Lebensdaten
1887 bis 1924
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118585193 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Robert

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Zitierweise

Müller, Robert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585193.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gustav (1854–1928, kath.) aus Reichenberg, Kaufm., dann Beamter;
    M Erna Herzfeld (1865–1931) aus Wesel/Rhein; angebl. Tante-m Lotte Herzfeld ( Friedrich Emmert, Chefredakteur d. „New York German Herold“);
    B Erwin (* 1892), Verleger in W., Gen.vertreter in Düsseldorf, Adolf (* 1894), Dir. in W.;
    Wien 1915 Olga Estermann (* 1890) (isr., dann ev.), aus W., emigrierte 1938 nach London;
    2 T, u. a. Erika Erna (* 1915), emigrierte 1944 nach London.

  • Leben

    Nach einem abgebrochenen Philologiestudium reiste M. 1909 nach New York, arbeitete als Reporter, Hoteldiener und Matrose und kehrte im Herbst 1911 nach Wien zurück. Hier fand er Anschluß an das intellektuelle Zentrum der österr. Vorkriegs-Avantgarde, den „Akademischen Verband für Literatur und Musik in Wien“. In dessen Zeitschrift „Der Ruf (1912/13) proklamierte M. erstmals seine an frühexpressionistischem Aufbruchsgestus und vitalistischem Erneuerungspathos ausgerichtete Gesellschafts- und Geschichtstheorie. 1912 machte er Georg Trakl mit dem Innsbrucker „Brenner“-Kreis bekannt und initiierte im folgenden Jahr eine Anthologie frühexpressionistischer Wiener Lyrik „Die Pforte“. 1914 gab er die in nur einem Heft erschienene Zeitschrift „Torpedo“ heraus, die als einzigen Beitrag eine selbstverfaßte Streitschrift gegen Karl Kraus enthält („Karl Kraus oder Dalai Lama der dunkle Priester, Eine Nervenabtötung“). M.s anfängliche Kriegsbegeisterung wandelte sich nach eigenen Fronterfahrungen in pazifistisches Engagement. Im August 1915 erlitt er bei einem Granatenangriff an der Isonzofront einen Nervenschock. Die restlichen Kriegsjahre verbrachte er u. a. als Redakteur der „Belgrader Nachrichten“ (1916/17) und als Mitarbeiter des Kriegspressequartiers in Wien (1917/18), zuletzt im Rang eines Oberleutnants; zudem fungierte er 1918/19 als Herausgeber der „Österr.-Ungar. Finanzpresse“.

    1914 veröffentlichte M. sein erstes Buch „Irmelin Rose, Die Mythe der großen Stadt“ (Neu hrsg. v. D. Magill u. M. M. Schardt, 1993). Dank seiner zahlreichen Veröffentlichungen und seines exzentrischen Lebensstils war er rasch zu einem der auffälligsten Vertreter der expressionistischen Literaturszene Wiens geworden. 1915 erschien sein Roman „Tropen, Der Mythos der Reise, Urkunden eines deutschen Ingenieurs“ (Neu hrsg. v. G. Helmes, 1990), von dem der mit M. befreundete Robert Musil meinte, er gehöre zu den „besten der neuen Literatur überhaupt“. Der Roman beschreibt auf mehreren, ineinander geschobenen Ebenen eine Fahrt des Ich-Erzählers „in die Tropen der Menschheit, in Urzustände der Kräfte“. Die „Tropen“ sind eine Chiffre für die Simultaneität unterschiedlicher, vom jeweiligen Standpunkt des Beobachters abhängiger Bewußtseinsebenen, die M. mit dem Begriff des „Phantoplasma“ umschreibt. Die sachlich-nüchtern und rational beschriebene fiktive Reise wird zu einer Erkundung der Relativität, Vieldimensionalität und Widersprüchlichkeit des individuellen und kollektiven Gedächtnisses. Im Anschluß an die Relativitätstheorie Einsteins konzipierte M. 1917/18 in dem Essay „Die Zeitrasse“ (in: Der Anbruch 1, 1917/18, H. 1, S. 2, H. 2, S. 2) die Theorie der „elastischen Beziehungen“ als Ausdruck des in den „Raumphantasien“ und „Sprachvisionen“ des Expressionismus verkündeten relativistischen Weltbildes: „Mit den einfachen und geradlinigen Erklärungen ist es vorüber. Die Maßstäbe sind relativ, sie federn.“ In den letzten Kriegsmonaten wurde M., der auch mit Kurt Hiller befreundet war, zur Integrationsfigur des Wiener Aktivismus, indem er revolutionär und pazifistisch gesinnte Intellektuelle im Geheimbund „Die Katakombe“ sammelte, die Verlagsbuchhandlung „Literaria“ (1919-25) gründete, die Zeitschrift „Die neue Wirtschaft“ (1919/20) redigierte und 1918/19 den „Bund der geistig Tätigen“ ins Leben rief, der u. a. die Zeitschrift „Der Strahl“ (1919/20) herausgab und im April 1919 eine expressionistische Kunstausstellung in Wien veranstaltete. Karl Kraus hat diese rastlose Tätigkeit M.s 1921 in der magischen Operette „Literatur oder Man wird doch da sehn“ in den Figuren „Harald Brüller“ und „Brahmanuel Leiser“ karikiert. Die politischen Essays M.s sind vom Widerspruch zwischen der Ausarbeitung einer auf die Autonomie des Subjekts und ein relativistisches Weltbild rekurrierenden, die Forderung nach einer ethisch und sozial engagierten Literatur proklamierenden aktivistischen Handlungstheorie einerseits und dem Entwurf einer obskuren, z. T. mit antisemitischen Stereotypien operierenden Rassentypik andererseits geprägt. Desillusioniert vom Scheitern der Revolution, betätigte sich M. 1922/23 als Herausgeber der Zeitschrift „Die Muskete“ und als Gründungsmitglied des österr. „Kulturbundes“. Einen letzten Versuch, eine Plattform für seine Ideen zu schaffen, startete er 1924 mit der Gründung des „Atlantischen Verlags“. Als auch dieses Unternehmen zu scheitern drohte, beging er Selbstmord.

  • Werke

    Weitere W u. a. Was erwartet Österreich v. seinem jungen Thronfolger?, 1914;
    Macht, Psychopol. Grundlagen d. gegenwärt. Atlant. Krieges, 1915;
    Österreich u. d. Mensch, Eine Mythik d. Donau-Alpenmenschen, 1916;
    Die Politiker d. Geistes, Sieben Situationen, 1917 (Neuausg. 1994);
    Europ. Wege, Im Kampf um d. Typus, 1917;
    Das Inselmädchen, Novelle, 1919 (Neuausg. 1994);
    Bolschewik u. Gentleman, 1920 (Neuausg. 1993);
    Der Barbar, Roman, 1920 (Neuausg. 1993);
    Camera obscura, Roman, 1921 (Neuausg. 1991);
    Flibustier, Ein Kulturbild, 1922 (Neuausg. 1992);
    Rassen, Städte, Physiognomien, Kulturhist. Aspekte, 1923 (Neuausg. 1992);
    Krit. Schrr., 3 Bde., hrsg. v. J. Berners, E. Fischer, G. Helmes u. Th. Köster, 1993-95;
    Ges. Essays, hrsg. v. M. M. Schardt, 1995.

  • Literatur

    Robert Musil, in: Prager Presse v. 3.9.1924;
    A. E. Rutra, R. M., Denkrede, 1925;
    H. H. Hahnl, in: Neue Zürcher Ztg. v. 12.9.1971;
    W. J. Schweiger (Hrsg.), Über R. M., in: Die Pestsäule 2, 1974/75, H. 12 (mit biogr. Abriß, S. 137-40), ebd. H. 13 (W-Verz., L);
    H. Kreuzer u. G. Helmes (Hrsg.), Expressionismus – Aktivismus – Exotismus, Stud. z. literar. Werk R. M.s (1887-1924), 1981 (W-Verz., L);
    R. Willemsen, Die sentimentale Ges., Zur Begründung e. aktivist. Lit.theorie im Werk R. Musils u. R. M.s, in: DVjS 58, 1984, S. 289-316;
    G. Helmes, R. M., Themen u. Tendenzen seiner publizist. Schrr., 1986;
    H. J. Schütz, „Ein dt. Dichter bin ich einst gewesen“, 1988, S. 213-18;
    St. Heckner, Die Tropen als Tropus, Zur Dichtungstheorie R. M.s, 1991;
    K. Amann u. A. A. Wallas (Hrsg.), Expressionismus in Österreich, Die Lit. u. d. Künste, 1994;
    Th. Köster, Bilderschr. Großstadt, Stud. z. Werk R. M.s, 1995;
    Kommentare z. 12bänd. R. M.-Werkausg., 1990-95;
    ÖBL;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy. – Eigene Archivstud. (Wien, Stadt- u. Landesarchiv, Kriegsarchiv).

  • Portraits

    2 Zeichnungen v. Egon Schiele, 1918 (Hist. Mus. d. Stadt Wien), Abb. in: J. Kallir, E. Schiele, The Complete Works, 1990, S. 632.

  • Autor/in

    Armin A. Wallas
  • Empfohlene Zitierweise

    Wallas, Armin A., "Müller, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 473 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585193.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA