Lebensdaten
1828 bis 1907
Geburtsort
Neustrelitz
Sterbeort
Wabnitz (Schlesien)
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11877672X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kardorff, Wilhelm von
  • Kardorff Wabnitz, Wilhelm von
  • Kardorff, Wilhelm von K.
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Zitierweise

Kardorff, Wilhelm von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11877672X.html [12.12.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1792–1827), dän. Amtmann in Cismar (Holstein), S d. dän. Gen.-Lt. Augustin Nicolaus (1756–1820) u. d. Hedwig Sophie v. d. Lühe;
    M Mathilde (1803–83), T d. Karl Frhr. v. Dalwigk zu Lichtenfels (1761–1825), nassau. GR u. Oberappellationsgerichtspräs., u. d. Luise Wilh. v. u. zu Löwenstein;
    Stief-V (seit 1840) Karl Frdr. Göschel ( 1861), Kirchenjurist (s. NDB VI);
    - Möllenbeck 1856 Sophie (1836–1914), T d. Karl August v. Borck, Klosterhptm. z. Malchow, auf Möllenbeck, u. d. Karoline v. Behr-Negendank;
    4 S, 2 T, u. a. Siegfried (s. 2), Konrad (1877–1945), Prof., Maler (s. ThB), Eva (1867–1947), Oberin d. Diakonissen-Mutterhauses in Darmstadt;
    Schwieger-T Katharina (s. 1);
    E Ursula (* 1911), Journalistin, Schriftstellerin.

  • Leben

    K. studierte Jura in Heidelberg und Halle, war kurze Zeit im preußischen Staatsdienst tätig, kaufte sich dann aber mit 2 000 Morgen im schlesischen Kreis Oels an und wurde Landwirt. 1866 begann seine Laufbahn als Parlamentarier im preußischen Landtag, dem er mit einer Unterbrechung (1876–88) bis zu seinem Tode angehörte. 1868-1906 war er zugleich Abgeordneter des Reichstags. Er trat der gerade in der Gründung begriffenen Freikonservativen Partei (später Reichspartei) bei und wurde als prononcierter Anhänger Bismarcks rasch deren wichtigster Parlamentsredner; von 1880-1906 war er der Parteiführer.

    Während der Gründerjahre stand K. im Mittelpunkt mehrerer Angriffe, besonders von konservativer Seite, in denen die Verquikkung seines politischen Einflusses mit seiner Gründertätigkeit in Industrie- und Finanzunternehmen (Central-Bodenkredit AG, Vereinigte Königs- und Laurahütte und andere) kritisiert wurde. Bei den Beratungen zur preußischen Kreisordnung von 1872 gewann K. größere parlamentarische Bedeutung, zumal er seit 1868 für eine Annäherung an das englische System des self-government agitierte. Im Reichstag trat er seit 1873 als Anhänger des Schutzzolls hervor, seit 1874 wirkte er als Führer der protektionistischen „Freien wirtschaftlichen Vereinigung“. 1876 gründete er den „Centralverband deutscher Industrieller“, der in der Folgezeit als mächtigster Unternehmerverband auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Reiches einwirkte und der nach den Vorstellungen K.s für eine angemessene Repräsentation der Schutzzollinteressenten im Reichstag sorgen sollte. 1878 erlangte die Interessengruppe, in der neben K. der freikonservative Großindustrielle Carl Ferdinand Stumm eine führende Rolle spielte, die Mehrheit im Reichstag und setzte 1879 ihre Tarife für Eisen- und Getreidezölle durch. In diesen Jahren der Schwächung des freihändlerischen Liberalismus war K., der mit Stumm als Führer der Gruppe „Roggen und Eisen“ galt, der wichtigste parlamentarische Berater Bismarcks. 1885 wurde er Mitglied des preußischen Staatsrats, wo er als Währungspolitiker die bimetallistische Theorie vertrat. Er konnte sich jedoch mit seinen Vorstellungen, bei denen er sich von der damals anerkannten Theorie einer sinkenden Goldproduktionsrate leiten ließ, auf die Dauer nicht durchsetzen. 1884-95 war K. neben seiner parlamentarischen Tätigkeit Landrat des Kreises Oels.

    Nach Bismarcks Entlassung ging sein Einfluß zunächst zurück. 1891 war K. bei den Reichstagsdebatten über die Caprivischen Handelsverträge der Wortführer einer starken Agrarier-Opposition. Auch in den Folgejahren blieb er als Funktionär des 1893 gegründeten Bundes der Landwirte (BdL) dieser Tendenz verpflichtet. Als sich der Agrarierverband im Kampf um höhere Zolltarife 1901/02 durch krasse Interessenpolitik in einen aussichtslosen Gegensatz zu Regierung und Parlamentsmehrheit brachte, schlug K. einen Kompromiß-Tarif vor, der im Dezember 1902 als „Antrag Kardorff“ nach stürmischen Debatten zu Abstimmung und Annahme kam (gegen die Stimmen des BdL und der SPD). K., der sich mit diesem parlamentarischen Erfolg die Feindschaft des Verbandes zugezogen hatte, kam seinem Ausschluß aus dem BdL durch eigenen Austritt zuvor. Seine letzten Lebensjahre sind überschattet von diesem andauernden Konflikt, bei dem es nicht um einen Interessengegensatz ging, sondern um den Streit mit der BdL-Führung über die Taktik des Verbandes gegenüber Reichstag und Regierung. Damit verknüpft war allerdings auch der Kampf um die Existenz der Reichspartei, die als „Mittelpartei“ vom BdL aufgesogen zu werden drohte, eine Entwicklung, der K. bis zum Ende seiner Parlamentariertätigkeit heftigen Widerstand entgegensetzte.

  • Werke

    Präfektur od. Selbstverwaltung, Ein Btr. z. inneren Pol., 1868;
    Gegen d. Strom! Eine Kritik d. Handelspol. d. Dt. Reiches an Hand d. Careyschen Forschungen, 1875;
    Die wirtsch. u. finanziellen Reformprojekte d. Reichskanzlers, in: Nord u. Süd, März-H. 1879;
    Die Goldwährung, Ihre Ursachen, ihre Wirkung u. ihre Zukunft, 1880.

  • Literatur

    H. v. Poschinger, Aus d. Denkwürdigkeiten W. v. K.s, in: Dt. Revue, 1908, Bd. 2;
    F. Thimme, Bismarck u. K., Neue Mitt. aus d. Nachlaß W. v. K.s, ebd., 1917, Bd. 1;
    ders., Aus d. letzten J.zehnt W. v. K.s, ebd., Bd. 4;
    ders., in: Schles. Lb. I, 1922 (L, P);
    K. Keller, in: Dt. Aufstieg, Bilder aus d. Vergangenheit u. Gegenwart d. rechtsstehenden Parteien, hrsg. v. H. v. Arnim u. G. v. Below, 1925, S. 271;
    Siegfried v. Kardorff (S), W. v. K., e. nat. Parlamentarier im Za. Bismarcks u. Wilhelms II., 1936 (P);
    BJ XII;
    H. Müller, u. H. Stoecker, in: Biograph.-Lex. z. dt. Gesch., Berlin (Ost) 1971, S. 346 f.;
    H. Booms, Die dt.-konservative Partei, 1954;
    H. Kaelble, Industrielle Interessenpol. in d. Wilhelmin. Ges., Centralverband dt. Industrieller 1895-1914, 1967;
    H.-J. Puhle, Agrar. Interessen, pol. u. preuß. Konservatismus im wilhelmin. Reich (1893–1914), 1967.

  • Portraits

    Gem. v. Konrad v. Kardorff (S), Abb. b. Thimme, s. L.

  • Autor

    Günter Richter
  • Empfohlene Zitierweise

    Richter, Günter, "Kardorff, Wilhelm von" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 150 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11877672X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA