• Leben

    Momsen: Hans M., nordfriesischer Autodidact, origineller Geist. Er war im Kirchdorfe Fahretoft an der schleswigschen Westküste geboren am 23. October 1735. Der Großvater war eine Zeitlang Navigationslehrer in Holland gewesen, ehe er sich in der Heimat niederließ. Der Vater Momme Jensen war ein kleiner Bauer, der sich etwas aufs Landmessen verstand, auch als Deichvogt im District fungirte. Dieser hatte noch vier Söhne und eine Tochter. Die Dorfschule leistete damals nur wenig. Der Lehrer war ein ehemaliger Bedienter des Kammerherrn v. Bjelke in Tondern. Der Unterricht wurde ganz mechanisch betrieben und sagte unserm Hans nur wenig zu. Er, geborener Denker, beschäftigte sich auf seine Weise. Als er einst den Vater nach Aufklärung über eine mathematische Zeichnung fragte, bekannte der, daß er sie nicht geben könne, er möge nachsehen unter Großvaters Büchern, die auf der Bodenkammer lagen, nach dem Euklid, da würde er vielleicht finden, was er suche. Er fand auch den Euklid aber — in holländischer Sprache. Doch er wußte Rath, von einem Schiffscapitän lieh er eine holländische Fibel, unter den Büchern des Hauses fand er auch eine holländische Bibel. Diese beiden Bücher verhalfen ihm zum Verständniß der Sprache und nun studirte er unablässig in seinem Euklid bis er sich volles Verständniß desselben angeeignet. Er war damals 14 Jahre alt. Von den Kindern des Ortspredigers hatte er gleichzeitig Wolfs Auszug aus allen mathematischen Wissenschaften geliehen, darin er sich gleichfalls hineinstudirte. Zugleich beschäftigte er sich viel mit kleinen mechanischen Arbeiten allerlei Art, z. B. verfertigte er metallne Knöpfe und Schnallen, überhaupt er zeichnete, zimmerte, goß, löthete, schmiedete etc. Als eine holländische Windmühle im Dorfe neu gebaut wurde, beobachtete er sorgfältig diesen Bau und verfertigte gleichzeitig eine in verjüngtem Maßstabe, die sauber und schön gearbeitet war. Auch arbeitete er ein Modell zu einem Kriegsschiff, das sehenswerth gewesen sein soll. Nachdem er aber 1752 confirmirt worden war, mußte er nun als einfacher Deicharbeiter sein Brod verdienen. Nicht starken Körpers hat er diese Arbeit doch gethan und seine Karre geschoben im Schweiß des Angesichts. Wenn die andern Deicharbeiter ihre Pausen zum stärkenden Schlaf verwandten,|setzte er sich unterm Deich hin, in seinen Büchern zu studiren, und Abends nach vollbrachtem Tagewerk arbeitete er in seiner mechanischen Werkstatt. Er gehörte zu den Menschen, die wenig Schlaf nöthig haben. Behufs Erweiterung seiner Kenntnisse in den Fertigkeiten hatte er zuweilen versucht, sich bei Handwerkern Raths zu erholen, wurde jedoch meist höhnend abgewiesen und faßte daher endlich den Beschluß, „keinen Unterricht bei Menschen mehr suchen zu wollen“. Nur seine Mutter und ein Dorfschmied nahmen sich seiner noch etwas an. Letzterer hatte ihm 2 Schmelztiegel aus Flensburg verschafft. Als der Vater das erfuhr, verbot er ihm den Umgang mit diesem und schalt ihn wegen seiner unnützen Beschäftigungen. Im folgenden Jahre 1753 beschloß M. nach Dithmarschen zu gehen. Es gelang ihm auch dort Anstellung beim Deichbau als Landmesser zu erlangen und er hatte zugleich Gelegenheit, einen guten Theil der von ihm verfertigten Instrumente zu verkaufen, so daß er, als er zum Herbst wieder nach Hause kam, dem Vater einen vollen Geldbeutel als Ersparniß vom Sommer auf den Tisch setzen konnte. Das wirkte auf den alten Vater, der ihn nun nach Herzenslust und eignem Gefallen wirthschaften ließ. M. trieb das nun einige Jahre so und setzte dabei seine Studien namentlich im Winter eifrigst fort. Auch brachte er es zu immer größerer Fertigkeit in den mechanischen Arbeiten. Als der Vater starb, übernahm er die väterliche Stelle, ward dessen Nachfolger als Deichvogt und verheirathete sich mit einem einfachen, jedoch geistig begabten Bauernmädchen, die ihm 9 Kinder geboren hat. Er wollte indeß nur einfacher Landmann bleiben und kleidete sich ganz nach bäurischer Sitte. Was aber ein energischer Wille vermag, das zeigt sich hier recht. Sein Hauptfach war und blieb das Studium der Mathematik, Astronomie und Naturwissenschaft, darin er Ausgezeichnetes leistete, er war aber auch wohl bewandert in Geographie, Geschichte und selbst Philosophie. Auch Navigationslehre und Theorie der Uhrmacherkunft, sowie Gnomonik trieb er mit Liebhaberei. Dabei hatte er sich, ganz auf eigne Hand, ohne irgend einen Lehrmeister, hinreichendes Verständniß der lateinischen, englischen, französischen, holländischen und dänischen Sprache angeeignet. Nur auf die Aussprache legte er keinen Werth, er wollte ja nur lesen und verstehen, nicht sprechen. In den mechanischen Fertigkeiten brachte er es weit und Alles war sauber und accurat, was ihm von Händen ging. Er band selbst seine Bücher ein, verfertigte Holzschnitte, stach in Kupfer, zeichnete Landschaften nach der Natur, lieferte Bauriffe für Häuser, Brücken und Schleusen, drechselte in Holz und Metall, lieferte Drehbänke mit allem Geräth dazu, machte Wasserschnecken, am liebsten arbeitete er in Metall, namentlich in Stahl, er verfertigte Reißzeuge, Zirkelfüße, Reißfedern, Meßboussolen, Astrolabien et., ferner größere und kleinere Uhren, Wanduhren, eine mit Glockenspiel, vielleicht auch eine Seeuhr, Räderschneidemaschinen für Uhrmacher, Sonnenuhren, Spiegel-Octanten aus Messing. Er schliff und polirte Gläser, dioptrische Fernröhre, reflectirende Teleskopen, Metallspiegel für katastrische Grade. Auch baute er eine Orgel mit 6 Registern, einer Claviatur von 4 Octaven und Pedal von 2 Octaven und 294 Pfeifen. Im Orgelspiel hatte er nur nothdürftige Fertigkeit, eine Tochter von ihm dagegen brachte es zur Virtuosität. In seinem Haus hatte er auch eine Privatschule. Er hatte fortwährend Schüler, die von ihm eigentlich wenig unterrichtet, aber gut gebildet wurden. Einer von diesen, Sohn des Ortspredigers Krebs, war nachher Professor der Mathematik an der Kopenhagener Universität. Vorzugsweise unterwies er in Mathematik, Landmessen und Navigation. Jener Prof. Krebs sandte seinem alten Lehrer stets seine Manuscripte zu, ehe er sie in Druck gab. Auf mehrfaches Anhalten besuchte M. diesen 1793 in Kopenhagen. Dazu kaufte er sich einen Hut, den einzigen, den er gehabt|hat, sonst trug er nur eine wollene Mütze. Dort interessirten ihn vorzugsweise das Observatorium und die Bibliotheken. Er lernte hier angesehene Persönlichkeiten kennen: Die Professoren Bugge und Tetens, den Grafen Moltke u. s. w. — Seine Körperkräfte nahmen endlich ab und zuletzt war er längere Zeit schwach und leidend, aber geistig rüstig blieb er bis ans Ende. Er starb 13. Sept. 1811. Harms im Gnomon nennt ihn einen Zahl-, Maß- und Kraftmann.

    • Literatur

      Ueber ihn: Fragmente aus dem Tagebuche eines Fremden, Altona 1799. Paulsen, in Schleswig-Holsteinsche Provinzial-Berichte 1813, I, 97. Chr. Sörensen das. 1814, IV, 337. Chr. Feddersen, Historische Blätter, Kellinghusen 1856, S. 43 ff. C. Harms im Gnomon 3. A., S. 44. J. Petersen, Blätter der Erinnerung an den Mathematiker und Mechaniker H. Momsen, Bredstedt 1874.

  • Autor/in

    Carstens.
  • Empfohlene Zitierweise

    Carstens, Carsten Erich, "Momsen, Hans" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 160-162 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd137427905.html#adbcontent

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