Lebensdaten
1778 bis 1864
Geburtsort
Mediasch (Siebenbürgen)
Sterbeort
Neuwaldegg bei Wien
Beruf/Funktion
Chemiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117560405 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meißner, Paul Traugott
  • Meisner, P. T.
  • Meisner, Paul T.
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Zitierweise

Meißner, Paul Traugott, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117560405.html [25.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andres, Stadtchirurg in M. ( bald n. 1778);
    M N. N.;
    Stief-V Joh. Wagner ( 1830), Stadtpfarrer in M.;
    ⚭ Sarah Elisabeth (1777–1830), verw. v. Miller, T d. Joh. Ludwig Lorenz v. Langendorf, Apotheker in Kronstadt, u. d. Sarah Weisskircher;
    1 S, 3 T, u. a. Karl Ludwig v. M. (österr. Adel 1866, 1809-68). Eisenbahntechniker, am Bau d. K. Ferdinands-Nordbahn beteiligt seit 1836. Prof. f. Bauwiss. u. techn. Dir. d. Stadtbahnen in Braunschweig seit 1841, später Verkehrsdir. d. Südbahn in Wien u. Mitgl. d. Gen.inspektion d. österr. Eisenbahnen (s. ADB 21, Wurzbach 17, ÖBL), Friederike (⚭ Andreas v. Gunesch, 1799–1875, ev. Sup. u. Oberkirchenrat in Wien, s. Wurzbach VI);
    E Adele v. Gunesch (1832–73). Pädagogin (s. ÖBL).

  • Leben

    Anstelle von M.s leiblichem Vater nahm sich sein Stiefvater seiner Ausbildung an. Nach dem Schulbesuch absolvierte M. 1793-97 eine Lehre in der Misselbacherschen Apotheke zu Schäßburg, wo er auch mit chemischen Hantierungen vertraut gemacht wurde. 1797/98 studierte er in Wien bei Joseph Franz v. Jacquin, der den Lehrstuhl in diesem Jahr von seinem Vater Nikolaus Joseph v. Jacquin übernommen hatte, Chemie und Botanik. M. war nunmehr entschlossen, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und begab sich auf eine Studienreise durch Österreich und Deutschland, die er seiner knappen Mittel wegen hauptsächlich zu Fuß durchführte. Im steiermark. Bad Aussee bekleidete er zwei Jahre die Stelle eines Provisors in der Apotheke des dortigen k.k. Salzoberamtes; anschließend erwarb er in Pest den Titel eines Magisters der Pharmazie und begab sich zurück nach Siebenbürgen. In Kronstadt ühernahm er nach seiner Heirat die Apotheke seines Schwiegervaters, veräußerte dieselbe im Jahr 1811 und übersiedelte nach Wien. 1815 erhielt M. die Stelle eines Adjunkten am neuerrichteten Polytechnikum. 1816 wurde er dort o. Professor für technische Chemie. 1842 übernahm er den Lehrstuhl für allgemeine Chemie, nachdem er dieses Fach bereits seit 1823 vertretungsweise vorgetragen hatte. Anfang 1845 wurde M. auf eigenes Ansuchen in den Ruhestand versetzt, hielt aber seit 1850 erneut eine Vorlesung über Wärmelehre.

    M. erbrachte wissenschaftliche Leistungen auf den Gebieten der Heizungstechnik und der theoretischen Chemie. Diese an sich weit auseinanderliegenden Gebiete sind bei M. insofern verknüpft, als das Verständnis der Natur der Wärme zentral für M.s Denken als Naturforscher war. Seine Erfindungen auf heizungstechnischem Gebiet sind somit Nutzanwendungen seines theoretischen Wärmekonzepts. M. erkannte, daß die sparsamste, gesündeste und sicherste Form der Heizung durch geschickte Führung mäßig warmer Luft geschehe („Luftheizung“). 1821 veröffentlichte er dazu seine erste Publikation, der bald zwei vermehrte Neuauflagen folgten („Die Heizung mit erwärmter Luft, erfunden, systematisch bearbeitet und… dargestellt … von P. T. Meißner“). M. erläuterte darin die Konstruktion verschiedener Ofentypen, die Luftführung in unterschiedlichen Gebäuden und gibt Anleitungen für die Nutzung der Abwärme von Backöfen, großen Küchenherden und die Verringerung der Wärmeverluste bei Schornsteinen. Seine Vorschläge wurden auch über Österreich und Deutschland hinaus in die Praxis umgesetzt. Die sog. Mantelöfen wurden 1828 von der österr. Militärverwaltung als reguläres Heizsystem eingeführt. 1850 entwickelte M. eine Methode zur Heizung von Eisenbahnwaggons mittels der Abwärme der Dampflokomotiven, für die er ein einjähriges Privileg (Patent) erteilt bekam.

    Auf dem Gebiet der Aräometrie und Thermometrie gelangen M. wesentliche Verbesserungen der gebräuchlichen Instrumente durch die von ihm erfundenen Teilungsinstrumente für gerade Linien („Die Aräometrie in ihrer Anwendung auf Chemie u. Technik“. 1816). Seine diesbezüglichen Arbeiten wurden 1819 mit einem Preisgeld von 4000 fl. ausgezeichnet. Weitere Untersuchungen M.s im praktisch-technischen Bereich behandeln die Gasbeleuchtung und die Herstellung von Flintglas.

    In seinem eigentlichen Fachgebiet, der Chemie, vertrat M. Theorien, die von seinen Zeitgenossen überwiegend abgelehnt und danach weitgehend vergessen wurden. Vor allem J. v. Liebig hat in einer Schrift vom Jahre 1837 M. außerordentlich scharf angegriffen und beschuldigt, für den nach Liebigs Meinung ungünstigen Zustand der Chemie in Österreich durch die Verbreitung von Irrlehren persönlich verantwortlich zu sein. Aus heutiger Sicht kann man sich dem Verdikt Liebigs nur bedingt anschließen. In seinem „Handbuch der allgemeinen und technischen Chemie“ (5 Bde., 1819–33) sowie insbesondere in seinem „Neuen System der Chemie“ (3 Bde., 1835–38, 21841) entwarf M. seine Lehre vom „Aräon“. Darunter ist ein universeller Grundstoff zu verstehen, eine Wärmematerie, die isoliert nicht darstellbar ist, alle Materie durchdringt und mit allen Stoffen verbunden ist. M. betrachtete also die Temperatur als chemische Größe, eine Temperaturänderung als chemischen Vorgang, der mit einer Anlagerung (Temperaturerhöhung) bzw. Abspaltung Temperatursenkung von Aräon verbunden ist. Jedes Element ist demnach zu jeder Zeit als „Aräoid“ vorhanden und prinzipiell nicht isoliert darstellbar – dies wäre erst beim absoluten Nullpunkt möglich. Licht, Elektrizität und Magnetismus sind als verschiedene Aräoide des Sauerstoffs aufzufassen. M. wurde wegen dieser Lehre als später Phlogistoniker betrachtet, was zwar formal, aber nicht intentionell zutrifft. So wurde C. W. Scheele 1774 durch seine Annahme, die Wärme sei eine Verbindung von Phlogiston und einem Teil der Luft, zur Entdeckung des Sauerstoffs geführt. Der gedankliche Rahmen von M.s Aräon ist indes ganz anders geartet. Es ging M. nicht um die Erklärung eines einzelnen Vorgangs, wie der Verbrennung, sondern um die Schaffung einer einheitlichen Grundlage der Naturforschung. Mittels des Aräons ließen sich sowohl die wägbaren Körper, wie die Imponderabilia in ein Gesamtsystem stellen; das Aräon-Konzept stellte Physik, Chemie (und Biologie) auf eine gemeinsame Grundlage – dies war das Ziel, das M. bei der Formulierung seiner Lehre verfolgte. Darüber hinaus war er bestrebt, die Gesetze der chemischen Verwandtschaft mathematisch greifbar zu machen. Dieser Leitgedanke war es, der J. B. Richter zur Entdeckung der Stöchiometrie geführt hatte. M. versuchte, Richters Werk weiterzuführen, und formulierte deshalb 1834 sein umfangreiches Tabellenwerk „Chemische Äquivalenten- und Atomenlehre“. Die Gedankengänge M.s haben sich als falsch erwiesen, waren jedoch originell und mit dem Kenntnisstand seiner Zeit vereinbar bzw. nicht einfach zu widerlegen. Ihn leitete dieselbe Motivation, die Meyer und Mendelejew zur Entwicklung des Periodensystems (1869) führte.

    Für die chemische Praxis war es übrigens unerheblich, ob man M.s Theorie folgte, da die Beschreibung der Eigenschaften und Darstellungsmethoden chemischer Verbindungen bzw. Elemente sich nicht von der anderer Chemiker unterschied. M. postulierte zwar einen grundsätzlich nicht isolierbaren Körper (Aräon), konnte aber die vorgefundenen Eigenschaften isolierbarer Stoffe damit durchaus in Einklang bringen. Seine Lehre verlangte die Annahme einer Reihe hypothetischer Körper, bot dafür jedoch ein verhältnismäßig umfassendes und einheitliches Konzept des Materieaufbaus. Der Grund für die weitgehende Ablehnung der Aräon-Lehre ist nicht so sehr in dieser selbst zu suchen, sondern in einer Abwendung vieler Forscher von theoretischen Modellen zugunsten des pragmatischen Zusammentragens experimenteller Fakten. Diese Theoriemüdigkeit erklärt sich aus der in der ersten Hälfte des 19. Jh. deutlich werdenden Komplexität der Chemie und endete erst, nachdem die Brauchbarkeit des Periodensystems den Sinn einer umfassenden chemischen Theorie unter Beweis gestellt hatte.

  • Werke

    Weitere W Vorschläge zu einigen neuen Verbesserungen pharmazeut. Operationen und dazugehöriger Apparate, 1814;
    Die Heizung mit erwärmter Luft, als d. wohlfeilste, bequemste u. zugleich d. Feuergefahr am meisten entfernende Mittel z. Erwärmung größerer Räume, 1821, 21823, 31827 u. d. T. Die Heizung mit erwärmter Luft, erfunden, systemat. bearbeitet u. dargestellt v. P. T. M.;
    Fabrikation d. Zuckers aus Runkelrüben, 1830;
    System d. Heilkde. aus d. allgemeinsten Naturgesetzen gefolgert, 1832;
    Chem. Äquivalenten- u. Atomenlehre, 2 Bde., 1834, 21838;
    Justus Liebig … analysiert v. P. T. M., 1844;
    Vorträge üb. Pyrotechnik, 1852;
    Die Ventilation u. Erwärmung d. Kinderstube u. d. Krankenzimmers, 1852;
    Btrr. z. Kenntnis d. Cholera, 1864.

  • Literatur

    ADB 21;
    J. Trausch, F. Schuller, H. A. Hienz, Schriftstellerlex. d. Siebenbürger Deutschen, II, 1870, S. 408-16 (Neudr. 1983);
    Bll. f. Technikgesch. H. 27, 1965, S. 50;
    A. Bauer, Österr. Chemikerztg., Bd. 1, 1898, S. 3 ff.;
    Wurzbach 17;
    ÖBL;
    Pogg. II.

  • Autor

    Claus Priesner
  • Empfohlene Zitierweise

    Priesner, Claus, "Meißner, Paul Traugott" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 703-705 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117560405.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Meißner: Paul Traugott M., Naturforscher, geb. zu Mediasch in Siebenbürgen am 23. März 1778, zu Neuwaldegg bei Wien am 9. Juli 1864. Sein Vater, Stadtwundarzt in Mediasch, starb frühzeitig, doch nahm sich des Verlassenen sein Stiefvater Johann Wagner (gestorben als Stadtpfarrer ebendaselbst am 11. Januar 1830) treulich an, trug Sorge für seinen Unterricht und ließ ihn 1793 in eine Apotheke zu Schäßburg als Lehrling eintreten. Hier zeigte sich M. überhaupt eifrig und bei Vornahme chemischer Operationen sehr anstellig und gewann sich die Zuneigung seines Lehrherrn. Vier Jahre blieb M. in dieser Apotheke, dann begab er sich in der Absicht, sich ganz dem Studium der Chemie zu widmen, im J. 1797 nach Wien, wo er in diesem und dem folgenden Jahre die Vorlesungen des berühmten Freiherren von Jacquin besuchte und sich nunmehr fest entschloß, die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Diesen Gesichtspunkt vor Augen setzte er seine Studien in Wien fort, und unternahm dann eine Reise nach Deutschland, die er — wegen Abgangs der nöthigen Geldmittel — großentheils zu Fuß zurücklegte. Auf dieser Wanderung kam er auch nach Aussee in Steiermark und trat dort in die Apotheke des k. k. Salzoberamtes ein, blieb jedoch nur zwei Jahre auf diesem Posten. Dem lebhaften Wunsche seines Stiefvaters folgend, kehrte er in seine Heimath zurück, übernahm sofort — nachdem er sich auf der Heimreise in Pest das Diplom eines Magisters der Pharmacie erworben hatte — die Leitung einer Apotheke in Kronstadt und vermählte sich mit der Tochter des bisherigen Eigenthümers, Sarah Elisabeth von Langendorf, entschloß sich aber bald, die Apotheke zu verkaufen, und mit seiner Familie nach Wien zu übersiedeln, wo|er 1815 auf Vorschlag des kaiserlichen Leibarztes, Freiherrn von Stifft, zum Adjuncten und später zum Professor der technischen Chemie an dem neu errichteten k. k. polytechnischen Institute ernannt ward, eine Ernennung, die für jene Zeit um so bemerkenswerther genannt werden muß, als M. evangelischen Bekenntnisses war. Im J. 1835 erhielt er eine Gehaltszulage von 500 Gulden Conventionsmünze und wurde mit allerhöchster Entschließung vom 29. Januar 1842 zum Professor der allgemeinen Chemie am polytechnischen Institute ernannt, trat aber schon am 31. Januar 1845 aus verschiedenen Ursachen zum Bedauern seiner Schüler, die mit Begeisterung an ihm hingen, nach dreißig im Lehrfache verbrachten Jahren von der Professur zurück. Gleichwol blieb er auch fortan wissenschaftlich thätig und eröffnete sogar am 15. Januar 1850 am Polytechnikum außerordentliche Vorlesungen über die Wärme vor einem zahlreichen, zum großen Theile von den Notabilitäten der Wiener Lehrkörper gebildeten Auditorium. M., der sich des glücklichsten Familienlebens erfreute, starb nach zwanzigjährigem Ruhestande im hohen Alter von 86 Jahren am 9. Juli 1864. Er hinterließ einen Sohn, Karl Ludwig, Ritter von M. (s. o. S. 245). Von seinen Töchtern war eine an den evangelischen Superintendenten A. B., Andreas Ritter von Gunesch, die zweite an den berühmten Gelehrten Adam Freiherrn von Burg, die dritte endlich an den nicht minder berühmten Arzt und Professor, Hofrath Dr. Karl Sigmund von Illanor in Wien vermählt.

    M. zählt zu den hervorragendsten Männern seines Faches. Durch ein halbes Jahrhundert in seinem Gebiete schriftstellerisch thätig, hat er durch seine Werke und manche Erfindung nachhaltig gewirkt. In seinem kurz vor der Berufung ins polytechnische Institut erschienenen Werke: "Vorschläge zu einigen neuen Verbesserungen pharmazeutischer Operationen", Wien 1814, veröffentlichte er die Ergebnisse jahrelanger Versuche und Erfahrungen. Ein zweites Werk: "Die Aräometrie in ihrer Anwendung auf Chemie und Technik. 2 Theile", Wien 1816, zur Zeit seines Erscheinens seiner Vollständigkeit und Gründlichkeit wegen sehr geschätzt und in seinen zahlreichen Tabellen mit Bestimmungen des specifischen Gewichtes fester wie flüssiger Körper allgemein benützt und ein später in zwei Auflagen erschienenes Handbuch: "Chemische Aequivalenten- oder Atomenlehre, zum Gebrauche für Chemiker, Pharmazeuten und Techniker gemeinfaßlich dargestellt. 2 Bände", Wien 1834 u. 1838, sind heute wol von den Fortschritten der Wissenschaften überholt und mehr nur von historischer Bedeutung. Umfassend und bahnbrechend nach vielen Richtungen hin war sein: "Handbuch der allgemeinen und technischen Chemie. 5 Bände in 10 Abtheilungen", Wien, Gerold, 1819—1833, welchem bald sein: "Neues System der Chemie, zum Leitfaden eines geregelten Studiums dieser Wissenschaft bearbeitet. 3 Bde." Wien 1835 bis 1838, folgte. Schon im Handbuch legte M. seine eigenthümlichen Ansichten über Wärme, Licht und Elektricität nieder. Nach ihm ist die Wärme eine Alles durchdringende, unwägbare Materie, sind Licht und Elektricität Verbindungen dieses Wärmestoffes mit dem Sauerstoff, unter sich und mit dem Magnetismus nahe verwandt. Schon zu seiner Zeit heftig bestritten und in der Folge von anderen Anschauungen verdrängt, sind diese Ansichten — das kann nicht geleugnet werden — von M. in seinem Handbuche und in dem "Neuen System der Chemie", wo er im I. Band (Specielle Chemie, 2. Capitel S. 263 ff.) den Magnetismus, die galvanische und die Reibungselektricität, endlich das Licht, als verschiedenstufige Verbindungen des Wärmestoffes mit dem Sauerstoffe (von welchem er drei verschiedenartige Modificationen annimmt) darstellt — mit großer Consequenz und in scharfsinniger Weise durch das ganze System durchgeführt. Größeres Aufsehen erregten seine, auch ins praktische Leben tief eingreifenden bedeutendsten Arbeiten über die Luftheizung, von denen die|erste Auflage schon im J. 1821 erschien (der Titel der 3. Auflage lautet: "Die Heizung mit erwärmter Luft, systematisch bearbeitet und als das wolfeilste, bequemste, der Gesundheit zuträglichste und zugleich die Feuersgefahr am meisten entfernende Mittel zur Erwärmung der Gebäude aller Art dargestellt und nachgewiesen." Wien 1826). Dieser Erfindung widmete er bis ins hohe Alter mit ungebrochener Kraft und Hingebung sein ganzes Streben. M. wurde bei der praktischen Durchführung dieser Erfindung und der darin entwickelten Grundsätze zur Entdeckung und Feststellung neuer Ideen geführt, worin schon die Anforderungen einer der Gesundheit entsprechenden Lufterneuerung ermöglicht werden und durch deren Anwendung er sozusagen der Gründer einer wissenschaftlich richtigen Ventilation erscheint. Und in der That ist die "Meißner'sche Luftheizung" — natürlich mit vielen, im Laufe der Jahre durch ihn und Andere veranlaßten Verbesserungen — über alle civilisirten Länder verbreitet und im allgemeinsten Gebrauche. M. ließ dieser ersten in 3 Auflagen erschienenen Arbeit mehrere andere über den gleichen Stoff folgen ("Vorträge über Pyrotechnik", Wien 1852 und: "Die Ventilation und Erwärmung der Kinderstube und des Krankenzimmers." Wien 1852). M. in seinen zahlreichen Arbeiten stellt sich überall als Selbstdenker und Selbstforscher dar; seine Thätigkeit war eine befruchtende, von nützlichen Entdeckungen und Erfindungen begleitete. Was er im weiten Gebiete der Chemie gearbeitet, entdeckt und angeregt hat, fällt der Beurtheilung in fachwissenschaftlichen Werken anheim: es muß hier genügen auf seine, selbst von den Gegnern anerkannten bahnbrechenden Arbeiten in der Aräometrie und Wärmelehre hinzuweisen. Er war es, der vor mehr als einem halben Jahrhundert zuerst den innigen Zusammenhang der sogenannten Imponderabilien und ihrer gegenseitigen Uebergänge mit seinem, ihre große Zukunft ahnenden Auge richtig erkannt hat, ein Zusammenhang, welchen die Beobachtungen und Entdeckungen späterer Zeiten, bis auf die neueste herab, mehr und mehr bestätigt haben. M. war unermüdlich fleißig, mit scharfer Beobachtung, sicherem Gedächtniß und klarer Darstellungsweise begabt. Sein unbeugsame Ueberzeugungstreue trat in Wort und Schrift oft schroff hervor, Humor und beißende Satyre nur zu oft handhabend. Wie alle Bahnbrecher war M. ein energischer, streitbarer Charakter, der es nicht vertrug, Angriffe in christlicher Demuth hinzunehmen, und der, gereizt, bis zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit, fast bis zum Starrsinn sich steigern konnte, den seine aufrichtigsten Freunde oft bedauerten, aber das war nun einmal von Meißners Charakter untrennbar. In dem Kampfe über die sogenannte Chlortheorie mit der ganzen neueren Schule in Fehde, anfangs Schulter an Schulter mit dem großen Schweden Berzelius, später auch von diesem verlassen, gerieth er in einen verbitterten Ingrimm, der vielleicht mehr als alles andere, die für M. wie für die Wissenschaft beklagenswerthe Isolirung des genialen Mannes von seinen Fachgenossen veranlaßte: aber er konnte eben nicht anders. Wie Keulenschläge fielen da die wuchtigen Gedanken und Worte, wie spitze Pfeile Ironie und Sarkasmus, die Wehrhaftigkeit des Mannes beweisend. Am schroffsten trat wol in der Broschüre gegen Liebig ("Justus Liebig, Dr. der Medicin und Philosophie, Professor der Chemie in Gießen etc., analysirt von P. T. M.", Frankfurt 1844) diese Kampfesweise hervor, die selbst dann nur entschuldigt, nicht gerechtfertigt werden kann, wenn man erwägt, daß dies nur ein Act der Nothwehr gegen ebenfalls kränkende Angriffe war. Aber diese Gabe des Wortes und der Feder, die Unbeugsamkeit des Mannes, hatte doch auch ihr Gutes. Sie gewann ihm die Herzen seiner Hörer, die von hochachtungsvoller Liebe zum Lehrer erfaßt, mit Begeisterung das von diesem auf sie übertragene Pfund vermehrten, und von denen viele zu angesehenen, werkthätigen Männern herangereift, auf hervorragende Staatsbedienstungen berufen — damals fast das einzige Fach, wo sie sich geltend machen konnten — des alten Meisters treu gedachten. Diese rücksichtslose Ueberzeugungstreue — in Verbindung natürlich mit seinen hervorragenden Leistungen hatten dem wunderlichen Mann selbst in jener Zeit des überwuchernden Büreaukratismus eine gewisse Geltung und Unnahbarkeit gesichert. Referent erinnert sich mit hohem Interesse an eine persönliche Begegnung mit M. — Dieser war im J. 1851 hochbetagt noch einmal ins liebliche Salzkammergut, in sein altes Aussee gepilgert. Im "Kammerhof" beim Salinenverwalter Franz von Schwind (gestorben als k. k. Ministerialrath am 21. Mai 1877), eines einstigen Lieblingsschülers — wo zufällig eben auch ein paar andere Schüler des alten Professors sich gefunden hatten, trat plötzlich, unangemeldet, unerwartet, der Greis herein, natürlich mit Jubel begrüßt und nach kurzer Rast zu den Werken, namentlich zu den sogen. Sudpfannen, an deren Feuerung Schwind vor Kurzem einige Verbesserungen hatte vornehmen lassen, geleitet, schritt M. mit seinen Begleitern durch die Hallen, besichtigte, fragte, belehrte und lobte, was und je nachdem er es fand. Körperlich ungebeugt und in beneidenswerther geistiger Frische stand der 73jährige wie eine mächtige Eiche über den jüngeren Waldriesen im Kreise der Schüler, die, obschon nun selbst in Amt und Würde, den Worten des Meisters, seinen Lehren, seinem Tadel und seinem Lobe lauschten, wie ehedem. Und später, als im trauten Heim die nothwendige Rast gepflogen wurde — denn der Greis wollte noch diesen Abend weiter, zu Fuße —, als ein trauliches Gespräch sie umfing, als alte Erinnerungen auftauchten, und die Zunge des Meisters zeigte, daß auch sie noch nicht erlahmt sei, trat die alte Innigkeit des Verhältnisses hervor. Es war ein reizendes, lebensvolles Bild: der Meister und seine Schüler. Man konnte, man mußte begreifen, wie dieser Mann ein Menschenalter früher gewesen sei und gewirkt habe. Dieselbe Arbeitslust, dieselbe Ueberzeugungstreue begleitete M. fast bis ins Grab. Seine letzte Arbeit: "Beiträge zur Kenntniß der Cholera" erschien 1864 zu Wien im Selbstverlage des Verfassers. Der berühmte Mann mußte also keinen Verleger gefunden haben! Seinen Forschersinn und Ueberzeugungsmuth charakterisirt am besten M. selbst im Motto zu seinem "Neuen System der Chemie". Wien 1835. Er läßt dem bekannten Ausspruch: "Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist; Wohl ihm, wenn sie ihm nur die äußere Schale weist", die Worte folgen: "Doch wer die Forschung flieht, und wem's an Muth gebricht das Licht zu seh'n, der sieht — wol auch die Schale nicht.

    • Literatur

      Wurzbach, biogr. Lexikon des österr. Kaiserstaats. Bd. 17, S. 309—312, wo die Quellen angegeben werden. Trausch, Schriftstellerlexikon der siebenb. Deutschen. Bd. II, S. 408—416, wo auch sämmtliche Schriften Meißners aufgezählt werden.

  • Autor

    Friedenfels.
  • Empfohlene Zitierweise

    Friedenfels, "Meißner, Paul Traugott" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 248-251 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117560405.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA