• Leben

    Meier: Ernst Heinrich M. ward geboren am 17. Mai 1813 zu Rusbend in Schaumburg-Lippe und studirte, vorzugsweise unterstützt von der Prinzessin Karoline von Schaumburg-Lippe, zu Göttingen. Als Schüler Heinrich Ewald's begleitete er diesen bei seiner durch bekannte Umstände herbeigeführten Vertreibung aus Göttingen und siedelte mit ihm 1838 nach Tübingen über, wo er sich im J. 1841 habilitirte. Bei dem häßlichen Streit, welchen Ewald in der Folge mit Baur anfing, trat M. auf die Seite des letzteren, was ihm statt der früheren Gönnerschaft Ewald's nunmehr dessen grimmige Feindschaft und eine ihn sein Lebelang begleitende wüthende litterarische Befehdung eintrug, in welcher Ewald nach seiner Art auch sein äußeres Fortkommen nach Kräften zu hindern suchte. Trotzdem ward M. 1848 außerordentlicher Professor der orientalischen Sprachen zu Tübingen, an welcher Universität er später ordentlicher Professor ward und wo er nach längerer schmerzhafter Krankheit am 2. März 1866 gestorben ist. (Allg. Zeit. 1866. Beilage zu Nr. 81.) M. war eine Natur von außerordentlicher Empfänglichkeit und geistiger Beweglichkeit, welche von den verschiedensten Gebieten angezogen wurde, dabei von einer gewissen Leichtigkeit in der Production und mit einem Talent für anmuthige, selbst poetische Form begabt. Sein Lerntrieb und Schaffensdrang rasteten nie; was ihm abging, war die Methode. Seine Arbeiten umfassen die Fächer der alttestamentlichen, der orientalischen und der deutschen Litteratur. — Von den Arbeiten zum Alten Testament erschien zuerst der Joelcommentar 1841, in|welchem er im Wesentlichen in den Spuren Ewald's ging sowol in Betreff der Composition des Buchs als in der Ansicht von der Abfassungszeit, welche er nur etwas genauer auf die Periode von 860—850 festzustellen sich bemühte. — Danach folgte die „Erklärung der ersten 23 Capitel des Jesajah," 1850, welche allerdings bewies, daß der Verfasser in seinem geistreich-ästhetisirenden Wesen zur Erfassung der eigentlichen Tiefe des Prophetismus unfähig war (vgl. Ewald's Jahrbb. d. bibl. W. Bd. III, S. 212—215). Aehnliches gilt in Bezug auf den religiösen Gehalt der hebräischen Lyrik von seiner „Erklärung der poetischen Bücher des Alten Testaments", 1850, 1854 (vgl. Ewald a. a. O. S. 215 f., Bd. V, S. 249 f.). Es erfolgte darauf die Erläuterung des Hohenliedes, 1854, mit kritischer Textausgabe, bei der es allerdings nicht ohne große Willkürlichkeiten abgeht, indem der Verfasser sich bis zu selbstgedichteten Einschiebseln versteigt (vgl. Ewald a. a. O. Bd. VI, S. 109—111). Aehnliches gilt auch von seiner Uebersetzung und Erklärung des Deborahliedes, 1859. — Dies führt uns auf des Verfassers systematische Arbeiten über die hebräische Poesie. Angelegentlich beschäftigte er sich namentlich in denselben mit der Erforschung der eigenthümlichen Form dieser Dichtung, sowol in der Schrift: „Die Form der hebräischen Poesie“, 1853, als in seiner „Geschichte der poetischen Nationallitteratur der Hebräer“, 1856, S. 67—79. Das regelnde Princip seiner Metrik ist der Accent. Jede Verszeile enthält zwei betonte Silben oder Hebungen, denen beliebig viel Senkungen vorhergehen und eine unbetonte Silbe nachfolgen kann, aber nicht muß. Die Bestimmung der jedesmaligen zwei Hebungen wird aber vom Verfasser mit größter Willkür ausgeführt und die Anarchie der Senkungen macht den Vers bald verschwindend kurz, wie z. B. in Dt. 32,2 das Wort liqḥi schon ein selbständiges metrisches Glied bildet, bald wieder auffällig lang, man vgl. die Beispiele in der „Gesch. d. p. N.“ S. 146, 182. Sba simplex wird bald gerechnet, bald nicht, dem Dages forte bald Einfluß verstattet, bald nicht. Schon im Druck nehmen sich diese Verschen meist seltsam genug aus. Andere Mängel siehe bei Ewald a. a. O. Bd. III, S. 216, Bd. V, S. 219 f. Sonst liest sich die Geschichte d. poet. N. angenehm, die Darstellung ist elegant und die metrischen Uebertragungen, an sich selbst betrachtet, sind oft wahre Meisterstücke (vgl. bes. die Beispiele S. 65, 66). Die geschichtliche Uebersicht ist in einem gewissen genialen Zuge leicht hingeworfen, aber voller kritischer Wagnisse, denen die feste Grundlage mangelt. Verwirrend ist die Hineinbeziehung der Sagengeschichte und der prophetischen Litteratur. Ein Mangel ist auch bei dieser Behandlung des Stoffes die rein weltliche Betrachtung der Sache, in welcher die religiöse Tiefe des Gehalts zu wenig zu ihrem Rechte kommt. (Ewald's Besprechung a. a. O. Bd. VIII, S. 121—123 ist unwürdig.) — Eine besondere Liebhaberei hatte der Verfasser auch für lexikographische Studien. In seinem „hebräischen Wurzelwörterbuch,“ 1845, ist aus der richtigen Beobachtung, daß eine ältere Periode der Sprache da war, in welcher das Gesetz der Dreibuchstabigkeit der Wurzeln noch nicht bestand, die verhängnißvolle Folgerung gezogen, es müsse gelingen, alle dreibuchstabige Worte, welche uns das hebräische Lexikon bietet, auf eine zweilautige Wurzel zurückzuführen. Diese Voraussetzung verleitete den Verfasser dazu, einen Schematismus auszukünsteln, nach welchem er sämmtliche voces triliterales aus den biliterales durch Reduplication entstehen ließ und zwar so, daß manchmal der erste Wurzellaut vorn, manchmal hinten wiederholt wird, oder so, daß der zweite Wurzellaut hinten noch einmal antritt, oder so, daß zum Ersatz der fehlenden Reduplication Vocalverstärkung eintritt. Auf diese Weise wird nun der ganze hebräische Wortschatz durch eine Art Durchschlag getrieben, in welchem er bald Kopf, bald Schwanz stecken lassen muß, ohne daß man immer einsähe, weshalb im einzelnen Falle gerade dieser unter den drei Buchstaben das Opfer|seiner Existenz zu bringen hat. — Noch trügerischer ist die Feststellung der Grundbedeutungen, die vom Verfasser mit seltsamer Monotonie auf die Begriffe zusammenziehen und trennen gebracht werden, wobei man das Bedürfniß der Ursprache nicht begreift, gerade dies so oft zum Ausdruck zu bringen. Im Einzelnen sind die etymologischen Verknüpfungen der abgeleiteten Worte mit dem vermeintlichen Grundworte mit einem gewissen findigen Scharfsinn zu Stande gebracht, der sich aber über die Sicherheit seiner Resultate täuscht. Man vergleiche zu dieser Frage: Grill, in der Zeitschr. der deutschen morgenl. Ges. Bd. XXVII, S. 440—443, Olshausen, Lehrb. der hebr. Spr. 1861, S. 14—19, Stade, Lehrb. der hebr. Gr., 1879, S. 15. — Von seiner Uebersetzung und Erklärung der prophetischen Bücher des Alten Testaments 1863 gilt im Wesentlichen das oben über Jesaia Gesagte. Ein ganz besonderes Interesse wandte M. der phönikischen Paläographie zu, zu deren Förderung er auch Studienreisen nach den Sammlungen in Holland, England und Frankreich unternahm. Seine erste Veröffentlichung auf diesem Gebiete, „Erklärung phönikischer Sprachdenkmale“, die man auf Cypern, Malta und Sicilien gefunden, 1860, zeigte allerdings einen auf diesem Gebiete sehr gefährlichen geistreichen Dilettantismus, der im Sprachlichen die wesentlichsten Gesetze verletzte und den alten Steinmetzen zutraute, mit vieler Mühe einen Unsinn wie diesen in Stein gemeißelt zu haben: „Der Lampenmeister, der da bringt die Zunge in den Oelbehälter.“ Im Uebrigen vgl. Blau in der Zeitschr. der deutschen morgenl. Ges. Bd. XVIII, S. 636—638. — Auf einem gesicherteren Boden bewegte sich die Abhandlung „Ueber die nabatäischen Inschriften“ (Zeitschr. d. D. M. G. Bd. XVII, S. 575 bis 645), 1863, in welcher M. mit einem sehr reichen Material die Ansicht Beer's und Levy's vom aramäischen Sprachcharacter der genannten Inschriften neu begründete und damit die Deutung dieser Denkmale wesentlich förderte (vgl. den Nachtrag v. Sprenger a. a. O. Bd. XVIII, S. 300—302). Im J. 1865 erfolgte die Abhandlung über „die phönikische Opfertafel von Marseille nebst dem Bruchstück einer neuentdeckten Opfertafel von Carthago“ (a. a. O. Bd. XIX, S. 90—119), welche manche glückliche Combinationen enthielt; freilich schadete dem Verfasser auch hier oft seine bei derartigen Untersuchungen wenig angebrachte Geistreichigkeit, die ihn veranlaßte, schillernden Phantomen nachzujagen (vgl. a. a. O. J. J. Unger, Bd. XXIV, S. 182—187). Zur Sache s. auch Schröder, Die phöniz. Sprache, 1869. S. 237—248. Rastlos arbeitend, aber auch schnell fertig, ließ er 1866 eine Erklärung der Grabschrift des sidonischen Königs Eschmun-ézer folgen ("Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes,“ Bd. IV, H. 4), die zu den früher von Munk, Levy, Blau u. a. gegebenen Erklärungen manche Verbesserungen brachte, selbst aber durch Schlottmann's gründliche Arbeit (1868) überholt wurde. Seine bewegliche Natur suchte sich auch in der orientalischen Numismatik einheimisch zu machen. Er war ein fleißiger Sammler besonders arabischer Münzen und brachte es zu einer werthvollen Sammlung, welche in den Besitz des Münzkabinets der Universität Tübingen übergegangen ist. Daß auch seine Deutungen der „Werthbezeichnungen auf muhammedanischen Münzen“ (Zeitschr. d. deutschen morgenl. Ges., Bd. XVIII, S. 760—774) nicht ohne Förderung der Sache geblieben sind, hat der bewährte Kenner der morgenländischen Münzkunde Stickel in seinem Nachworte zu obiger Abhandlung (S. 775—780) anerkannt. Freilich hat der Letztere zugleich darauf hingewiesen, wie viele Momente noch in weitere Untersuchung gezogen werden müssen, ehe man von einem abschließenden Resultat reden könne. — Außerdem war M. auch in der indischen Litteratur und im Sanskrit bewandert und brachte die erstere durch geschmackvolle Uebersetzungen dem Verständniß der Gebildeten näher. So erschien 1847 die Uebersetzung von Nal und Damajanti, 1852 die|der Sakuntala, welche sich sehr angenehm liest. Dasselbe gilt von den Uebersetzungen der „morgenländischen Anthologie“, in der ausgewählte Stücke aus der hebräischen, arabischen, persischen u. a. Litteratur mitgetheilt werden (erschienen im bibliograph. Institut von Meyer in Hildburghausen). Seine an Herder erinnernde Begeisterung für Völker- und Volkspoesie führte ihn auch der deutschen Litteratur zu. Er sammelte deutsche Kinderreime und Kinderspiele (1851), deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche (1852), deutsche Volksmärchen (1852), schwäbische Volkslieder, die er auf Reisen durch Schwaben zusammenbrachte. Auch eigne deutsche Gedichte gab er 1852 unter dem Namen Ernst Minneburg heraus. — Seiner edlen oben genannten fürstlichen Wohlthäterin setzte er 1865 ein biographisches Denkmal.

  • Autor/in

    C. Siegfried.
  • Empfohlene Zitierweise

    Siegfried, C., "Meier, Ernst Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 21 (1885), S. 189-192 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117551848.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA