Lebensdaten
1860 bis 1928
Geburtsort
Kreuzenort Kreis Ratibor (Oberschlesien)
Sterbeort
Kuchelna (Chuchelná, Mährisch-Schlesien)
Beruf/Funktion
Diplomat ; deutscher Botschafter in London
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119110814 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lichnowsky, Karl Fürst
  • Lichnowsky, Karl Max Fürst
  • Lichnowsky, Karl Fürst

Orte

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Zitierweise

Lichnowsky, Karl Max Fürst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119110814.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Fürst (1819–1901), Herr d. Majoratsherrschaften Kuchelna-Bolatitz, Grabowka u. Kreuzenort, erbl. Mitgl. d. preuß. Herrenhauses, S d. Eduard (1789–1845), Historiker, Vf. d. „Gesch. d. Hauses Habsburg“ (8 Bde., 1836–44) (s. ADB 18; ÖBL), u. d. Eleonore Gfn. Zichy;
    M Marie (1837–1915), T d. Philipp Prinz v. Croy (1801–71), preuß. Gen-Lt. (s. Priesdorff VI, S. 366 f., P), u. d. Johanna Prn. zu Salm-Salm;
    Ov Felix (s. Einl.);
    Schw Margarete ( Karl Gf. Lanckorońsski, 1933, Kunstsammler, Archäologe, Denkmalpfleger, s. NDB 13);
    - München 1904 Mechtilde Gfn. v. Arco-Zinneberg (s. 2);
    2 S, 1 T.

  • Leben

    L. lernte in Neuchâtel Französisch und besuchte das Vitzthumsche Gymnasium zu Dresden. 1882 trat er in das Garde-Husaren- Rgt. ein, 1883 wurde er zum auswärtigen Dienst kommandiert und der Londoner Botschaft zugeteilt. Dort faßte er den Entschluß, vom militärischen in den diplomatischen Dienst überzuwechseln. 1887 wurde L. nach Stockholm, dann nach Konstantinopel, Dresden und Bukarest entsandt. In der rumän. Hauptstadt schloß er Freundschaft mit Marie und Bernhard v. Bülow, als deren Günstling er 1892 zum Zweiten, dann Ersten Botschaftssekretär in Wien aufstieg. Seinerseits ebnete er der Berufung Bülows nach Rom und Eulenburgs nach Wien die Bahn. Mit Eulenburg arbeitete er erfolgreich zusammen (z. B. bei der Beendigung der polenfreundlichen Politik des Neuen Kurses im Sept. 1894), mußte bei dessen langer Abwesenheit häufig die Geschäftsführung übernehmen und geriet deshalb mit Holstein in Konflikt (Meerengenfrage 1895, Bismarck-Enthüllungen 1896, Badenische Sprachverordnung 1898). Als die Angriffe auf Eulenburg zunahmen, begab sich L. auf eine Weltreise nach China, Japan und den Vereinigten Staaten. Ende 1899 wurde er von Bülow, der inzwischen Staatssekretär geworden war, als Vortragender Rat und Personaldezernent ins Auswärtige Amt berufen. Als er aber bei der Besetzung der Botschafterposten in London, Wien, St. Petersburg und Rom übergangen wurde, nahm er zum 1.7.1904 seinen Abschied und zog sich auf seine schles. Güter zurück.

    Obgleich jetzt Fürst und erbliches Mitglied des Preuß. Herrenhauses (freikonservativ), verkehrte L. mit Vorliebe in bürgerlich-demokratischen Kreisen und publizierte in Theodor Wolffs „Berliner Tageblatt“. In Ludwig Steins Zeitschrift „Nord und Süd“ veröffentlichte er im Juli 1912 einen Aufsatz über „Deutsch-engl. Mißverständnisse“, in dem er den Tirpitzschen Schlachtflottenbau als kein Hindernis für eine deutsch-brit. Verständigung erklärte, solange Deutschland die Triple Entente als gegeben hinnehme und nicht die europ. Hegemonie anstrebe. Wilhelm II bewirkte auf Grund dieses Aufsatzes, den er offensichtlich mißverstanden hatte, gegen den Widerstand des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amts die Ernennung L.s zum Botschafter in London und betraute ihn mit der Aufgabe, „die Neutralität Englands uns jedenfalls für den Konfliktfall mit Rußland-Frankreich zu sichern“ (12.12.1912). Knapp zwei Wochen nach seiner Ankunft in London berichtete L. jedoch in aller Deutlichkeit über das Grundprinzip der brit. Außenpolitik: England werde immer bestrebt sein müssen, das Gleichgewicht der|Mächte auf dem Kontinent aufrechtzuerhalten. In einem Krieg Deutschlands gegen Frankreich und Rußland werde England auf Seiten der Gegner stehen. In der Julikrise 1914 war L. der einzige deutsche Diplomat, der unmittelbar den Krieg zu verhindern suchte. Er befand sich auf der kaiserl. Jacht, als die Nachricht vom Attentat in Sarajevo eintraf. In Gesprächen mit Bethmann Hollweg und Zimmermann stellte er mit Entsetzen fest, daß die Reichsregierung anscheinend zu einem Krieg entschlossen war, den Deutschland nach L.s Überzeugung nicht gewinnen konnte. Nach London zurückgekehrt, versuchte er mit allen Mitteln, die Katastrophe zu verhindern. In großen Berichten (16., 23., 26., 27. Juli) wies er nach, daß sich der österr.-serb. Konflikt nicht lokalisieren lasse, sondern „zweifellos den Weltkrieg nach sich ziehen würde“. Seine Mahnungen, daß England sich unbedingt hinter Frankreich und Rußland stellen würde, wurden dem Kaiser sogar vorenthalten, was mit zu dem angeblichen „Mißverständnis des Fürsten L. vom 1. Aug. 1914“ führte: Eine Depesche L.s über hypothetische Gespräche mit Tyrrell und Grey wurde in Berlin als ein engl. Versprechen aufgefaßt, neutral zu bleiben, falls Deutschland nicht Frankreich, sondern „nur“ Rußland angreife. Mit der engl. Kriegserklärung vom 4. Aug. sah L. seine Befürchtungen bestätigt. Dem franz. Botschafter gestand er, er hege einen „unbeschreiblichen Haß“ gegen die „Veranstalter dieses Verbrechens“.

    In Deutschland mußte er bald feststellen, daß er vom Auswärtigen Amt und von der nationalen Presse zum Sündenbock für die ungünstige militärische Ausgangslage abgestempelt werden sollte. Bereits am 19.8.1914 deponierte L. eine erste Verteidigungsschrift (England vor dem Kriege) im Auswärtigen Amt. Er inspirierte Verteidigungsartikel in der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt gegen amtliche und alldeutsche Angriffe. Bethmann schickte ihn zur Armee in Nordfrankreich und erwirkte am 29.10.1914 einen kaiserl. Befehl, der L. jede Erörterung der Kriegsursachen verbot. Zwei Wochen später wurde er aus der Armee entlassen. – Im Jan. 1915 verfaßte L. eine weitere Verteidigungsschrift (Wahn oder Wille?), die er heimlich an Freunde verteilte. Den deutschen Staatsmännern warf er darin vor, Gefühls- statt Realpolitik betrieben zu haben, „es sei denn, daß wir den Krieg gewollt haben“. Im Sommer 1916 schrieb er eine dritte Denkschrift (Meine Londoner Mission), die er ebenfalls an Freunde (Arco, Wolff, Gwinner, Ballin, Gontard, Harden und dessen Bruder Rich. Witting) verteilte, die ohne sein Wissen aber auch an Ludendorff, den Reichskanzler, den Chef des Zivilkabinetts, die Führer der Reichstagsparteien u. a. gelangte. Im März und April 1918 wurde sie in der linksgerichteten schwed. Zeitung „Politiken“ veröffentlicht sowie in der Times (am 28.3.1918) und im Orell Füssli Verlag, Zürich (u. d. T. Die Schuld d. dt. Regierung am Kriege). Dies führte am 12.7.1918 zum Ausschluß L.s aus dem Preuß. Herrenhaus. – Bis 1917 hegte L. die Hoffnung, daß das Deutsche Reich durch Abtretung von Elsaß-Lothringen und durch die Abdankung des Kaisers noch zu retten sei. Er bot sich als Reichskanzler einer Parlament. Regierung an. Nach Kriegsende wurde er vorübergehend Mitglied der DDP; Harden schlug ihn im Febr. 1919 als Präsident der neuen Republik vor, Brockdorff-Rantzau wollte ihn zu den Verhandlungen nach Versailles mitnehmen. Doch L. spielte in der Politik der Weimarer Epoche keine Rolle mehr; er lebte zurückgezogen auf seinem Gut Kuchelna und ging der Kriegsschuldfrage nach. 1927 gab er seine Berichte und Denkschriften in 2 Bänden unter dem Titel „Auf dem Wege zum Abgrund“ heraus (engl. 1928). Da er seine Denkschriften und seine amtlichen Berichte abgeschwächt hatte, „um allzu belastende Anklagen zu unterdrücken“, wurde seine Glaubwürdigkeit allerdings erschüttert. Erst seit den 1960er Jahren bahnt sich die Erkenntnis an, daß L. zu den ganz wenigen deutschen Staatsmännern gehört hat, die die Katastrophe von 1914 klar vorausgesehen und sie zu verhindern gesucht haben.

  • Werke

    Weitere W urspr. Fassung d. Berr. in: Die Gr. Pol. d. europ. Kabinette, 40 Bde., 1922-27;
    England vor d. Krieg 1914, in: F. Thimme, Fürst L.s Memoirenwerk, in: Archiv f. Pol. u. Gesch. 7, Nr. 1, 1928, S. 36-57;
    Wahn od. Wille?, 1915, in: J. C. G. Röhl, Zwei dt. Fürsten z. Kriegsschuldfrage, L. u. Eulenburg u. d. Ausbruch d. 1. Weltkriegs, 1971, S. 39-64; Ztg.art. L.s sind aufgeführt
    in: H. F. Young, Prince L. and the Great War, 1977, S. 255 f.

  • Literatur

    Philipp Eulenburgs pol. Korr., 3 Bde., hrsg. v. J. C. G. Röhl, 1976-83;
    Theodor Wolff, Tagebücher 1914–19, 2 Bde., hrsg. v. B. Sösemann. 1984;
    M. Gf. Montgelas, Persönl. Bemerkungen zu Fürst L.s „Auf d. Wege zum Abgrund“, in: Die Kriegsschuldfrage V, 1927;
    P. Herre, Fürst L. u. d. Kriegsschuldfrage, ebd. VI, Nr. 2, 1928;
    F. Thimme, Fürst L.s Ressentiments, ebd., Nr. 3, 1928;
    ders., Fürst L.s „Memoirenwerk“, in: Archiv f. Pol. u. Gesch. 7, Nr. 1, 1928;
    J. V. Bredt, L. u. Grey, in: Preuß. Jbb. 212, Nr. 1, 1928;
    ders., Das „Mißverständnis“ d. Fürsten L. v. 1. Aug. 1914, ebd. 230, Nr. 2, 1932;
    A. Bach, Das angebl. Mißverständnis d. Fürsten L. v. 1. Aug. 1914, in:|Berliner Mhh. 8, Nr. 4, 1930;
    Th. Wolff, Der Krieg d. Pontius Pilatus, 1934;
    ders., Der Marsch durch zwei J.zehnte, 1936;
    E. F. Willis, Prince L., Ambassador of Peace, A Study of Prewar Diplomacy 1912–14, 1942;
    G. Mann, Fürst L., in: Gesch. u. Geschichten, 1962;
    H. G. Sasse, 100 J. Botschaft in London, 1963;
    J. C. G. Röhl, Zwei dt. Fürsten z. Kriegsschuldfrage, 1971;
    H. F. Young, Prince L. and the Great War, 1977 (Standardbiogr., W, L, P).

  • Portraits

    Gem. v. M. Liebermann, 1905 (Regensburg, Ostdt. Gal.).

  • Autor/in

    John C. G. Röhl
  • Empfohlene Zitierweise

    Röhl, John C. G., "Lichnowsky, Karl Max Fürst" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 443-445 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119110814.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA