Lebensdaten
1737 bis 1781
Geburtsort
bei Prag
Sterbeort
Rom
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118735500 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mysliveček, Joseph
  • Misliweczek, Josef
  • Il Boëmo (seit 1766 auch)
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Zitierweise

Myslivecek, Josef, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735500.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Mathias(Matěj, 1697-1749), aus d. Eichenmühle in Šárka b. Prag, Altstädter Bürger, Müller in d. Sova-Mühle auf d. Prager Kleinseite u. Oberältester Müller (seit 1729), S d. Pavel „alias dictus Chybil“ u. d. Ludmila „molitoressa“;
    M Anna Červenková (1706-67), T d. Marie u. d. Jiří Červenka;
    Zwillings-B Joachym (1737–88), Altstädter Oberältester Müller (1767), Flößer d. Gf. Vincenz v. Waldstein;
    Schw Marie Anna (* 1741), Zisterzienserin (soror Bernarda) in Altbrünn.

  • Leben

    Nach dem Trivium bei den Dominikanern von St. Ägidius (bis 1747) und einem nicht beendeten Studium auf dem Jesuitengymnasium ging M. 1753-56 bei dem Altstädter Müller Václav Klika in die Lehre. Zusammen mit seinem Bruder wurde er 1758 in die Zunft aufgenommen und legte 1761 seine Meisterprüfung ab. Schon 1749 galt M. als „guter Violinspieler“. Nach Unterricht bei Franz Habermann (1760) und Franz Seeger (1761) komponierte er bereits nach einem halben Jahr Sinfonien. Sechs davon mit den Titeln „Januar“ bis „Juni“ ließ er anonym aufführen und gewann damit Gf. Vincenz v. Waldstein als Mäzen. Widmung und anschließende Aufführungen der Kantate „Il Parnasso confuso“ sowie anderer geistlicher Arien belegen die dauerhafte Verbundenheit mit dem Zisterzienserkloster in Ossegg sowie den Benediktinern in Břevnov, die ihm u. a. 3000 Gulden für eine Reise nach Italien liehen. Ende 1763 brach er auf, um sein Können in Venedig bei Giovanni Battista Pescetti zu vervollkommnen. Nach Pelzel errang er in Parma mit einer ersten Oper einen glänzenden Erfolg (1764/65?).

    1767 wurden die „Gratulationskantate“ und die Oper „Bellerofonte“ für das Teatro San Carlo in Neapel mit Begeisterung aufgenommen. In der Folge erhielt M. zahlreiche Aufträge für Opern und Oratorien auch für Turin, Pavia, Prag, Padua, Venedig, Bologna, Florenz und Mailand, wobei er sich stilistisch im Rahmen der spätneapolitanischen Opera seria bewegte. In Bologna schloß er 1770 Freundschaft mit Leopold und Wolfgang|Amadeus Mozart, die aber 1778 zerbrach, nachdem er Wolfgang einen versprochenen Auftrag für eine Oper in Neapel nicht verschafft hatte. Dagegen sicherte ihm Leopold zu, sich um den Absatz seiner Werke in Salzburg zu bemühen und setzte sich vielleicht auch schon früher für eine Ernennung M.s zum Kapellmeister ein. 1771 wurde M. in die bolognes. Accademia Filarmonica aufgenommen, 1772 reiste er nach Wien und München. Zurück in Neapel, konnte er an seine früheren Erfolge mühelos anknüpfen; aufgrund seines aufwendigen Lebensstils befand er sich dennoch ständig in Geldnöten.

    Auf Einladung von Kf. Max III. Joseph kam M. 1777 wiederum nach München. Mit einer Neubearbeitung seines 1776 entstandenen Oratoriums „Isacco, figura del Redentore“, die lange Zeit für ein Werk Mozarts gehalten wurde, begeisterte er nun das Münchener Publikum ebenso wie mit einer überarbeiteten Fassung der Oper „Aethius“. Die genannten Werke und vor allem das Melodram „Theoderich und Elisa“ (um 1780) belegen M.s Reaktion auf die Diskussion über die Deutsche Nationalmusik. Letzteres ist das einzige Melodram M.s („per il Clavicembalo e Fortepiano“) und gleichzeitig sein einziges Werk mit deutschem Text. Für die Münchener Aufführungen erweiterte er seine Opern und Oratorien, vergrößerte das Orchester und fügte Chöre ein. Nach dem Tod des Kurfürsten bereiste M. zwei Jahre lang wieder die wichtigsten Theater Italiens. Erst mit „Armida“, die 1779 in Mailand aufgeführt wurde, und danach vor allem in Rom ließ die allgemeine Wertschätzung M.s nach. Seine finanzielle Situation wurde immer bedrückender; die von Gf. Franz Hrzan angeordnete Hinterlassenschaftsbeschreibung bestätigte M.s Tod in völligem Elend. Das prächtige Leichenbegängnis wurde von seinem Schüler Sir Barry bezahlt. M., der dem Typ der Opera seria verbunden geblieben war, überzeugte mit seinem Talent u. a. Kardinal Pallavicini und Charles Burney und gewann die Bewunderung Mozarts. Seine Produktivität, Stilsicherheit, Erfindungsgabe und sein kompositionstechnisches Geschick weisen ihn als den bedeutendsten böhm. Komponisten des 18. Jh. aus.

  • Werke

    Weitere W u. a. Opern: Il Demofoonte, Venedig 1769 (1. Version), Neapel 1775 (2. Version);
    L'Ipermestra, Florenz 1769;
    La Nitteti, Bologna 1770;
    Il gran Tamerlano, Mailand 1771;
    Il Demetrio, Pavia 1773(1. Version), Neapel 1779 (2. Version);
    Romolo ed Ersilia, Neapel 1773;
    La Clemenza di Tito, Venedig 1774;
    Ezio, Neapel 1775 (1. Version), Aethius/Ezio, München 1777 (2. Version);
    L'Adriano in Siria, Florenz 1776;
    L'Olimpiade, Neapel 1778;
    Antigono, Rom 1780. – Oratorien: Adamo ed Eva, Florenz 1771;
    La Passione di Gesu Cristo, Prag 1773;
    Isacco, figura del Redentore, Florenz 1776, u. d. T. Abramo ed Isacco (2. Version), München 1777. – 82 Sinfonien. – Instrumentalkonzerte u. Kammermusik, geistl. u. weltl. Vokalmusik.|

  • Quellen

    Qu. Archivio Capitolino, Rom; County Record Office, Hereford (England).

  • Literatur

    ADB 22 (unter Misliweczek);
    F. M. Pelzel, Abb. böhm. u. mähr. Gel. u. Künstler, IV, 1782;
    H. Winkelmann, J. M. als Opernkomp., Diss. Wien 1905;
    J. Čeleda, J. M., 1946;
    M. Schaginjanova, Woskreschenie iz mjortwych, 1964;
    R. Pečman, J. M. u. sein Opernepilog, 1970 (L-Verz.);
    ders., J. M., 1981;
    D. della Porta, J. M., 1981;
    A. Nascimbene, Le due Versioni del „il Demetrio“ di J. M., Diss. Pavia 1987;
    ders., M. e Mozart a Bologna, in: Atti del convegno internazionale, Cremona 1991;
    S. Bohadlo, in: Musiknachrr. aus Prag 2/3, 1988;
    ders., Dt.-tschech. Aspekte d. Biogr. J. M.s, Sudetendt. Inst. d. Musik, Konferenz Regensburg 1991 (im Druck);
    ders., M. a Mozartové, nedokončené přátelství, in: Hudební věda 4/1991, S. 305-08;
    ders., J. M. v dopisech, in: Opus Musicum (Brünn) 1, 2, 4-10/1987, 1/1988 (3. Kap. v. E. Mikanová), Nachdr. 1989;
    ders., J. M. ve světle soupisu jeho pozůstalosti, in: Hudební věda VI/1996 (im Druck);
    D. E. Freeman, J. M. and the Piano Sonatas K. 309 (284b) and K. 311 (284c), in: Mozart-Jb. 1995, S. 95-109;
    Wurzbach 18;
    MGG;
    Riemann;
    Biographisches Lexikon Böhmen;
    New Grove;
    New Grove Dict. of Opera.

  • Portraits

    Kupf. v. A. Niderhofer, 1782 (?), Abb. bei Pelzel (s. L);
    Zeichnung (Bibl. Nat., Paris, Ms. 2367).

  • Autor/in

    Stanislav Bohadlo
  • Empfohlene Zitierweise

    Bohadlo, Stanislav, "Myslivecek, Josef" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 675-676 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735500.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Misliweczek: Joseph M. (auch Mysliweczek), Tondichter, geb. zu Prag am 9. März 1737, Müllerssohn, vollendete in Gemeinschaft mit seinem Zwillingsbruder Franz die Gymnasialstudien, genoß inzwischen aber noch Privatunterricht in Musik und — Hydraulik, in letzterer auf besonderes Verlangen des Vaters, weil dieser uebst dem Betriebe der Müllerei Amts zu walten hatte als Oberausseher der städtischen Wasserleitungen, und sein Sohn Joseph in beiden Richtungen sein Nachfolger werden sollte. — Zwar interessirt für dieses sonderliche Studium, das M. auch zur Erfindung bewunderter Modelle anregte, überwog doch der Antrieb für musikalische Ausbildung und wirkte nach dem Ableben des Vaters dahin entscheidend, Mühle und Wasserleitungsamt dem Bruder anheim zu geben, selbst aber frank und frei auf das Gebiet der Tonkunst überzutreten. Vorerst Schüler des zu jener Zeit berühmten Contrapunktisten Franz Joh. Habermann, dessen Methode seinen: lebhaften, nach Ausübung drängenden Naturell nicht lange zusagte, wandte er sich dann vertrauensvoll an den durch virtuoses Geigen wie Orgelspielen zu großem Rufe gelangten Jos. Seger, der ihn auch vollständig befriedigte, insbesondere durch die klare Anleitung zur Composition, auf welche M. nun das Hauptgewicht legte. Thatsächlicher Erfolg dieser Anleitung war ein von 1761—63 vollendeter Cyclus von sechs Symphonien mit den absonderlichen Titeln „Jänner", „Feber", „März“, „April“ etc., die, zur Aufführung gebracht, den Namen Misliweczek's weithin bekannt machten. Sein Streben ging indeß noch höher, denn die Oper war sein Ideal und die Italiener erschienen ihm dafür als die geeignetsten Lehrmeister. Dieses Glaubens begab sich M. im November 1763 nach Venedig und nahm dort beim renommirten Theaterkapellmeister Pescetti Unterricht in der Behandlung des operistischen Sprechgesanges, lernte auch zugleich gründlich italienisch, um hierauf in ländlicher Zurückgezogenheit in der Nähe von Parma seine erste Oper zu schreiben. Merkwürdig, daß ihr Name vollständig verscholl, obschon es der günstige Aufführungserfolg am herzoglichen Hofe nach sich zog, daß ihn der königlich neapolitanische Gesandte ausersah für die bevorstehende Namenstagfeier seines Souveräns eine neue Oper zu componiren, welche, unter dem Titel „Bellerofonte“ in Neapel aufgeführt, glänzendsten Erfolg hatte und M. zu ungeahnter Popularität verhalf. Es dürfte dieser, dem Ausländer erwiesenen Gunst wol auch zuzuschreiben sein, daß M. seinen Namen in die Sprache seiner Gönner übersetzte und fortan als|„Venatorini“ für die Italiener existirte. So der die Stagione beherrschende Maestro geworden, bewarben sich außer der von Neapel, die Bühnen von Rom, Florenz, Mailand, Turin etc. um neue Werke. Mit staunenswerther Productionskraft befriedigte er alle; schrieb 1769 für Rom „Hypermnestra“, bis 1773 für Neapel „Romulus“ und „Ersile“, für Turin „Antigone“, für Pavia „Demetrius“, 1774 für Padua „Attide“, für Neapel „Artaserse", im Laufe des Jahres 1775 noch „Enzio“ und „Demofonte“. Bei dem Brauche der italienischen Operngesellschaften, periodisch auswärtige Bühnen zu besuchen, konnte es nicht ausbleiben, daß durch sie die Opern Misliweczek's über die Grenze Italiens und zunächst auf die Hofbühne des musikfreundlichen Kurfürsten Maximilian von Baiern verpflanzt wurden. Solcher Uebertragung war es zuzuschreiben, daß der Kurfürst, für den Meister auf das Höchste interessirt, denselben einlud seine Opern für die Hofbühne aufführbar zu machen. In Folgeleistung dessen verbrachte M. die Zeit von 1777 bis zum Ableben Maximilians — 1778 — in München, kehrte dann aber auf Andrängen seiner italienischen Freunde sofort wieder zurück nach Neapel, eine für Rom bestimmte Oper „Olimpiada“ zu vollenden. Mit ihr erreichte M. den Höhepunkt seines Schaffens und weithin erklang aus der Fülle schöner Melodien das herrliche Lied: „Si cerca se dice l'amico dove“... gleichsam sein Schwanengesang. — Wol noch vollrüstig und gerade anläßlich dieses neuen Triumphes nach Mailand an den Hof des Erzherzogs Ferdinand berufen, um mehrere bereitgehaltene Libretto's in Opern umzuwandeln, führte doch schon das erste hier im Teatro della Scala vor das Publikum gebrachte neue Tonwerk „Armida“ zu einem totalen Mißerfolge. Aufs Aeußerste betroffen von dieser noch nicht erlebten Ehrenkränkung verließ M. heimlich Mailand, hoffend in Rom, wo eine andere zur Vollendung gediehene Oper „Farnace“ zur ersten Aufführung kommen sollte, wieder volle Genugthuung zu erlangen. Aber auch dort blieb ihm diesmal die gewohnte Gunst versagt. — Von da ab ist die Existenz des nahe zwei Decennien hindurch Gunstbesonnten plötzlich verschleiert und es drangen blos noch halblaute, scheinbar jedoch richtige Nachrichten über ihn in die Oeffentlichkeit, welche besagten, daß er menschenscheu geworden, der Kunst abgesagt habe, in Verarmung gekommen sei! Kaum 44 Jahre alt, schied M. zu Rom den 4. Februar 1781 aus dem Leben. — Dieser Abschluß contrastirt merkwürdig mit dem glanzvollen Aufleuchten des genialen Künstlers und Tondichters von nahezu 40 Opern, zwei Oratorien — „Passio Jesu Christi“ und „Famiglia di Tobia“ —, mehrerer kirchlichen Compositionen (Dlabacz erwähnt zweier zu Raudnitz in Böhmen vorgefundener Messen), einer Anzahl von Symphonien, Sonaten, Quartetten und Salonstücken. Als sein letztes Werk gelten sechs Quartetten, die nach dem Ableben des Meisters bei Hummel in Amsterdam erschienen. Sechs Sonaten für zwei Violinen und ein Violoncell erschienen in Offenbach. Ein Schüler Misliweczek's, der Engländer Barry, ehrte den Lehrer dadurch, daß er ihn auf seine Kosten in Lucina nächst Rom am Friedhofe der Kirche San Lorenzo begraben und die Grabesstelle mit einem Marmordenkmale versehen ließ.

    • Literatur

      Pelzel, Abbild. böhm. u. mährischer Gelehrten u. Künstler, Prag 1773. Dlabacz, Allg. Künstler-Lex. Gerber, Histor.-biogr. Lex. d. Tonkunst. Hormayr, Archiv f. Gesch. etc.“ Wien. Allg. Mufikztg. Eigene Forschungen.

  • Autor/in

    Rudolf Müller.
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, Rudolf, "Myslivecek, Josef" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 11-12 unter Misliweczek [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118735500.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA