spiegel d. Primitiven, Ethnol. u. Weltlit. (1870–1960), 2006;
    U. van Loyen, The Lonely Betters, Zur Freundschaft zw. Elias Canetti u. F. B. S., in: S. Hanuschek (Hg.), Der Zukunftsfette, Neue Btrr. zu Elias Canetti, 2006, S. 47–72;
    ders., F. B. S., Exil u. Verwandlung, Zur Biogr. e. dt. Dichters u. jüd. Ethnol., 2011 (W, L, P);
    BHdE II;
    Metzler Lex. d. dt.-jüd. Lit. (P);
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Lex. dt.-jüd. Autoren (W, L. Qu);
    Heuer.

  • Porträts

    Ölgem. v. M.-L. v. Motesiczky, 1948 (Marie-Louise v. Motesiczky Charitable Trust, London).

  • Autor/in

    Ulrich van Loyen
  • Zitierweise

    Loyen, Ulrich van, "Steiner, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 182-183 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118897497.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA