Lebensdaten
um 1315 oder 1320 bis 1380
Geburtsort
Neumarkt (Schlesien)
Sterbeort
vermutlich auf den Olmützer Bischofsgütern
Beruf/Funktion
Frühhumanist ; Kanzler Karls IV. ; Bischof von Leitomischl und Olmütz
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118712683 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johann

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Zitierweise

Johann von Neumarkt, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712683.html [22.11.2017].

CC0

  • Genealogie

    Aus großbürgerl. wohlhabender Fam., mit Verwandtschaftl. Beziehungen u. a. nach Glatz u. Brünn (zur Fam. Goblin, u. a. stammten aus diesem Kreis Nikolaus ( 1350). Kanzler Karls IV., Jakob, Bischof v. Feltre u. Belluno 1354–70, u. d. Ritter Konrad, d. als Feldhauptm. u. Diplomat Karl IV. diente). Ob auch d. Fam. von Neumarkt in Breslau od. d. Arzt Johann v. N. ( n. 1360), Archidiakon in Glogau (er schrieb üb. d. Pest u. ihre Heilmittel sowie üb. Diätetik) dazugehörten, ist ungewiß. Für d. Reichtum u. d. Ansehen d. Fam. spricht, daß d. Eltern in d. Nekrologe d. Zisterzienserklöster Heinrichsau u. Kamenz aufgenommen wurden u. J.s Bruder Matthias (s. u.) dem Zisterzienserkloster Leubus angehörte. Des Bruders Darlehnsgeschäfte deuten in gleiche Richtung. - V Nikolaus;
    M Margarethe;
    B Matthias ( 1370), Zisterzienser, Titularbischof v. Trebinje, Vertreter J.s in Leitomischl, seit 1362 Weihbischof v. Breslau (s. L);
    N Johann Roit, wurde, v. J. unterstützt, Geistlicher (daß er an d. Prager Univ. Lehrer v. Hus gewesen ist, ist unwahrscheinl.), Andreas Eberwin, Weltgeistlicher in Kolin.

  • Leben

    Über J.s Jugend und Ausbildung wissen wir nichts. Er eignete sich eine gediegene Bildung an. Bis in sein Alter beschäftigte er sich mit antiken Autoren. Unklar bleibt, in welcher Weise ihn die Familie v. Pannwitz gefördert hat und ob er Mitglied eines Ordens gewesen ist. Die von Klapper u. a. behauptete Identität des „Johannes de Altamuta plebanus Noviforensis“ (1344) mit dem „Johannes de Novoforo, rector parrochialis ecclesie de Novoforo“ (1351) ist nicht haltbar. J. ist wohl der Nachfolger des Johann von Hohenmauth als Pfarrer und Inhaber der Pfründe in Neumarkt gewesen. Beide standen in Diensten der Luxemburger. Zeitlich genau zu bestimmen ist weder J.s Tätigkeit als Schreiber in der Breslauer Kanzlei Kg. Johanns noch die als Landschreiber im Dienste des Hzg. Nikolaus von Münsterberg. J. besaß also nicht nur die Kenntnisse des Kanzleiwesens sondern auch die der Finanzverwaltung. So gut vorbereitet, trat er in die Dienste Karls IV., zunächst als Notar (seit 1347 nachweisbar), Hofkaplan, Sekretarius (1351 auch Kanzler der Königin). Seit 1352 war er als Protonotar (oberster Schreiber) und seit Ende 1353 bis 1374 als Hofkanzler (mit einer Unterbrechung 1364/65) tätig. Sein Ausscheiden erfolgte nicht ohne Mißklang, jedoch führte er weiter den Titel Kanzler. Entsprechend seiner Herkunft und Laufbahn erhielt er zunächst Pfründen in Schlesien (Neumarkt, Breslau, Glogau), dann aber auch in Böhmen (Prag). Das Amt eines Bischofs von Naumburg (1352) trat er nicht an. Am 9.10.1353 wurde er 2. Bischof des von Karl IV. gestifteten Bistums Leitomischl und 1364 Bischof von Olmütz. 1380 wurde er zum Bischof seiner Heimatdiözese Breslau gewählt, aber ehe die päpstliche Bestätigung eintraf, starb er.

    Bis 1374 verbrachte J. die meiste Zeit in der Umgebung Karls und in dessen Dienste. Als Leiter der Kanzlei begleitete er ihn auf dessen Reisen durch das Reich und 1354/55 und 1368/69 nach Italien. Dabei lernte er u. a. Rienzo und vor allem Petrarca kennen, mit dem er wiederholt Briefe wechselte. Der erhaltene Katalog seiner Bibliothek weist u. a. auch Werke Dantes auf. Wie weit J. Einfluß auf die Reichspolitik Karls hatte, etwa auf die Entstehung der Goldenen Bulle 1356, läßt sich nicht erkennen, so hören wir von keiner Reise J.s im Auftrage des Kaisers, weder zu den Reichsständen noch zu auswärtigen Fürsten. – Groß ist J.s Bedeutung für die Kanzlei. Auf ihn geht ihre Reform nach der Kaiserkrönung Karls 1355 zurück. Petrarca rühmt J.s ordnende Tätigkeit für das Register, das noch in Teilen erhalten ist. Durch die Sammlung von Urkunden- und Briefentwürfen in der „Summa cancellarii“ schuf er ein Musterformelbuch für die Beamten der Kanzlei und wirkte reformierend auf den Schriftverkehr der Kanzlei. Da diese Sammlung wegen ihrer vorbildlichen Sprache weit verbreitet wurde und somit die darin enthaltenen Formulare oft nachgeahmt wurden, bildete sich daran ein einheitlicher, vom Frühhumanismus beeinflußter Stil in|den fürstlichen und städtischen Kanzleien und den Notariaten heraus. Die deutschen Formulare trugen dazu bei, die neuhochdeutsche Sprache vorzubereiten.

    Von nicht geringerer sprachlicher Wirkung war J.s literarische Leistung als Übersetzer und Verfasser von Gebeten und Erbauungsschriften. Nach der Rückkehr aus Italien 1355 übertrug er für Karl ins Deutsche den pseudoaugustinischen „Liber soliloquiorum animae ad deum“, „Das Buch der Liebkosungen“, ein Selbstgespräch der sündigen Seele mit Gott. Er schenkte dem Kaiser eine von ihm bearbeitete lat. Fassung der Vita des hl. Hieronymus. Während seiner Olmützer Zeit übersetzte er diese Vita frei ins Deutsche und widmete sie der Mgfn. Elisabeth von Mähren. Für diese und den Prager Hof stellte er während der gleichen Zeit Gebete zum Privatgebrauch, also kein Brevier, sondern ein Gebetbuch für Laien zusammen in der Art der „Livres d'heures“. Er verfaßte und bearbeitete dafür die deutschen „Tagszeiten vom Leiden Christi“, vom „Mitleiden Marias“, Buß- und Abendmahlsgebete, Gebete an Schutzheilige, Apostel usw. Als Vorlage dienten ihm Gebete Augustins, des Petrus Damiani, Anselms von Canterbury u. a. Außerdem übersetzte er noch in seinen letzten Jahren das Büchlein des Jakobus von Mailand „Stimulus amoris“, den „Stachel der Liebe“. – J. war bemüht, nicht nur zu übersetzen (auch ins Lateinische, etwa Frauenlob), sondern in einer verständlichen, anspruchsvollen, gehobenen höfischen Sprache zu schreiben und zu dichten. Er erklärte, umschrieb und scheute sich nicht vor erläuternden Einfügungen, aber auch nicht vor Kürzungen. Er hielt sich nicht sklavisch an seine Vorlagen. Bei seinen Gebeten bestand oft nur eine gedankliche Verbindung zu ihnen. Diese Gebete wurden in den folgenden Jahrzehnten oft nachgeahmt.

    Für seinen persönlichen Gebrauch ließ er einen „Liber viaticus“, ein Reisebrevier (um 1365 vollendet), für seine bischöflichen Amtshandlungen einen „Liber pontificalis“, den er Johann von Mähren widmete, und für Olmütz ein „Missale“ herstellen. Alle drei Handschriften wurden mit künstlerisch wertvollen Initialen und Miniaturen reich geschmückt.

    J. wandte sich, wie seine Widmungen andeuten, an die gebildeten und für die Literatur aufgeschlossenen Hofkreise, besonders natürlich an den Hof Karls IV. in Prag, von wo damals, getragen mit von den Augustiner Chorherren, eine starke religiöse Erneuerungsbewegung ausging. Die weite Verbreitung der Werke J.s in Handschriften und Frühdrucken des 15. Jh. zeigt, wie J. und seine Nachahmer in den lat. und deutschen Schriften, vor allem den Gebeten, den Geschmack getroffen haben, der nicht nur die Höfe sondern besonders durch Vermittlung von Frauenklöstern auch die Bürger, und zwar vor allem die Frauen, ansprach. Dadurch wurden diese mit den religiösen Gedanken großer christlicher Denker bekanntgemacht. Wenn auch die Bedeutung J.s für die Entstehung der neuhochdeutschen Sprache durch Burdach u. a überschätzt worden ist, so hat er doch zweifellos als die maßgebliche literarische Persönlichkeit in der Umgebung Karls zu der kulturellen Ausstrahlung des kaiserlichen Hofes mit beigetragen.

  • Werke

    Verz. d. meisten d. sehr zahlr. Hss. in: Vf.-Lex. d. MA II. -
    Ausgg.: Cancellaria Johannis Noviforensis, hrsg. v. F. Tadra, in: AÖG 68, 1886 (geht nur z. T. auf J. zurück);
    Summa Cancellariae (Cancellaria Caroli IV.), hrsg. v. dems., 1895; d. literar. W u. Briefe sind veröff.
    in: Vom MA z. Ref. VI u. VIII, hrsg. v. K. Burdach, bearb. v. J. Klapper u. P. Piur, 1930-37.

  • Literatur

    ADB 14;
    Th. Lindner, Das Urkk.wesen Karls IV. u. s. Nachfolger, 1882;
    H. Bresslau, Hdb. d. Urkk.lehre, 2 Bde., 21931;
    J. Šusta, České dějiny II, 4, 1948;
    J. Ludvíkovský, Jan ze Středy a M. Rehoř z Uh, Brodu, domnělý autor Quadripartitu, in: Listy filologické 79, 1956;
    E. Winter, Frühhumanismus, Seine Entwiddung in Böhmen u. deren europ. Bedeutung f. Kirchenreformbestrebungen im 14. Jh., 1964;
    J. Petersohn, Eine neue Hs. d. Summa Cancellarii d. J. v. N., in: MIÖG 74, 1966;
    H. Eggers, Dt. Sprachgesch. III: Das Frühneuhochdeutsche, 1969, bes. S. 84-90;
    Gotik in Böhmen, hrsg. v. K. M. Swoboda, 1969;
    České umění gotické 1350-1420, 1970, S. 244 ff., vgl. auch d. grundlegenden Ausführungen K. Burdachs u. a. in: Vom MA z. Ref. II-IX, 1912-39 (passim);
    de Boor-Newald IV, 1;
    J. Klapper, in: Vf.-Lex. d. MA II (W, L);
    H. J. Rieckenberg, Zur Herkunft d. J. v. N., Kanzler Karls IV., in: DA 31, 1975;
    DW 7538. - Zu B Matthias:
    J. Jungnitz, Die Breslauer Weihbischöfe, 1914, S. 26-30.

  • Autor

    Hans Jürgen Rieckenberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Rieckenberg, Hans Jürgen, "Johann von Neumarkt" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 563 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712683.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Johann "von Neumarkt", Bischof von Leitomischl (1353—1364), dann von Olmütz (1364—1380). Johann "von Neumarkt" oder "Pfarrer von Neumarkt" erscheint zuerst in einer Urkunde vom 16. October 1347 als Kanzleibeamter und zwar als Notar Kaiser Karls IV.; mit diesem Titel läßt er sich zum letzten Male am 15. November 1351 nachweisen. Vom 19. September 1352 an bis zum 2. Januar 1354 führt er den Titel eines Protonotars oder "obersten Schreibers". Doch heißt er schon in einzelnen Urkunden seit dem 26. December 1353 "Kanzler". Die Würde eines Hofkanzlers hat er mit einer kurzen Unterbrechung (im J. 1365) bis in die zweite Hälfte des J. 1374 bekleidet, worauf er diese Stelle niedergelegt zu haben scheint. Unter Karl IV. ist dann dies Amt überhaupt nicht mehr besetzt worden und es wurde die Kanzlei durch den Protonotar geleitet. Daß ein höherer Kanzleibeamter in jener Zeit auch zu einträglichen kirchlichen Winden besördert wurde, verstand sich von selbst. Am 14. Juni 1351 ist des Königs notarius. secretarius et familiaris dilectus Johann von Neumarkt Domherr in Breslau und Olmütz; am 26. Mai 1352 ist derselbe "Erwählter" von Naumburg. Doch hat er, obwol er noch am 30. März 1353 "Erwählter von Naumburg" heißt, dieses Bisthum nicht erhalten, wogegen ihm Karl IV. noch im nämlichen Jahre jenes von Leitomischl verschaffte. Am 10. November 1353 heißt er "Erwählter", am 22. December "Bischof" von Leitomischl. Als am 12. Juli 1364 der Olmützer Bischof Johann Ocko von Wlaschin zum Erzbischof von Prag gewählt wurde, erhielt der Hofkanzler das erledigte Bisthum Olmütz. 1380 wählte ihn das Domkapitel von Breslau zum Bischof, doch ward er durch seinen Tod, der am 20. (24?) December erfolgte, verhindert, diese Stelle anzutreten. Daß er auf Karl IV., obwol er so lange die Stelle eines Reichskanzlers bekleidete, in politischen Fragen einen bedeutenden Einfluß geübt habe, läßt sich nicht nachweisen. Daß er der Verfasser der goldenen Bulle gewesen sei, ist eine durch nichts begründete Vermuthung, wenn er auch als Kanzler einzelnen Theilen ihre stilistische Fassung gegeben haben mag. Dagegen zeigte er regen Sinn für litterarische Bestrebungen. Mit Petrarca hat er einen brieflichen Verkehr herbeizuführen gesucht und er hat den gefeierten Dichter und Schriftsteller mit den schmeichelhaftesten Lobeserhebungen überhäuft, welche jener nicht unerwiedert läßt, obwol Johanns Stil schwülstig und mit Bildern so überhäuft ist, daß seine Briefe manchmal fast unverständlich sind. Er selbst dichtete Lieder zu Ehren Mariens ohne Zweifel in lateinischer Sprache. Auch die Gestalten der deutschen Heldensage sind ihm vertraut; wiederholt bezeichnet er die Margaretha Maultasch von Tirol als Krimhilde. Um einem böhmischen Bischofe, welcher der "edeln deutschen Sprache" offenbar nicht ganz mächtig war, das Verständniß eines Gedichtes des "Meister Johann, genannt Frauenlob" von der Verbannung der Gerechtigkeit zu ermöglichen, verfertigte er eine lateinische Uebersetzung desselben und schickte ihm diese mit einem erklärenden Schreiben. Ueberhaupt war er als Uebersetzer thätig. Manches, was ihm zugeschrieben wird, rührt vielleicht nicht von ihm her. Aber zwei umfangreichere Stücke sind sicher von ihm, die Uebersetzung der Soliloquien des heil. Augustin, die er auf Wunsch des Kaisers als Bischof von Leitomischl, und eine freie Uebersetzung des Lebens des heil. Hieronymus (zu dessen Ehren er auch ein lateinisches Gedicht versaßte), die er auf Veranlassung der Markgräfin Elisabeth von Mähren,|der dritten Gemahlin des Markgrafen Johann Heinrich, in seinen letzten Lebensjahren als Bischof von Olmütz veranstaltete. Letztere Uebersetzung scheint sich, nach der großen Zahl der vorhandenen Handschriften zu schließen, einer großen Beliebtheit erfreut zu haben. Dagegen finden sich nur vereinzelt sein "liber viaticus" (ein "Reisebrevier") und sein "liber pontificalis". Mit seiner Stellung als Kanzler hing es zusammen, daß er aus Urkunden und Briefen Karls IV. und Anderer Formelsammlungen als Stilmuster zusammengestellt oder ihre Zusammenstellung veranlaßt hat. Daß ihm auch Interesse für die Kunst nicht fehlte, darf man vielleicht aus einem Empfehlungsschreiben schließen, das er zu Gunsten eines Malers an den Kaiser gerichtet hat.

    • Literatur

      Friedjung, K. Karl IV. und sein Antheil am geistigen Leben seiner Zeit (Wien 1876), S. 108—114, 311—330. Böhmer-Huber, Die Regesten des Kaiserreichs unter K. Karl IV., S. XLII—XLVIII und LVIII. Das Leben des heil. Hieronymus in der Uebersetzung des Bischofs Johann VIII. von Olmütz, herausgeg. v. Anton Benedict, Prag 1880 (Bibliothek der mittelhochdeutschen Litteratur in Böhmen, 3. Bd.), Einleitung.

  • Autor

    A. Huber.
  • Empfohlene Zitierweise

    Huber, Alfons, "Johann von Neumarkt" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 468-469 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118712683.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA