Lebensdaten
erwähnt 1170, gestorben Ende 12. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Minnesänger
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 101245009 | OGND | VIAF: 71756620
Namensvarianten
  • Rietenburg, Burggraf von
  • Regensburg, Burggraf von (vermutlich)
  • Riedenburg, Burggraf von
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Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

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Zitierweise

Riedenburg, Burggraf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd101245009.html [17.04.2021].

CC0

  • Leben

    R. ist vermutlich identisch mit Heinrich III. oder einem seiner Söhne (Heinrich IV., erw. 1176-85, oder Otto III., 1154 – um 1185, evtl. auch Friedrich, nach 1181) aus dem Geschlecht der Grafen von Steffling (heute: Stefling) und Riedenburg, die bis 1185 das Burggrafenamt von Regensburg innehatten. Seine Benennung erfolgte nach dem Stammsitz der Familie im Altmühltal bei Ingolstadt. Umstritten ist, ob R. mit dem Minnesänger „Burggraf von Regensburg“ identisch ist (nur Hs. C trennt die Corpora).

    R.s Amt in Regensburg ermöglichte den Kontakt zum Hof der Babenberger, in deren Wirkungskreis sich der donauländ. Minnesang entfaltet hatte, sowie zu den Provenzalen und zu Dietmar von Eist. Die in drei Handschriften überlieferten sieben Strophen des adligen Gelegenheitsdichters enthalten eine Vielfalt von traditionellen und neuen Motiven des Minnesangs. Erstmals wird bei R. die rückhaltlose Auslieferung des liebenden Mannes an die abweisende Frau ausgesprochen, womit auch das ungebrochene Leid des abgewiesenen Liebenden in den Vordergrund tritt: Dies war der entscheidende Schritt zum klassischen Minnesang (VI). Das Selbstbewußtsein des Ich im donauländ. Minnesang besitzt der Sänger nicht mehr, wenngleich er dies durch einen reflektorischen Duktus suggeriert. Er ist von einer Frau abhängig, die in ihrem Wesen teils rein emotional motiviert erscheint, teils mit ethischen Attributen versehen wird (I, VI). Entscheidendes Merkmal der R.schen Minnekonzeption ist die paradoxe Bereitschaft des lyrischen Ich, einerseits an der unerfüllten Liebe zu leiden, andererseits aber die Hoffnung auf Erfüllung der Liebe nicht aufzugeben (III).

    R.s Lieder sind durch die einheitliche Verwendung der komplexen Stollenstrophe gekennzeichnet, was mit der rational-argumentativen Darstellung der Gedankengänge des Ich in den Strophen korrespondiert. Oftmals ergibt sich eine reizvolle Spannung zwischen rationalem Formgerüst und emotionaler Unruhe oder Verwirrung des sich artikulierenden Ich. Zu R.s innovativem Formenspektrum gehören auch die komplexen Reimstrukturen, das Überwiegen der Hypotaxe und eine Vielzahl von Stilmitteln (Hyperbel, Paradoxon, Vergleich).

  • Werke

    Ausgg.: Des Minnesangs Frühling, hg. v. H. Moser u. H. Tervooren, I, 381988, S. 34-37;
    Mittelhochdt. Minnelyrik, hg. v. G. Schweikle, 1997, S. 160-65.

  • Literatur

    ADB 28;
    O. Sayce, The Medieval German Lyric 1150-1300, 1982, S. 96-98;
    A. Vitzkelety u. K.-A. Wirth, Funde z. Minnesang, Bll. aus e. bebilderten Liederhs., in: PBB 107, 1985, S. 366-75;
    A. Vitzkelety, Die Budapester Liederhs., ebd. 110, 1988,|S. 387-407;
    A. Hensel, Vom frühen Minnesang z. Lyrik d. Hohen Minne, 1997, S. 147-98;
    Vf.-Lex. d. MA2;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Portraits

    Miniatur in: Hs C (Nr. XXXVIII, Bl. 119 v: Der Burggrave v. R.', Univ.bibl. Heidelberg), Hs. B (Nr. 4, S. 18, Württ. Landesbibl. Stuttgart), u. Hs. Bu (f. 2r, Széchényi-Nat.bibl. Budapest).

  • Autor/in

    Andreas Hensel
  • Empfohlene Zitierweise

    Hensel, Andreas, "Riedenburg, Burggraf von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 569-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd101245009.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rietenburg: Der Burggraf von R., Minnesänger, wahrscheinlich der jüngere Bruder oder Stiefbruder des Burggrafen von Regensburg (s. A. D. B. XXVII, 550), und zwar entweder Heinrich IV. (Burggraf seit 1176, nach 1184/85) oder Otto III. ( nach 1185). — Gleich dem Burggrafen von Regensburg reimt der Rietenburger noch unrein und läßt wiederholt die Senkungen aus, gleich jenem verbindet auch er zwei Monologe der Liebenden, die|ohne äußerlich markirte Beziehung zu einander in gemeinsamer Lage übereinstimmende Gesinnung aussprechen. Aber er ist doch um vieles moderner als sein Geschlechtsgenosse. Er hat keine reimlosen Zeilen mehr, er führt den überschlagenden Reim ein, unterscheidet stumpfen und klingenden Versausgang, braucht den vierhebig klingenden Vers. Naturformeln wendet er mit mehr künstlerischer Berechnung an: er contrastirt Herbst und Liebeshoffnung, Frühlingsfreude der Gesellschaft und eigene Gedrücktheit und wählt zum Ausdrucke für die Winterbeschwerden ein typisches Bild: die Noth der rothen Blumen. Seine Lieder sind nicht mehr monodisch und überschreiten das alte Maß von einer Strophe: ein zweistrophiges (Minnesangs Frühling 19, 7—26) wendet sich an das höfische Publicum, wie die von der Poesie der Fahrenden entlehnte Wahrheitsbetheuerung zeigt. Es mag ein Tanzlied sein zur Eröffnung der Saison und bildet frei die alten Motive dieser volksthümlichen Gattung um: auf Natureingang folgt Andeutung der eigenen Empfindung, dann Aufforderung zur Freude und in der zweiten Strophe die „Erneuung des Sangs“, die Darlegung der persönlichen Liebeserlebnisse. In diesem Gedicht verfügt der Dichter bereits über die musikalischen Künste der Responsion, wie anderwärts über Annominatio und reichen Reim. Aus der geistlichen Poesie dürfte er den dreifachen Reim am Schluß einer Strophe übernommen haben. — Der R. stellt zuerst die Theorie von der moralischen Vervollkommnung durch Liebe und Liebesleid auf, er kennt die Sitte des Minnedienstes, das conventionelle Werben um die Gunst der Geliebten. Die Liebe selbst zeigt in seiner Dichtung keinen sinnlichen Charakter, sondern erscheint züchtig verhüllt. Der Inhalt der Lieder ist bereits voll von Reflexion und auch ihr Stil arbeitet mit Motivirung, Gegensatz und Folgerung. Der R. ist der erste deutsche Minnesänger, der unglückliche Liebe als poetisches Motiv empfindet und directe Anleihen macht bei der provencalischen Lyrik. Er benutzt einmal eine Wendung, die wir in der romanischen Poesie zuerst bei Folquet von Marseille, der nach Diez 1180—1195 dichtete, nachweisen können und die allenfalls auch auf diesen zurückgehen kann, ein andermal überträgt er in Anlehnung an Peyrol einen biblischen Vergleich auf sein Liebesleben.

    • Literatur

      Von der Hagen. Minnesinger I, 218; III, 611; IV, 155 ff. — Lachmann und Haupt, Des Minnesangs Frühling, Leipzig 1857 (vierte Ausgabe 1888), Nr. V, S. 18 ff., 235. —
      Bartsch, Deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrhunderts, 2. Aufl., Stuttgart 1879, Nr. VI. —
      Scherer, Deutsche Studien II, Wien 1874 (Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der Wiener Akademie. Bd. 77, 437 ff.), S. 28 ff., 32 ff. —
      Paul, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur II, 419 ff., 455 ff.; Lehfeld, ebd. II, 369 ff. — Burdach, Reinmar und Walther von der Vogelweide, Leipzig, S. 59, 158.

  • Autor/in

    K. Burdach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Burdach, Konrad, "Riedenburg, Burggraf von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 591-592 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd101245009.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA