Lebensdaten
1558 bis 1635
Geburtsort
Herrenberg (Württemberg)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Baumeister
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119132796 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schickardt, Heinrich
  • Schickhard, Heinrich
  • Schikart, Heinrich
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Zitierweise

Schickhardt, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119132796.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Lukas (Laux) d. Ä. (1511–85), Schreiner u. Werkmeister in H., S d. Heinrich d. Ä. (1464–1540), aus Siegen (Nassau), Schreiner, Bildschnitzer, Meister d. Chorgestühls d. Stiftskirche in H. (s. ThB), u. d. Margaretha Homel;
    M Anna Hezer ( 1579);
    Ov Marx (1505–85), Schreiner in H., Hans (1512–85), Maler in Tübingen (s. ThB);
    B Lukas (1560–1602), Schreiner u. Werkmeister in H. (s. ThB), Philipp (1562–1635), Dekan in Güglingen u. Göppingen;
    Herrenberg 1584 Barbara ( 1635), T d. Hans Grüninger (1523–1603), Bgm. in H., u. d. Margaretha Uber; Gvv d Ehefrau Ottmar Grüninger (um 1495–1573), Bgm. u. Richter in H.;
    4 S Lukas d. J. (* 1585), Goldschmied in Mömpelgard, Johannes (1588–1623, 1613 Brigitta, T d. Bernhard Leyrer, 1611, Vogt in H.), Schreiber in H., Heinrich (1592–1626), Philipp (1596–1622), 4 weitere K (früh †);
    Vt Apelles (1580–1610), Maler in Tübingen;
    N Wilhelm Schickard (s. 2);
    E Brigitta (1617–90, 1636 Johann Martin v. Hiller, 1615–85, Adel 1628, auf Gaertringen, aus St., Hofger.assessor u. Pfleger in Tübingen), S.s Universalerbin;
    Ur-E Johannes Hiller v. Gaertringen (1658–1715, Reichsadel 1703), auf Gaertringen, Dr. iur., Dipl., württ. WGR, Komitialgesandter (s. NDB IX Fam.art.).

  • Leben

    In Herrenberg aufgewachsen, absolvierte S. zunächst – möglicherweise bei seinem Vater oder Onkel – eine Lehre als Schreiner. Als Geselle hielt er sich zeitweise in Augsburg bei einem Meister Georg Holzmann auf. 1578 trat er in den Dienst des württ. Landbaumeisters Georg Beer, unter dem er sich auch mit Mühlen- und Brückenbau befaßte, und wirkte schon bald an Beers Neuem Lusthaus in Stuttgart als Bauleiter. Den ersten selbständigen Auftrag erhielt S. 1585 vom Esslinger Stadtrat für Umbau und Erweiterung des dortigen Rathauses. Zu dieser Zeit befand sich sein Lebensmittelpunkt noch in Herrenberg, wo er seit 1586 für sieben Jahre Mitglied des Gerichts war. 1590 entwarf er den Aufbauplan für die niedergebrannte Stadt Schiltach im Auftrag Hzg. Ludwigs v. Württemberg (1554–93). Unter dessen Nachfolger, Gf. Friedrich aus Mömpelgard/Montbéliard (1557–1608), wurde S. in den folgenden anderthalb Jahrzehnten zum bevorzugtem Hofarchitekten sowohl in Württemberg als auch in der linksrhein. Heimat des neuen Herzogs. Er verließ Herrenberg und lebte fortan abwechselnd in Stuttgart und in Mömpelgard, wo er eine Reihe repräsentativer Bauten schuf, u. a. das Kavaliersgebäude im Schloßhof (1595–98) und das Collegium in der Neustadt (1598–1604). Die größeren Bauvorhaben – Neustadt (seit 1598) und Martinskirche (1601–07) erforderten seine ständige Anwesenheit. 1600 verlegte er seinen Wohnsitz nach Mömpelgard, reiste jedoch z. T. mehrmals jährlich nach Württemberg, um die dortigen Projekte zu beaufsichtigen.

    Auf zwei Reisen nach Italien (1598 privat durch Oberitalien, 1599/1600 nach Rom im Gefolge von Hzg. Friedrich) lernte S. die zeitgenössische Architektur südlich der Alpen kennen und empfing vielfache Anregungen für seine Tätigkeit als Ingenieur, wovon seine mit Skizzen und Zeichnungen versehenen Tagebücher zeugen. Der Bericht der zweiten Reise erschien 1602 erstmals im Druck. Direkte Auswirkungen der Italieneindrücke zeigen sich in der Gestaltung des Neuen Baus in Stuttgart und an der Mömpelgarder Martinskirche. Letztere wurde zu einer „Inkunabel“ des prot. Kirchenbaus und fand insbesondere im Mömpelgarder Land und in Württemberg bis ins 19. Jh. hinein eine Vielzahl von Nachfolgebauten (Göppingen 1619, Bethoncourt 1778, Dätzingen 1812, Spiegelberg 1844, Abbévillers 1851).

    1599 begannen die Planungen S.s für die Neugründung Freudenstadt im Schwarzwald. Nach mehreren vom Herzog wieder verworfenen Entwürfen wurde schließlich der Stadtgrundriß in Gestalt eines Mühlebrettspiels verwirklicht. Die an einer Ecke des zentralen Platzes 1601-15 errichtete eigenwillige Winkelhakenkirche ist nur teilweise das Werk S.s. Als Hauptarchitekt gilt heute Elias Gunzenhäuser. Hzg. Friedrichs Sohn und Nachfolger Johann Friedrich (1582–1628) führte aus Kostengründen zahlreiche Projekte nicht weiter, u. a. das Schloß in Calw und das Gesandtenhaus (später „Prinzenbau“ genannt) in Stuttgart. Auch hatte er nicht dasselbe Interesse an Mömpelgard wie sein Vater, weshalb S. im Aug. 1608 nach Württemberg zurückkehrte und sein inzwischen fertig gestelltes Haus in Stuttgart bezog. Vom neuen Herzog zum Landbaumeister ernannt, war S. nun für alle Gattungen von Hoch- und Tiefbauten im Hzgt. Württemberg zuständig; darüber hinaus arbeitete er auch für auswärtige Auftraggeber, so z. B. für die Grafen von Hohenlohe und die Erzherzöge von Österreich.

    Hatte S. bereits im April 1593 Verbesserungsvorschläge für eine effektivere Versiedung im Salzwerk Saulnot bei Mömpelgard erstellt, so plante er 1598 die Schiffbarmachung des Neckars, suchte nach Steinkohle, und richtete raffinierte Pumpwerke bzw. Mühlen ein; seit 1618 arbeitete er an der optimalen Be- und Entwässerung von Stuttgart. Seine bedeutendste kartographische Leistung ist die 1616 fertiggestellte Landtafel von Mömpelgard (in d. Württ. Landesbibl. Stuttgart 1944 verbrannt).

    Gegen Ende seines Lebens verfaßte S. ein Inventarium, in dem er seinen beweglichen und unbeweglichen Besitz – Häuser, Grundstücke, Hausrat, Bücherbestand, Kupferstichsammlung, Wertgegenstände etc. – genau auflistete sowie seine Arbeiten als Architekt, Ingenieur und Landvermesser. Dieses Manuskript bildet zusammen mit den Aufzeichnungen der beiden Italienreisen und dem umfangreichen schriftlichen Nachlaß den bedeutendsten Überlieferungskomplex eines europ. Architekten um 1600. In seinem Testament 1628 errichtete er ein Legat für die Grüninger-Schickhardtsche Armenstiftung in Herrenberg.

  • Werke

    u. a. Bauten: Schloß Stammheim, 1579-81 (mit G. Beer);
    Esslingen, Altes Rathaus (Umbau u. Fassade), 1586-89;
    Stuttgart, Fruchtkasten (Fassade), 1596 u. Neuer Bau, 1599-1611 (abgebrochen 1778);
    Cannstatt, Stadtkirchturm, 1612/13;
    Köngen, Neckarbrücke, 1600-03;
    Leonberg, Pomeranzengarten, 1609 (1980 rekonstruiert);
    Göppingen, Stadtkirche, 1618-19;
    Stadtplanung:
    Clerval, 1590;
    Stuttgart, Anlage d. heutigen Schillerplatzes, seit 1596;
    Oppenau, 1615;
    Vaihingen/Enz, 1617;
    Innenausstattung:
    Kanzel, heute in Aying, St. Andreas-Kirche, um 1576/77;
    Schr.:
    Beschreibung einer Reiß… in Italiam, 1602, Tübingen 21603, komm. Neuausgg. 1902, 1986 u. 2002);
    Mss.:
    Inventarium 1630-32 (Württ. Landesbibl. Stuttgart Cod. Hist. Fol. 562);
    Skizzenbücher (ebd. Cod. Hist. Quart 148a-d);
    Zeichnungen:
    Perspektivische Ansicht d. Festung Hohentwiel, 1591;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: HStA Stuttgart, Bestand N 220 (ca. 1500 Zeichnungen u. Schriftstücke v. 1592-1634).

  • Literatur

    ADB 31;
    W. Heyd (Hg.), Hss. u. Handzeichnungen d. hzgl. württ. Baumeisters H. S., 1902;
    A. Schahl, H. S., Architekt u. Ingenieur, in: ZWLG 18, 1959, S. 15-85;
    S. Rupp, Über prot. Kirchenbau in|Württemberg, in: Schwäb. Heimat 25, 1974, S. 178-96;
    A. Reinle, Ital. u. dt. Architekturzeichnungen 16. u. 17. Jh., Die Planslgg. v. Hans Heinrich Stadler (1603–1660), Johann Ardüser (1585–1665) u. ihre gebauten Gegenstücke, 1994;
    R. Cuisenier (Hg.), Carte de Montbéliard 1616, Rekonstruktion d. 1944 verbrannten Karte, mit Beih., 1997;
    S. Lorenz u. W. Setzier (Hg.), H. S., Baumeister d. Ren., 1999 (P);
    R. Janssen u. W. Setzler, in: Herrenberger Persönlichkeiten, hg. v. R. Janssen, 1999 (mit Abb.);
    A. Bouvard, Un Ingénieur à Montbéliard, H. S., dessins et réalisations techniques (1593-1608), in: Bull. et Mémoires de la Soc. d'Emulation de Montbéliard, Bd. 123, 2000, S. 1-98;
    ders., L'église luthérienne Saint-Martin à Montbéliard, 2001;
    R. Kretzschmar (Hg.), Neue Forschungen zu H. S., 2002 (mit Bibliogr. v. E. Merk, S. 189-210);
    ders., H. S. in Hohenlohe, in: Württ. Franken, 86, 2002, S. 227-47;
    H. S. u. Esslingen am Neckar, Kl. Schrr. d. StadtA Esslingen am Neckar 1, 2003 (P);
    R. Rebmann, in: Die „Baumeister d. Dt. Renaissance“ – Ein Mythos d. Kunstgesch., 2004, S. 237-55;
    ThB;
    NDBA;
    Dict. of Art.

  • Autor/in

    Harald Schukraft
  • Empfohlene Zitierweise

    Schukraft, Harald, "Schickhardt, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 725-727 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119132796.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schickhardt: Heinrich S., Baumeister, geboren am 5. Februar 1558 in dem altwürttembergischen Städtchen Herrenberg, daselbst am 31. Dec. 1634, war der Sohn eines Schreinermeisters und besuchte vermuthlich nach dem Brauche wohlhabender Bürgerssöhne die Lateinschule seiner Vaterstadt. Er soll von Jugend auf Neigung zur Feldmessern, Baukunst und Mechanik gezeigt haben; wir wissen aber nicht, wo und bei wem er eine Lehre in diesen Künsten durchgemacht hat. In dem auf der Stuttgarter königl. öffentlichen Bibliothek aufbewahrten „Inventarium“ seines Besitzes und seiner Thätigkeit, zugleich einer reichen Quelle seiner Lebensgeschichte, sagt S. nur, daß er im J. 1578 zu dem|fürstlichen Baumeister Georg Beer (vgl. Meyer, Allgem. Künstler-Lexikon, Bd. 3, S. 281 ff.) nach Stuttgart gekommen sei. Er machte bei demselben in den folgenden Jahren Pläne zu Stuttgarter Wohnhäusern und Adelsschlössern auf dem Lande und war im J. 1581 sein Gehilfe bei den Vorarbeiten zu dem Neuen Lusthause, durch welches sich dieser Meister unter die besten Architekten der deutschen Renaissance eingereiht hat. S. darf ganz als Schüler desselben in der höheren Baukunst angesehen werden, wie Beer selbst der Schüler von Albrecht Tretsch, dem Erbauer des Stuttgarter Alten Schlosses, gewesen war. Wie lange der junge Mann damals bei Beer blieb, ist nicht bekannt. Wir wissen nur, daß er im J. 1584 sich mit der Tochter des Herrenberger Bürgermeisters Grüninger verehelichte und in das „Gericht“ d. h. den Gemeinderath seiner Vaterstadt aufgenommen wurde, also damals dort ansässig war, wie er denn auch zeitlebens Häuser und Güter daselbst besaß. Wir finden ihn aber auch auswärts beschäftigt, so in den Jahren 1588 und 1589 für die Stadt Eßlingen und im J. 1590 mit Privatgebäuden in Rottenburg a. N. und Colmar. In diesem Jahre scheint ihn Beer wieder an sich gezogen zu haben. Herzog Ludwig schickte die Beiden im Herbst nach Schiltach, einem damals württembergischen Schwarzwaldstädtchen, um die Bewohner bei dem Wiederaufbau ihrer Häuser nach einem großen Brande zu berathen. Im J. 1591 machte S. in herzoglichem Auftrage Grundrisse der Festungen Hohentwiel (hiervon auch einen perspectivischen Aufriß), Hohenasperg und Hohentübingen. Im J. 1593 baute er als „Diener“ Beer's am Collegium Illustre in Tübingen. In demselben Jahre noch sandte ihn Herzog Ludwig nach der damals württembergischen Grafschaft Mömpelgart (Montbéliard), wo S. mit dessen Nachfolger (seit August 1593), Herzog Friedrich, in Berührung kam und bald einen großen Gönner an ihm gewann. Friedrich ließ ihn allmählich in die Stelle des alten Beer ( 1600) einrücken und beschäftigte ihn, baulustig wie nur einer von den württembergischen Herrn, auf die mannichfachste Weise. Um ihn ganz nach Stuttgart zu ziehen, schenkte er ihm daselbst im J. 1596 einen Baugrund, nebst „Holz, Stein, Fenster, Ofen, auch Rust-Holz“ zu einem eigenen Hause. Dafür machte S., um sich auf höhere Aufgaben vorzubereiten, im Januar 1598 auf eigene Kosten eine Studienreise nach Oberitalien. Aus einem mit Federzeichnungen versehenen Skizzenbuche (in der Stuttgarter königl. öffentlichen Bibliothek) sehen wir, daß sich der junge Meister in Ulm, Augsburg, Trient, Venedig, Padua, Vicenza, Mantua, Mailand, Verona etc. eben so sehr um Wasserwerke, Brücken- und Festungsbauten kümmerte, als um Kirchen- und Palastarchitektur. Noch in demselben Jahre 1598 vermaß er auch mit seinem Bruder Lukas den Neckar, mit dessen Schiffbarmachung damals Herzog Friedrich umging, von Cannstatt bis Heilbronn und machte eine Zeichnung dazu. Aber schon im Novbr. 1599 durfte er Italien Wiedersehen und zwar diesmal im Gefolge seines Herzogs, der ihn vom Kopf bis zum Fuß wie „einen von Adel“ kleiden ließ und ihm in seine Haushaltung, damit die Seinigen in seiner Abwesenheit keinen Mangel litten, 100 Gulden und einen Eimer Wein verehrte. S. schrieb auch diesmal seine Beobachtungen unter Beifügung von Feder- und Tuschzeichnungen nieder und ließ darnach auf Befehl des Herzogs eine Reisebeschreibung drucken, welche zweimal im J. 1602 in Mömpelgart, einmal im J. 1603 auch in Tübingen erschien. Die kleine Gesellschaft reiste über Chur nach Mailand, Pavia, Genua, dessen Palastarchitektur den Meister viel beschäftigte, Massa, Pisa, Siena, Rom, Spoleto, Ancona, Ravenna, Bologna, Florenz, Livorno, Pisa. Lucca, Pistoja, Ferrara, Mantua, Verona, Vicenza, Padua, Venedig, Trient, Innsbruck, Ehrenberger Klause, Kempten, Schaffhausen, Basel, Mömpelgart und durch Elsaß und Baden zurück nach Stuttgart, wo der Einzug am 7. Mai 1600 stattfand.|Einige Bauten in Italien, die ihm besonders lieb waren, zeichnete S. in ein besonderes Heft und fügte denselben später noch französische und deutsche Gebäudeansichten bei. In dem gedruckten Reisewerke aber schildert er neben den Architekten- und Ingenieurschöpfungen ausführlich auch die Schicksale der Reise und gibt lebendige Schilderungen von Land und Leuten, welche in ihm einen grundgescheidten und kerntüchtigen Mann erkennen lassen. Er war nun in allen Stücken reif, um die mancherlei Geschäfte, welche sein Amt als fürstlicher Baumeister, oder, wie er heutzutage zu nennen wäre, als herzoglicher Hof- u. Landesbaudirector mit sich brachten, recht und redlich auszurichten. Eine Reise um das Herzogthum Württemberg in 31 und eine solche um die Grafschaft Mömpelgart in 10 Tagen mit seinem Herzog von Grenzstein zu Grenzstein vollführt (1604), mochten ihn die Größe seines Wirkungskreises erkennen lassen. In dem schon erwähnten Inventarium, geschrieben 1630—32, hat S. auf 38 Folioseiten alles verzeichnet, was er in 40 Jahren in- und außerhalb des Landes gebaut hatte. In seiner treuherzigen Art erinnert er selbst zur Einleitung daran, daß er tüchtigen Gehülfen manches überlassen und da und dort auch nur seinen Rath ertheilt habe, aber trotzdem sehen wir in eine erstaunliche Fülle von Arbeit hinein. Herzog Friedrich ließ — um nur die wichtigsten Aufgaben Schickhardt's zu erwähnen — im J. 1596 das Bad Boll bei Göppingen neu aufbauen, in den Jahren 1598 und 1599 die Hauptstadt Montbéliard durch eine befestigte Neustadt vergrößern und daselbst im J. 1601 die Kirche zu St. Martin errichten. In das Jahr 1599 fallen auch die Pläne zu dem württembergischen Schwarzwaldstädtchen Freudenstadt, deren ersten S. selbst für besser hielt, als den zweiten steiffquadratischen, den der Herzog verlangt hatte und ausführen ließ. Bekannt ist die zwischen 1604 und 1608 erbaute Kirche daselbst, welche S., um sie als eine der vier Eckabschlüsse der Stadt zu verwenden, mit zwei rechtwinklig gegen einander stoßenden Schiffen so construirte, daß Männer und Frauen je auf eine Seite vertheilt, sich nicht sehen können, wohl aber den Geistlichen. Zur Architektur derselben hat S. in ähnlicher Weise Gothik- und Renaissancemotive gemischt verwendet, wie sein Meister Beer am Neuen Lusthause. Gelegenheit zur Verwerthung seiner italienischen Palaststudien gab ihm der Herzog in Stuttgart mit dem sogen. Neuen (Marstall-) Bau an der Südostecke des Alten Schlosses, einem prächtigen Steinbau. Er enthielt im Erdgeschoß Stallungen, in den zwei Stockwerken darüber große Säle, deren oberer mit dem dritten Stockwerk zusammen die fürstliche Rüstkammer barg. Wir kennen von diesem im J. 1757 ausgebrannten und im J. 1779 und 1782 bis zum Grunde abgetragenen Hause nur eine Beschreibung (in dem Büchlein: Kurtze Beschreibung deßjenigen was von einem Fremden in der — — Residentz-Stadt Stuttgardt — — Merckwürdiges zu sehen. [Stuttgart 1736]) und einige Abbildungen. Verständige Verbindung von deutschen und italienischen Renaissanceformen, seine, höchst lebhafte Verhältnisse und eine vornehme Zurückhaltung gegenüber den Ausschreitungen des Barock in den decorativen Theilen beweisen, daß S. nicht umsonst in Italien besonders seinen Palladio mit Eifer studirt hatte. Mit allerlei kleineren Aufträgen, namentlich auch kartographischen Arbeiten, welche S. sehr schön ausführte, nahm Herzog Friedrich den Meister so in Anspruch, daß dieser erzählt, er habe in 15 Jahren nicht über den halben Theil bei seiner Haushaltung sein können.

    Als der Herzog im J. 1608 starb, schenkte sein Nachfolger, Herzog Johann Friedrich, dem Meister das gleiche Vertrauen. Er wollte durch ihn einen Palast an der Stelle des jetzigen Prinzenbaus neben der Stiftskirche, der schon von Herzog Friedrich (1601) geplant und in den Kellern fertig gestellt war, „weit schöner und größer als den Neuen Bau“ aufführen lassen; die Arbeit wurde aber wegen der schlechten Zeiten im J. 1624 wieder eingestellt. Von den übrigen Architekturaufgaben, die er ihm stellte, seien genannt: der Thurm der Kirche zu Cannstatt (1609), das Badhaus zu Teinach (1617), der Entwurf zu dem schönen, von dem Stuttgarter Bildhauer G. Müller ausgeführten Marktbrunnen zu Tübingen (1617). Außerdem ließ er, wie sein Vorgänger, durch ihn Gewächshäuser und Gartenanlagen, Amts- und Pfarrhäuser, Brücken, Thore, Münzen, Mühlen, Bergwerke u. a. theils neu herstellen, theils umbauen. Ein ganzes Bündel mit Maschinenzeichnungen (auf der königl. öffentlichen Bibliothek in Stuttgart) beweist außer den erwähnten Skizzenbüchern, wie gründlich sich S. die mechanischen Kenntnisse seiner Zeit angeeignet hatte. Neben dem Landesherrn nahmen ihn die Edelleute für ihre Schlösser, die Gemeinden für Rathhaus, Kirchen- und Schulbauten, die Bürger, zumal in Stuttgart (Keller'sches Haus [jetzt Nr. 5] auf dem Marktplatz 1613—16) häufig in Anspruch. Vielfach wurde er auch nach auswärts berufen, besonders von den Grafen von Hohenlohe, von den Reichsstädten Ulm, Eßlingen und Worms, von der vorderösterreichischen Regierung. Kaiser Rudolf II. berief ihn im J. 1604 zu einer Commisston wegen der Befestigung der Stadt Ensisheim im Elsaß und wollte ihn ganz in seine Dienste ziehen; er bedankte sich aber, weil er wenig Lust hatte, sich außerhalb des Landes, „insonderheit in das Bapstum“ zu begeben. Als ihn Erzherzog Maximilian von Tirol im J. 1611 auf 6—8 Wochen gleichfalls zur Berathung in Festungsbausachen begehrte, verweigerte ihm sein Herzog den Urlaub „auß sondern bedenkhen“ d. h. wohl aus politischen Gründen.

    Der äußere Lohn für dieses arbeitsvolle Leben blieb, wie wir aus dem Inventarium ersehen, unserem Meister nicht vorenthalten. Nach allem Besitz an Häusern, liegenden Gütern, Kleinodien, Büchern und Geld, den er dort verzeichnet hat, muß er einer der wohlhabendsten Männer des damaligen Württemberg gewesen sein. Aber sein Alter reichte noch bis in die Tage, wo Glück und Wohlstand, so fest sie in langer Friedenszeit im deutschen Land gegründet schienen, überall ein jähes Ende nahmen. S. befand sich in Herrenberg, als nach der Schlacht von Nördlingen im September 1634 die Kaiserlichen und Baierischen mit Mord und Brand über Württemberg hereinstürmten und sich darin festsetzten. Der Greis wollte im Anfang December desselben Jahres eine Verwandte in seinem Hause gegen einen frechen Soldaten, der ihn selbst schon von der Straße aus mit einem durch das Fenster geworfenen Beil am Auge verwundet hatte, beschützen, wurde aber von demselben mit dem Degen durch die Brust gestoßen; er starb, nachdem er noch drei Wochen lang gelitten hatte. S. selbst hinterließ keinen Sohn. Wohl aber hat die Kunstgeschichte noch von einigen andern Mitgliedern dieser Familie zu reden. Der Großvater des Baumeisters, Heinrich S. (geb. 1464, am 23. August 1540), war (mit seinem Vater gleichen Namens?) von Siegen in Nassau nach Herrenberg übergesiedelt, wo er das schöne Chorgestühl der Stadtkirche (im J. 1517 vollendet) schnitzte (vgl. C. Heideloff, Die Kunst des Mittelalters in Schwaben, S. 6 f.). Einer seiner Söhne, Lukas (I.), der Vater des Baumeisters (geb. 1511, am 13. August 1558), war Schreiner in Herrenberg. Von ihm ist noch kein Werk bekannt. Ein anderer, Hans (geb. 1512, am 17. October 1585), war Maler in Tübingen; er hat einen Theil der fürstlichen Grabsteine in der dortigen Stiftskirche bemalt (vgl. A. Wintterlin, Die Grabdenkmale Herzog Christophs von Württemberg u. s. w. in der Festschrift der königl. öffentl. Bibliothek zu Stuttgart zur 4. Säcular-Feier der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen 1877, S. 22, Anm. 4). Ein Sohn dieses Hans kann gewesen sein der im Tübinger Todtenbuch unterm 20. Novbr. 1610 eingetragene „Apelles Schickart Pictor“, welcher aber in den Stammbäumen der Familie Schickhardt fehlt und bis jetzt noch mit keinem Werke nachgewiesen ist. Ein Sohn von Lukas (I.) war|auch Lukas (II.), (geb. 1560, am 7. September 1602), welcher, wie oben erwähnt, mit seinem Bruder Heinrich den Neckar vermaß und nach dem Berichte seines Enkels Friedrich S. vom J. 1675 in die Kirche zu Herrenberg „die noch darin stehenden Bilder“ geschnitzelt hat. Ein Sohn von Lukas (II.), der Orientalist und Mathematiker Wilhelm S. (s. u.), war gleichfalls künstlerisch begabt. Er malte seinem Großvater mütterlicher Seite, dem Pfarrer Gmelin in Gärtringen ein (jetzt nicht mehr vorhandenes?) Epitaphium für die dortige Kirche und übte auch die Kunst des Holzschneiders und Kupferstechers. Wir kennen von ihm eine emblematische Darstellung des Namens Eberhart auf einem lateinischen Gelegenheitsgedicht zur Inscription des württembergischen Prinzen, späteren Herzogs, Eberhard III. vom J. 1627. Soviel uns bekannt ist, ruhte seitdem der künstlerische Genius der Familie, um erst in neuester Zeit mit einem jungen Landschaftsmaler, Karl S., wieder aufzuwachen. Ein Bildniß des Baumeisters können wir nicht namhaft machen.

    • Literatur

      Vgl. Eberh. v. Gemmingen, Heinrich Schickard's, Baum. v. Herrenberg, Lebensbeschreibung. Tübingen 1821. — W. Lübke, Gesch. d. Renaissance in Deutschland (2. Aufl.), Abth. 1, S. 356 u. ö. — A. Klemm, Württemb. Baumeister und Bildhauer bis ums J. 1750 in Württb. Vierteljahrshefte f. Landesgesch. Jg. V. 1882, S. 143 f.

  • Autor/in

    Wintterlin.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wintterlin, "Schickhardt, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 31 (1890), S. 170-174 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119132796.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA