Lebensdaten
gestorben 14. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Verfasser eines brautmystischen Werks
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 136420451 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Konrad
  • Konrad von Wien
  • Konrad
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Zitierweise

Konrad von Wien, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd136420451.html [13.07.2020].

CC0

  • Leben

    In der einzigen Handschrift (Nummer 295 des Wiener Schottenstifts, 1. Viertel 15. Jahrhundert) der Reimfassung des ,Büchleins von der geistlichen Gemahelschaft' (6 530 Verse) nennt sich am Schluß (V. 6 525) ein „Chünrat“ als Verfasser. Diese Handschrift ist ein Textzeuge der wohl umfangreicheren Ursprungsfassung, auf die auch die Prosabearbeitungen (8 Handschriften, 4 Inkunabeln, 1 Inkunabelfragment), die den Namen K. nicht tradieren, zurückgehen.

    K.s „Büchlein“, das zu den zahlreichen Werken der popularisierten Brautmystik gehört, behandelt das Thema der geistlichen Brautschaft der Seele. Ausgehend von Psalm 44, 15 (Adducentur regi virgines), berichtet der Text vom himmlischen König, der Boten ausschickt, um eine Braut zu suchen; sechs törichte Jungfrauen lehnen ab, die siebente, weise – Gleichnis der auserwählten Seele –, willigt ein; von allegorischen Personifikationen (Gerechtigkeit, Weisheit, Glaube, Hoffnung, Minne und andere) wird sie auf die Vermählung vorbereitet. K. unterscheidet zwischen der Hochzeit in der Zeit (Gnadenhochzeit, „contemplatio“, „andacht“) und der Hochzeit in der Ewigkeit, die bei der Heimholung des Gläubigen stattfindet. Die „gemahelschaft“ wird durch die als Verlobung gedeutete Taufe konstituiert. Der Schlußteil schildert die vierzehn Gaben der Seligen im jenseitigen Dasein und stellt der Gottesbraut die Satansbraut gegenüber.– Als Quellen sind neben der Bibel vor allem Augustinus, Johannes Chrysostomus, Bernhard von Clairvaux, Hugo von Sankt Victor und Honorius Augustodensis (Elucidarium) benutzt; stark beeinflußt ist das „Büchlein“ von der „Summa theologica“ des Alexander von Hales und dem lateinischen Traktat „Filia Syon“; die spätesten theologischen Quellen sind Alberts des Großen „De resurrectione“ und Bonaventuras „Soliloquium“. – Die Urfassung des Werks scheint um die Mitte des 14. Jahrhunderts für ein Laienpublikum – nicht für Angehörige eines (Frauen-) Klosters – verfaßt worden zu sein (Schülke gegen Klecker). Theologische Indizien deuten auf die Entstehung im Franziskanerorden, sprachliche Kriterien weisen in die Umgebung des Wiener Hofs: Im Minoritenkloster Wien, dessen Beziehungen zum Hof im 14. Jahrhundert gut belegt sind, könnte das Werk entstanden sein. Wenn weitere historische Zeugnisse nichts Gegenteiliges ergeben, darf man in dem Verfasser „Chünrat“ den in den Nekrologen der Wiener Minoriten erwähnten Konrad Spitzer ( 1380) vermuten (Schülke), der 1356-65 Provinzial der Minoriten und anschließend Beichtvater des Herzogspaares war.

    Als Entstehungsort der Prosafassung des „Büchleins“ ist aufgrund sprachlicher Merkmale ein niederösterr. Kloster anzunehmen, möglicherweise Melk, da die Umsetzung des an ein höfisches Laienpublikum gerichteten belehrenden Reimwerks in einen für den Klostergebrauch bestimmten erbaulichen Prosatraktat wohl aus den Reformgedanken der Benediktiner Melker Observanz zu verstehen ist, was auch das Aufgeben spezifisch franziskanischer Gedankengänge erklären würde. Die erste Prosabearbeitung ist dann erst nach der Reform des Benediktinerordens 1418 anzusetzen. Auch die für Laien gedachte Druckredaktion Johannes Bämlers (Buch der Kunst, 1477) wurde in Klöstern gelesen und abgeschrieben, wie drei davon abhängige Handschriften beweisen.

  • Werke

    Ausg. d. Versfassung: U. Schülke, K.s Büchlein v. d. geistl. Gemahelschaft, 1970;
    Teilabdr. (V. 1-203, 4312-20. 6514-30);
    M. Haupt u. Heinr. Hoffmann, Geistl. Poesie u. Prosa, in: Altdt. Bll. 2, 1840, S. 316-22;
    Teilabdr. d. Prosafassung (nach d. Hs. Melk 1730): Schülke S. 277-80. -
    Hss. in: H. Fromm u. Hanns Fischer, Ma. dt. Hss. d. Univ.bibl. München [I], in: Festschr. H. Kunisch, 1961, S. 119 f.;
    dieselben, Ma. dt. Hss. d. Univ. bibl. München (II), in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. (Tübingen) 84, 1962, S. 442 f.;
    Schülke, S. 4-9, 44-58.

  • Literatur

    A. Klecker, Das Büchlein v. d. geistl. Gemahelschaft in Cod. 295 d. Wiener Schottenstiftes, in: Festschr. Dietrich Kralik, 1954, S. 193-203;
    H. Rupprich, Das Wiener Schrifttum d. ausgehenden MA, in: SB d. Österr. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl. 228, 5. Abh., 1954, S. 49 f.;
    Schülke, s. W, S. 3-80 (L);
    Vf.-Lex. d. MA II, Sp. 869 f.

  • Autor/in

    Norbert H. Ott
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott, Norbert H., "Konrad von Wien" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 553 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd136420451.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA