Lebensdaten
1759 bis 1829
Geburtsort
Frauental bei Creglingen
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; österreichischer Offizier
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118868403 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meyer, Wilhelm Friedrich (eigentlich)
  • Meyern, Wilhelm Friedrich von
  • Meyer, Wilhelm Friedrich (eigentlich)
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Zitierweise

Meyern, Wilhelm Friedrich von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118868403.html [21.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Christoph Andreas, Zollbeamter, Reg.rat;
    M Friederika Regina, T d. Johann Georg Herbst (1699–1754), Kammerrat u. Amtskastner in Cadolzburg, u. d. Barbara Anna Helena N. N. (1701–60).

  • Leben

    M. erhielt bis zu seinem zwölften Lebensjahr Privatunterricht bei dem Landpfarrer und Naturforscher Johann Friedrich Esper in Uttenreuth bei Erlangen, an dessen empirische Unterrichtsmethoden und pädagogische Fähigkeiten er sich später lobend erinnerte. Um 1780 studierte er in Altdorf Jura und trat im Dezember 1783 als Freiwilliger in die österr. Armee ein. 1786 nahm er als Unteroffizier seinen Abschied und lebte in den folgenden Jahren ohne eigentlichen Beruf in Wien und Prag; 1787-90 ist seine Mitgliedschaft in der dortigen Freimaurerloge „Wahrheit und Einigkeit bezeugt. Anfang der 90er Jahre hat M. wohl eine längere Reise nach England und Schottland unternommen, die er in seinem Roman „Die Ruinen am Bergsee“ (1795) verarbeitete; 1802/03 begleitete er zwei junge Adelige als Gesellschafter durch Griechenland, Kleinasien und Italien; sieben Monate hielt er sich in Sizilien auf. Schon 1796/97 hatte M. mit Wenzel Gf. Paar und Franz Hugo Altgf. zu Salm-Reifferscheidt Freikorps gegen die napoleonischen Truppen aufgestellt und an den Kämpfen in Oberitalien teilgenommen. 1809 kehrte er in österr. Kriegsdienste zurück, arbeitete den Entwurf einer allgemeinen Landesbewaffnung aus und nahm 1813 als Hauptmann im Generalstab des Feldmarschalls Fürst Schwarzenberg, mit dem er befreundet war, an der Schlacht bei Leipzig teil. 1815 organisierte M. in österr. Auftrag in Paris die Rückführung der von Napoleon aus Italien geraubten Kunstschätze und war anschließend mehrere Jahre in Madrid diplomatisch tätig. In den 20er Jahren wurde er Mitglied der österr. Militärkommission bei der Bundesversammlung in Frankfurt/Main.

    Bereits in seinem ersten – wie alle anderen anonym erschienenen – Werk „Abdul Erzerums neue persische Briefe“ (1787) thematisierte M. in einem metaphernreichen, emphatischen Stil seine am Gesellschaftsideal der Aufklärung orientierte Kritik an der schlechten sozialen Wirklichkeit. Auch in seinem Hauptwerk „Dya-Na-Sore“ (3 Bde., 1787–91) geht es um die Umwandlung eines absolutistischen Staates in einen konstitutionellen Rechtsstaat; in die Handlung, die in einem phantastischen Orient angesiedelt ist, werden im 3. Band die positiven Erfahrungen der Franz. Revolution geschickt integriert. M.s Hochschätzung des Krieges als Motor sozialer Reform und sittlicher Erneuerung in einer absoluten Männergesellschaft haben den Roman später in eine fatale Nähe zur nationalistischen Volkstumsideologie gerückt. Von den umfangreichen wissenschafts- und staatstheoretischen Schriften, die M. nach 1805 verfaßte, sind nur Auszüge in den „Hinterlassenen kleinen Schriften“ (3 Bde., 1842) veröffentlicht. Der größte Teil des Nachlasses ist verschollen.

  • Werke

    Abdul Erzerums neue pers. Briefe, 1787;
    Dya-Na-Sore, od. d. Wanderer, Eine Gesch. aus d. Samskritt übers., 3 Bde., 1787/91 (erw. Neuausg., 5 Bde., 1800);
    Die Ruinen am Bergsee, Gerettete Bruchstücke aus d. Gesch. d. Bundes f. Wahrheit u. Würde, 1795;
    Die Regentschaft, Ein Trauerspiel, 1795 (Übers. aus d. Engl.);
    Hinterlassene kl. Schrr., hrsg. mit Vorwort u. Biogr. v. E. Frhr. v. Feuchtersleben, 3 Bde., 1842. – Briefe: W. F. M., Ein Briefwechsel aus d. Anfang unseres Jh., mitgeteilt v. C. F. Hock, in: Literar. Zodiakus, Journal f. Zeit u. Leben, Wiss. u. Kunst, 1835, Febr., S. 113-32;
    Briefe v. W. F. M., in: Dioskuren, Für Wiss. u. Kunst, Schrr. in bunter Reihe, hrsg. v. Th. Mundt, I. 1836, S. 114-32;
    Der dt. M. im J. 1802 üb. Griechenland u. d. Griechen, in: Unser Planet, Bll. f. Unterhaltung, Lit., Kunst u. Theater, 1837, Nr. 22;
    Ein Brief v. F. W. M., in: Europa, Chronik d. gebildeten Welt, III, 1837, S. 363-74. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: S. W. Frels, Dt. Dichterhss. v. 1400 bis 1900, 1934, S. 200.

  • Literatur

    ADB 21;
    K. A. Varnhagen v. Ense, F. W. M., in: ders.: Denkwürdigkeiten u. vermischte Schrr. I, 1837, S. 304-12;
    A. v. Prokesch-Osten, Kl. Schrr. IV, 1842, S. 89-250;
    J. Pauscher, Dya-Na-Sore, Ein Staatsroman v. F. W. v. M., 1911;
    R. Lorenz, Volksbewaffnung u. Staatsidee in Österreich (1792-1797), 1926, S. 33-43, 72-76, 166-169;
    E. Narath, F. W. v. M.s dichter. Lebenswerk, Unter bes. Berücksichtigung d. Romans „Dya-Na-Sore“, Diss. Wien 1934 (ungedr., W, L);
    Th. Stettner, W. F. v. M., Offz. u. Schriftst., in: Ll. aus Franken V, 1936, S. 214-23;
    Arno Schmidt, Dya na sore, blondeste aller Bestien, in: ders.: Dya na sore, Gespräche in e. Bibl., 1958, S. 14-53;
    G. de Bruyn, Taten u. Tugenden, M. u. sein dt. Revolutionsmodell, in: W. F. M., Dya-Na-Sore, od. die Wanderer, 1979, S. 935-95 (W, L, P);
    W. Griep, Abdul Erzerums neue pers. Briefe, Ein pol. Reiseroman d. Spätaufklärung u. sein Verf., in: H. Zeman (Hrsg.), Die österr. Lit., Ihr Profil an d. Wende v. 18. z 19. Jh. (1750–1830), 1979, S. 805-28;
    W. Weißhaupt, Europa sieht sich mit fremdem Blick, Werke nach d. Schema d. „Lettres persanes“ in d. europ., insbes. d. dt. Lit. d. 18. Jh., II, 1, 1979, S. 286-324;
    J. Kunisch, Das „Puppenwerk“ d. stehenden Heere, Ein Btr. z. Neueinschätzung v. Soldatenstand u. Krieg in d. Spätaufklärung, in: Zs. f. hist. Forschung 17, 1990, S. 49-83;
    Wurzbach 17 (unter Mayern);
    Goedeke V;
    Kosch. Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Portraits

    Lith. v. M. v. L., Frankfurt/M. n. 1820, Abb. b. de Bruyn (s. L).

  • Autor/in

    Wolfgang Griep
  • Empfohlene Zitierweise

    Griep, Wolfgang, "Meyern, Wilhelm Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 397 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118868403.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Meyern: Wilhelm Friedrich v. M., zu Ansbach in Franken als Sohn eines Rentbeamten und Gutsbesitzers 1762 geboren, erhielt private Erziehung, vielleicht von übermäßiger Strenge, studirte in Altorf und Erlangen die Rechte und trat, nachdem seine Absicht, bei der englischen Marine anzukommen, gescheitert war, in die österreichische Armee zur Artillerie. Die militärische Pflicht ließ ihm Raum zu eigenen, in großem Umfange betriebenen Studien; als eine Frucht derselben kann man den Roman 'Dya-na-Sore' ansehen, dessen erste Auflage 1787—1789, die zweite 1791—1800, die dritte 1840 in fünf Bänden erschien. Mit zwei jungen Männern. unternahm er, als Lieutenant quittirend, eine Reise nach Kleinasien, der Türkei, Griechenland, Italien, Polen, Ungarn, welche mehrere Jahre dauerte. Im Anfang des neuen Jahrhunderts scheint er wieder Antheil am öffentlichen Leben genommen zu haben, wurde Hauptmann in der österreichischen Armee und arbeitete mit großem Eifer und Erfolg an der Organisirung von Landsturm und Landwehr 1809—1812. Er betheiligte sich an den nächsten Kriegen und förderte mit Canova 1815 die Auslieferung italienischer Kunstwerke aus Paris an die ursprünglichen Besitzer. Er hielt sich dann mit dem österreichischen Gesandten Grafen Kaunitz längere Zeit in Spanien auf, gehörte|1820 zur militärischen Umgebung des Feldmarschalls Fürsten Schwarzenberg und war bei diesem, als er in Leipzig starb. Er wurde dann pensionirt, jedoch durch Verwendung des Generals Langenau bei der Militärcommission der Bundesversammlung in Frankfurt angestellt. Dort ist er im Mai 1829 gestorben. — Diese dürftigen Nachrichten machen so ziemlich Alles aus, was über M. bekannt ist; ganz geflissentlich hat er sein Leben beobachtender Aufmerksamkeit entzogen, in seinen Schriften sorgfältig alles Persönliche ferngehalten und so erreicht, daß große Partien seiner Existenz völlig im Dunkeln liegen. Zu dieser Heimlichkeit hat sein Abscheu vor Biographien, vor Allem aber seine Jugendbildung beigetragen, die den Drang nach Isolirung in ihm ausbildete, welcher vermöge seiner ausgebreiteten Bücher- und Weltkenntniß innerhalb der militärischen Kameradschaft nur verstärkt worden sein wird. Auch sein gedrucktes Hauptwerk 'Dya-na-Sore oder die Wanderer' war anonym erschienen, erst in der letzten, durch v. Feuchtersleben, Meyern's Freund, besorgten Auflage ist der Name des Verfassers beigefügt worden. Es ist dies ein Roman, angeblich aus dem Sanskrit übersetzt, der die Träume eines jungen, edelgesinnten, nach Thätigkeit dürstenden Mannes darstellt, welcher, hart erzogen, das Leben am rauhesten Ende anfaßt, dem ein Kriegsheld im Dienste eines den höchsten Bildungszielen zustrebenden Staatsorganismus das Ideal bildet. In der spartanischen Phantasie des Erzählers haben Frauen keinen Platz, kaum daß ein oder das andere Mal ein weiblicher Name erwähnt wird, an Stelle der Liebe gilt Patriotismus als treibende Leidenschaft, Ehrgeiz füllt die Seele aus. Diese Gesinnungen werden in sehr loser Form vorgetragen, von künstlerischer Composition ist gar nicht die Rede, Personen treten auf, um spurlos zu verschwinden, Episoden bleiben folgenlos für das Ganze. So ist es fast glaublich, wie erzählt wird, daß nicht M. selbst, sondern ein Freund aus den umherliegenden Papieren die Geschichte zusammengestellt habe. Nur Eins bleibt fest: die Bildung einer geheimen Gesellschaft, welche die Größe des Vaterlandes, das von Feinden geknechtet wird, herzustellen unternimmt und damit zugleich Zwecke der Humanität anstrebt. Die Aeußerlichkeiten des Bundes sind zumeist den Freimaurern (theilweise den Rosenkreuzern) entlehnt, auch Manches von den Prüfungen, welche im ersten Bande berichtet werden. Bis auf einige Naturbeschreibungen ist Alles abstract in der Weise der älteren orientalisirenden Romane gehalten (auch Haller's „Usong“, ganz insbesondere aber die „Insel Felsenburg“ haben M. beeinflußt), Ereignisse bilden nur andeutende Fäden für Gespräche. Das Bedeutende und Wirksame des Buches liegt in der energischen Männlichkeit, die unverholen, schroff, rücksichtslos dem weichlichen Kleinmuth der Zeit sich entgegenstemmt. Die Umarbeitungen in den späteren Auflagen heben diese Lebensanschauungen noch stärker hervor und lassen die Geheimbündelei zurücktreten. — Die aus hinterlassenen Manuscripten auserlesenen Aphorismen beziehen sich auf die höchsten Fragen des Lebens: Stellung des Menschen zur Natur, zu den Menschen, Principien der Wissenschaft, Kunst, Religion. Neben ganz abstrusen und trivialen Sätzen, welche mit Dilettantenneigung durch Distinctionen vorkant'scher Art die Probleme erschöpfend zu lösen meinen, findet sich auch sehr viel Tiefes und Originelles, von eigenartigem, starkem Denkvermögen zeugend. Danach ist die Vergessenheit, in welche M. gesunken ist, als bitteres Unrecht zu beklagen. Seine Sprache ist ungemein kräftig, schwungvoll, ja fast dithyrambisch, reich an neuen, frischen Wortbildungen und Zusammensetzungen, kühnen Bildern und Wendungen, dabei knapp, präcis und in hohem Grade eindrucksvoll. Die leider nur wenigen zerstreut veröffentlichten Briefe sind ausgezeichnet durch feine Beobachtung, vortreffliche Schilderung und bei aller Herbigkeit doch von behaglichem Humor. — M. war eine geschlossene, scharfkantige, durchaus ernste, für große praktische|Aufgaben der militärischen Organisation besonders angelegte Persönlichkeit, deren hohen Werth die Vornehmen alle zu schätzen wußten, die mit ihm genauer verkehrten, wenn auch sein Mangel an Geschmeidigkeit, seine rauhe Bedürfnißlosigkeit und Sonderlingsart ihn nicht zu einer Stellung gelangen ließen, in welcher seine bedeutende Kraft sich voll hätte entfalten können.

    • Literatur

      Die Ausgaben des Romanes „Dya-na-Sore"; Hinterlassene kleine Schriften W. F. Meyern's ed. Dr. Ernst Freiherr v. Feuchtersleben, im 1. Bande eine Lebensskizze vom Herausgeber und etliche Briefe; der Artikel im 17. Bande von Wurzbach's Biographischem Lexikon. — Das Trauerspiel „Die Regentschaft“ nach dem Englischen, Züllichau 1795 (Goedeke I, 1117) war mir nicht zugänglich.

  • Autor/in

    Anton E. Schönbach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schönbach, Anton, "Meyern, Wilhelm Friedrich von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 643-645 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118868403.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA