Lebensdaten
1736 bis 1807
Geburtsort
Tetenbüll (Nordfriesland)
Sterbeort
Kopenhagen
Beruf/Funktion
Philosoph ; Mathematiker ; Physiker ; Nationalökonom
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118756532 | OGND | VIAF: 2582730
Namensvarianten
  • Tetens, Johann Nicolaus
  • Tetens, I. N.
  • Tetens, Ioannes Nicolaus
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Zitierweise

Tetens, Johann Nicolaus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118756532.html [05.03.2021].

CC0

  • Genealogie

    Aus bäuerl. Fam. in Eiderstedt;
    V Jakob (1713–62), Häuermann in T., seit 1740 Brauer, Gastwirt, Getreidehändler in Tönning, S d. Peter;
    M Martje (1707–90), T d. Johann Claußen, Haus- u. Lehnsmann;
    1 B Peter (1747–98), Auditor u. Branddir. in Tönning;
    – ⚭ Marie Margareta (1741–1818), T d. Daniel Matthias Buchow (Buchau), Barbier; kinderlos.

  • Leben

    T. studierte 1754 in Kopenhagen und 1755–59 in Rostock Physik, Mathematik und Philosophie. Im Anschluß an den Magister 1759 wurde er hier 1760 promoviert (De causa caerulei coeli coloris). Danach lehrte er als Privatdozent, seit 1763 als o. Professor für Physik und Philosophie an der neu gegründeten Akademie in Bützow, war mehrfach deren Rektor und leitete 1765–70 das pietistisch geprägte Pädagogium. 1776 folgte er einem Ruf nach Kiel, wo er bis 1789 Philosophie und Mathematik lehrte. 1778–80 inspizierte T. im Auftrag der dän. Regierung das Deichwesen an der Nordsee. Diese Tätigkeit und die Beschäftigung mit Versicherungsfragen (Einl. z. Berechnung d. Leibrenten u. Anwartschaften, 2 Bde., 1785/86) führten zum Wechsel in den dän. Staatsdienst. Seit 1789 wirkte er in Kopenhagen als Justizrat (Direktionsmitgl. d. Allg. Witwenkasse; Deputierter im Finanzkollegium), nach 1791 als Etatsrat und nach 1802 als Konferenzrat.

    T., der häufig als „dt. Locke“ oder „Vorgänger Kants“ bezeichnet wird, beschäftigte sich mit|Fragen der Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Theologie, Pädagogik, Physik, Mathematik und Meteorologie. Sein phil. Werk verbindet den brit. und franz. Sensualismus mit dem dt. Rationalismus in der Tradition der Leibniz-Wolffschen Schule. In den „Gedancken über einige Ursachen, warum in der Metaphysik nur wenige ausgemachte Wahrheiten sind“ (1760) kritisierte T. das Begriffsgebäude der Metaphysik: Uneinheitliche Begriffe und unklare Abgrenzungen zwischen Wörtern und Begriffen verhinderten eine phil. Verständigung über die jeweils in Rede stehenden Sachen und Sachverhalte. Er plädierte in der Tradition von Leibniz für ein formallogisches Kalkül. 1771 beteiligte sich T. an der Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften über den Ursprung der Sprache und behauptete die Gleichursprünglichkeit von Sprache und Schrift (Über d. Ursprung d. Sprache u. d. Schr., 1772, Nachdrr. 1966, 1985). Im Wechsel von Hören und Hervorbringen von Tönen lerne der Mensch zu differenzieren und durch Nachahmung Sprache zu gebrauchen. Das Vermögen der selbsttätigen Einbildungskraft sei der Grund für die Fähigkeit, Sprache zu erlernen. In den „Philosophischen Versuchen über die menschliche Natur und ihre Entwicklung“ (1777, Nachdr. in 2 Bdn. 1979, 2004) setzte T. auf die analytische Auswertung empirischer Beobachtungen durch Vergleich und Abstraktion. Er ging von einer Dreiteilung menschlicher Fähigkeiten aus, die Kant übernahm: Empfinden, Wollen und Denken. Im „Gewahrnehmen“, der Apperzeption, entdeckte er eine Selbsttätigkeit, die er als die „Urkraft der Seele“ beschrieb. Erkenntnisse entstünden im Wechselspiel von Sinneseindrücken und Selbsttätigkeit des kognitiven Systems. Entsprechend beruhe die Entwicklung des Menschen v. a. auf der Zunahme der inneren Selbsttätigkeit. In T.s Anthropologie und Pädagogik steht die Perfektibilität des Menschen im Vordergrund, die sich im Wechselspiel von äußeren Einflüssen und inneren Anlagen ausprägen müsse. T.s bekanntester Doktorand war Johann Jakob Engel (1741– 1802), der mit einer physikalischen Arbeit von ihm promoviert wurde. Obwohl von Kant hoch geschätzt, geriet T.s Werk durch die kantische Philosophie zunehmend in Vergessenheit. Neuere Forschungen versuchen, T. neben Kant als Vertreter einer kritischen Philosophie in der zweiten Hälfte des 18. Jh. wieder ins Bewußtsein zu rufen.

  • Auszeichnungen

    A o. Mitgl. d. kgl. Ges. d. Wiss., Kopenhagen (1788).

  • Werke

    Weitere W Abh. v. d. vorzüglichsten Beweisen d. Daseins Gottes, 1761;
    Über d. allg. speculativ. Philos., 1775, Nachdr. 1913;
    Reisen in d. Marschländer an d. Nordsee (…), 1788;
    Über d. letzten Veränderungen mit d. Bank u. d. Geldwesen in Dännemark (…), 1793;
    Sprachphil. Versuche, mit e. Einl. v. E. Heintel, hg. v. H. Pfannkuch, 1971 (S. 227–45 Bibliogr.);
    Die phil. Werke, begr. v. G. Tonelli, 4 Bde., 1979–2005.

  • Literatur

    L ADB 37;
    W. Uebele, J. N. T. nach seiner Gesamtentwicklung betrachtet, mit bes. Berücksichtigung d. Verhältnisses zu Kant, 1911 (P);
    H.-U. Baumgarten, Kant u. T., Unterss. z. Problem v. Vorstellung u. Gegenstand, 1992;
    Ch. Hauser, Selbstbewußtsein u. personale Identität, Positionen u. Aporien ihrer vorkant. Gesch., Locke, Leibniz, Hume u. T., 1994;
    M. Frank, Selbstgefühl, Eine hist.-systemat. Erkundung, 2002, bes. S. 199–207;
    Ch. Böhr, An d. Schwelle z. dt. Popularphilos., J. N. T.s Warnung vor d. populären Philos., in: A. Košenina (Hg.), Johann Jakob Engel (1741–1802), Philosoph f. d. Welt, Ästhetiker u. Dichter, 2005, S. 205–11;
    D. Westerkamp, Die Anfänge d. Vernunft, J. N. T. u. d. Sprachphilos. d. Aufklärung, in: Christiana Albertina 64, 2007, S. 6–20 (P);
    Holm Tetens, Der Eiderstädter Philos. J. N. T., in: Nordfries. Jb. 44, 2009, S. 19–32;
    J. N. T., (1736–1807), Philosophie in d. ZUG d. europ. Empirismus, hg. v. G. Stiening u. U. Thiel, 2014;
    Biogr. Lex. Schleswig-Holstein. IV (Qu, L);
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Enz. Philos. u. Wiss.theorie;
    BBKL XI (W, L); – zur Fam: H. Ehrencron-Müller, Forfatterlex. omfasttende Danmark, Norge og Island indtil 1814, VIII, 1930, S. 173–75.

  • Portraits

    P Kupf. v. J. D. Laurens nach e. Zeichnung v. G. L. Lahde, in: Neue allg. dt. Bibl. 83, 1803.

  • Autor/in

    Waldemar Fromm
  • Empfohlene Zitierweise

    Fromm, Waldemar, "Tetens, Johann Nicolaus" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 46-47 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118756532.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Tetens: Johann Nikolaus T. wurde 1736 zu Tetenbüll im Herzogthum Schleswig geboren. Er studirte in Rostock und Kopenhagen, wurde 1763 Professor an der Universität zu Bützow, wo er 1765 auch das Directorat des dortigen Pädagogiums übernahm. 1776 folgte er einem Rufe nach Kiel und zwar diesmal als Professor der Philosophie. Später erhielt er dazu den Lehrauftrag für Mathematik. Das Jahr 1789 brachte einen völligen Umschwung in Tetens' Leben: Er gab Lehrthätigkeit und die rein theoretische Beschäftigung völlig auf, um sie mit dem Verwaltungsdienst zu vertauschen. Er wurde nämlich nach Kopenhagen an das Finanzcollegium berufen, in welchem er zuerst Assessor, seit 1791 Etatsrath und Deputirter war. In dieser Kopenhagener Zeit gab sich der ehemalige Philosoph und Mathematiker fast gänzlich praktischen Aufgaben hin und nahm einen regen Antheil an der wirthschaftlichen Entwicklung Dänemarks. T. starb im J. 1807.

    Noch mehr, als aus der Verschiedenheit der Aemter, die T. bekleidete, geht seine erstaunliche Vielseitigkeit aus einem Blick auf das umfangreiche Verzeichniß seiner Schriften hervor. Da finden wir neben einer Prüfung der Beweise für das Dasein Gottes, einer Untersuchung über den Ursprung von Sprache und Schrift, über die menschliche Natur, die allgemeine speculative Philosophie u. s. w., eine „Anleitung zur Berechnung der Leibrenten und Anwartschaften“, eine Abhandlung über den „jetzigen Geldkurs und die Münzveränderung in den Herzogthümern Schleswig und Holstein“, eine Arbeit „über die Einpfropfung der Blattern“ und Aehnliches. Keine philosophische, mathematische, physikalische, meteorologische, wirthschaftliche Frage lag ihm fern. Ein ausführliches Verzeichniß dieser mannigfaltigen Schriften findet man bei Meusel, Das gelehrte Teutschland VIII und derselbe, Neunzehntes Jahrhundert IV.

    Sein Hauptwerk, durch welches er einen dauernden Platz in der Geschichte der Philosophie erworben hat, sind die „Philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung“, 2 Bde. Leipzig 1776 und 77. Dasselbe ist schon dadurch bedeutsam, daß es, wie ausdrücklich bezeugt ist, einen starken Einfluß auf Kant geübt hat, während es andererseits selbst wieder Einwirkungen von Kant's Inauguraldissertation erfahren hat. Entgegen den ontologischen Deductionen der Wolffianer, die damals noch von den deutschen Kathedern herabtönten, will T. in dem Buche „eine Analysis der Seele, die auf Erfahrungen beruht“ geben. Die Methode, die er befolgt, ist „die Methode in der Naturlehre“. Mit großer Klarheit entwickelt er die Grundsätze, welche noch heute in den empirischen Wissenschaften Geltung haben.

    Mit dieser Behandlung der Psychologie weist er sowol alle theologischen Gesichtspunkte ab, wie er auch das von den Schülern Wolff's beliebte Ausgehen von metaphysischen Aufstellungen in der Psychologie verwirft. Umgekehrt, meint er, müßten metaphysische Erkenntnisse erst aus den Ergebnissen der Beobachtungen hervorgehen. Schlägt er sich so mehr auf die Seite der Locke'schen Schule und ihrer deutschen Anhänger, so versagt er doch einer ausschließlichen Associationspsychologie seine Anerkennung. Ebensowenig ist er mit den Materialisten einverstanden, die Seelenvorgänge mit Gehirnschwingungen zu identificiren. Ohne leugnen zu wollen, daß zu allen seelischen Veränderungen körperliche „unentbehrlich" seien, meint er doch, daß einerseits die „Physik des Gehirns“ noch viel zu sehr in „Finsterniß gehüllet“ sei, um über bloße Vermuthungen hinaus zu kommen, daß andererseits selbst die fortgeschrittensten Kenntnisse in dieser Richtung eine psychologische Analyse nicht er- und entsetzen könnten. Die Seele bleibt ihm übrigens mit Leibnitz und Wolff ein einfaches immaterielles Ding. Der fruchtbare Weg zur Erforschung der Seele ist also der, „die Beobachtungen der Seele so zu nehmen, wie sie durch das Selbstgefühl erkannt werden“. Von den Ergebnissen, zu denen T. auf diesem Wege gelangte, können hier nur einige besonders für die Weiterentwicklung der Philosophie wichtig gewordene erwähnt werden. Die alte Zweitheilung der seelischen Functionen in theoretische und praktische hatte schon Sulzer verworfen, indem er dem Vorstellungs- und Begehrungsvermögen das „Empfindungsvermögen“ hinzufügte. T. hat diese Dreitheilung zu allgemeiner Anerkennung gebracht und dabei der dritten Grundthätigkeit der Seele den noch heute gültigen Namen des Gefühls gegeben. Mit „Vorstellen, Wollen, Fühlen“ gab er somit die Dreitheilung des seelischen Lebens, die sowol in Kant's System, wie in der modernen Psychologie herrschend geblieben ist.

    T. unterschied, wie Kant, zwischen Form und Inhalt der Erkenntniß. Beide Denker hatten diese Unterscheidung von Lambert. Die Empfindungen' liefern den Inhalt, die Thätigkeit des Intellectes die Form. Nur durch Zusammenwirken beider, der Sinne und des Intellectes, kommt Erkenntniß zu Stande. Die Gesetze, nach denen der Intellect verfährt, „die Naturgesetze des Denkens“ erfährt der Intellect, indem er sie anwendet. Durch ihre subjective Nothwendigkeit gewinnen sie den Charakter von Vernunftwahrheiten. Die sogenannten nothwendigen Wahrheiten sind also schon bei T. die zum Bewußtsein gekommenen eigenen Acte des Denkens. Eine höhere Objectivität als diese subjective Notwendigkeit ist dem Menschen nicht erreichbar. Trotzdem polemisirt T. gegen Hume's Skepticismus. In diesen, wie in anderen Punkten, berührt sich T. mit Kant. Das sehr interessante Verhältniß der beiden Denker ist neuerdings mehrfach behandelt worden. (So von Ziegeler 1888 und Wreschner 1891.) Bemerkenswerth ist, daß T. schon psychische Messungen im Sinne unserer experimentirenden Psychologie vorgenommen hat. So hat er die Dauer der Nachempfindungen für verschiedene Sinne bestimmt. Kurz und treffend charakterisirt ein neuerer Autor (Dessoir) T., indem er ihn einen „antimaterialistischen Empiriker mit kriticistischen Neigungen“ nennt.

    • Literatur

      Meusel, Gel. Deutschl. VIII. — Meusel, Neunz. Jahrh. IV. —
      Kordes, Lexik. d. Schleswig-Holsteinischen Schriftst. — M. Dessoir, Des Nic. Tetens Stellung i. d. Gesch. d. Philos., in der Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. v. Avenarius, XVI, 3, S. 355. Hier findet man auch eine Reihe dänischer Quellen über Tetens aufgeführt.

  • Autor/in

    Liepmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Liepmann, Hugo, "Tetens, Johann Nicolaus" in: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 588-590 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118756532.html#adbcontent

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