Lebensdaten
1881 bis 1960
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Industrieller
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 119228378 | OGND | VIAF: 27876849
Namensvarianten
  • Merton, Richard

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Merton, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119228378.html [29.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (s. 1);
    1) Hamburg 1910 ( 1922) Elisabeth Emma (* 1883), T d. Hamburger Bankiers Eduard Behrens, 2) Frankfurt/M. 1922 ( 1930) Odilia Collas, geb. Honbaer (* 1894) aus Amsterdam, 3) Frankfurt/M. 1930 Elisabeth Prn. zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1890–1953), T d. Alfred Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg (1855–1925) u. d. Pauline Gfn. v. Reichenbach-Lessonitz (1858–1927).

  • Leben

    Anders als für seinen Vater gehörte für den im Frankfurter Großbürgertum aufgewachsenen M. die Assimilation im konfessionellen wie im nationalen Bereich zum gesicherten Bestand seiner persönlichen und gesellschaftlichen Existenz. Nach dem Abitur am Frankfurter Lessing-Gymnasium 1900 und der Beendigung der Militärdienstzeit erhielt er in der väterlichen Firma einen durch mehrjährige Auslandstätigkeit in den Niederlassungen der Metallgesellschaft (MG) fundierten geschäftlichen Anschauungsunterricht. Schon zu Lebzeiten des Vaters waren M. und sein Bruder Alfred in die Führung des Konzerns eingerückt. Seit Wilhelm Mertons Tod bestand zwischen den Brüdern ein Verhältnis arbeitsteiliger Kooperation. Praktisch bedeutete dies, daß Alfred vor allem in der Zeit des 1. Weltkrieges und den nachfolgenden Jahren des Wiederaufbaus die Hauptlast in der Leitung der MG zufiel. M., der die Führung im Vorstand der MG und im Aufsichtsrat der Metallbank und Metallurgischen Gesellschaft übernommen hatte, widmete sich mehr der öffentlichen Seite des Geschäftlichen und der Fortführung des väterlichen Erbes im sozialen und kulturellen Bereich. Während des 1. Weltkrieges wurde M., der zunächst an der Front, dann beim Generalgouverneur in Belgien zum Einsatz kam, zum Stab General Groeners ins Kriegsernährungsamt versetzt. Im Kriegsamt hat er als Sachverständiger für Industrie- und Arbeiterfragen die reformfreundliche, auf Zusammenarbeit und Anerkennung der Gewerkschaften gerichtete Linie Groeners mitgetragen. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Denkschriften „Über die kritische Ernährungslage“, „Regierung und Gewerkschaften“ und „Über die Notwendigkeit eines staatlichen Eingriffs zur Regelung der Unternehmergewinne und Arbeiterlöhne“ zeugen von M.s Verständnis der im Krieg vollzogenen sozialen und politischen Veränderungen sowie seiner Erkenntnis des Zusammenhangs von kriegswirtschaftlich geförderter Überspannung des Gewinnstrebens und Verschärfung der durch staatliche Regulierung auszugleichenden inneren Gegensätze. M. begleitete Groener, zu dessen Sturz sein letztgenanntes Memorandum wesentlich beigetragen hatte, beim Feldzug in der Ukraine. Wegen seines wirtschaftlichen Sachverstandes wurde er in die Waffenstillstandskommission und zu den Versailler Verhandlungen über den Friedensvertrag delegiert, dessen Ablehnung er der Regierung empfahl.

    Die „Wiedergewinnung der alten internationalen Position“ des MG-Konzerns und die Erschließung neuer Unternehmensbereiche in den 20er Jahren gingen zu einem Großteil auf das Konto des mit diplomatischem Geschick und zähem Verhandlungswillen auftretenden M. Die Spannweite seiner unternehmerischen Aktivitäten reichte von der erfolgreichen Auslösung beschlagnahmter Firmen-Guthaben in den USA über die Herbeiführung eines Interessenausgleichs zwischen der MG und der als Ersatz für frühere MG-“Vorherrschaft“ auf dem brit. Metallsektor gegründeten British Metal Corporation bis zum Vorstoß der MG in die Metallverarbeitung durch Gewinnung der Mehrheitsanteile der Vereinigten Deutschen Metallwerke AG (1930). Die sozialen Einrichtungen und wissenschaftlichen Stiftungen seines Vaters hat M., der Familientradition entsprechend, bis zur Liquidation durch die Nationalsozialisten weitergeführt, dabei jedoch die Mittelzuweisungen reduziert. Hierfür steht der 1927 zustande gekommene „Ablösungsvertrag“ zwischen dem Institut für Gemeinwohl und der Frankfurter Universität. M.s Rückzug hängt nicht nur mit dem durch den expandierenden Sozialstaat enger werdenden Spielraum für private sozialpolitische Initiative|zusammen. Stärker noch, fand M. 1938 rückschauend, habe die „sehr sozialistische Einstellung des Staates und besonders auch der Stadtverwaltung“ Frankfurts der sozialen Tätigkeit im Stil seines Vaters den Boden entzogen.

    Als Stadtverordneter in Frankfurt/Main (1928–33) für die Deutsche Volkspartei, die er auch 1932/33 im Reichstag vertrat, hat M. sich auf Fragen der kommunalen Wirtschafts- und Finanzpolitik konzentriert. Seine Skepsis gegenüber einer vom unternehmerischen Standpunkt für „gefährlich“ erachteten Expansion städtischer Gesellschaften artikulierte er im Frankfurter „Gas-Konflikt“ 1929. Nicht nur hier stand er an der Spitze seiner Fraktion in scharfem Gegensatz zu Oberbürgermeister Landmann und dessen von den Weimarer Parteien mitgetragenem Kurs einer von M. als „kollektivistisch-bürokratisch überspannt“ angesehenen Kommunalpolitik („System Landmann“).

    M. vermochte sich auch nach der Machtergreifung Hitlers nur mit Mühe aus seiner Fehleinschätzung des Nationalsozialismus zu lösen. Zur Einsicht, als „rassisch Belasteter“ alle Funktionen und Ämter (u. a. im Präsidium der Deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer und im Kuratorium der Frankfurter Universität) sowie Konzern-Posten niederlegen zu müssen, brachte ihn erst der behördliche Druck. Er konnte nach zeitweiliger Verbringung ins KZ Buchenwald 1939 nach England fliehen. Im Exil hat sich M., materiell durch ein Unterkommen bei einer befreundeten Firma abgesichert, dank der ihm vom Großvater überkommenen brit. Staatsangehörigkeit unermüdlich publizistisch betätigen können. Das Werben um Verständnis für Deutschland und dessen Entwicklungsmöglichkeiten nach dem Kriege sowie Vorschläge für eine wirtschaftliche Föderation Europas standen im Vordergrund seiner schriftstellerischen Aktivität.

    Die Rückkehr nach Deutschland 1947 war für M. der Beginn der Wiederaufnahme von Aufgaben und Funktionen in Wirtschaft und Gesellschaft. Abgesehen von seiner leitenden Tätigkeit in der MG (als Aufsichtsratsvorsitzender 1948–58) und den mit ihr verknüpften Unternehmungen hat er in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien am Wiederaufbau der Wirtschaft (u. a. als Mitglied des Außenhandelsbeirats seit 1947) und an der Installierung neuer Formen internationaler Zusammenarbeit (etwa über die von ihm präsidierte Deutsche Gruppe der Internationalen Handelskammer) mitgewirkt. Der „wiedergewonnene Zusammenhang mit dem praktischen Wirtschaftsleben“ schuf die materielle Voraussetzung für die Neubelebung und Gründung von Einrichtungen im sozialen und wissenschaftlichen Bereich. Das Spektrum von M.s Initiativen auf diesem Gebiet reicht von der Wiederherstellung des Instituts für Gemeinwohl über die erneuerte Mitarbeit an der Univ. Frankfurt, die Restituierung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz bis zur Gründung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, dessen Vorsitzender (dann Ehrenvorsitzender) er 1949-55 war.

    In einer Phase beginnenden Rückzugs von öffentlicher Tätigkeit schrieb M. seine Erinnerungen nieder („Erinnernswertes aus meinem Leben, das über das Persönliche hinausgeht“, 1955). Die Lebensschilderung verdeutlicht die trotz des breit gefächerten Engagements im „demokratisch-parlamentarischen Zeitalter“ tieferreichende Verwurzelung M.s in den gesellschaftlichen und politischen Traditionen des Kaiserreichs.|

  • Auszeichnungen

    Dr. rer. pol. h. c. (Frankfurt/Main 1924);
    Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern (1951);
    Ehrenbürger v. Frankfurt/Main (1956).

  • Werke

    Weitere W Diktatur d. Idee u. anderes, 1918;
    Gedanken d. Vergesellschaftung v. Produktionsmitteln u. Abänderung d. Erbrechts, 1918;
    Eine Denkschr. v. Gen.lt. Groener aus d. J. 1917, als er Chef d. Kriegsamts war, o. J. (1918);
    Hopes and Disappointments, o. J. (Privatdr. 1948);
    Forschung, Lehre u. Wirtsch., in: Forschung u. Wirtsch., Partner im Fortschritt, 1952, H. 1, S. 1-11.

  • Literatur

    K. Pritzkoleit. Männer. Mächte, Monopole, Hinter d. Türen d. westdt. Wirtsch., 1953;
    F. Lerner, Frankfurt am Main u. seine Wirtsch., Wiederaufbau seit 1945, 1958;
    B. Müller, R. M., Bürger u. Ehrenbürger Frankfurts, in: Frankfurt, Lebendige Stadt, 5, 1960, H. 2, S. 48 f.;
    H. Achinger, R. M., 1970 (P);
    D. Rebentisch, Ludwig Landmann, Frankfurter Oberbgm. d. Weimarer Republik, 1975;
    Th. Stamm, Zwischen Staat u. Selbstverwaltung, Die dt. Forschung im Wiederaufbau 1945–65, 1981;
    U. Ratz, „Der Krieg ist keine Gelegenheit z. Geldverdienen“, R. M.s Denkschrr. aus d. 1. Weltkrieg, in: MG-Information 20, 1985, H. 2, S. 12-15 (P);
    G. D. Feldman, Armee, Industrie u. Arbeiterschaft in Dtld. 1914–18, 1985;
    N. Hammerstein, Die Johann Wolfgang Goethe-Univ. Frankfurt am Main, Von d. Stiftungsuniv. z. staatl. Hochschule, I (1914 bis 1950), 1989;
    M. Schumacher (Hrsg), M. d. R., Die Reichstagsabgeordneten d. Weimarer Republik in d. Zeit d. Nationalsozialismus, Pol. Verfolgung, Emigration u. Ausbürgerung 1933-1945, Eine biogr. Dokumentation, 1991;
    Bibliogr. z. Gesch. d. Frankfurter Juden 1781-1945. bearb. v. H.-O. Schembs, 1978, S. 536;
    BHdE I. – Eigene Archivstud.

  • Autor/in

    Ursula Ratz
  • Empfohlene Zitierweise

    Ratz, Ursula, "Merton, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 187-188 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119228378.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA