Lebensdaten
1592 bis 1635
Geburtsort
Herrenberg (Württemberg)
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Orientalist ; Astronom ; Geograph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118607421 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schickardt, Wilhelm
  • Schickard, Wilhelm
  • Schickardt, Wilhelm
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Zitierweise

Schickard, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607421.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Lukas (1560–1602), Schreiner u. Werkmeister in H., S d. Lukas (1511–85), Schreiner u. Werkmeister in H. (beide s. Gen. 1);
    M Margarethe (1567–1634), T d. Wilhelm Gmelin (1541–1612), Pfarrer in Gärtringen b. H.;
    Ov Heinrich Schickhardt (s. 1);
    Om Wilhelm II. Gmelin, Lehrer an d. Klosterschule in Bebenhausen;
    Nürtingen 1615 Sabine (1592–1634), T d. Michael Mack (um 1540–1607), Pfarrer in Köngen/Neckar;
    10 K (alle früh †).

  • Leben

    Früh an Astronomie interessiert, studierte S. in Tübingen 1610/11 an der phil. Fakultät, wo er in Michael Mästlin (1550–1631) einen hervorragenden astronomischen Lehrer fand, dann bis 1614 Theologie. 1614 wurde er Diakon in Nürtingen, wo ihn 1617 Johannes Kepler (1571–1630) besuchte, der S.s zeichnerische Fähigkeiten zur Illustration von Buch 4 – 7 seiner „Epitome astronomiae Copernicanae“ (1620/21) nutzte. 1619 verfaßte S. im Auftrag Hzg. Johann Friedrichs von Württemberg eine „Cometen Beschreibung“, eine für Laien bestimmte, auf aktuellem Forschungsstand beruhende dt.sprachige Abhandlung über Kometen, in deren 2. Teil die seit 1472 beobachteten Kometen einzeln behandelt werden (Hs. Württ. Landesbibl. Stuttgart). 1619 wurde er in Tübingen Professor für Hebräisch, hielt aber auch Privatvorlesungen über angewandte Mathematik. Nach Mästlins Tod wurde S. 1632 auch Professor für Astronomie. 1623 erschien sein lat. Lehrbuch des Hebräischen (Horologium Hebraeum, ca. 40 Aufll. u. Bearb. bis 1731), 1627 ein dt. Lehrbuch des Hebräischen mit dem Titel „Hebraischer Trächter“ (später „Trichter“, namengebend für Harsdörffers „Nürnberger Trichter“, drei Nachdrr. bis 1633). Eine Anleitung zum Erlernen des Sternhimmels (Astroscopium) mit zwei Sternkegeln (Nord- u. Südhalbkugel) erschien ebenfalls 1623 (81698). Das von dem Juristen Christoph Besold (1577–1638) angeregte, von Hugo Grotius (1583–1645) bewunderte „Jus regium Hebraeorum“ (1625, Neuausg. v. Benedikt Carpzow 1674) ist eine aus den Quellen erarbeitete Monographie über das Recht der jüd. Könige. Aus einer erbeuteten türk. Handschrift leitete er diverse orientalische Genealogien her (Tarich, 1628). Den Merkurdurchgang vom 7. 11. 1631 (neuen Stils), zu dessen Beobachtung Kepler öffentlich aufgefordert hatte, konnte S. wegen Bewölkung nicht sehen, verfaßte aber eine auf Pierre Gassendis Beobachtung basierende Auswertung (Pars responsi [...] de Mercurio sub Sole viso, 1632), die diesen veranlaßte, S. zahlreiche astronomische Beobachtungsdaten für seine Theorie der Merkurbahn zu überlassen. Durch geometrische Konstruktionen auf copernicanischer Grundlage verdeutlichte S. seinen Studenten (meist Theologen) die Planetenbewegungen („picta mathesis“). 1623 erfand S. die erste bekannte Rechenmaschine, eine sechsstellige Vierspeziesmaschine (beide Originale verloren, Nachhall durch Bruno v. Freytag Löringhoff, 1960). Ihr Multiplikationswerk bestand aus sechs senkrechten Zylindern mit dem kleinen Einmaleins, vermutlich in Neperscher Schreibweise, wobei die für den aktuellen Rechenschritt nicht benötigten Zahlen verdeckt waren. Die abgelesenen Teilprodukte wurden manuell in das aus elf Zahnrädern bestehende Addier- und Subtrahierwerk übertragen. Versuche mit einem Glasprisma führten S. 1623 nahe an das wahre Brechungsgesetz. Seit 1624 betrieb er eine geodätische Vermessung Württembergs von bis dahin unerreichter Genauigkeit. Sie blieb wie manches andere Fragment, als S. 1635 der Pest zum Opfer fiel. Ein seit 1617 belegter Briefwechsel verband ihn mit Fachgenossen wie Kepler, Matthias Bernegger, Johannes Buxtorf sen. und jun., Daniel Mögling und Lgf. Philipp II. von Hessen in Butzbach, Grotius, Gassendi und dem allseitig interessierten Mäzen Nicolas-Claude de Peiresc (1580-1637). Sprachlich, mathematisch und künstlerisch begabt, urteilsfähig und kreativ, war S. bei seinen Zeitgenossen hoch angesehen. Er war von eher nüchternem Charakter, kein Anhänger der Astrologie, ohne Neigung und Begabung zu spekulativen Höhenflügen wie Kepler.

  • Werke

    Bechinath Happeruschim, 1624;
    Liechtkugel […] gleichsam ein Teutsche optica etc., 1624;
    Kurze Anweisung wie künstliche Landtafeln aus rechtem Grund zumachen, 1629 (21669, lat. 1674);
    Ephemeris Lunaris, 1631;
    Purim sive Bacchanalia Judaeorum, 1634;
    Vorrede zu: Sadi, Gulistan, das ist Kgl. Rosengart 1636;
    T. Brahe, Historia coelestis, ed. Albert Curtius, 1666 (enthält ca. 65 S. mit v. S. gesammelten u. gemachten Beobachtungen);
    – Briefwechsel, hg. v. F. Seck, 2 Bde., 2002 (W, L);
    Nachlaßteile:
    Württ. Landesbibl., Stuttgart;
    Österr. Nat.bibl., Wien;
    Staats- u. Univ.bibl. Hamburg.

  • Literatur

    ADB 31;
    C. F. Schnurrer, Biogr. u. litt. Nachrr. v. ehem. Lehrern d. hebr. Litteratur in Tübingen, 1792, S. 160-225, 249-74;
    B. v. Freytag Löringhoff, Prof. S.s Tübinger Rechenmaschine v. 1623 im Tübinger Rathaus, 1961, 52002 (P);
    ders. u. M. Schramm, Computus, d. astronom. Rechenstäbchen v. W. S., 1989;
    F. Seck (Hg.), W. S., Astronom, Geograph, Orientalist, Erfinder d. Rechenmaschine, 1978 (P);
    ders. (Hg.), Wiss.gesch. um W. S., Vorträge b. d. Symposion d. Univ. Tübingen im 500. J. ihres Bestehens am 24./25.6.1977, 1981;
    ders. (Hg.), Zum 400. Geb.tag v. W. S., 2. Tübinger Schickard-Symposion, 25.-27.6.1992, 1995;
    ders., in: Herrenberger Persönlichkeiten, hg. v. R. Janssen, 1999 (P);
    Pogg. II, VII a Suppl.;
    DSB;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Portraits

    Ölgem., wahrsch. v. K. Melberger, 1632 (Univ. Tübingen), danach mehrere Kupf.

  • Autor/in

    Friedrich Seck
  • Empfohlene Zitierweise

    Seck, Friedrich, "Schickard, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 727 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607421.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schickard: Wilhelm S., Mathematiker und Orientalist, geboren am 22. April 1592 zu Herrenberg (Württemberg), am 23. October 1635 zu Tübingen. Im herkömmlichen Erziehungsgange absolvirte S. die Klosterschule und das Stift zu Tübingen, bekleidete am letzteren ein Jahr lang eine Repetentenstelle und wurde 1614 Diakonus im benachbarten Nürtingen. 1619 berief man ihn als Professor der biblischen Grundsprachen an die heimische Hochschule, und daneben scheint er auch den alternden Mathematiker, seinen früheren Lehrer Mästlin (s. A. D. B. XX, 575), unterstützt zu haben, bis er 1631, nach dessen Tode, definitiv in seine Stelle einrückte. Die Schrecken des 30jährigen Krieges muß S. in höchstem Maße durchkostet haben, denn aus einem seiner mit Bernegger in Straßburg gewechselten Briefe, welche viel Material für seine Biographie enthalten, geht hervor, daß er an eine Auswanderung nach der Schweiz oder nach Frankreich, wohin ihn der bekannte Peirescius eingeladen hatte, in allem Ernste dachte. Seiner eigenen Aussage nach sprach und schrieb S. das französische, italienische und spanische. Von seinen orientalischen Kenntnissen legt u. a. das „Horologium hebraicum“ (Tübingen 1614) Zeugniß ab. Als Mathematiker und Astronom aber war er geradezu hervorragend thätig; er schrieb über Optik, über atmosphärische Strahlenbrechung, über eine im November 1623 in Tübingen beobachtete Feuerkugel, über Meteorologie ("Anemographia seu discursus philosophicus de ventis“, Tübingen 1631) und über den ersten zur Beobachtung gelangten Planetendurchgang „Tractatus de Mercurio sub sole et aliis novitatibus uranicis“, ebendort 1634). Um die Kenntniß der Sternbilder zu erleichtern, erfand S. hohle Kugeln, die sich dreitheilig öffnen ließen, und an deren Innenseite die Gestirne angebracht waren ("Astroscopium pro facillima stellarum cognitione excogitatum et commentariolo illustratum“, ebendort 1623; neue Auflage, Stuttgart und Leipzig 1698). Auch die später von Funk und Klügel zu astrognostischen Zwecken vorgeschlagenen „Sternkegel“ hat S. bereits gekannt und beschrieben. Am meisten verdient machte sich derselbe jedoch um die Kartographie; vgl. seine inhaltreiche Schrift: „Kurze Anweisung, wie künstliche Landtafeln aus rechtem Grund zu machen, und die bisher begangne Irrthumb zu verbessern“ (posthum, Tübingen 1669). Mit scharfen Worten beklagt er sich hier über die Unvollkommenheit der Karten, wie denn selbst|für die wichtigsten deutschen Städte die Angaben über die geographische Breite bis auf ⅖° auseinandergingen. Umsomehr Mühe wandte er an, um die ihm übertragene Vermessung des Herzogthums Württemberg mit aller nur erreichbaren Genauigkeit durchzuführen, und bei dieser Gelegenheit löste er, unabhängig von Snellius, das später berühmt gewordene Problem, welches ohne alles Recht in der Geschichte der praktischen Geometrie den Namen Pothenot's trägt. Näheres darüber enthält seine Correspondenz mit Kepler. Wenn wir endlich noch hinzufügen, daß S. einer der ersten war, welche die Wichtigkeit der Logarithmen erkannten, daß er sogar 1629 durch einen gewissen Beger die Napier'schen Logarithmen einer neuen Berechnung im Interesse einer Vereinfachung derselben unterziehen lassen wollte, so haben wir seine Verdienste wohl genugsam charakterisirt und dürfen es aussprechen, daß, wenn seiner Laufbahn nicht durch die Pest ein vorzeitiges Ende gesetzt worden wäre, die Wissenschaft ihm noch manche Bereicherung zu danken gehabt haben würde. Handschriftlich hinterließ S. Schotten zur Geographie des Abulfeda.

    • Literatur

      Böck, Geschichte der Universität zu Tübingen, Tübingen 1774, S. 114. — Kästner, Geschichte der Mathematik, 4. Band, Göttingen 1800, S. 103 ff. — Epistolae W. Schickardi et M. Berneggeri mutuae, Straßburg 1673. — Zedler, Großes Universallexikon der Wissenschaften und Künste, 34. Band, Leipzig-Halle 1742, Sp. 1522 ff.

  • Autor/in

    Günther.
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, "Schickard, Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 31 (1890), S. 174-175 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607421.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA