Lebensdaten
1877 bis 1950
Geburtsort
Stolp (Pommern)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Psychiater ; Neurologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 117155365 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bumke, Oswald
  • Bumke, O.

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Zitierweise

Bumke, Oswald, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117155365.html [15.08.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Erwin s. (1);
    1910 Hedwig, T des bayerischen Gen.-majors Burkart u. der Isabella Kimmerle;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    In schneller Karriere wurde B. über Rostock (1914), Breslau (1916) und Leipzig (1921) als Nachfolger Emil Kraepelins 1924 auf den Münchner Lehrstuhl für Psychiatrie berufen. 1928/29 war er Rektor der Universität. 22 Jahre lang hat er die Münchner Nervenklinik geleitet.

    B. debutierte wissenschaftlich mit seiner Habilitationsschrift: Die Pupillenstörungen bei Geistes- und Nervenkrankheiten (1904, 21911). Die Pupille wurde ihm zum Ausdrucksfeld der Seele. Aus dem Studium der psychischen Pupillenunruhe versuchte er einen entscheidenden Systemfaktor für den Aufbau des psychiatrischen Lehrgebäudes herauszuholen. B. ist sein Leben lang ein begeisterter Neurologe gewesen. Das geometrisch-kombinatorische Moment bei jeder schwierigen neurologischen Differentialdiagnose zog seine Intelligenz an. Die Wissenschaft verdankt ihm zahlreiche Einzelabhandlungen auf diesem Gebiet.

    Aus diesem Interessengebiet entsprangen seine späteren Arbeiten über die psychophysischen Wechselbeziehungen, die in dem berühmten Moskauer Vortrag von 1923: „Über die materiellen Grundlagen der Bewußtseinserscheinungen“ einen vorläufigen Abschluß fanden. Die in diesem Vortrag entwickelten Ideen über die Doppelnatur der Hirnrinde - einerseits als einer mosaikartigen Anordnung von Zentren und Apparaten für technische Einzelleistungen der Psychomotorik, andererseits als eines ganzheitlichen Instrumentes für die eigentlichen seelischen Zentralfunktionen - sind von weittragender Bedeutung. In seinem Alterswerk: „Gedanken über die Seele“ (1941, 41948) hat er später diese Gedanken wieder aufgenommen und - das Gesamtwissen seiner Zeit weit überschauend - ein monumentales Werk hinterlassen, welches ganz das Gepräge seiner vielseitigen Persönlichkeit trägt.

    Von allgemeiner Bedeutung sind auch seine Studien über Kultur und Entartung. Höchst interessant ist seine Kontroverse mit Sigmund Freud, welche die besten Jahre seines Lebens ausfüllte. B. trat mit aller Schärfe für die Einheit der Seele in allen ihren Äußerungen ein. Freud dagegen schien ihm dieses Prinzip unteilbarer Einheit zu verletzen, indem er neben dem Ich ein Über-Ich und ein Es als Nebenseelen anerkannte. B. war Unitarier, Freud Trinitarier. In der Schärfe der Auseinandersetzung zwischen B. und Freud klingt sozusagen ein Stück mittelalterlicher Theologie aus. B. brach in allen seinen Arbeiten eine Lanze für die Psychologie des gesunden Menschenverstandes; er machte die Psychologie der großen Denker, Dichter und Staatsmänner für die Psychiatrie fruchtbar und wandte sich mit Energie gegen jede Form von wirklichkeitsferner Laboratoriums-Psychologie und gegen alle modernen Hirn- und Libido-Mythologien. Sein scharfer Verstand bewährte sich in klassischen Abhandlungen zur gerichtlichen Psychiatrie. B. war ein glänzender forensisch-psychiatrischer Gutachter.

    Sein „Lehrbuch der Geisteskrankheiten“ (1919, 71948) spiegelt alle Stadien des wissenschaftlichen Fortschrittes von 1919-1948 in der Perspektive eines überlegenen Geistes wider. Dieses Lehrbuch ist zugleich ein Meisterwerk deutscher Prosa, dessen Stil klassisch genannt werden muß. B. verfügte über ein Organisationstalent von großem Format. Er war Schriftleiter des „Archivs für Psychiatrie“ und seit dem Tod Friedrich von Müllers Vorsitzender des Herausgeber-Kollegiums der „Münchner Medizinischen Wochenschrift“. Die enzyklopädische Zusammenfassung des gesamten psychiatrischen und neurologischen Wissens unserer Zeit in den großen Handbüchern der Psychiatrie und der Neurologie ist im wesentlichen sein Werk. Er hat damit den Ruf der deutschen Wissenschaft in die weite Welt hinausgetragen.

    B. war nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein hingebungsvoller Arzt am Krankenbett und in der Sprechstunde. Oft wurde er als Konsiliarius ins Ausland berufen. 1923 weilte er wochenlang am Krankenbett Lenins in Moskau. Dagegen entspricht die Legende, daß er Adolf Hitler behandelt und beraten haben soll, nicht den Tatsachen.

    In seiner Forschungsarbeit ist B. immer ein großer Einzelgänger geblieben. Er hat keine Schule gegründet, obwohl er zahllose Schüler hatte. In einem hinterlassenen Aphorismus sagt er: „Wissenschaftliche Schulen sind entweder eine Versammlung von mittelmäßigen Köpfen, die das Gold des Meisters als Kleingeld vertreiben, oder zur gegenseitigen Belobigung gegründete Gilden.“

    Schon bei Lebzeiten war die Person B.s von Mythos und Legende umrankt. Sein harter und eigenwilliger Charakter erregte die Phantasie der Öffentlichkeit. Er war populär, sein Name wurde fast zu einem Begriff. Er war ein glänzender Redner. Bis kurz vor seinem Tod zogen seine Vorlesungen die|akademische Jugend aller Fakultäten in den überfüllten Hörsaal der Münchner Anatomie. Noch drei Tage vor seinem Tod hielt er seine letzte Sprechstunde ab.

  • Werke

    Weitere W Was sind Zwangsvorgänge?, 1906, Gerichtl. Psychiatrie, in: Aschaffenburgs Hdb. d. Psychiatrie, 1912;
    Üb. nervöse Entartung, 1912;
    Kultur u. Entartung, 1922;
    50 J. Psychiatrie, = Archiv f. Psychiatrie 76/1, 1925, u. in: Münchner Med. Wschr., 1925, Nr. 28;
    Die gegenwärt. Strömungen in d. Psychiatrie, 5 Vorträge, 1928;
    Ziele, Wege u. Grenzen d. psychiatr. F, = Hdb. d. Geisteskrankheiten I, 1928;
    Die Psychoanalyse, Eine Kritik, 1931;
    Die Psychoanalyse u. ihre Kinder, 21938;
    Der Staat u. d. Geisteskrankheiten, = B.s Hdb. d. Geisteskrankheiten, Erg.bd. 1, 1939;
    Erinnerungen u. Betrachtungen, 1952 (Einl. v. W. Gerlach, W-Verz., P).

  • Literatur

    M. Mikorey, in: Münchner Med. Wschr. 92, 1950;
    ders., in: Actas Luso-Españiolas de Neurología y Psiquiatría 9, Nov. 1950, Nr. 4;
    K. H. Stauder, in: Archiv f. Psychiatrie 187, 1951;
    Fischer I, 1932 (W).

  • Portraits

    Bronzebüste v. Franz Mikorey (Univ. München).

  • Autor/in

    Max Mikorey
  • Empfohlene Zitierweise

    Mikorey, Max, "Bumke, Oswald" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 15-16 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117155365.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA