Lebensdaten
1852 bis 1919
Geburtsort
Rathenow (Brandenburg)
Sterbeort
Rathenow (Brandenburg)
Beruf/Funktion
Brillenfabrikant
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 138251800 | OGND | VIAF: 88297104
Namensvarianten
  • Nitsche, Paul

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Zitierweise

Nitsche, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd138251800.html [20.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit 1653 in Magdeburg eingebürgerter Fam.;
    V Ernst (1817–98), Inh. e. Kolonialwarengeschäfts, 1866 mit August Günther (1839–1902) Gründer d. „Altstädt, opt. Industrie-Anstalt v. Nitsche & Günther“, Großhandelsgeschäft f. opt. Artikel mit eigener Glasschleiferei u. Fabrikation einfacher Brillen aus Stahl u. Nickel, 1875 Interessengemeinschaft mit d. Fa. Gebr. Picht & Co., S d. Ernst (1790–1839), Schlächtermstr. u. Brauer in R., u. d. Johanna Knöllner (1792–1867);
    M Pauline (1827–1917), T d. Theodor Neumann, Kaufm. in Brandenburg, zuvor Apothekenbes. in Alt-Landsberg u. Ziesar b. Genthin;
    Schw Clara (1858–1942, Wilhelm Erman, 1850–1932, Dir. d. Univ.bibl. Bonn, s. NDB IV);
    B Ernst (1861–1945), seit 1888 Gesellschafter v. „Nitsche & Günther“, 1885-1912 Leiter d. Zweigniederlassung „Nitsche & Günther Optical & Co.“ in London;
    Rathenow 1888 Antonie (1865–1945), T d. preuß. Oberamtmanns Karl Hintze, Domänenpächter in Teurow b. Halbe, Kr. Teltow;
    3 S, 1 T, u. a. Hans (1893–1976, Gerda Guderian, 1913–1996, N d. Gen. Heinz Guderian, 1888–1954, s. NDB VII), Dr. phil., Prokurist, seit 1922 Vorstandsmitgl. d. Nitsche & Günther AG, gründete 1928 in Rio de Janeiro d. „Nitsche & Günther-Busch do Brasil Ltda“, nach Umwandlung d. Fa. in e. KG seit 1937 geschäftsführender Gesellschafter, Vors. d. Kuratoriums d. dt. Schule f. Optik u. Phototechnik in Berlin (s. L).

  • Leben

    N. studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Brandenburg in Leipzig Medizin, brach jedoch nach dem Physikum das Studium ab, um 1883 Nachfolger seines Vaters zu werden. 1898 fusionierte er mit seinem Hauptzulieferbetrieb, der Goldarbeiterfirma C. W. Muth; die bisherigen Eigentümer Emil und Gustav Muth wurden Mitgesellschafter. Um 1900 war Rathenow mit 132 Optik-Werkstätten der weltgrößte Standort bei der Massenproduktion von optischen Gebrauchsartikeln. N. führte gemeinsam mit den Gebrüdern Muth 1901/02 nach intensivem Studium amerik. Produktionstechnik die Abkehr von der handwerklichen Fertigung alten Stils durch. Als erster seiner Branche in Deutschland stellte er von der arbeitsintensiven dezentralen Produktion auf zentralisierte Fertigungsweise unter Verwendung von Maschinen um. Sämtliche hausindustriellen Kleinbetriebe der traditionellen Brillenfabrikation wurden aufgelöst. Diese tiefgreifende Umwandlung hatte monatelange Streiks der Arbeiter zur Folge.

    N.s Maßnahmen führten zum wirtschaftlichen Erfolg: Innerhalb eines Jahrzehnts wuchs das Familienunternehmen aus seinem gewerblichen Rahmen heraus und wurde zum Industriebetrieb auf hochmodernem Stand. Die Belegschaft stieg 1898-1914 von 240 Mitarbeitern auf 1720 an. Gleichzeitig mit umfangreichen Investitionen wurde der Trend zu höherwertigen Produkten verstärkt. N. trug maßgeblich dazu bei, technisch richtungsweisend die Entwicklung des Brillenglases zu verbessern. 1902 wurde das „NG-Normalsystem“ zur Normung von Fassungsgrößen entwickelt, eine erhebliche Vereinfachung der Arbeit des Augenoptikers. Mit den „En-Gee-Menisken“ führte „Nitsche & Günther“ 1908 empirisch die Variation der Durchwölbung in die Brillenglasherstellung ein. Erstmals in Deutschland wurden damit Brillengläser auf den Markt gebracht, die ein deutliches Sehen bis zur Randzone ermöglichten. Diese waren Vorläufer aller punktuell abbildenden Brillengläser. Das von den Optik-Konstrukteuren bei „Zeiss“ mathematisch errechnete Punktal-Glas mit Durchblick in den Randzonen kam 1913 auf den Markt. Eine bedeutende Marktstellung gewann „Nitsche & Günther“ durch weitere neuartige Produkttypen: 1910 kamen Zweistärken- oder Doppelfokusgläser mit ihrer technisch sehr anspruchsvollen Herstellung (eingekittete Leseteile aus Material mit einem höheren Brechungsindex) unter dem Markennamen „Dufo“ und „Dufosin“ auf den Markt. 1912 trat die Firma durch die aus besonders hartem Glas mit neuer Fertigungstechnologie hergestellten NG-Rektavistgläser Marke „Storch“ hervor. Unter dem Wort-Bild-Markenzeichen „En-Gee-(mit Storch)“ erlangten die Erzeugnisse Weltruf. Der 1. Weltkrieg hemmte die Expansionsphase, in England wurde das Zweigwerk beschlagnahmt. Im Zusammenhang mit der 1919 erfolgten Schließung eines Interessenvertrags mit der „Emil Busch AG, Optische Industrie Rathenow“ wurde die OHG „Nitsche & Günther“ in eine AG umgewandelt.

    Nach N.s Tod entwickelte sich das Unternehmen in den von ihm geschaffenen Strukturen weiter. Zwischen den beiden Weltkriegen war die „Nitsche & Günther AG“ das größte Unternehmen der optischen Fassungsindustrie in Europa, das Augenoptikern ein breites Sortiment von Brillenfassungen und -gläsern, Werkstattmaschinen und anderen Artikel lieferte. Anfang der 30er Jahre wurde auch von der Fa.Carl Zeiss“ die Fertigung der von dieser vertriebenen „Perivist-Brillen“ übernommen. Nach Zerstörung, Demontage und Enteignung 1945 hatte der nunmehrige „ROW Rathenower Optische Werke VEB“, der dem „Kombinat Carl-Zeiss-Jena“ zugeordnet war, bis 1962 wieder fast 3000 Beschäftigte. Ende 1991 wurden die „ROW“ von der „Treuhandanstalt“ in Einzelunternehmen privatisiert.

    Hans, der Enkel des Werksgründers, setzte die unternehmerische Tradition in Westdeutschland fort, zunächst in der 1940/41 in Osterburg (Altmark) gegründeten Zweigfabrik. 1948, nach der Enteignung, wurde der|Firmensitz nach Düsseldorf verlegt. Mit einer modernen Produktlinie gelang es nicht nur, ehemalige Geschäftsbeziehungen zurückzugewinnen, sondern auch international neue Absatzwege für „Nigura-Brillen“ zu erschließen. 1977 hatte „Nitsche & Günther“ wieder etwa 300 Beschäftigte in fünf zur Unternehmensgruppe gehörenden Firmen im In- und Ausland. Produziert wurde in Solingen, Pforzheim und seit 1975 in Malta. In einer veränderten Wettbewerbslandschaft wurden 1981 die „Nigura Nitsche & Günther optischen Werke GmbH & Co. KG, Düsseldorf von den „Optischen Werken G. Rodenstock, München“ übernommen.|

  • Auszeichnungen

    Stadtrat, Vizepräs, d. IHK Brandenburg, Präs. d. dt. Berufsgenossenschaft f. Feinmechanik u. Optik, KR.

  • Quellen

    Qu Brandenburg. Landeshauptarchiv Potsdam.

  • Literatur

    Nekr. v. 4.5. u. 8.11.1919;
    H. N., Die Rathenower Brillen-Industrie mit bes. Berücksichtigung ihrer geschichtl. Entwicklung, in: Central-Ztg. f. Optik u. Mechanik 43, 1922, S. 243 ff.;
    ders., Die Rathenower Brillen-Industrie unter bes. Berücksichtigung ihrer geschichtl. u. techn. Entwicklung, Diss. Jena 1922;
    O. Rusche, Die Entwicklung d. Rathenower opt. Industrie, Diss. Tübingen 1922 (ungedr.);
    60 J. Nitsche & Günther, Opt. Werke AG Rathenow, in: Industrie u. Handel 27, 1926;
    H. Funke, Die dt. opt. Industrie u. Feinmechan. Industrie in d. Nachkriegszeit, Diss. Köln 1931, S. 126 ff.;
    H. Günther, Btrr. z. Gesch. d. Firma Nitsche & Günther, Opt. Werke KG Rathenow, 1940 (Ms. im Bes. d. Fam.);
    Nitsche & Günther, ein Bild ihres 75jg. Schaffens, in: Havel-Ztg., 125 Jg., Nr. 86 v. 12/13.4.1941 (P v. Ernst);
    W. Specht, Nitsche & Günther, Opt. Werke KG in Rathenow – d. Bild ihres 75jg. Schaffens, in: Orpho 1941, 12, S. 157 ff.;
    FS, 100 J. Nitsche & Günther, 1966 (P);
    Fy, 100 J. Nitsche & Günther, Opt. Werke KG Düsseldorf, in: Der Augenoptiker 21, Juni 1966, S. 50 f.;
    J. Spangemacher, NiGuRa – traditionsreich – kreativ: ebd. 32, April 1977, S. 37-62;
    E. H. Schmitz, Hdb. z. Gesch. d. Optik III, 1983, S. 237-42, 677 (P v. Ernst, August Günther, Ernst jun.);
    „Optik“, Firmengesch. Nitsche & Günther 1866-1991, 1991 (P); – zu Hans: Havel-Ztg. v. 1.9.1958 (P).

  • Portraits

    Dt.GB 111, 1941, S. 388.

  • Autor/in

    Hans-Henning Zabel
  • Empfohlene Zitierweise

    Zabel, Hans-Henning, "Nitsche, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 291-293 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138251800.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA