Lebensdaten
1845 bis 1924
Geburtsort
Budapest
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
Nationalökonom ; Soziologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118825186 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hertzka, Theodor
  • Hertzka, Théodore
  • Hertzka, Tivadar
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Zitierweise

Hertzka, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118825186.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    ca. 1901 N. N.;
    3 K (H. überlebend).

  • Leben

    H. studierte in Wien und Budapest Nationalökonomie und entfaltete dann eine rege publizistische Tätigkeit. Er war 1872-79 als Redakteur des wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Teils der „Neuen freien Presse“ in Wien tätig. Seit 1880 leitete er die von ihm begründete „Wiener allgemeine Zeitung“, verkaufte sie jedoch und gab 1889 die „Zeitschrift für Staats- und Volkswirtschaft“ heraus. 1901 wurde er in Budapest Hauptherausgeber des „Magyar hirlap“. Außerdem veröffentlichte er eine Reihe größerer Abhandlungen, die in der nationalökonomischen Fachwelt allgemeine Beachtung fanden.

    H. war Anhänger der klassischen Nationalökonomie, überzeugter Freihändler und entschiedener Vertreter einer liberalen Wirtschaftspolitik. 1874 rief er die „Gesellschaft der österreichischen Volkswirte“ ins Leben, bekämpfte mit großer Konsequenz den damals aufkommenden Bimetallismus und trat mit guten Argumenten für eine Goldwährung mit Papierumlauf ein. Schon frühzeitig war er bestrebt, in sozialer Beziehung zwischen dem wirtschaftlichen Individualismus und dem Prinzip der absoluten „Gerechtigkeit“ eine Synthese herzustellen. Die dabei von ihm entwickelten Anschauungen legte er in dem Werk „Die Gesetze der sozialen Entwicklung“ (1886) und in der in Form eines Staatsromanes veröffentlichten Utopie „Freiland, ein soziales Zukunftsbild“ (1890) dar. Zur Begründung seiner Gedankengänge, die von den Ansichten Eugen Dührings stark beeinflußt waren, machte H. geltend, daß das soziale Übel der bestehenden Gesellschaftsordnung ausschließlich aus der Kapital- und Bodenrente herrühre, da der Zins, die Grundrente und der Unternehmergewinn die Nachfrage der beiten Volksmassen in erheblicher Weise einschränkten und damit die Entfaltung der nach dem Stand der technischen Errungenschaften möglichen Produktivität verhinderten. In dem nach H. neu zu errichtenden Gemeinschaftswesen ist das Eigentum an Grund und Boden abgeschafft. Es gibt in|der Zukunftsgesellschaft weder privates noch staatliches Eigentum. Vielmehr ist der Boden „gleich der Luft“ herrenlos und steht frei sich bildenden Assoziationen zur Benutzung unbeschränkt zur Verfügung. Diese Genossenschaftsgebilde sind Träger der Produktion, verwalten sich selbständig und teilen den gesamten Ertrag unter ihre Mitglieder auf, wobei jedermann diesen Genossenschaften beitreten, dieselben auch jederzeit in freiem Entschluß verlassen kann. Der Staat stellt den Assoziationen zinslos das nötige Betriebskapital zur Verfügung, so daß die Kapitalrente den arbeitenden Mitgliedern der Genossenschaft zugeführt wird. Die Assoziationen sind allerdings verpflichtet, die aufgenommenen Betriebskapitalien in angemessenen Jahresraten zurückzuzahlen. Außerdem wird von ihrem Nettoertrag staatlicherseits zur Unterhaltung der aus Alters-, Krankheits-, Unfallsgründen aus dem Produktionsprozeß ausgeschiedenen Arbeitskräfte eine 15%ige Ertragssteuer erhoben.

    H.s Staatsroman „Freiland“ war in literarischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg (bis 1896 10 Auflagen, zahlreiche Übersetzungen). Auch entstanden in verschiedenen Ländern Freilandvereine. Ein Versuch, H.s Utopie in Kenia zu verwirklichen, schlug fehl. In fachwissenschaftlichen Kreisen stießen die Ansichten H.s auf weitgehende Ablehnung. Gegen sein Gesellschaftssystem erhob man insbesondere den Einwand, daß die Einführung der staatlichen Ertragssteuer erkennen lasse, daß es sich bei ihm um das Gebilde eines verschleierten Staatssozialismus handele. Aufgegriffen wurden H.s Ideen teilweise von Franz Oppenheimer, der sie in seinem System des liberalen Sozialismus in veränderter Form und anderer Beweisführung wiederzubeleben versuchte.

  • Werke

    Weitere W Die Mängel d. österr. Aktiengesetzentwurfes, 1875;
    Die Valutafrage, 1875;
    Währung u. Handel, 1876;
    Die Goldrechnung in Österreich, 1880;
    Die Gesetze d. Handelspol., 1880;
    Das Personenporto, 1885;
    Das Wesen d. Geldes, 1887;
    Sozialdemokratie u. Sozialliberalismus, 1891;
    Das internat. Währungsproblem u. dessen Lösung, 1892;
    Eine Reise nach Freiland, 1893;
    Wechselkurs u. Agio, 1894;
    Freilands Wirtsch.ordnung, 1894;
    Entrückt in d. Zukunft, 1896;
    Die Probleme d. menschl. Wirtsch., I: Das Problem d. Gütererzeugung, 1897;
    Das soz. Problem, 1912. - Aufsätze in: Vjschr. f. Volkswirtsch., Pol. u. Kulturgesch.;
    Jbb. f. Nat.ökonomie u. Statistik, Jb. f. Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtsch.

  • Literatur

    G. Schmoller, Freihändler. Sozialismus, in: Jb. f. Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtsch. X, 1886, S. 855-64;
    J. Jastrow, Ein dt. Utopien, ebd. 15. 1891, S. 515-32;
    E. Leser, Th. H., Freiland e. soz. Zukunftsbild, in: Jbb. f. Nat.ökonomie u. Statistik NF 21, 1890, S. 537-42;
    F. Kleinwächter, Die Staatsromane, 1891, S. 125-47;
    F. Oppenheimer, Theorie d. reinen u. pol. Ökonomie, 1910, S. 589 f.;
    Th. Suranyi-Unger, Philos. in d. Volkswirtsch.lehre I, 1923, S. 81-83;
    C. Stegmann u. C. Hugo, Hdb. d. Socialismus, 1897, S. 316-18;
    Gr. jüd. Nat.-Biogr. III, 1928, S. 73 f.;
    E. Gönczi, in: Enc. of the Social Sciences VII, New York 1932, S. 340 f.;
    Enc. Jud. (L);
    ÖBL (W, L);
    Kosch, Lit.-Lex.;
    Brümmer.

  • Autor/in

    Gerhard Stavenhagen
  • Empfohlene Zitierweise

    Stavenhagen, Gerhard, "Hertzka, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 718 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118825186.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA