Lebensdaten
1849 bis 1922
Geburtsort
Sendelbach bei Rentweinsdorf (Unterfranken)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Schuhfabrikant
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 13672728X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lingel, Eduard

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Zitierweise

Lingel, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd13672728X.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl (Johann) Elias (1816–58), Handelskonzessionist, Tuch- u. Schnittwarenhändler in Königsberg (Bayern), S d. Tuchmachermeisters Johann Caspar (1780–1838) in Eisfeld (Thüringen);
    M Eleonora (* 1824), T d. Gutsbes. Joh. Nikolaus Scheller in S. u. d. Anna Margaretha Deininger;
    Stief-V (seit 1858) Christoph Friedrich Dreßler (* 1834), aus Schweinfurt, Schnittwarenhändler in Königsberg, später in Erfurt;
    Halb-B Fritz Dreßler (1860–1921) u. Louis Dreßler (1861–1915), beide im L.schen Unternehmen an führender Stelle tätig;
    - N. N.; K.

  • Leben

    L. verlebte seine Kindheit im fränk. Städtchen Königsberg, das zum Hzgt. Sachsen-Coburg gehörte. Sein Vater, den er bereits als Achtjähriger verlor, betrieb dort einen Schnittwarenhandel. Die Mutter heiratete in zweiter Ehe einen Mann, der das Geschäft übernahm, aber 1864 mit der Familie nach Erfurt übersiedelte. Dort absolvierte L. vermutlich eine kaufmännische Lehre. Als 23jähriger gründete er 1872 einen Betrieb zur Fabrikation von Schuhwaren. Die Produktionsweise hielt sich zunächst im Rahmen des in Erfurts Schuhbranche Üblichen; sie verband einen mit bescheidenster maschineller Ausrüstung ausgestatteten Werkstattbetrieb, in dem 5-6 Personen arbeiteten, mit der Vergabe von Heimarbeit an etwa 50 ortsansässige Schuhmacher und deren Familien. Hergestellt wurden Zeugstiefel, durchschnittlich 36 Paar am Tag, für die die Schäfte von auswärts bezogen wurden. Die gute Konjunktur der „Gründerzeit“ erwies sich als günstig für die Entwicklung des Unternehmens. Bereits 1874 und 1876 kam es zu Betriebserweiterungen. Gleichzeitig wurde die Produktion auf Lederstiefel für Frauen und Kinder umgestellt, Fachkräfte aus Sachsen und Wien wurden herangezogen, hingegen die Vergabe von Heimarbeit eingeschränkt und um 1876 ganz aufgegeben. 1877 schickte L. den jüngeren seiner beiden Halbbrüder, die bereits im Unternehmen mitarbeiteten, Louis Dreßler, in die USA, wo dieser die mechanische Schuhfabrikation studieren sollte. Dreßler arbeitete bis 1878 in amerikanischen Fabriken, erweiterte seine Fachkenntnisse und sorgte für den Transport von Maschinen nach Erfurt. Damit begann dort die Umstellung auf modernen Fabrikbetrieb, verbunden mit einer Erweiterung der Produktionsstätten. Gleichzeitig verbesserte man das Warensortiment. Hergestellt wurden vor allem Kinder- und Damenschuhe und -stiefel, in geringerem Umfang auch Herrenschuhe. Neben dem inländischen Handel wurde zunehmend der Export gepflegt, zumal nach Südamerika; für den Vertrieb wurden Reisende und Vertreter im ganzen Reichsgebiet beschäftigt.

    In wenigen Jahren wuchs L.s Unternehmen zu bedeutender Größe heran; ca. 600 Personen wurden 1886 beschäftigt. Damals wandelte L. die Firma in eine offene Handelsgesellschaft um, in die der ältere seiner Halbbrüder, Friedrich Dreßler, als Gesellschafter eintrat. Die weitere Aufwärtsentwicklung konnte auch ein Brand nur vorübergehend hemmen, der 1887 das Fabrikgebäude völlig zerstörte. Vielmehr bot er den Anlaß zum Aufbau neuer Produktionsstätten im Süden der Stadt. Hier wurde mit modernen amerikanischen Maschinen und Arbeitsmethoden die Fertigung rationalisiert; bis 1892 wuchs die Belegschaft auf 1 000 Personen an; die Produktion stieg auf wöchentlich 12 000 Paar Schuhe. Inzwischen war 1891 Louis Dreßler als dritter Gesellschafter in das Unternehmen eingetreten, das 1898 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, in der die Brüder Dreßler als Vorstandsmitglieder fungierten, während L. an die Spitze des Aufsichtsrats trat. Die Jahre bis zum Beginn des 1. Weltkriegs waren geprägt von einer weitgehenden Automatisierung der Arbeit, die nun auf wenige Handgriffe an Spezialmaschinen beschränkt wurde.

    Das Verhältnis zwischen Betriebsleitung und Belegschaft blieb mit Ausnahme zweier kurzer Streiks 1874 und 1893 störungsfrei. Dazu trugen Einrichtungen der betrieblichen Sozialpolitik bei, so die 1894 gegründete Betriebskrankenkasse und die 1904 eingeführte Ferienwoche für Mitarbeiter mit mindestens zehnjähriger Betriebszugehörigkeit. Die Kriegsjahre brachten mit der Zwangsbewirtschaftung der Schuhindustrie und der Einberufung zahlreicher Betriebsangehöriger zum Kriegsdienst völlig veränderte Verhältnisse. Mit Hilfe von Militäraufträgen gelang es aber, den Betrieb fortzuführen und Gewinne zu erwirtschaften. Durch Übernahme von Geschäftsanteilen von drei anderen Erfurter Schuhfabriken 1918 und 1921 entstand nach dem Kriege ein Konzern, der in L.s Todesjahr (1922) 2 200 Arbeiter und Angestellte beschäftigte und dessen Jahresproduktion sich auf 2 Mill. Paar Schuhe belief. Wie alle anderen thüringischen Großunternehmen wurde der „Lingel-Konzern“ nach dem Ende des 2. Weltkriegs enteignet.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenbürger v. Königsberg (Franken).

  • Literatur

    Der Lingel-Konzern, Jubiläumsschr. d. Eduard Lingel Schuhfabrik AG, 1872–1922, 1922 (P);
    K. Trautmann, Wirtsch.entwicklung, Koalitionsgestaltung u. Arbeitskämpfe im Wirtsch.gebiet d. Stadt Erfurt während d. J. 1899 bis 1925, Diss. Halle-Wittenberg 1927, S. 13 ff., 30;
    J. Biereye, Erfurt in seinen berühmten Persönlichkeiten, 1937;
    W. Huschke, F. üb. d. Herkunft d. thür. Unternehmerschicht d. 19. Jh., in: ZUG, 2. Beih., 1962, S. 32;
    W. Gutsche, Die wirtsch. Entwicklung in Erfurt während d. imperialist. Weltkriegs 1914–18, in: Aus d. Vergangenheit d. Stadt Erfurt III, 1963, S. 48, 53, 61.

  • Autor/in

    Wolfgang Huschke
  • Empfohlene Zitierweise

    Huschke, Wolfgang, "Lingel, Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 620 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd13672728X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA