Lebensdaten
1592 bis 1666
Geburtsort
Köln
Sterbeort
Peking
Beruf/Funktion
Jesuit ; Missionar in China ; Astronom ; Mathematiker ; Orientalist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118606387 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schall von Bell, Johann Adam
  • Tang Ruowang (chinesisch)
  • Ruowang, Tang (chinesisch)
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Zitierweise

Schall von Bell, Adam, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606387.html [17.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus Kölner Patrizierfam., d. seit Ende d. 12. Jh. nachweisbar ist; nach d. Heirat v. Albert S. mit Christine v. Holte wurde d. Beiname Horbell bzw. Bell angenommen; d. gesicherte Stammreihe beginnt mit Rr. Heinrich S. v. Horbell (erw. 1350-61, tot 1381); 1745 erfolgte durch Kf. Karl Theodor v. d. Pfalz als Reichsvikar d. Erhebung in d. Reichs- u. bayer. Grafenstand;
    V Heinrich Degenhard d. Ä. (um 1555-vor 1608), zu Lüftelburg, S d. Johann (* vor 1520), zu Lüftelburg u. Morenhoven, u. d. Sophia v. Aldenbockum (* um 1520, 1] N. N. v. Altenbrück);
    M Maria (* 1569), T d. Reiner Scheiffarth v. Merode (* um 1533) u. d. Anna v. Friemersdorf (* um 1535);
    2 B Johann Reinhard ( 1660), 1616 Domherr zu Hildesheim, Heinrich Degenhard d. J. ( n. 1665, Katharina Schall v. Bell zu Flerzheim), zu Lüftelburg, kurköln. Amtmann in Rheinbach.

  • Leben

    S. trat nach dem Besuch des Jesuitengymnasiums Tricoronatum in Köln 1608 in das Collegium Germanicum in Rom und 1611 in den Jesuitenorden ein und setzte sein Studium am Noviziat St. Andreas in Rom fort. 1618 schiffte er sich auf eigenen Wunsch nach China ein und kam im Juli 1619 in Macao an.|Nach Sprachstudien in Beijing (Peking) verbrachte er die Jahre 1627-30 in Xian, ehe er nach Beijing berufen wurde, um nach dem Tode von Johannes Schreck SJ (1576–1630) die Arbeit an der Verbesserung des chines. Kalenders fortzusetzen. Er war dabei so erfolgreich, daß er 1644 vom Regenten Dorgon zum Mandarin V. Kl. und Leiter des Ksl. Astronomischen Amtes ernannt wurde. Seit 1648 Superior der Beijinger Jesuitenniederlassung, ließ er 1650-52 die Nantang (Südkirche, später Xitang genannt) in Beijing auf einem vom Shunzhi-Kaiser geschenkten Gelände erbauen. S. wurde zu einem der ein-flußreichsten Männer im Reich und zu einem bevorzugten Ratgeber des Kaisers. 1658 zum Mandarin I. Kl. ernannt, fiel er nach dem Tod des Shunzhi-Kaisers 1661 in Ungnade, wurde 1664 degradiert, gefangengesetzt und wegen Hochverrats, Predigt einer verwerflichen Religion und falscher astronomischer Lehren zum Tod verurteilt, jedoch vom Kangxi-Kaiser 1669 rehabilitiert.

    S. gehört mit seinem Vorgänger Matteo Ricci (1552–1610) und seinem Nachfolger Ferdinand Verbiest (1623–88) zu den bedeutendsten europ. Gelehrten in China. Gemeinsam mit dem Mailänder Giacomo Rho (1592–1638) reformierte er den chines. Kalender und machte das Fernrohr in China bekannt. In zahlreichen chines. Schriften (teils red. v. d. hervorragenden Gelehrten u. Konvertiten Paul Xü Guangqi, 1633), erläuterte er die westl. Kalenderrechnung und Astronomie, insbes. die Berechnung von Sonnen- und Mondfinsternissen. Mit der Einführung der westlichen Astronomie erlangte S. hohes Ansehen, schuf sich aber auch viele Feinde unter den chines. Astronomen. Die meisten einschlägigen Arbeiten der Jesuiten sind in der Sammlung „Chongzhen lishu“ (Slg. v. 100 math.-astronom. Schrr.) zusammengefaßt. Obgleich ihm die Lehre Galileis überzeugend und richtig erschien, durfte S. sie als Jesuit nicht lehren und mußte sich mit der Epizyklenmethode behelfen. Ferner tat er sich durch den Bau von Maschinen und als Geschützgießer hervor; in einer 1636 im Palast errichteten Gießerei wurden 20 großkalibrige Kanonen gegossen. S. schrieb meist in chines. Sprache über Astronomie und Mathematik, verfaßte aber auch mehrere religiöse Werke. – Vizepräs. (1646), Präs. (1651) d. Amts d. ksl. Opfer; Hohes Ratsmitgl. (1651); Oberaufseherd. ksl. Marstalls (1651); Die Geheimnisse d. Himmels ergründender Lehrer (1653); Gedenksäule in Peking (1657); Präs. d. ksl. Kanzlei (1657); Hoher Würdenträger d. ksl. Bankette (1658).

  • Werke

    Historica Relatio, Wien 1665, Regensburg 1672 (beide unvollst., nach d. Ms. franz. Übers. v. P. Bornet, Relation historique, Lettres et mémoires d'A. S., 1942);
    Yuanjing shuo (Über d. Fernrohr), 1630;
    Xingtu (Gr. Himmelskarte in 8 Bll.), 1636;
    Jincheng shuxiang (Das Leben d. Erlösers), 1640;
    Huntian yishuo (Über d. Himmels- u. Erdglobus), 1636;
    Xinli xiaohuo (Lösung d. Zweifel bezügl. d. neuen Methode d. Kal.bearbeitung), o. J.

  • Literatur

    ADB 30;
    A. Huonder, Dt. Jesuitenmissionare d. 17. u. 18. Jh., 1899;
    A. Väth, J. A. S., Missionar in China, ksl. Astronom u. Ratgeber am Hofe v. Peking, 1933, Nachdr. mit. e. Nachtr. u. Index, 1991 (W-Verz., P, Stammtafeln, auch franz. u. chines.);
    H. Bernard Maitre, L'enc. astronomique du P. S., in: Monumenta serica 3, 1938, S. 35-77, 441-527;
    P. M. d'Elia, The double stellar hemisphere of J. S. v. B., ebd. 18, 1959, S. 328-59;
    ders., Galileo in China, 1947;
    H. Doepgen, in: Rhein. Lb. 9, 1982, S. 133-57 (P);
    C. v. Collani, in: Würzburger Diözesan-gesch.bll. 54, 1992, S. 353-70;
    R. Malek, J. A. S. v. B. u. sein 400. Geb.tagsjub. 1992, in: Archivum historicum Societatis Iesu 66, 1997, H. 131, S. 51-74;
    S. J. Nettetal, Western learning and christianity in China, The contribution and inipact of J. A. S. v. B. SJ (1592–1666), 2 Bde., 1998 (auch dt. u. chines.);
    Zedler;
    Duhr;
    Pogg. II;
    LThK2;
    Dict. of Ming Biogr. 1368-1644, II, 1976, S. 1153-57;
    BBKL;
    zur Fam.:
    E. v. Oidtman, Ältere Stammreihe d. S. v. B., in: Mitt. d. Westdt. Ges. f. Fam.kunde IV, 1925, Sp. 310-22.

  • Portraits

    Kupf. in: A. Kircher, China Monumentis qua sacris qua profanis… illustrata, 1667, Frontispiz u. Tafel zu S. 102, Abb. in: Doepgen (s. L), n. S. 144;
    P-Verz.:
    A. Väth (s. L) u. J. Duhergne, Repertoire des jésuites de Chine, 1973, S. 241.

  • Autor/in

    Hartmut Walravens
  • Empfohlene Zitierweise

    Walravens, Hartmut, "Schall von Bell, Adam" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 551-552 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606387.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schall: Adam Johann S., Astronom und Orientalist, geboren zu Köln a. Rh. 1591, zu Peking am 15. August 1666. Das Leben des jungen S. gehört erst von dem Momente der Geschichte an, da er, ein Zwanzigjähriger, in den Orden Jesu eintrat. Als solcher machte er den von der „Ratio“ vorgeschriebenen Studiengang durch, beschäftigte sich eingehend mit mathematischen Studien und begleitete 1620 die Patres Trigault und Rho auf ihrer Missionsreise nach China. Dieses Land sollte er nicht wieder verlassen. Bekanntlich wußten die klugen Jesuiten dadurch sich Eingang in dem sonst gegen fremde Einflüsse so ablehnend sich verhaltenden Lande zu verschaffen, daß sie sich des arg darniederliegenden Kalenderwesens annahmen; S. that sich bei dieser Gelegenheit besonders hervor und wurde deshalb von Suntschi, dem ersten Kaiser der Mandschudynastie, zum Hofastronomen und zum Vorstande der mathematischen Lehranstalt erwählt, an welcher vierhundert chinesische Jünglinge für staatliche Stellungen herangebildet werden sollten. Allmählich stieg S. zu den höchsten Ehrenstellen empor, und nach dem sehr verständigen Gebrauche des Reiches der Mitte, nicht in absteigender sondern in aufsteigender Linie den persönlichen Adel zu verleihen, wurden auch die Ahnen Thang-jo-wangs — so, oder auch Tao Wei hieß S. bei seinen neuen Volksgenossen — geadelt. Davon handelt ein heute noch in der Bibliothek des Prager Jesuitencollegiums aufbewahrtes Büchlein mit folgendem Titel: „Libellus continens encomia et titulos, quos Imperator Sinensis P. Joanni Adamo Schall S. J. Coloniensi, ejus parentibus et avis in tertiam scilicet generationem contulit, Anno Imperii suo VIII ob restauratam ab eodem apud Sinas Astronomiam, editis Sinice libris“. In der erwähnten Stellung verblieb S. dreiundzwanzig Jahre und arbeitete während dieser Zeit in angestrengtester Weise daran, seine Wissenschaft in China einzubürgern. Man sagt, daß er hundertundfünfzig selbständige Schriften über Mathematik und Astronomie verfaßt habe, allein selbst wenn diese Zahl, wie Abel Remusat behauptet, auch viel zu groß sein sollte, so bleibt immer noch genug übrig, denn das, was sich von Schall's Arbeiten allein im Besitze der vaticanischen Bibliothek zu Rom befindet, erfüllt allein noch vierzehn große Quartbände. Diese Arbeiten sind größtentheils elementare Lehrbücher für den Gebrauch seiner Zöglinge, andere sind der Finsternißberechnung, der Construction der trigonometrischen und Planetentafeln und hauptsächlich auch der Vermessungskunde gewidmet. Daneben konnte S., einflußreich wie er war, auch viel für die Ausbreitung des Evangeliums in China thun, er übersetzte christliche Erbauungsbücher und unterhielt einen regen Briefwechsel mit den europäischen Freunden des Missionswerkes. Diese Correspondenz lieferte wesentlich das Material für die folgenden beiden Darstellungen: Narratio historica de initiis et progressu missionis S. J. apud Sinenses (Wien 1665); Historica relatio de ortu ac progressibus fidei in regno Chinensi (Regensburg 1671). Den Prinzen Kanghi, der als zweiter Mandschukaiser eine neue Epoche des inneren Glückes sowol wie der politischen Machtentfaltung für China anbahnte, unterrichtete S., und seiner Einwirkung war es gewiß in erster Linie zuzuschreiben, daß Kanghi so viel Toleranz gegen das Christenthum an den Tag legte. Plötzlich aber nahm die Herrlichkeit Schall's, von der derselbe, wie zugestanden werden muß, stets nur zu Gunsten höherer Culturinteressen Gebrauch machte, ein jähes Ende. Suntschi verstarb, ehe sein Sohn großjährig geworden war, und während des Interregnums beherrschten Palastintriguen das Feld, die es 1664 dahin zu bringen wußten, daß S. seiner Ehrenämter entsetzt, gefänglich eingezogen und sogar zu dem furchtbaren Tode, in Stücke geschnitten zu werden, verurtheilt wurde. Dieser Justizmord kam allerdings nicht zur Ausführung, vielmehr wurden die Machthaber durch ein Erdbeben und das Erscheinen eines Kometen von der Vollstreckung des Urtheiles|zurückgehalten, allein auf das Befinden des Greises hatten alle diese Auflegungen doch derart eingewirkt, daß er bald nach seiner Freilassung einer Krankheit zum Opfer fiel. Sein Andenken wurde von Kanghi glänzend rehabilitirt, und der von S. gestreute Same ging unter den Händen anderer europäischer Sendlinge und der von jenem selbst gebildeten Schüler dergestalt auf, daß auf chinesischem Boden die Sternkunde eine, wenn auch nur vorübergehende Blüthe erlebte.

    • Literatur

      Zedler, Universallexikon aller Wissenschaften und Fünfte, 34. Band, Leipzig-Halle, 1742. Sp. 831 ff. — Backer, Bibliothèque des écrivains de la compagnie de Jésus, tome III. Löwen-Lyon, 1876, Sp. 588 ff. —
      v. Mannsegg, Geschichte der chinesischen Mission unter der Leitung des Pater Adam Johann Schall, Wien 1845. — Verbiest, Liber organicus astronomiae Europaeae apud Sinas restauratae sub imperatore Sinico-Tartarico Camhy appellato. Dillingen 1687.

  • Autor/in

    Günther.
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, "Schall von Bell, Adam" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 556-557 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606387.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA