Lebensdaten
1762 bis 1839
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Preßburg
Beruf/Funktion
Rabbiner
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 120148552 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schreiber, Moses
  • Chatam-Sofer, Moses
  • Sofer, Moses
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Zitierweise

Sofer, Moses, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120148552.html [26.09.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus jüd. Gelehrtenfam. in F.;
    V Samuel ( 1779), Ladenhändler in F., S d. Moses Schreiber im goldenen Adler ( 1722);
    M Reisel ( 1822), T d. Elchanan, Kabbalist;
    Ur-Gvv Simon zum goldenen Adler ( 1707), Gde.schreiber d. Frankfurter Juden; UrGvm (?) Samuel Katz Schotten ( 1719), Landesrabbiner f. Hessen-Darmstadt in F.;
    B Simon (1768–1819), Joseph (1769–1821), beide Kaufleute in F.;
    1) Proßnitz (Mähren) 1787 Sara (um 1755–1812), T d. Moses Jerwitz, Rabbiner in Proßnitz, 2) Eisenstadt 1813 Sorel (1786–1832, 1] Abraham Moses Kalischer, 1788–1812, Rabbiner in Schneidemühl, Preußen), T d. Akiba Eger (1761–1837), Oberrabbiner in Posen, 3) Preßburg 1836 N. N. ( 1] Zwi-Hersch Heller, 1776–1834, Oberrabbiner in Buda), T d. Leib Weinreb aus Zamość;
    3 S aus 2) Abraham-Samuel-Benjamin-Wolf gen. Ktav-Sofer (1815–71), 1839 Oberrabbiner v. P., Simon (1820–83), Rabbiner in Mattersdorf u. Krakau, Joseph-Juspa (1825–83), Gel. in P., 5 Taus 2) Hindel (⚭ David Zwi Ehrenfeld, 1861 aus Nyitra), Gitel (1817–73, 1] Elias Kurnitzer, aus Szobotist, 2] Salomon Spitzer [Benjamin Schlomo-Salman Halevi; Reb Zalman Spitzer], 1826–93, orthodoxer Rabbiner in Wien, s. Enc. Jud. 1971; ÖBL; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft), Chana-Jentel (⚭ Israel Geiger), Simha (1821–1911, ⚭ Moses Tobias Lehman, 1811–92 aus Amsterdam, Gel. in Mattersburg), Reichel (* 1829, ⚭ N. N. Friedmann in Topol'čany, Slowakei);
    1 Stief-T Fadel-Rodisch Kalischer (um 1810–75, ⚭ Josef Güns-Schlesinger, um 1790–1871, Rabbiner, Verl. in Wien);
    E Simcha-Bunem (1842–1906), seit 1872 Oberrabbiner in P., Simon-Isaak-Leib (1850–1944 Auschwitz), Rabbiner in Eger (Ungarn), Salomon Schreiber (1855–1930), Biograph S.s (s. L).

  • Leben

    S., dessen Frühreife Aufsehen erregte, besuchte seit 1775 Talmudhochschulen in Mainz und Frankfurt/M. Hier war er Schüler des Oberrabbiners Pinchas Horwitz (1731–1805) und des Kabbalisten Nathan Adler|(1741–1800), der als Haupt eines Konventikels 1779 von der Gemeinde gemaßregelt wurde. In seinem Gefolge kam S. 1782 nach Boskowitz in Mähren und lebte seit 1785 bei seiner späteren Schwiegerfamilie in Proßnitz als Privatgelehrter. Wirtschaftliche Schwierigkeiten seines Schwagers Hirsch Jerwitz nötigten S., den Rabbinerberuf zu ergreifen. Er fand 1794 Anstellung in der mähr. Gemeinde Straßnitz, 1798 in Mattersdorf im ungar. Burgenland. Im Herbst 1806 wurde er auf das Oberrabbinat von Preßburg berufen, das bedeutendste im damaligen Ungarn, wo er zugleich der mit etwa 300 Studenten größten Talmudhochschule des mitteleurop. Judentums vorstand.

    S.s religionsgesetzliche Gutachten und seine Rabbinatsschüler verhalfen ihm zu einem ganz Ungarn umfassenden Wirkungskreis. Indes drückte er durch seine Unterschrift „Moses aus Frankfurt am Main“ die Verbundenheit mit seiner Heimat aus und verfaßte seit 1819 Sendschreiben gegen die von Hamburg ausgehenden Tendenzen zur Reform des jüd. Gottesdienstes. Anders als die spätere akkulturierte „Neuorthodoxie“ verteidigte er aber nicht nur das Religionsgesetz, sondern auch die traditionelle jüd. Lebensweise. Mit prinzipieller Schärfe („Die Tora verbietet jegliche Neuerung“) wandte er sich v. a. gegen die bei Moses Mendelssohn (1729–86) ansetzende Reform des Schulwesens. Zur Stärkung der Gegenposition bemühte sich S. um systematische Gestaltung, emotionale Vertiefung und ritualpraktische Konkretion der religiösen Studien unter Einbeziehung mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse.

    S.s kompromißlose asketische Geistigkeit, sein politisch kluger Umgang mit den Staatsbehörden, seine Verständigung mit der chassidischen Bewegung und sein unzeitgemäßes Interesse an der jüd. Besiedelung des Hl. Landes machten aus ihm allmählich die Leitfigur der strengen Orthodoxie. Auf ihn beriefen sich die ungar. Orthodoxen seit 1869 zur Rechtfertigung ihrer Gründung von Austrittsgemeinden, mit denen sie den institutionellen Zusammenhang mit nichtorthodoxen Juden aufzulösen suchten. In derselben Traditionslinie wenden die „charedim“ oder „Ultraorthodoxen“ im heutigen Israel das Trennungsprinzip auf den säkularen Zionismus an. Wiewohl heute als talmudexegetischer und rechtspraktischer Klassiker berühmt, veröffentlichte S. zu Lebzeiten nur die kleine hebr. Schrift „Chatam Sofer“ (Der Schreiber hat gesiegelt, 1835) über rituelle Schreibvorschriften, deren Titel auf die Nachlaßwerke und schließlich auf den Autor selbst überging.

  • Werke

    Schut Chatam S., 6 Bde. u. Erg.bd, 1841–64, 1912 (Rechtsgutachten);
    Seder Haggada schel Pessach, 1850 (Kommentar z;
    Pessach-Haggada);
    Schirat Mosche, 1858 (rel. Dichtungen);
    Tsawa'at Mosche, 1863 (eth. Testament);
    Orot Chajim, 1868 (Kommentar z;
    Liturgik);
    Sefer Sikkaron, 1879, engl. 1993 (Aufzeichnungen aus d. Kriegsj. 1809);
    Likkutej Chever Ben Chajim, 11 Bde., 1878–93 (W-Anthol.);
    Torat Mosche, 5 Bde., 1879–93, engl. 2000 (Auslegungen z;
    Pentateuch);
    Hagahot wechidduschim, 1889 (Kommentare z. Ritualkodex Jore Dea);
    Chidduschej Chatam S., 1888 ff. (Talmudkommentare);
    Deraschot, 2 Bde., 1928 (Homilien);
    Igrot Sofrim, 2 Bde., 1929 (Korr.);
    Minhagim, 1930 (Gebets- u. Studienbräuche);
    Tefilla le-Mosche, 1992 (Gebetskommentare);
    Sichronot umessorot, 1996 (Lebenszeugnisse u. Überlfgg.);
    Nachlaß:
    Inst. z. Ed. u. Erforsch. d. Hss. d. „Chatam Sofer“, Jerusalem u. Brooklyn.

  • Literatur

    ADB 34;
    J. Natonek, Rabbi M. S. seligen Angedenkens u. d. Magier Ben Chananja, 1869;
    L. Landesberg, Eleh toledot, 1876;
    M. Herzfeld, Biogr. v. Rabbi M. S. aus Frankfurt am Main, 1879;
    S. Schreiber, Ha-chut ha-meschullasch, 1887, dt. Der dreifache Faden, 1: Rabbi M. S., 1952;
    S. Schachnowitz, Licht aus d. Westen (Erz.), 1933;
    S. Weingarten, He-Chatam S. wetalmidaw wejachasam le-Erets Jisrael, 1945;
    E. Katz, He-Chatam S., 1960;
    Sh. Spitzer, Der Einfluß d. Chatam S. u. seiner Preßburger Schule auf d. jüd. Gdn. Mitteleuropas im 19. Jh., in: Studia Judaica Austriaca 8, 1980, S. 111–21;
    J. Katz, Towards a Biography of the Hatam S., in: F. Malino u. D. Sorkin (Hg.), From East and West, 1990, S. 223–66;
    ders., A house divided, Orthodoxy and schism in 19th century Central-European Jewry, 1998;
    E. Roth, Chassidismus, M. S. u. Mosche Teitelbaum, in: Udim 14/15, 1990, S. 3–27 (W);
    M. A. Z. Kinstlicher, He-Chatam S. uvnej doro, 1993;
    ders., He-Chatam S. wetalmidaw, 2005;
    M. Hildesheimer, The attitude of the Hatam S. toward Moses Mendelssohn, in: Proceedings of the American Ac. for Jewish Research 60, 1994, S. 141–87;
    ders., The German language and secular studies, Attitudes towards them in the thought of the Hatam S. and his disciples, ebd. 62, 1996, S. 129–63;
    M. B. Rabbinovitch, The battle of the Chasam S. against early reform Judaism (hebr.), 2002;
    M. Samet, Chapters in the history of orthodoxy (hebr.), 2005;
    Enc. Jud. 1971;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    Biogr. Hdb. Rabbiner (W, L).

  • Portraits

    P Stich nach e. Zeichnung v. B. F. Halevi, 1811 (Schwadron-Collection d. Jewish Nat. and Univ. Library Jerusalem);
    Gem. v. I. Kunstadt, (Wolfson Mus., Jerusalem);
    Porträt auf Glas, anonym (Israel Mus., Jerusalem).

  • Autor/in

    Carsten Wilke
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilke, Carsten, "Sofer, Moses" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 536-537 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120148552.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Sofer: Moses S. (Schreiber), Rabbiner und theologischer Schriftsteller, geboren zu Frankfurt a. M. 1761, zu Preßburg am 3. October 1837. S. zeigte schon als Kind große Geistesanlagen, zu denen sich ein seltenes Gedächtniß gesellte. Zehn Jahre alt, wurde er schon den Schülern des Rabbi Nathan Adler eingereiht, der seine Talente erkannte. Er ging dann später unter die Schüler des Rabbiners Tewele Scheyer in Mainz, um bald wieder zu seinem früheren Lehrer Nathan Adler nach Frankfurt a. M. zurückzukehren, dem er auch, als dieser einen Ruf als Rabbiner nach Boskowitz in Mähren erhielt, dahin gefolgt war. Von dort kam S. nach Proßnitz. Er heirathete daselbst die Witwe Sarah Jerwitz und lag mit staunenswerthem Fleiße dem Studium des Talmud ob. Er hatte, da es ihm an dem nöthigen Einkommen fehlte und er der Armuth preisgegeben war, die ihm von der Gemeinde Straßnitz angebotene Rabbinerstelle angenommen, von wo aus er einem Rufe als Rabbiner nach Mattersdorf folgte. Auf der Höhe seines geistigen Schaffens befand er sich als Oberrabbiner von Preßburg, in Nachfolge des weitbekannten Rabbi Meschull am Tustmenitz, woselbst er 33 Jahre wirkte. Daselbst heirathete er, nachdem seine Frau gestorben war, die verwittwete Tochter des Rabbi Akiba Eger aus Posen.

    S. war eine bedeutende Capacität, der den Talmud in allen seinen Theilen beherrschte und einer der letzten Vertreter des altrabbinischen Judenthums. Er ging von der Ansicht aus, daß das Judenthum den frischen Luftzug der freien Forschung nicht vertragen und nur im Abschlusse von und nicht im Anschlusse an die Cultur und Bildung der Zeit erhalten werden könne. Wenn er auch diesen seinen Standpunkt einseitig und oft fanatisch, besonders den Reformbestrebungen innerhalb des Judenthums gegenüber vertrat, so blieb ihm doch, weil man davon durchdrungen war, daß dies seine ehrliche, consequent durchgeführte Ueberzeugung sei, auch die Hochachtung derer, die nicht seine Gesinnungsgenossen waren, gesichert, zumal da ein seltener Adel des Herzens ihn auszeichnete. Von den entlegensten Ländern und Gegenden wurde sein wissenschaftlicher Rath und seine Entscheidung in Gegenständen des Gesetzes nachgesucht und konnte er diesen an ihn gestellten Anforderungen nur durch einen Aufwand ungeheueren Fleißes gerecht werden. Zudem stand S. einer der bedeutendsten theologischen Lehranstalten (Jeschibah) vor und hatte dadurch auf die heranwachsende Rabbinergeneration einen bedeutenden Einfluß gewonnen, aus deren Mitte einige Theologen das bei ihm erworbene talmudische Wissen doch auch in den Dienst der Zeit und der modernen jüdischen Wissenschaft mit Erfolg gestellt haben. Von seinen Werken ist seine Gutachtensammlung „Chatam Sofer“ besonders hervorzuheben, ein Denkmal seiner immensen Gelehrsamkeit auf dem Gebiete des Talmud und seines ungeheueren Fleißes. Ein Zeichen der dauernden Verehrung seitens seiner Gemeinde ist es, daß ihm Sohn und Enkel im Rabbinate Preßburg folgten.

    • Literatur

      Biographie des weltberühmten Mannes und Zierde seines Stammes Rabbi Moses Sofer von L. Landsberg 1876 (hebräisch). — Biographie des Rabbi Moses Sofer aus Frankfurt a. M., weiland Großrabbiners von Preßburg von M. Herzfeld. Wien 1879.

  • Autor/in

    Adolf Brüll.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brüll, Adolf, "Sofer, Moses" in: Allgemeine Deutsche Biographie 34 (1892), S. 541 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120148552.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA