Lebensdaten
1739 bis 1809
Geburtsort
Buchau am Federsee
Sterbeort
Hechingen
Beruf/Funktion
Hoffaktorin der Fürsten zu Fürstenberg
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 132530244 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Raphael, Chaile (geborene)
  • Kaulla Raphael, Chaile
  • Auerbach, Chaile (verheiratete)
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Zitierweise

Kaulla, Chaile, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd132530244.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Raphael Isac ( 1744), Vorsteher d. jüd. Gemeinde in B., Hoffaktor d. Fürsten v. Hohenzollern;
    M Rebecca von Regensburg;
    B Jakob Raphael K. ( 1810), Chef d. Handelshauses, kaiserl. Rat, 1800 Hofbankier in H. u. Stuttgart, Hirsch Raphael K., Hofagent in Darmstadt; Verwandter Salomon Isaak Regensburger, Kab.faktor in Donaueschingen; - – Hechingen 1757 Kleve (Akiba) Auerbach, Gelehrter; mindestens 5 S, 1 T, u. a. Mayer (1757–1823), Hofagent in H., Stuttgart u. Zweibrücken, Veit (1764–1811), bayer. Hoffaktor in Augsburg, kurtrier. Hofagent, Raphael (1765–1828), Hoffaktor in Zweibrücken u. München, Bankier u. Großhändler, Wolff v. K. (württ. Personaladel 1814, 1768-1841), Hofbankier in H. u. Stuttgart, Mayer Raphael ( 1815), KR in Hanau.

  • Leben

    K., genannt „Madame Kaulla“, erhielt eine der israelitischen Oberschicht gemäße Erziehung durch Privatlehrer. Da ihr Mann sich gänzlich dem Studium der Thora und des Talmud hingab, übernahm sie frühzeitig die Geschäfte der Familie (Juwelen- und Pferdehandel) und war sehr erfolgreich. Durch die Verbindungen ihres Vaters und durch den in jungen Jahren erworbene Reichtum gelang es ihr 1768, Hoffaktorin der Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen zu werden. In dem Patent wird sie erstmalig „Kaulla Raphael“|genannt. Ihre dominierende Persönlichkeit wird hier deutlich: der Familienname Auerbach findet keine Erwähnung, ihr Ehemann ist völlig hinter sie zurückgetreten. 1769 erhielt K. einen fürstenbergischen Geleitpaß für sich und ihre Waren; die geforderte Zollfreiheit für alle Waren des Handelshauses Kaulla, in das inzwischen ihr Bruder Jakob Raphael eingetreten war, wurde verweigert. Erst 1777 gelang es ihr, die Zollfreiheit für die Waren durchzusetzen, die sie an den Hof von Donaueschingen lieferte. Auch ihr Bruder erhielt 1780 den Titel und die damit verbundenen Zollfreiheiten eines Hoffaktors in Donaueschingen. 1783 endete die Tätigkeit der Geschwister als Hoffaktoren der Fürstenberg. Vorausgegangen waren Streitigkeiten zwischen diesen und dem Schwager K.s, Salomon Isaak Regensburger, einem Kabinettsfaktor, dessen Besoldung vom Donaueschinger Hof nicht mehr geleistet werden konnte. Einem drohenden Rechtsstreit in Wien begegnete Donaueschingen mit einem Vergleich. Diese Querelen mögen zu einer Nichterneuerung des Patents für K. und ihren Bruder beigetragen haben, als eine solche wegen eines Regierungswechsels erforderlich wurde. Bereits während ihrer Tätigkeit für Donaueschingen hatte K. die Verbindungen, die ihr Vater zu dem Hof von Hechingen hatte, wieder aufgenommen. Es lassen sich neben dem Pferde-, Waren- und Juwelenhandel vornehmlich Geldgeschäfte nachweisen, die K. mit dem Hohenzollernhof pflegte.

    Den ersten großen Auftrag als Heereslieferantin erhielt K. 1790 für die in den Niederlanden stehenden habsburgischen Truppen. 30 000 Zentner Roggen Wiener Gewichts und 60 000 Metzen Hafer niederösterreichischen Maßes wurden im Schwäbischen, Fränkischen, und Rheinischen Kreis angekauft und an das General-Verpflegungsamt beziehungsweise das kaiserliche Magazin zu Trier abgeliefert. Vermittelt hatte diesen Auftrag neben dem Bischof von Konstanz vornehmlich Herzog Karl Eugen von Württemberg, für dessen Hof K. bereits in früheren Jahren tätig gewesen war. Als Dank für ihre Dienste hatte sie bereits 1770 den Titel einer herzoglichen Hoffaktorin verliehen bekommen, jedoch ohne Niederlassungsrecht in den Residenzen Stuttgart und Ludwigsburg. In der Folgezeit widmete sich K. besonders den Lieferungen an die kaiserlichen Armeen. 1799-1800 zum Beispiel wurden 4 000 Zentner Mehl, 20 000 Metzen Hafer und auch Heu an das württembergische Kontingent abgeführt. Für diese Verdienste um die kaiserlichen Truppen verlieh Kaiser Franz 1801 Jakob Kaulla den Titel eines kaiserlichen und königlichen Rats, K. erhielt 1807 die große goldene Ehrenkette mit Medaille, ihr Geschäftsführer Aron Liebmann wurde zum kaiserlichen und königlichen Hoffaktor ernannt. 1805 und 1807 nahmen Kaulla und Cie. wieder größere Lieferungen an die habsburgischen Magazine vor, die jedoch zum Teil in französische Hände fielen. Grundlage für die seit etwa 1800 in vermehrtem Maße feststellbaren Geldgeschäfte K.s war der durch die Heereslieferungen erzielte Reichtum. Besondere Bedeutung kam der Übernahme der Kreditierung der englischen Subsidien für das „Herzogliche Reichskontingent-Ergänzungscorps“ zu. So hatte die Firma – Jakob Kaulla war am 9.2.1800 zum Hofbankier in Stuttgart ernannt worden – bis Mai 1800 bereits 405 000 Gulden auf die erwarteten englischen Hilfszahlungen vorgestreckt. Im darauffolgenden Jahre waren es 221 000 Gulden. Neben diesen finanziellen Transaktionen, die schließlich in die Millionen gingen, wurden weiterhin Heereslieferungen vorgenommen, wurde weiter dem Pferde-, Juwelen-, Münzen- und dem Medaillenhandel nachgegangen.

    Höhepunkt des unternehmerischen Wirkens von K. war ihre Beteiligung an der Gründung der Hofbank in Stuttgart 1802. Das Gründungskapital betrug 300 000 Gulden und wurde je zur Hälfte von Herzog Friedrich und K. gehalten. Daß K. in der Zeit der napoleonischen Kriege 150 000 Gulden Einlage aufbringen konnte, demonstriert aufs neue ihren Reichtum. In jenen Jahren war das Haus Kaulla ohne Zweifel den Rothschild in Frankfurt, den Oppenheim in Bonn und Köln, den Seligmann in Mannheim und München bei weitem überlegen, die ähnlich wie sie, Privatbanken gegründet hatten. Auch die 1807 erfolgte Erhöhung des Grundkapitals – ihr Anteil betrug 100 000 Gulden – vermochte K. zu erbringen.

    1806 veranlaßte König Friedrich von Württemberg die Aufnahme von 5 Mitgliedern der Familie Kaulla, darunter K. und ihr Bruder Jakob, mit sämtlichen Nachkommen als württembergische Untertanen mit vollen Rechten. 1807-14 erfolgte die Übertragung des Salzmonopols des Königreichs an die Familie Kaulla. Zahlreiche Stiftungen von K. und ihrer Familie erfolgten zugunsten der jüdischen Gemeinde Hechingen.

    Welchen Anteil an den aufgezeigten Unternehmungen K. selbst, welchen ihr Bruder Jakob hatte, läßt sich nicht genau bestimmen. Ohne Zweifel war K. die eigentliche Leiterin des Handelshauses. Von ihr gingen die unternehmerischen Anstöße aus, während ihr tatkräftiger Bruder und Teilhaber, der nach außen als Chef des Hauses galt, wohl als Geschäftsführer und Stellvertreter K.s anzusprechen ist. Die glückliche Kombination ihrer unterschiedlichen Charaktere führte schließlich zu dem Erfolg des Handelshauses. Die württembergische Hofbank wurde bis 1915 von Mitgliedern der Familie Kaulla geleitet. 1922 wurde sie von der Württembergischen Vereinsbank übernommen und ging 1924 mit dieser in der Deutschen Bank auf.

  • Literatur

    A. Tänzer, Gesch. d. Juden in Württemberg, 1937;
    W. Grube, Qu. z. Gesch. d. Judenfrage in Württemberg, in: Zs. f. Württ. Landesgesch. 2, 1938, S. 117 ff.;
    O. Weber, Die Entwicklung d. Judenemanzipation in Württemberg b. z. Judengesetz v. 1828, 1940;
    H. Schnee, Gesch. u. System d. Hoffaktoren an dt. Fürstenhöfen im Za. d. Absolutismus. 3 Bde., 1953-55;
    ders., Die Hoffinanz u. d. moderne Staat IV, 1963;
    ders., in: Lb. aus Schwaben u. Franken IX, 1963 (W, L, P, auch f. Fam.).

  • Autor/in

    Rudolf Lenz
  • Empfohlene Zitierweise

    Lenz, Rudolf, "Kaulla, Chaile" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 360-362 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd132530244.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA