Lebensdaten
1863 bis 1942
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Schloß Peresznye bei Csepreg (Komitat Ödenburg, Ungarn)
Beruf/Funktion
österreich-ungarischer Außenminister
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 123557372 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Berchtold, Leopold Anton Johann Sigismund Joseph Korsinus Ferdinand Graf
  • Berchtold, Leopold II., z Uherčic

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Zitierweise

Berchtold, Leopold Graf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd123557372.html [24.10.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Siegmund (1834–1900), in Mähren und Ungarn reich begüterter Großgrundbesitzer, kaiserlicher und königlicher Geheimer Rat und Kämmerer, mährischer Landtagsabgeordneter, S des Siegmund und der Ludmilla Gräfin Wratislaw von Mitrowitz; M Josefa (1835–94), T des Josef Graf von und zu Trauttmannsdorff und Weinsberg und der Josefa Gräfin Károlyi von Nagy Károlyi; Budapest 1893 Ferdinandine (Nandine), T des Ludwig Graf Károlyi von Nagy Károlyi (B von Berchtolds Gmm) und der Ferdinandine Gräfin von Kaunitz-Rietberg; 3 S.

  • Leben

    Vorbereitet durch häuslichen Unterricht und juristische Studien, trat B. nach kurzer Tätigkeit an der Statthalterei in Brunn 1893 in den diplomatischen Dienst. Im gleichen Jahre vermählte er sich, selbst in Mähren und Ungarn reich begütert, mit der reichsten Erbin der Slowakei. Seit 1894 der Botschaft in Paris, 1899 der Botschaft in London zugeteilt, wurde er bereits 1906 Botschafter in St. Petersburg und anschließend als Nachfolger des Grafen Aehrenthal unter dem 19.2.1912 Minister des Äußeren. Er blieb es bis zum 13.1.1915, bekleidete von nun an nur noch Hofämter und verbrachte den Rest seines langen Lebens im Genuß der ihm verbleibenden Besitzungen. Er war Träger des Ordens vom Goldenen Vließ.

    B.s Dienstjahre als Botschafter und Außenminister ließen seine verantwortliche Tätigkeit mit der Rückwendung Rußlands vom Fernen Osten zum Südosten zusammenfallen. Daß es Wien nahelag, die Leitung der Außenpolitik dem soeben in Petersburg bewährten Botschafter zu übertragen, der von Aehrenthal selbst designiert worden war, ist verständlich. Der übereinstimmend als liebenswürdig, feinsinnig, taktvoll und gebildet geschilderte Grandseigneur verfügte über ausgezeichnete Verbindungen zum Zarenhof und zur herrschenden Gesellschaftsschicht Rußlands. B. selbst hat sich als für den Posten des Außenministers ungeeignet bezeichnet; aber Franz Joseph blieb gegenüber bescheidener Selbsterkenntnis auch in diesem Falle unzugänglich. So haftet der Amtsführung dieses 'Außenministers wider Willen' ein Zug von Selbstironie an, der immer wieder den Eindruck von Schwäche hervorgerufen hat. Übereinstimmend wurde B. als weltfremd empfunden, und verhängnisvoll wirkte es sich aus, daß er in Dingen der in der Donaumonarchie bei jedem außenpolitischen Schritt sorgfältig zu berücksichtigenden Innenpolitik unerfahren war. B. tat in den ereignisreichen Jahren seit 1912 zwar nur das, was er selbst für richtig hielt, war bemüht, sich ein eigenes Urteil zu bilden - ihm fehlten weder guter Wille noch Fleiß -, doch scheint er stets den Eindruck einer inneren Unsicherheit hinterlassen zu haben, die wohl darauf beruhte, daß ihm der unmittelbare Kontakt zu den eigentlich bewegenden Kräften innerhalb des Vielvölkerreiches fehlte und er sich als Ersatz an die Normen des Prestiges einer „Großmacht“ hielt.

    Österreich-Ungarns ablehnende Haltung gegenüber einer von Italien gewünschten Vertiefung des Dreibundes, die nicht realisierbare Status quo- Demonstration zu Beginn des 1. Balkankrieges, die starre Ablehnung eines Zuganges zur Adria für das siegreiche Serbien, die Konstituierung des albanischen Staates mit erzwungener Rückgabe des von den Montenegrinern eroberten Skutari an Albanien, ferner das Abstoßen Rumäniens und das Hinneigen zu Bulgarien während des 2. Balkankrieges bis zum Versuch einer Revision des Friedens von Bukarest, endlich das Vorgehen vom Mord in Sarajewo bis zur diplomatisch unzulänglich vorbereiteten Kriegserklärung an Serbien - diese und andere Fehlentscheidungen hat B. verantwortlich gezeichnet. Er war nicht dazu geschaffen, das von Andrássy bis Aehrenthal angesammelte unselige Erbe zu bewältigen. Nur eine außergewöhnliche, vorurteilslose und kraftvolle Persönlichkeit wäre dazu in der Lage gewesen. Demgegenüber war B. immer bescheiden, „und gar nicht ,dumm', aber doch recht weltfremd“ (J. Redlich). In seinem von Jagd, Pferdesport, Frauen und Freude an der Kunst begleiteten Leben war er der letzten politischen Wirklichkeit ferngeblieben. Was bei Kaunitz vielleicht noch möglich, bei Metternich im Alter aber schon Anlaß zur Revolution gewesen war: der Verzicht auf eine echte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Ideen der Völker der Donaumonarchie, war inzwischen unmöglich geworden. Aber es wäre historisch falsch, B. allein die „Schuld“ zu geben. Wir wissen, daß gerade der Kulminationspunkt aller Fehler, das Vorgehen gegen Serbien, von der Majorität der Gebildeten und B.s unmittelbarer, sonst so müder Umgebung (Hoyos, Musulin, Forgárh u. a.) als „Erlösung“ empfunden wurde. Nur aus solcher Atmosphäre, in der B.s Verhalten seit 1912 immer|wieder als schwach bezeichnet worden war, darf seine Persönlichkeit in ihren Handlungen gewertet werden.

    Ein reicher und nicht unbegabter Aristokrat war auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke seines Lebens zu einer Stellung ausersehen worden, der er nicht gewachsen war. Erst wenn die bisher noch nicht zugänglichen Tagebücher B.s veröffentlicht werden sollten, wird man über diesen Exponenten verhängnisvoller Entschlüsse ein abschließendes Bild gewinnen können.

  • Literatur

    R. Goos, Das Wiener Kabinett u. d. Entstehung d. Weltkriegs, 1919; F. Conrad, Aus meiner Dienstzeit, 1906–1918, 5 Bde. 1921–25; A. v. Musulin, Das Haus am Ballhausplatz, 1924; S. D. Sasonoff, Sechs schwere Jahre, 21927; J. M. Baernreither, Fragmente eines polit. Tagebuches, hrsg. V. J. Redlich, 1928; Österr. - Ungarns Außenpolitik 1908-1914, bearb. v. L. Bittner u. H. Übersberger, 9 Bde., 1930; E. v. Steinitz, in: Berliner Mhh., Bd. 9, 1931, S. 45 ff., 229 ff., 723-746, Bd. 10, 1932, S. 153-167, 331-345, 660-674; E. C. Helmreich, in: Berliner Mhh., Bd. 10, 1932. S. 218-244: Uhlirz II/2, H. Hantsch, Die Gesch. Österreichs II, 1950; S. Enders, Die Politik d. Gf. B. 1912-1913, Diss. Graz 1950 (ungedr.); E. U. Cormons, Schicksale und Schatten o. D., 1951: J. Redlich, Schicksalsjahre Österr.s 1908-1919, hrsg. v. F. Fellner, Bd. 1-2, 1953/54; ÖBL, 1954 ff.

  • Autor

    Johann Albrecht von Reiswitz
  • Empfohlene Zitierweise

    Reiswitz, Johann Albrecht Freiherr von, "Berchtold, Leopold Graf" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 65 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd123557372.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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