Lebensdaten
1856 bis 1918
Geburtsort
Natschbach bei Neunkirchen (Niederösterreich)
Sterbeort
Diepolz bei Neunkirchen
Beruf/Funktion
Mundartforscher ; Namenforscher ; Literaturhistoriker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 116880414 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nagl, Hans Willibald
  • Nagl, Johann Willibald
  • Nagl, Hans Willibald
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Zitierweise

Nagl, Johann Willibald, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116880414.html [21.08.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann, Bauer in Natschbach;
    M Gertraud Pinkl;
    N. N.

  • Leben

    N. zeigte bereits im Wiener Neustädter Gymnasium großes Interesse an Dialekt und Sprache. Dieses wurde dann im Wiener Schottenstift, in das N. 1875 als Novize eingetreten war, durch P. Hugo Mareta und P. Coelestin Wolfsgruber besonders gefördert. 1879 verließ N. jedoch das Kloster und wechselte von der Theologie zum Studium der deutschen und klassischen Philologie an der Univ. Wien. Von der positivistischen Textphilologie Richard Heinzels enttäuscht, bildete sich N. auf dem Gebiet der Dialektologie, die noch kein Studienfach war, autodidaktisch weiter. Hierbei beeinflußte ihn die Lautphysiologie von Eduard Sievers und Ernst Brücke und deren Anwendung durch Jost Winteler ebenso nachhaltig wie die auf den Zusammenhang von Sprache und Denken ausgerichtete Sprachpsychologie von Heymann Steinthal. In Verbindung mit sozialpädagogischen Bestrebungen, das Bildungsniveau der Landbevölkerung zu fördern, übertrug N. allmählich das Tierepos „Der Fuchs Roaner“ (1889, 21909) in seinen südostniederösterr. Heimatdialekt und benutzte den IV. Gesang als Grundlage für seine „Grammatische Analyse des niederösterr. Dialektes“ (1886), eine Untersuchung in Form kommentierender Anmerkungen. Daraus entstand die Untersuchung „Die Conjugation des schwachen und starken Verbums im niederösterr. Dialekt“ (1883), mit der N. 1886 promovierte, sowie die Studie „Die Declination der drei Geschlechter des Substantivs im niederösterr. Dialekt“ (1884). Zur Förderung und Etablierung der Dialektologie besonders im Hinblick auf die Erforschung des Lautwandels strebte N. eine Universitätslaufbahn an. Vorbehalte Heinzels gegenüber einer nicht textphilologisch orientierten neuen Fachrichtung und der Vorwurf zu geringer sprachhistorischer Durchdringung der bisherigen Untersuchungen führten N. von Wien zunächst nach Graz, wo er sich 1890 bei Anton Emanuel Schönbach, der die Bedeutung der lebenden Dialekte für die Interpretation dialektal beeinflußter Texte des Spätmittelalters erkannt hatte, habilitierte. Seine Lehr- und Forschungstätigkeit, besonders auf den Gebieten der Phonetik, Lautgeschichte, Lehnwortforschung, Dialektdichtung und Ortsnamenkunde, übte N. aber 1891-1918 als Dozent an der Univ. Wien aus. Von seinen Kollegen mangels neuer Konzepte und wegen seiner aggressiv-konzessionslosen Art wenig geschätzt und hintangestellt, hatte er weder mit seiner Zeitschrift „Deutsche Mundarten“ (I, 1895-1901, II, 1906) Erfolg, noch wurde er von Joseph Seemüller in die Arbeit der 1911 gegründeten Akademiekommission zur Schaffung des Österr.-Bayer. Wörterbuches eingebunden. Da N. nicht die neuen junggrammatisch-dialekthistorischen und die von Tübingen und Marburg ausgehenden dialektgeographischen Entwicklungen mitvollzog, geriet er zunehmend ins wissenschaftliche Abseits und zog sich enttäuscht und verbittert in seine Heimat zurück. Erfolgreich war dagegen die mit Jakob Zeidler konzipierte und mit weiteren Gymnasiallehrern erarbeitete „Deutsch-österr. Literaturgeschichte“ (2 Bde., 1898/1914), zu der N. die Kapitel zum Mittelalter beisteuerte.

    Die Ablehnung N.s in Wien vor allem durch die dort vorherrschende junggrammatische „Wiener dialektologische Schule“ erweist sich im Rückblick angesichts seiner wenig fortschrittlichen wissenschaftlichen Ausrichtung zwar als verständlich, aber nicht als gerechtfertigt. Für die ersten namhaften und methodisch bestimmenden Vertreter Primus Lessiak und Anton Pfalz war N. insofern wesentlich, als sie die Grundlagen ihrer entwickelten Prinzipien und Methoden durch N.s Übungen und Schriften kennengelernt hatten. Auf N. gehen in der Dialektologie zurück die Heranziehung der Phonetik und die sog.|„direkte Methode“ der Materialgewinnung, die von Pfalz zur „Reihenschrittheorie“ ausgebaute Erkenntnis korrespondierender Entwicklungen palataler und velarer Vokale, die synchrone Darstellung der Flexionsmorphologie, die von Lessiak ausgebauten lautlichen Substitutionsregeln im Lehnwortaustausch sowie die Erkenntnis einer zu jeder Zeit herrschenden soziologischen Differenzierung der gesprochenen Sprache in eine Ober- und Unterschicht mit einem geographischen Stadt-Land-Gegensatz. In der Namenkunde verlangte N. für die Erarbeitung der Etymologie die Zugrundelegung der gesamten urkundlichen Überlieferung, die Einbeziehung der rezenten dialektalen Aussprache und bei Lagenamen die Realprobe sowie die Berücksichtigung der typologischen und landschaftlichen Zusammenhänge.|

  • Auszeichnungen

    Prof. d. Handelsak. Wien (1906); Reg.rat (1912); Franz-Joseph-Orden.

  • Werke

    Weitere W u. a. Lehrer, Bauernabende u. Volksstudien, 1883, 21888;
    Päd. Bedeutung d. Wirtsstube im Bauernleben, 1886;
    Die wichtigsten Beziehungen zw. d. österr. u. d. čechischen Dialect, in: Bll. d. Ver. f. Landeskde. v. Niederösterreich 21, 1887, S. 356-88, u. 22, 1888, S. 417-34;
    Vocalismus d. bair.-österr. Mundart hist. beleuchtet, 1895;
    Über d. Gegensatz zw. Stadt- u. Landdialekt in unseren Alpenländern, in: Zs. f. österr. Volkskde. 1, 1895, S. 33-36, 166-67;
    Geogr. Namenkde., 1903;
    Dt. Sprachlehre f. Mittelschulen, 1905, 21906;
    Dialektforschung u. geogr. Namenskde., in: Jb. f. Landeskde, v. Niederösterreich, NF 13/14, 1915, S. 90-111.

  • Literatur

    A. Pfalz, Zum Gedächtnis H. W. N.s, in: Mbll. d. Ver. f. Landeskde. v. Niederösterr. 9, 1918, S. 190-92;
    ders., Mundartforschung, in: Nagl-Zeidler-Castle III, 1930, S. 91 f. (P);
    E. Leitner, Die neuere dt. Philol. an d. Univ. Graz, 1973, S. 158-63 (P);
    P. Wiesinger, J. W. N. (1856-1918), d. Pionier d. bair.-österr. Mundarten- u. Namenforschung in Wien, in: F. Debus u. K. Puchner (Hrsg.), Name u. Gesch., H. Kaufmann z. 80. Geb.tag, 1978, S. 349-72;
    ders., Die Wiener dialektolog. Schule, 1983, S. 3-6;
    ders., Namenforschung in Österreich, in: Namenforschung, hrsg. v. E. Eichler u. a., I, 1995, S. 140-47;
    Wi. 1914;
    ÖBL;
    Kosch, Lit.-Lex.3

  • Portraits

    Phot. auch in: Der Fuchs Roaner, 21909.

  • Autor/in

    Peter Wiesinger
  • Empfohlene Zitierweise

    Wiesinger, Peter, "Nagl, Johann Willibald" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 713 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116880414.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA