Lebensdaten
1890 bis 1979
Geburtsort
Koblenz
Sterbeort
Boppard/Rhein
Beruf/Funktion
Biologe ; Genetiker
Konfession
altkatholisch
Normdaten
GND: 118785559 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nachtsheim, Hans
  • Nachtsheim, Friedrich Josef Hans

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Zitierweise

Nachtsheim, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785559.html [19.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (1859–1942), Geh. Justizrat, Oberlandesger.rat in Köln, S d. Friedrich (1833–1908), Berging., Gasanstaltsdir. in B., u. d. Christine Alken (1831–1902);
    M Anna (1864–1939), T d. Matthias Mallmann (1823–83), Weingutsbes., u. d. Josefine Brust (1823–1901);
    Düsseldorf 1923 Dorothea (1891–1956), Lehrerin, T d. Otto Freiwald (1860–1945), Zollrat in Zeitz, u. d. Dorothee Rohlfing (1865–1958);
    1 T Gisela (* 1929, Manfred Eysser, Ministerialrat), Med.-techn. Assistentin.

  • Leben

    N. absolvierte das humanistische Gymnasium, studierte in Bonn und München Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Biologie sowie Medizin bis zum Vorklinikum. 1913 wurde er in München zum Dr. phil. promoviert. Nach kurzem Aufenthalt bei Franz Doflein in Freiburg kehrte N. 1916 als Assistent Richard Hertwigs nach München zurück, wo|er sich 1919 für Zoologie und vergleichende Anatomie habilitierte (Zytologische und experimentelle Untersuchungen über die Geschlechtsbestimmung bei Dinophilus apatris). Während des 1. Weltkriegs konnte er als Mitglied der Mazedon. Landeskommission hydrobiologisch forschen und als Angehöriger der Zensurbehörde ungehindert die ausländische Fachliteratur studieren. Dabei wurde er auch zur Übersetzung von Thomas Hunt Morgans wegweisendem Buch „The physical basis of heredity“ angeregt, die 1921 unter dem Titel „Die stoffliche Grundlage der Vererbung“ erschien. Im selben Jahr wurde N. zum Oberassistenten und Abteilungsleiter an das von Erwin Baur geleitete Institut für Vererbungsforschung an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin berufen und 1923 nach der Umhabilitation für Vererbungslehre zum ao. Professor ernannt.

    Standen zunächst Studien zur Biologie der Honigbiene im Vordergrund, wandte sich N. zunehmend der Säugetiergenetik zu, speziell der der landwirtschaftlichen Nutztiere. Dabei wurde das Kaninchen zu seinem bevorzugten Versuchstier. Seine Ansichten zur Entwicklung von Haustieren sowie ihrer Domestikation und Rassebildung stellte er 1936 in einer zusammenfassenden Monographie dar (Vom Wildtier zum Haustier, 21949, 31977). Die seit 1934 intensivierten erbpathologischen Untersuchungen am Tier führten ihn zu der Annahme, daß die Pathogenese genetisch bedingter Krankheiten bei Mensch und Säugetier denselben Gesetzen unterworfen und – sich hier auf den Anthropologen Eugen Fischer (1874–1967) beziehend-bevorzugt unter dem Gesichtspunkt veränderter Selektionsbedingungen (weitgehender Wegfall der natürlichen Auslese beim Menschen) zu betrachten sei. Rassebildung beim Tier setzte er im wesentlichen mit der beim Menschen gleich. Mit dieser Betrachtungsweise wurde er zu einem Begründer und führenden Vertreter der vergleichenden Erbbiologie und -pathologie.

    Schon seit den 20er Jahren hatte sich N. auch auf dem Gebiet der Eugenik engagiert und war in Vorträgen für die Sterilisation aus eugenischen Gründen eingetreten. Seine Berufung 1940 zum Leiter der neuen Abteilung für experimentelle Erbpathologie an das von Eugen Fischer geleitete Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, Eugenik und menschliche Erblehre ermöglichte es ihm, sich stärker der Humangenetik zuzuwenden und die am Tier gewonnenen Erkenntnisse gezielt auf den Menschen zu übertragen. Insbesondere die Untersuchung der Krampfbereitschaft, z. B. des provozierten Cardiazolkrampfes als Nachweis einer erblichen Epilepsie am Kaninchen, betrachtete er als Ergänzung und Untermauerung der von anderen ausgeführten Versuche am Menschen. Die Auslösung von epileptischen Krämpfen durch Sauerstoffmangel wurde im Tierversuch und an epileptischen Kindern untersucht. Das Ende des Krieges verhinderte die Fortsetzung dieser Experimente, die N. mit den Grundsätzen der wissenschaftlichen und medizinischen Ethik vereinbaren zu können glaubte. N., der nicht der NSDAP oder einer ihrer Organisationen angehörte und dessen Integrität auch nach 1945 nie in Zweifel gezogen wurde, befand sich dennoch insofern im Einklang mit nationalsozialistischen Zielen, als auch er sich im Sinne einer in sich geschlossenen Rassenbiologie nur am Wohle des Volkskörpers und nicht des Individuums orientierte. Anfang 1945 verlagerte der Direktor des KWI, Otmar v. Verschuer, die Unterlagen des Instituts nach Westdeutschland, nur N., zum kommissarischen Leiter eingesetzt, und einige wenige Institutsangehörige blieben in Berlin. N.s Abteilung für experimentelle Erbpathologie gehörte 1947-49 zur Deutschen Akademie der Wissenschaften und stand somit unter sowjet. Kontrolle, blieb aber in dem zum Westteil Berlins gehörenden Dahlem. 1949 wurde sie in die Deutsche Forschungshochschule Berlin-Dahlem eingegliedert und 1953 als Max-Planck-Institut (MPI) für vergleichende Erbbiologie und Erbpathologie fortgeführt. 1960 trat N. in den Ruhestand. Nachdem N. 1939 zum apl. Professor an der Univ. Berlin ernannt worden war, übernahm er 1946 zusätzlich zur Leitung des KWI/MPI das dort neu eingerichtete Ordinariat für Genetik. 1949 wechselte er aus politischen Gründen auf das Ordinariat für allgemeine Biologie und Genetik an der 1948 gegründeten FU Berlin und wurde Direktor des Instituts für Genetik. 1955 wurde er emeritiert.

    N. wandte sich in den folgenden Jahren vehement gegen den Lyssenkoismus und die Unterdrückung der Genetiker im sowjet. Machtbereich, hielt den Kommunismus für gefährlicher als den Nationalsozialismus, nahm aber als einer der ganz wenigen deutschen Genetiker den politischen Sündenfall seiner Wissenschaft ernst. Als einziger deutscher Genetiker wirkte N. an der von der UNESCO 1949 beschlossenen Erklärung gegen den Rassismus mit. Er gewann erheblichen Einfluß als einer der Begründer der Humangenetik in der Bundesrepublik Deutschland, der sich anfangs merklich von den kontinuierlichen Entwicklungen der Anthropologie, Rassen- und Konstitutionsbiologie absetzte. Durch die Ergebnisse der Strahlengenetik und die Diskussion um die drohende Überbevölkerung der Erde äußerst beunruhigt, wurde N. seit den 50er Jahren als einziger Genetiker in der Bundesrepublik Deutschland zu einem nachdrücklichen Verfechter der Sterilisierung aus eugenischer Indikation und erklärte auch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses für rechtmäßig und nicht aus dem Geist des Nationalsozialismus entstanden. Während sich andere Rassenhygieniker, Anthropologen und Genetiker den veränderten politischen Bedingungen anpaßten, isolierte sich N. schließlich völlig innerhalb der von ihm selbst mit angeregten Neuentwicklung der Humangenetik in Deutschland.|

  • Auszeichnungen

    Gr. BVK mit Stern (1955).

  • Werke

    Weitere W u. a. Cytolog. Stud. üb. d. Geschlechtsbestimmung b. d. Honigbiene, Diss. München 1913;
    Die Grundgesetze d. Vererbung, 1934;
    Ein halbes Jh. Genetik, 1951;
    Für u. wider d. Sterilisierung aus eugen. Indikation, 1952;
    Das MPI f. vgl. Erbbiol. u. Erbpathol., in: Münchener med. Wschr. 96, 1954, Beil. zu Nr. 43 nach S. 1274 (mit H. Lüers);
    Kampf d. Erbkrankheiten, 1966;
    zahlr. Btrr. in Fachzss.

  • Literatur

    W. Ulrich, in: Moderne Biol., FS z. 60. Geb.tag v. H. N., 1950, S. 7-22 (P, W);
    F. Vogel, in: Münchener med. Wschr. 102, 1960, S. 1254 f. (P);
    ders., Das MPI f. vgl. Erbbiol. u. Erbpathol., in: Jb. d. MPG 1961, T. 2, S. 291-300;
    ders., in: MPG Berr. u. Mitt. 1980, Nr. 3, Sonderh., S. 25-29 (P);
    ders. u. B. E. Wolf, in: Verhh. d. Dt. Zoolog. Ges. 73, 1980, S. 374-76 (P);
    D. Opitz, Bibliogr. H. N., 1970 (P);
    In memoriam H. N., in: Zs. f. Tierzüchtung u. Züchtungsbiol. 97, 1980, S. 250 f. (P);
    B. E. Wolf, in: SB d. Ges. Naturforschender Freunde zu Berlin NF 20/21, 1981, S. 29-36 (P);
    W. Plarre, A contribution to the history of science of heredity in Berlin, in: H. Scholz (Hrsg.), Botany in Berlin, 1987, S. 147-217 (P);
    P. Weingart, J. Kroll u. K. Bayertz, Rasse, Blut u. Gene, Gesch. d. Eugenik u. Rassenhygiene in Dtld., 1988;
    U. Deichmann, Biologen unter Hitler, 1992, S. 267-80. – Eigene Stud. im Archiv z. Gesch. d. MPG, Berlin.

  • Autor/in

    Michael Engel
  • Empfohlene Zitierweise

    Engel, Michael, "Nachtsheim, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 684-686 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118785559.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA