Lebensdaten
vermutlich um 1487 bis 1558 oder 1560
Geburtsort
Kirchhofen bei Staufen Kreis Freiburg (Breisgau)
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Dichter ; Dramatiker ; Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119732769 | OGND | VIAF: 35272470
Namensvarianten
  • Rhodonthracius
  • Kolros, Johannes
  • Kolroß, Johannes
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Kolroß, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119732769.html [29.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    N. N., 1536 als Besitzerin d. Hauses „zur Meerkatze“ in B. gen.;
    S (?) Simon, Jugendgespiele Felix Platters.

  • Leben

    K. immatrikulierte sich 1503 in Freiburg (Breisgau). Über Studiengang und Lebensweg vor der Übersiedlung nach Basel ist nichts bekannt, doch kann angenommen werden, daß er aus religiösen Gründen dorthin gekommen ist. Als 1529 die Basler Lateinschule zu Barfüßern in die erste deutsche Volksschule für Knaben umgewandelt wurde, erhielt K. an ihr die Stelle des Lehrmeisters. In enger Verbindung mit dem ihm obliegenden Elementarunterricht im Lesen und Schreiben, zugleich als Hilfsmittel zu privater Erwachsenenbildung und zur Bibellektüre, verfaßte er sein „Enchiridion: das ist/Handbüchlin tütscher Orthographi“ (1530), eine systematisierende Lautlehre auf hochdeutsch-schriftsprachlicher Grundlage mit Berücksichtigung alemannischer Eigentümlichkeiten, die auch Rechtschreib- und Interpunktionslehre einbezog. Mit volkserzieherischer Absicht schrieb er ein den Moralitäten nahestehendes, an spätmittelalterliche Totentanzszenen anknüpfendes „Spil von Fünfferley betrachtnussen den menschen zůr Bůß reytzende“, das 1532 in Basel, 1540 auch in Augsburg aufgeführt wurde. Verflochten mit Motiven des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, brachte K. darin noch vor dem „Homulus“ Jaspar von Genneps (1536) und dem „Hekastus“ des Macropedius (1539) das Jedermann-Thema auf die Bühne des schweizerischen Bürgertheaters. Humanistischen Einfluß verrät zum Teil die Gestaltung des Dialogs, vornehmlich aber die Einführung des Chors, dem mit gereimten, vierstimmig gesungenen sapphischen Oden eine prologische, epilogische und handlungsgliedernde Funktion zugeteilt ist. Episodische und wörtliche Übernahmen aus K. Spiel begegnen in Lienhart Culmanns „Christenlich Teütsch Spil, wie ein Sünder zůr Bůß bekärt wirdt“ (1539), Jacob Fünckelins „Tragoedi von dem Rychen Mann vnd armen Lazaro“ (1550) und in einer Augsburger Bearbeitung der Gengenbach-Wickramschen „Zehn Alter dyser Welt“ (1539). Der schweizerische Dramatiker Cäsar von Arx hat das Spiel 1934 erneuert.

    K. erwarb sich auch Verdienste um die Entwicklung des evangelischen Gemeindegesangs. Seine Kirchenlieder gingen in die verschiedenen Ausgaben des Züricher Gesangbuchs ein; am bekanntesten wurde das Morgenlied „Ich dank dir lieber Herre“. Schon 1525 erschien im Zwickauer Gesangbuch seine Bearbeitung des 127. Psalms („So Gott zum Haus nicht gibt sein Gunst“). Luthers Übertragung der Antiphona „Da pacem domine“ („Verleih uns Frieden gnädiglich“) erweiterte er im textlichen Anschluß an das bei Luther folgende Prosagebet um 4 Strophen zu einem „Gsang vmb friden“. Zwei Strophen des achtstrophigen Psalmlieds „Herr, ich erheb mein Seel zu dir“ (Psalm 25) finden sich als Gebetslied Daniels in der vielleicht von Sixt Birk, Christoffel Wyßgerber (Alutarius) und K. gemeinsam verfaßten „Tragedi wider die Abgöttery“ (1535). Möglicherweise stammen auch die anderen sieben Chorlieder dieses Spiels von K. Ein kirchenpolitisches „Lied vom Concilio“ (vor 1553) erweist sich durch ein Akrostichon als sein Eigentum.

  • Werke

    Enchiridion: das ist/Handbüchlin tütscher Orthographi/hachtütsche sprach artlich zeschryben/vnd läsen …, 1530, Neudr. in: Joh. Müller, Qu.schrr. u. Gesch. d. dt.sprachl. Unterrichtes b. z. Mitte d. 16. Jh., S. 64-91, 414-16 (Anhang zu: Gesch. d. Methodik d. dt. Volksschulunterrichtes, hrsg. v. C. Kehr, IV, 1882);
    Eyn schön spil v. Fünfferley betrachtnussen den menschen zůr Bůß reytzende …, 1532, Neudr. hrsg. v. Th. Odinga, in: Schweizer. Schauspiele d. 16. Jh. I, 1890, S. 51-100, Bearb.: C. v. Arx, Von fünferlei Betrachtnis, Ein Totentanzspiel nach J. K., 1934;
    Ph. Wackernagel, Das Dt. Kirchenlied III, 1870;
    Lied vom Concilio, in: Dreißig Volkslieder aus d. ersten Pressen d. Apiarius, Faks.dr., hrsg. v. H. Bloesch, 1937, Nr. XXI.

  • Literatur

    ADB 16;
    K. Goedeke, Every-Man, Homulus u. Hekastus, 1865, S. 77-86;
    J. Bächtold, Gesch. d. Dt. Lit. in d. Schweiz, 1892, S. 299-301;
    J. W. Hess, J. K., erster Lehrer an d. dt. Knabenschule zu Barfüßern in Basel, in: Schweizer. päd. Zs. 7 1897, S. 306-15;
    W. Brändly, Woher stammt J. K.?, in: Zwingliana 8, 1948, S. 365-67;
    M. Jenny, Christoffel Wyßgerber alias Christophorus Alutarius, in: Basler Zs. f. Gesch. u. Altertumskde. 49, 1950, S. 53-80;
    E. Läuchli, Fünferlei Betrachtnisse v. J. K., Ein Basler Drama d. 16. Jh., in: Basler Stadtbuch, Jg. 1960, S. 158-76;
    M. Jenny, Gesch. d. dt.-schweizer. Gesangbuchs im 16. Jh., 1962;
    Goedeke II;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Kolroß, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 477 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119732769.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kolros: Johannes K., Orthograph, Dramatiker, geistlicher Liederdichter. Er nennt sich „deutsch Lehrmeister zu Basel“ und schreibt als solcher, vermuthlich im J. 1529 (spätere Ausgaben 1534, 1564) sein „Encheridion“ (so), ein Handbuch der Orthographie, eine Anleitung zum Lesen und Schreiben, ein Lehrbuch für Kinder und Erwachsene, welches insbesondere dem plötzlich durch die Reformation und die deutsche Bibel gesteigerten Lesebedürfnisse entgegenkommen will und daher auch über die Benutzung und das Verständniß der Bibelcitate ausführlichen, höchst populären Unterricht ertheilt. Es ist „vornehmlich für die Hochdeutschen gemacht“, nimmt aber auch auf mundartliche, speciell auf schwäbische Abweichungen Rücksicht. Man sieht darin, wie der Unterricht im Deutschen anfängt, eine deutsche grammatische Terminologie herauszubilden: die Vocale heißen Stimm- oder Lautbuchstaben oder blos Stimmen oder Rufer; die Diphthonge Doppel- oder gülden Stimmen; die Consonanten mitstimmende, heimliche, stumme oder todte Buchstaben. Es gelingt dem Verfasser nicht, die Umlaute und Diphthonge richtig zu scheiden. Er versucht sich in sehr elementaren und, wie man denken kann, sehr mangelhaften Angaben über die Hervorbringung und den Klang der Laute. Bei den Consonanten gebraucht er zum Theil ganz drastische Bilder: den reinen Consonant m vergleicht er mit dem Tone, den eine Kuh von sich giebt, wenn sie zu brüllen anfangen will, oder mit dem Klange des großen Rohres in der Sackpfeife; das ch klingt nach ihm, als wenn man in die Hand haucht oder „wie eine Gans pfeift, die Junge hat, so man gegen ihr geht“. — Kolrosens Drama, das „Spiel von fünferlei Betrachtnissen“ (Basel 1532, zweite Ausgabe 1535), ist ein rechtes volksthümliches Lehrstück, wie sie zu Basel beliebt waren. Es beruht auf dem Motive des Todtentanzes und enthält neben ein paar frischen drastischen Scenen breit erbauliche, mit Bibelstellen reichlich geschmückte Partien: einen weltlich gesinnten Jüngling trifft der Tod mit seinem Pfeile, verschont ihn aber und der Sünder bessert sich, folgt den Vorschriften des Prädicanten, widersteht den menschlichen Versuchern wie dem Teufel: ein Engel lehrt ihn den Weg zum Paradies und führt ihn dahin. Ein schlecht erzogener, religiös verwahrloster Knabe dagegen wird vom Tod erschossen und vom Teufel in die Hölle befördert. Chöre fingen am Anfang, am Ende und zwischen den drei Scenen oder Acten sapphische Strophen, zu denen K. wohl durch Sixt Birk (Allg. d. Biogr. II. 657) angeregt war. Unter den Liedern, die ihm mit Wahrscheinlichkeit zugeschrieben werden, ist das weitverbreitete, alle Hauptgedanken der Reformation umfassende, aber milde und weiche Morgenlied auszuzeichnen: „Ich dank dir, lieber Herre, daß du mich hast bewahrt". Es klingt in die Bitte aus: „Daß wir im Fried entschlafen, mit Gnaden zu uns eil. gieb uns des Glaubens Waffen fürs Teufels listig Pfeil.“ Bei einem anderen sehr bekannten Liede: „So Gott zum Haus nicht giebt sein Gunst“, wird Kolrosens Autorschaft erst seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts behauptet.|Die Nachricht, daß K. „ein christlicher Lehrer und Pfarrer unserer (d. h. der protestantischen) Kirche“ im J. 1558 gestorben, findet sich zuerst in Georg Goezius Liederbetrachtung, herausg. von Olearms (Jena 1703) S. 48; sie ist oft, auch ungenau und falsch wiederholt, aber nie verificirt worden.

    • Literatur

      Raumer, Unterricht im Deutschen. S. 15. Weller, Volkstheater der Schweiz, S. 20. Goedeke, Every-man S. 77—86. 218 f. Ph. Wackernagel, Kirchenlied 3, 85—89. Fischer, Lieder-Lexikon, S. 325, 405.

  • Autor/in

    Scherer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Scherer, Wilhelm, "Kolroß, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 496-497 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119732769.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA