Lebensdaten
1925 bis 1988
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Karlsruhe
Beruf/Funktion
jüdischer Verbandspolitiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 138189420 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nachmann, Werner

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Zitierweise

Nachmann, Werner, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd138189420.html [19.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Der Fam. wurde 1712 d. Bürgerrecht in d. Mgfsch. Baden-Durlach zugestanden. V Otto (1893–1961), Kaufm. in K., Vors. d. jüd. Gemeinde in K. u. Präs. d. Oberrates d. Israeliten Badens (s. BHdE I), S d. Samuel u. d. Fanny Meier;
    M Hertha (1900–89), gründete d. jüd. Frauenver. in K., T d. Versicherungskaufm. Ludwig Homburger aus K. u. d. Selma Stern aus Würzburg;
    1) Karlsruhe 1955 ( 1970) Evelyne (* 1935) aus Paris, T d. Armand Rapoport (1910–66), Dir. e. Kinoges., u. d. Hélène Dembo (* 1913), 2) 1970 Aviva Errera (* 1943) aus Israel;
    1 S (früh †) aus 1), 1 S aus 2).

  • Leben

    N. floh mit seiner Familie 1938 vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung nach Frankreich, wo er das Gymnasium in Aix-en-Provence besuchte. 1945 kehrte er als franz. Offizier nach Karlsruhe zurück. Er wurde Juniorchef und 1954 Alleininhaber des von seinem Vater nach dem Krieg wiederbegründeten Verarbeitungs- und Handelsunternehmens für industrielle Rohstoffe „Otto Nachmann“. Später kaufte und gründete er weitere Firmen. Schon 1954 wurde N. Vorsitzender der Karlsruher jüd. Gemeinde, 1961 auch Vorsitzender des Oberrates der Israeliten Badens. Gleichfalls ehrenamtlich fungierte er als Vorsitzender des Rohstoffverbandes Baden-Württemberg und seit 1965 als Vorsitzender des Direktoriums des Zentralrats der|Juden in Deutschland sowie später auch als Vizepräsident der europ. Sektion des Jüd. Weltkongresses.

    Aufgrund seiner Bodenständigkeit erschien N. eher als in Osteuropa aufgewachsene und sich mit dem Staat Israel identifizierende Juden geeignet, die Kluft zu den nichtjüd. Deutschen zu überwinden und jüd. Interessen in der deutschen Politik zu vertreten. Er trat mit großer Entschiedenheit für die Integration der kleinen jüd. Gruppe in die deutsche Gesellschaft ein, von der er allerdings die Anerkennung ihrer historischen Schuld gegenüber den Juden verlangte. N. verstand sich als Fürsprecher israel. außenpolitischer Interessen, stand aber dem israel. Werben um jüd. Einwanderung aus Deutschland ablehnend gegenüber; entsprechend versuchte er, den starken zionistischen Einfluß auf die jüd. Gemeinden einzudämmen. Seit 1964 gehörte N. zu den Herausgebern der „Allgemeinen Jüd. Wochenzeitung“. Auf seine Initiative hin entstand 1971 in Karlsruhe der erste Neubau einer Synagoge im Deutschland der Nachkriegszeit sowie 1979/82 in Heidelberg die Hochschule für jüd. Studien. N. galt vielen deutschen Politikern als wichtiger Helfer beim Bemühen um Aussöhnung mit den Juden im Staat Israel und in aller Welt. Gegen vereinzelte jüd. Kritiker vertrat er stets den Standpunkt, Konzilianz und stille Diplomatie seien der Sache der Juden förderlicher als laute Proteste. Zum offenen Streit innerhalb der jüd. Gemeinschaft kam es 1978, als N. öffentlich Partei für den wegen seiner Mitwirkung an Todesurteilen in der NS-Zeit attackierten baden-württ. Ministerpräsidenten Hans Filbinger ergriff. Im In- und Ausland entwarf er ein freundliches Bild der deutschen Gegenwart, das sich mit einem gesellschaftlich und politisch konservativen Weltbild verband. N. wollte die Juden in Deutschland weder als privilegierte noch als diskriminierte Minderheit behandelt sehen, sondern als gesellschaftliche Gruppe, wie sie die Katholiken und die Protestanten auch darstellten. Unter N.s Führung erreichte der Zentralrat 1980 in Verhandlungen mit der Bundesregierung eine Regelung für ungelöste Fragen der sog. Wiedergutmachung: Für jüd. NS-Opfer, die bis dahin keine materielle Entschädigung erhalten hatten, stellte der Bund 400 Mio. Mark zur Verfügung. Die Mittel flossen in den folgenden Jahren aus der Bundeskasse über den Zentralrat der Juden in Deutschland und eine internationale jüd. Dachorganisation an die Anspruchsberechtigten. N. verschaffte sich die alleinige Verfügungsgewalt über diese durchfließenden Gelder. Erst nach seinem Tod wurden Belege für finanzielle Unregelmäßigkeiten gefunden. 29 Mio. Mark waren in seinen inzwischen konkursreifen Unternehmen versickert oder anderweitig verschwunden. Da der mutmaßliche Alleintäter verstorben war, beendete die Staatsanwaltschaft rasch ihre Ermittlungen.|

  • Auszeichnungen

    Gr. Bundesverdienstkreuz (1975) mit Stern (1979) u. Schulterband (1983); Verdienstmedaille d. Landes Baden-Württemberg; Ehrensenator d. Univ. Heidelberg (1985); Theodor-Heuss-Preis (1986).

  • Literatur

    H. Maor, Über d. Wiederaufbau d. jüd. Gemeinden in Dtld. seit 1945, Diss. Mainz 1961;
    D. Kuschner, Die jüd. Minderheit in d. Bundesrepublik Dtld., Diss. Köln 1977;
    M. Brumlik u. a. (Hrsg.), Jüd. Leben in Dtld. seit 1945, 1986;
    R. Vogel, in: Das Parlament Nr. 6 v. 5.2.1988 (P);
    Y. Meroz, In schwieriger Mission, Als Botschafter Israels in Bonn, 1988;
    A. Nachama u. J. H. Schoeps (Hrsg.), Aufbau nach d. Untergang, Dt.-jüd. Gesch. nach 1945, Gedenkschr. f. H. Galinski, 1992;
    A. Silbermann u. H. Sallen, Juden in Westdtld., Selbstbild u. Fremdbild e. Minorität, 1992;
    Gorzny.

  • Autor/in

    Hans Jakob Ginsburg
  • Empfohlene Zitierweise

    Ginsburg, Hans Jakob, "Nachmann, Werner" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 680 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138189420.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA