Lebensdaten
1882 – 1937
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118780166 | OGND | VIAF: 5189651
Namensvarianten
  • Lissauer, Ernst

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Zitierweise

Lissauer, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118780166.html [29.03.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Hugo (1843–1910), KR, Großindustrieller (Seidenbranche), Stadtverordneter v. B.-Charlottenburg, Autor mehrerer Lyrikbde. (s. Brümmer), S d. Samuel Judas, aus Wriezen, Seidenwarenfabr. in B. u. W., u. d. Jeannette Simon;
    M Zerline Friedeberger;
    Halb-B Fritz (1874–1937), Rechtsanwalt, Komponist, Schüler v. Reger u. O. Taubmann (s. E. H. Müller, Dt. Musikerlex., 1929; P. Krank u. W. Altmann, Tonkünstler-Lex., 1936), Eduard Moritz (* 1877), Vorstandsmitglied u. Dir. d. Königsstadt AG f. Grundstücke u. Industrie (s. Rhdb., P);
    Halb-Schw Margarete (* 1876, Weinberg), Schriftstellerin, Mitarbeiterin d. Frauenbewegung;
    - 1) 1911 Marie ( 1924), T d. Gymnasialprof. Willführ, 2) 1929 Margarete Langner; kinderlos.

  • Biographie

    L.s Vorfahren hatten sich als Mitbegründer der „Berliner Reformgemeinde“ entschieden für die Enthebraisierung des Judentums und Assimilierung an deutsche Kultur eingesetzt. Dieser Tradition entsprechend wurde L. ganz „als Deutscher“ erzogen. Den 15jährigen versuchten die Eltern zur Taufe zu überreden. Er lehnte sie damals ab, weil sie „mit Vorteilen belohnt“ worden wäre, später, weil er sie angesichts zunehmender antisemitischer Angriffe für „Verrat am Judentum“ hielt. Diese Entscheidung hinderte ihn jedoch nicht daran, in der „Kunstwart-Diskussion“, die M. Goldsteins Aufsatz „Deutsch-jüdischer Parnaß“ (1912) ausgelöst hatte, die Ansicht zu vertreten, daß die Juden kein Volk mehr seien, sich vielmehr in einem Übergangsstadium befänden, das nicht nur vollkommene Assimilation, sondern Einwurzelung ins deutsche Wesen bedeute. Dieser widersprüchliche Standpunkt, auf dem der „deutscheste aller jüdischen Dichter“ (Berendsohn) bis zum bitteren Ende beharrte, muß erkannt werden, will man die Geschichte seiner großen Erfolge und seiner Verfemung verstehen.

    L. hatte das Friedrich-Werdersche Gymnasium besucht und dann zur Weiterbildung einige Semester deutsche Literaturgeschichte in Leipzig und München studiert. 1906 kehrte er nach Berlin zurück und wurde Kritiker und freier Schriftsteller. Als der Verleger Diederichs sein erstes Manuskript bekam, war er überzeugt, den größten deutschen Dichter der Gegenwart entdeckt zu haben. Die Lyrikbände „Der Acker“ (1907) und „Der Strom“ (1912) brachten ihm sofort Anerkennung. Ruhm gewann er durch den Gedichtband „1813, Ein Zyklus“, der zur Hundertjahrfeier der Freiheitskriege erschien. K. Hillers Anprangerung seines „wuchtvollen Eintretens für antisemitische Symbola, für Acker und Eisernes Kreuz“, blieb vereinzelt und ging unter im überschwänglichen Lob anderer Kritiker wie Oskar Walzel, die L. als „den Preußen“ feierten und seine völkische Einstellung hochschätzten: „Da herrscht aber auch endlich wieder die schwer vermißte Andacht vor Heldenmut und darum auch das Lebensgefühl, das dieser Krieg benötigt und wieder verlebendigt hat.“ Als der Landsturmmann L. seine „Worte in die Zeit, Flugblätter 1914“ veröffentlichte und mit seinem „Haßgesang gegen England“, der bis etwa 1916 ohne L.s Zutun in zahllosen Exemplaren, mit oder ohne Nennung des Verfassers, sogar auf Geschäftsprospekten verbreitet wurde, hatte er „unbewußt Millionen aus der Seele gesprochen“ (Bab). Die Verdrängung der nationalistischen Euphorie, die mit dem verlorenen Krieg einsetzte, wirkte sich auch für L. negativ aus. Er blieb seither abgestempelt als „Verfasser des Haßgesangs“. L. klagte zu Recht, „zahlreiche meiner Landsleute bewahren noch heute die Vorstellung, daß ich den Haßgesang als Hetzgedicht geplant und propagiert, daß ich seine Verbreitung bewirkt habe“. Darum wurden die nach 1914 erschienenen Hauptwerke immer wieder in das gleiche Betrachtungsschema (das antisemitische oder zionistische) gezwängt. – L. zog 1924 nach Döbling b. Wien und versuchte vergeblich, „die verfälschende und peinliche Berühmtheit“ durch seine neuen Dichtungen auszulöschen. Er hat für seine Dramen weiterhin Stoffe der deutschen Geschichte, aber nun auch jüdische gewählt, er hat die sorgfältige und kenntnisreiche Editionstätigkeit fortgesetzt, mit der er schon 1908 begonnen hatte, und vergessene Dichter wie A. Kopisch (1912) und H. Lingg (1924) wieder herausgegeben. Er hat Anthologien zusammengestellt sowie zahlreiche Essays und Aufsätze geschrieben. Sein Gesamtwerk ist dennoch nicht wieder lebendig geworden. Einzig Julius Bab, der emigrierte deutsche Jude, hat 1952 versucht, L.s Bild zu korrigieren, indem er die künstlerische Qualität und Aufrichtigkeit seiner Arbeiten hervorhob und den Mangel an selbständigem politischem Urteil aus der historischen Situation verständlich machte. Mindestens L.s letzter Lyrikband „Zeitenwende“, der 1936 in Wien erschien und in Deutschland nicht mehr bezogen werden konnte, verdiente, zur Kenntnis genommen zu werden. Stellvertretend für alle deutschen Juden, die plötzlich keinem Volk mehr angehörten, hat L. darin sein eigenes Schicksal bewahrt; Gedichte von erschütternder Eindringlichkeit bezeugen die Liebe zur deutschen Welt und dokumentieren den Identitätsverlust des Ausgestoßenen bis zum körperlichen Verfall.

  • Werke

    Weitere W Gedichte: Der brennende Tag, Ausgew. Gedichte, 1910;
    Bach, 1919;
    Die ewigen Pfingsten, 1919;
    Der inwendige Weg, 1920;
    Gloria Anton Bruckners, 1921 (u. Prosa);
    Flammen u. Winde, 1923. -
    Dramen: Eckermann, 1921;
    Yorck, 1921;
    Die drei Gesichte, Drei Einakter, 1922;
    Gewalt, 1924 (Komödie);
    Das Weib d. Jephta, 1928;
    Luther u. Th. Münzer, 1929;
    Der Weg des Gewaltigen, 1931;
    Die Steine reden, 1936. -
    Legenden: Die dritte Tafel, 1928;
    Legenden v. d. Sintflut, 1929. -
    Aufsätze: Von d. Sendung d. Dichters, 1922;
    Festl. Werktag, 1922;
    Zum eigenen Leben, Bekenntnisse, Eine Schr.-folge v. Lebens- u. Seelenbildern heutiger Dichter, H. 9, 1924;
    Glück in Österreich, 1925;
    Bemerkungen üb. mein Leben, in: Bull. d. Leo Baeck Inst. 5, 1962, Nr. 20, S. 286-301. -
    Auswahl aus d. Dichtungen u. Schrr., 1926. -
    Hrsg. u. a.: Dt. Balladen, 1923;
    Geschichten v. Musik u. Musikern, 1924;
    Kinderland im Bilde d. dt. Lyrik, 1924;
    Der hl. Alltag, Dt. bürgerl. Dichtung 1770-1870, 1926. |

  • Nachlass

    Nachlaß: Leo Baeck Inst., New York; Schiller-Nat.mus., Marbach (Slg.). - W-Verz.: G. v. Wilpert u. A. Gühring, Erstausgg. dt. Dichtung, 1967.

  • Literatur

    K. Hiller, Die Weisheit d. Langeweile, Eine Zeit- u. Streitschrift, I, 1913, S. 107;
    H. Meyer-Benfey, in Westermanns Mhh., 1915, Bd. 1, S. 78;
    J. Bab, Die dt. Kriegslyrik 1914–18, 1920, S. 129 ff.;
    ders., in: New Yorker Staats-Ztg. u. Herold, 7.12.1952;
    O. Walzel, Kriegslyrik, in: Internat. Mschr. 9, 1915, Sp. 1521-24;
    G. K. Brand, E. L., 1923;
    W. A. Berendsohn, Die humanist. Front, 1946, S. 54 f.;
    E. Mitterer, in: Silberboot 3, 1947, S. 425 ff.;
    dies., in: Die Presse, 10.12.1952;
    I. Seidel, Ein „errat. Mensch“, in: Freude an Büchern 4, 1953, S. 80 f.;
    H. Claudius, Parkallee 55, in: ders., Skizzenbuch meiner Begegnungen, 1966, S. 34-37;
    Th. Anz, J. Vogl (Hrsg.), Die Dichter u. d. Krieg, Dt. Lyrik 1914–18, 1982, S. 234;
    I. Bode, Die Autobiogrr. d. dt. Lit., Kunst u. Musik 1900–65, 1966;
    Enc. Jud. X, 1934 u. XI, 1971 (P);
    ÖBL;
    Int. Bibliogr. z. Gesch. d. dt. Lit., II, 2, 1972, S. 411 f.;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Porträts

    Zeichnung in: Die literar. Welt 8, 1932, Nr. 51, S. 9.

  • Autor/in

    Renate Heuer
  • Zitierweise

    Heuer, Renate, "Lissauer, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 690-691 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118780166.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA