Lebensdaten
1752 bis 1819
Geburtsort
Leipzig
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Romanschriftstellerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118586564 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Holderieder, Benedikte (verheiratete in 1. Ehe)
  • Hebenstreit, Benedikte (geborene)
  • Naubert, Benedicte (verheiratete in 2. Ehe)
  • mehr

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Zitierweise

Naubert, Benedikte, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586564.html [26.09.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Ernst Hebenstreit (1702–57), Physiologe (s. NDB VIII); M Christiane Eugenie, T d. Benjamin Gottlieb Bosseck (1676–1758), Assessor d. Schöppenstuhls, Prof. d. Rechte in L., u. d. Sophie Elisabeth Bohn; 1) Lorenz Holderieder, Kaufm., Rittergutsbes. in Naumburg, 2) Johann Georg Naubert, Kaufm. in Naumburg u. L.; kinderlos.

  • Leben

    Nach dem frühen Tod des Vaters lag N.s Erziehung ganz bei der Mutter, die sie in allen „weiblichen Schicklichkeiten“ wie Handarbeiten, Klavier- und Harfespiel unterwies. Von ihren älteren Brüdern erhielt sie Privatunterricht in klassischen Sprachen, Philosophie und Geschichte; ihre besonderen Vorlieben aber galten der Mythologie, der mittelalterlichen Geschichte und den modernen Sprachen. Englisch, Französisch und Italienisch lernte sie im Selbststudium. Seit ihrer ersten Ehe lebte sie in Naumburg, nach ihrer eigenen Aussage relativ sorglos und glücklich. Im Alter taub und fast erblindet, begab sie sich zu einer Augenoperation nach Leipzig, wo sie bald darauf starb.

    Mit 27 Jahren veröffentlichte N. ihren ersten Roman „Heerfort und Klärchen“ (Nachdr. mit Nachwort von G. Sauder, 1982), der noch sehr konventionell der Empfindsamkeit huldigt. Bis zu ihrem Lebensende folgten über 50 Romane, zahlreiche Novellen und Märchen. Alle Werke erschienen anonym, was in dieser Zeit nicht unüblich war, da Erzählprosa noch nicht zu den kanonisierten Gattungen zählte; „schreibende Frauenzimmer“ und ihre Werke wurden auch leicht diskriminiert, so daß sie sich aufgrund ihrer Erziehung und Selbsteinschätzung in dieser Hinsicht keine gesellschaftlichen Blößen geben wollten. N. selbst bezeichnet in einem Brief an ihren Verleger Rochlitz „die viel glücklichere Verborgenheit“ als einen „Schleyer vor Lob und Tadel“. Daher wurden ihre Werke meist zeitgenössischen Autoren zugeschrieben (Körner an Schiller: „Alle Produkte scheinen von einem Manne, und von keinem mittelmäßigen Kopfe zu seyn“). Erst 1817 lüftete K. F. Schütz in der „Zeitschrift für die elegante Welt“ ohne ihre Zustimmung das Inkognito, worauf sie ein Jahr später den letzten Roman „Rosalbe“ (1818) unter ihrem Namen erscheinen ließ.

    Ihre Werke fanden von Anfang an große Beachtung. Sie übten auch langfristig einen indirekten Einfluß auf Stoffaufbereitung und Erzählstruktur historischer Romane aus. Gegenüber dem bis dahin vorherrschenden historischen Heldenroman nach Heliodor-Schema entwickelte sie nämlich ein neues Verhältnis zwischen Geschichtsschreibung und Phantasie, indem sie eine erfundene „private Geschichte“ vor dem Hintergrund der Weltereignisse inszenierte und beides auf besondere Weise miteinander verband: Während die Darstellung von Menschen und Ereignissen der großen Politik auf zugänglichen Quellen und Chroniken beruht, folgt die private Geschichte mit ihren Gefühlen und Konflikten, die sich aus Familienverhältnissen, Liebe, Eifersucht und Verrat nähren, den Bildungsmustern und der Psychologie des 18. Jh. Dadurch werden gesellschaftliche, ethische und psychologische Ansichten der Gegenwart auf die historischen Epochen übertragen – oder umgekehrt: die Historie wird zur ironischen Verkleidung für Zeitkritik. Dieser Zug tritt immer stärker hervor, was sich etwa an damals vielgelesenen Werken wie „Walter von Montbarry, Großmeister des Tempelordens“ (1786) und „Herrmann von Unna, Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte“ (1789) deutlich zeigt. Beide Ebenen werden strukturell durch etwas Unerklärbares, Magisches, etwa den Bericht einer Ahnfrau, verbunden. Dieser Einbruch des Phantastischen, Irrationalen oder Magischen bringt die doch scheinbar realistischen Geschichtsromane in die Nähe von Märchen und Sagen. N.s „Märchen“ (Neue Volksmärchen der Deutschen, 1789–93; Alme, oder egypt. Mährchen, 1793–97; Velleda, 1797) folgen der im 18. Jh. gepflegten Tradition der|„Contes des Fées“ und den arab. Märchen nach „Tausend und einer Nacht“, enthalten aber auch realistische Elemente. Diese Art findet in der klassischen und frühromantischen Novelle durchaus ihre Fortsetzung, weicht aber von der spätromantischen Auffassung der Grimmschen Volksmärchen ab. Die Aufhebung der Grenzen zwischen Geschichtsschreibung, Familienroman und Märchen bedeutet eine wesentliche Bereicherung für die Entwicklung nicht nur des historischen Romans im 19. Jh. Einige Autoren, wie Achim v. Arnim, Friedrich de la Motte Fouqué, Matthew Gregory Lewis und Sir Walter Scott beriefen sich direkt auf N.; ihr Einfluß läßt sich – in unterschiedlicher Richtung – bis zu den „Professorenromanen“ des 19. Jh. einerseits, den „Fantasy Stories“ des 20. Jh. andererseits verfolgen. Eine Wiederentdeckung und neue Bewertung ist seit den 70er Jahren eingeleitet worden.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Amtmännin v. Hohenweiler, 1787; Gesch. d. Gfn. Thecla v. Thurn, 1788; Elisabeth, Erbin v. Toggenburg, 1789; Gf. Werner v. Bernburg, 1789; Alf v. Dülmen, od. Gesch. Kaiser Philipps u. seiner Tochter, 1790; Barbara Blomberg, vorgebl. Maitresse Kaiser Karls d. Fünften, 1790; Gebhart, Truchseß v. Waldburg, 1791; Philippine v. Geldern, 1792; Ulrich Holzer, 1793; Der Bund d. armen Konrads, 1795; Joseph Mendez Pinto, 1802. – Briefe: Sich rettend aus d. kalten Wirklichkeit, Die Briefe B. N.s., Edition, Kritik, Kommentar, hrsg. v. N. Dorsch, 1986. – W-Verz.: Goedeke V, S. 497; T. C. F. Enslin, Bibl. d. schönen Wiss., 21837, S. 277-79.

  • Literatur

    ADB 23; C. Touaillon, Der dt. Frauenroman d. 18. Jh., 1919; K. Schreinert, B. N., Ein Btr. z. Entstehungsgesch. d. hist. Romans in Dtld., 1941, Nachdr. 1969; L. E. Kurth, Historiographie u. hist. Roman, Kritik u. Theorie im 18. Jh., in: Modern Language Notes 79, 1964, S. 337-62; ders., Eine Notiz W. Grimms zu d. Überss. d. B. N., ebd. 84, 1969, S. 457 f.; M. Beaujean, Der Trivialroman in d. 2. Hälfte d. 18. Jh., 21969, S. 107-13; M. Hardley, The German Novel of 1790, 1973; J. Blackwell, Weibl. Gelehrsamkeit od. d. Grenzen d. Toleranz, Die Fälle Karsch, N. u. Gottsched, in: Lessing u. d. Toleranz, Lessing Yearbook, Sonder-Bd. 1986, S. 325-39; dies., Fractured Fairy Tales, German Women Authors and the Grimm Tradition, in: Germanic Review 62, 1987, S. 162-74; M. Neumann, Novalis u. Walter v. Montbarry, in: Lit.wiss. Jb. NF 33, 1989, S. 317-21; J. Blackwell, Die verlorene Lehre d. B. N., d. Verbindung zw. Phantasie u. Gesch.schreibung, in: Unterss. z. Roman v. Frauen um 1800, 1990, S. 148-59; S. C. Jarvis, The Vanished Woman of Great Influence, B. N.s Legacy and German Women's Fairy Tales, in: The Shadow of Olympus, German Women Writers Around 1800, 1992, S. 191-209; Jöcher-Adelung VI, Sp. CCCIV f.; Meusel 18; Brümmer (18. Jh.); Kosch, Lit.-Lex.3; Killy.

  • Autor

    Marion Beaujean
  • Empfohlene Zitierweise

    Beaujean, Marion, "Naubert, Benedikte" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 757-758 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586564.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Naubert: Christiane Benedicte Eugenie N. wurde am 13. September 1756 zu Leipzig geboren. Ihr Vater war der berühmte Professor der Medicin, Dr. Johann Ernst Hebenstreit, der schon im December 1757 als ein Opfer seiner Berufstreue am Lazarethtyphus starb. Die vaterlose Waise wurde von einer trefflichen Mutter in allen damals üblichen weiblichen Arbeiten, vorzüglich im Sticken unterrichtet, worin sie es zu einer solchen Geschicklichkeit brachte, daß sie ganze Gegenden mit leichter Mühe mit der Nadel aufnahm. Ihre wissenschaftliche Ausbildung leitete besonders ihr Stiefbruder, der Professor der Theologie Hebenstreit, der sie sogar in die alten classischen Sprachen, in die Philosophie und Geschichte einführte. Die Kenntniß der französischen, italienischen und englischen Sprache verdankte sie ihrem eigenen Studium. Ihre Mußestunden waren der Musik gewidmet: sie spielte Clavier und Harfe, letztere sogar noch in ihrem Alter mit einer gewissen Virtuosität. Dieser gelehrten Bildung ungeachtet, versäumte sie nie die dem weiblichen Berufe eigenthümlich angewiesenen Pflichten; sie war häuslich und lebte eingezogen, führte in früherer Zeit die Wirthschaft ihrer Mutter und war die unverdrossene Pflegerin am Krankenbette derselben. Die Schriftstellerin war zweimal verheirathet, zuerst mit Lorenz Holderieder, Kaufmann und Rittergutsbesitzer in Naumburg, mit dem sie sechs glückliche Jahre verlebte, und nachmals mit Johann Georg Naubert, einem angesehenen Kaufmann ebendaselbst, der sich später nach Leipzig wandte. Die Beschäftigung ihres regen Geistes war ihr in den frühesten Zeiten Erholung, in den späteren Jahren Bedürfniß, und als sich eine Schwäche des Gehörs und Gesichts bei ihr einstellte, konnte sie doch ihren Geist nicht zur Unthätigkeit verweisen, und so dictirte sie ihre Romane. Im Herbste 1818 siedelte sie nach Leipzig über, um sich hier auf eine Operation an den Augen vorzubereiten. Eine Erkältung, die sich zunächst in einer rheumatischen Hals- und Brustentzündung äußerte, ging schnell in Lungenlähmung über, und schon nach vier Tagen machte der Tod am 12. Januar 1819 ihrem Leben ein Ende. Benedicte N. war eine äußerst fruchtbare Schriftstellerin; ihre Schriften, theils Originalwerke, theils Uebersetzungen aus dem Englischen, zählen mehr als 80 Bände. Bis fast an das Ende ihres Lebens war ihr eifriges Bestreben, sich in eine dunkle Anonymität zu hüllen, von einem glücklichen Erfolge gekrönt; erst ihren Roman "Rosalba" (II, 1817) unterzeichnete sie mit ihrem Namen. Daher kam es auch, daß ihre Romane bald dem Forstrath Cramer in Meiningen, bald dem Buchhändler Heinse in Zeitz, bald Johann E. Friedrich Wilhelm Müller (Filidor) in Leipzig, bald dem Professor Milbiller in Wien zugeschrieben wurden. Zu ihren Romanen verwerthete die Verfasserin vorwiegend historische Stoffe. Sie entwickelte darin mannigfaltige historische Kenntnisse und gute Auffassung der Zeitverhältnisse, besonders des Mittelalters. Bei einer reichen und lebendigen Phantasie zeigte sie klaren Verstand in der Composition ihrer Werke, die sich außerdem durch tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, durch echten Sinn für alles Schöne und Gute und durch die reinste Weiblichkeit auszeichnen. Zu erwähnen wären besonders "Walther von Montbarry" (II, 1786); "Geschichte der Gräfin Thekla von Thurn" (II, 1788); "Hermann von Unna" (II, 1788); "Konradin von Schwaben" (II, 1788); "Elisabeth, Erbin von Toggenburg" (1789); "Werner Graf Bernburg" (II, 1790); "Konrad und Siegfried von Feuchtwangen" (II, 1792) u. v. a. Von ihren sonstigen Schriften sind besonders die "Neuen Volksmärchen der Deutschen" (V, 1789—93) hervorzuheben, die man wohl hie und da für Nachahmungen des Musäus erklärt, die aber völlig freie Erfindungen sind und manchem Schriftsteller (Oehlenschläger, Hoffmann u. a.) Stoff zu seinen Dichtungen geboten haben.

    • Literatur

      Schindel, die deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrh. Leipzig 1825. 2. Bd., S. 32. — Damenconversationslexikon. Adorf 1846. 7. Bd., S. 373.

  • Autor

    Brümmer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brümmer, Franz, "Naubert, Benedikte" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 295-296 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118586564.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA