Jähn, Sigmund

Lebensdaten
1937 – 2019
Geburtsort
Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland)
Sterbeort
Strausberg bei Berlin
Beruf/Funktion
Kosmonaut ; Jagdflieger ; Generalmajor ; Astronaut ; Militärwissenschaftler ; Buchdrucker ; Flugzeugführer ; Offizier
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 118556533 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Jähn, Sigmund Werner Paul
  • Jähn, Sigmund
  • Jähn, Sigmund Werner Paul
  • Jähn, Sigmund Werner Paul
  • Йен, Зигмунд
  • Йен, Зигмунд Вернер Пауль
  • Γεν, Ζίγκμουντ
  • Γεν, Ζίγκμουντ Βέρνερ Πάουλ

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Zitierweise

Jähn, Sigmund, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118556533.html#indexcontent [28.07.2026].

CC0

  • Jähn, Sigmund Werner Paul

    1937 – 2019

    Kosmonaut, Jagdflieger, Generalmajor

    Sigmund Jähn war 1978 als erster deutscher Raumfahrer und Mitglied des sowjetischen Interkosmos-Programms im All. Der Jagdflieger der Nationalen Volksarmee stieg 1986 bis zum Generalmajor auf. Nach 1990 arbeitete er als freier Berater für die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt sowie für die Europäische Weltraumorganisation in Moskau.

    Lebensdaten

    Geboren am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland)
    Gestorben am 21. September 2019 in Strausberg bei Berlin
    Grabstätte St.-Marien-Friedhof in Strausberg
    Konfession konfessionslos
    Sigmund Jähn, Imago Images (InC)
    Sigmund Jähn, Imago Images (InC)
  • 13. Februar 1937 - Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland)

    1943 - 1951 - Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland)

    Schulbesuch (Abschluss)

    Volksschule

    1951 - 1954 - Klingenthal (Vogtland)

    Lehre als Buchdrucker

    VEB Buchdruckerei

    1955 - 1955 - Hammerbrücke (Vogtland)

    Pionierleiter

    Zentralschule

    1955 - 1955 - Preschen (Lausitz)

    Militärdienst

    Luftstreitkräfte der DDR

    1955 - 1958 - Bautzen

    Offiziersausbildung

    Fliegerschule

    1956 - 1989

    Mitglied

    SED

    1958 - 1966 - Marxwalde (heute Neuhardenberg) bei Frankfurt an der Oder

    Offizier

    Jagdfliegerstaffel der Nationalen Volksarmee (NVA)

    1965

    Abitur

    1966 - 1970 - Moskau

    Studium der Militärwissenschaften (Abschluss: Diplom-Militärwissenschaftler)

    Militärakademie Juri Gagarin

    1970 - 1976 - Strausberg bei Berlin-Ost

    Inspekteur für Flugsicherheit

    Kommando Luftstreitkräfte und Luftverteidigung der NVA

    1976 - 1976 - Königsbrück bei Dresden

    Kosmonautenkandidat

    Institut für Luftfahrtmedizin

    1976 - 1978 - Sternenstädtchen bei Moskau

    Kosmonautenausbildung

    Kosmonautentrainingszentrum

    26.8.1978 - 3.9.1978 - Erdorbit

    Flug mit der Sojus 31 zum Orbitalkomplex Saljut 6

    Interkosmos-Programm

    1979 - 1990 - Strausberg

    Leiter (1986 Generalmajor)

    Zentrum Kosmische Ausbildung beim Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der NVA

    1983 - Potsdam

    Promotion (Dr. rer. nat.)

    Zentralinstitut für Physik der Erde

    1980 - 1989

    Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit (seit 1986 Inoffizieller Mitarbeiter)

    Ministerium für Staatssicherheit

    1990 - 1999 - Moskau

    freier Berater

    Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt; Europäische Weltraumorganisation

    21. September 2019 - Strausberg bei Berlin

    alternativer text
    Sigmund Jähn, Imago Images (InC)

    Jähn besuchte von 1943 bis 1951 die Volksschule in Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland) und absolvierte anschließend bis 1954 eine Lehre als Buchdrucker im VEB Buchdruckerei Klingenthal (Vogtland). Nach kurzer Tätigkeit als Pionierleiter an einer Schule in Hammerbrücke (Vogtland) 1955 wechselte er in den Militärdienst und wurde im Rahmen einer Offiziersausbildung von 1955 bis 1958 in der Fliegerschule Bautzen Jagdflieger. Seit 1956 Mitglied der SED, diente er von 1958 bis 1966 in der Jagdfliegerstaffel der Nationalen Volksarmee (NVA) in Marxwalde (heute Neuhardenberg) bei Frankfurt an der Oder.

    1965 holte Jähn das Abitur nach und studierte von 1966 bis 1970 Militärwissenschaften an der Militärakademie Juri Gagarin in Moskau. Anschließend diente er bis 1976 als Inspekteur für Flugsicherheit bei dem Kommando Luftstreitkräfte und Luftverteidigung der NVA in Strausberg bei Berlin-Ost. Zu dieser Zeit sollten im Rahmen des sowjetischen Interkosmos-Programms Kosmonauten aus den europäischen sozialistischen Staaten zur Orbitalstation Saljut fliegen. In der DDR galt Jähn neben Rolf Berger (1936–2009), Eberhard Golbs (geb. 1933) und Eberhard Köllner (geb. 1939) aufgrund seiner physischen und psychischen Belastbarkeit als Jagdflieger, seiner Russischkenntnisse und ideologischen Zuverlässigkeit als qualifizierter Kosmonautenkandidat. Nach der Vorauswahl in der DDR stand Jähn auf Rang drei, rückte aber nach umfangreichen Testserien und der Ausbildung von 1976 bis 1978 im Sternenstädtchen bei Moskau zur Nummer eins auf.

    Am 26. August 1978 flog die Sojus-Raumsonde mit dem Kommandanten Waleri Bykowski (1934–2019) und Jähn zur Orbitalstation Saljut 6 mit der Langzeitbesatzung, Kommandant Wladimir Kowaljonok (geb. 1943) und Bordingenieur Alexander Iwantschenkow (geb. 1940). Während des gut einwöchigen Aufenthalts im All absolvierte Jähn 22 wissenschaftliche Experimente aus den Gebieten der Geophysik, Materialwissenschaft und Medizin, u. a. mit der weltweit führenden Multispektralkamera MKF 6 des VEB Carl Zeiss Jena zur Fernerkundung der Erde. Beim Aufprall der Raumsonde am 3. September 1978 in der kasachischen Steppe zog er sich ein Rückenleiden zu. Jähn wurde schlagartig berühmt, auch weil er für den SED-Staat zu einem wichtigen Aushängeschild wurde. Aufgrund zahlreicher Empfänge, Benennungen öffentlicher Einrichtungen wie Schulen und diverser Auszeichnungen, u. a. dem eigens gestifteten Ehrentitel Fliegerkosmonaut der DDR, wurde er zum Volkshelden stilisiert.

    Seit 1979 leitete Jähn, seit 1986 als Generalmajor, das Zentrum Kosmische Ausbildung bei dem Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der NVA bei Strausberg. 1983 wurde er mit einer Arbeit zur Fernerkundung der Erde am Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam bei Karl-Heinz Marek zum Dr. rer. nat. promoviert. 1984 freundete er sich in Salzburg mit dem ersten Astronauten der Bundesrepublik, Ulf Merbold (geb. 1941), an. Auch mit dem späteren Astronauten Alexander Gerst (geb. 1976) pflegte er einen freundschaftlichen Kontakt.

    1990 wurde Jähn freier Berater der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt und der Europäischen Weltraumorganisation in Moskau, um die deutsch-russischen EUROMIR-Missionen zu betreuen. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1999 lebte er in Strausberg und hielt weiterhin Vorträge.

    Jähn, der seit 1980 dem Ministerium für Staatssicherheit zuarbeitete, setzte sich nie kritisch mit der DDR und seiner privilegierten Stellung auseinander. Trotzdem fanden er und sein Weltallflug auch nach 1990 Eingang in das öffentliche Bewusstsein und die Populärkultur, u. a. in dem 2003 erschienenen Spielfilm „Good Bye, Lenin!“ von Wolfgang Becker (1954–2024).

    1978 Held der Sowjetunion
    1978 Held der DDR
    1978 Ehrenbürger von Berlin-Ost, später Berlin
    1978 Fliegerkosmonaut der DDR
    1978 Ehrenbürger von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) (weiterführende Informationen)
    1978 Leibniz-Medaille der Akademie der Wissenschaften der DDR
    1978–2013 Raumflug-Planetarium Sigmund Jähn, Halle an der Saale
    1979 Polytechnische Oberschule Sigmund Jähn (heute Sigmund-Jähn-Grundschule), Fürstenwalde an der Spree
    1979 Polytechnische Oberschule Sigmund Jähn (heute Sigmund-Jähn-Grundschule), Klingenthal (Vogtland)
    1982 Ehrenbürger von Strausberg bei Berlin-Ost
    1984 Goldene Hermann-Oberth-Medaille
    1985 Gründungsmitglied der Association of Space Explorers
    1997 Koroljow-Medaille der Russischen Akademie der Wissenschaften
    2002 Ehrenbürger von Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland)
    2020 Dr.-Sigmund-Jähn-Straße, Morgenröthe-Rautenkranz
    mehrere Briefmarken der Deutschen Post der DDR

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Quellen:

    mehrstündiges Interview, Axel Wölk mit Sigmund Jähn, 2019.

    mehrstündiges Interview, Axel Wölk mit Ulf Merbold, 2019.

    Gedruckte Quellen:

    Peter Frieß/Peter M. Steiner (Hg.), Ulf Merbold und Sigmund Jähn sprechen über die Entwicklung der Raumfahrt in beiden Teilen Deutschlands während des Kalten Kriegs und nach der Vereinigung, 1993.

    Erlebnis Weltraum, 1983, 41988.

    25 Jahre deutsche Beiträge zur bemannten Raumfahrt, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 68 (2004), S. 7–12.

    Monografien:

    Ulf Merbold, Flug ins All. Von Spacelab 1 bis zur D1-Mission. Der persönliche Bericht des ersten Astronauten der Bundesrepublik, 1986.

    Horst Hoffmann, Sigmund Jähn. Der fliegende Vogtländer, 1999.

    Horst Hoffmann, Sigmund Jähn. Rückblick ins All. Die Biografie des ersten deutschen Kosmonauten, 2008.

    Axel Wölk, Zwei unwahrscheinliche Freunde. Die Geschichte der ersten beiden deutschen Astronauten Sigmund Jähn und Ulf Merbold, 2021.

    Christina Heiduck, Kosmos und Kommunismus. Die Kosmonauten Mirosław Hermaszewski und Sigmund Jähn als sozialistische Helden in der Volksrepublik Polen und der DDR, 2024.

    Aufsätze:

    Roland Hirte, Ein später Held. Sigmund Jähns Flug ins All, in: Silke Satjukow/Reiner Gries (Hg.), Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, 2002, S. 158–172.

    Colleen Anderson, The First German in Space. Sigmund Jähn and East Germany, in: German Studies Review 47 (2024), H. 3, S. 475–495.

    Nachrufe:

    Gudrun Janicke/Walter Willems, „Ich bin aber kein Volksheld“. Der erste Deutsche im All ist tot, Nachruf der dpa v. 23.9.2019.

    Sibylle Anderl, Ein bodenständiger Himmelsstürmer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.9.2019.

    Jana Hensel, Dort oben, in: Die Zeit v. 23.9.2019

    Bronzebüste v. Peter Heinz Junge (geb. 1928), 1979, Vorplatz Archenhold-Sternwarte, Berlin-Ost, seit 2008 im Foyer des Statistischen Landesamts des Freistaats Sachsen, Kamenz.

    Bleistiftzeichnung v. Gerhard Kettner (geb. 1928), 1980, Privatsammlung.

    Gemälde (Öl/Leinwand) v. Paul Michaelis (1914), 1980, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden.

    Fotografien, 1978–1989, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs.

  • Autor/in

    Axel Wölk (Frankfurt am Main)

  • Zitierweise

    Wölk, Axel, „Jähn, Sigmund“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118556533.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA