Lebensdaten
1864 bis 1934
Geburtsort
Hirschberg (Riesengebirge)
Sterbeort
Walenstadt (Kanton Sankt Gallen)
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117148199 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Joel, Carl
  • Joel, Karl
  • Joël, Carl

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Zitierweise

Joël, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd117148199.html [26.09.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann, Dr., 1850-55 Rabbiner in Düsseldorf, dann in H.; M Mathilde Scherbel; Ov Manuel (s. 2); - ledig.

  • Leben

    J. begann in Breslau bei Dilthey und Freudenthal mit dem Studium der Philosophie, setzte es seit 1883 in Leipzig fort und promovierte dort mit der Dissertation „Zur Erkenntnis der geistigen Entwicklung und der schriftstellerischen Motive Platos“ (1886) zum Dr. phil. Nach 1887 hielt er sich zeitweilig in Berlin auf, habilitierte sich schließlich 1892/93 in Basel mit Unterstützung Ferd. Dümmlers und wurde dort 1897 zum ao., 1902 zum o. Professor ernannt (Rektor 1913). Der Vatersbruder David hatte als Schüler Schellings, Savignys, Raumers und Neanders die Familie, die ihre Abkunft auf Raschi zurückleitete und einen Hang zur Kabbala hatte, für das deutsche Geistesleben gewonnen. Daher hielt J. das Andenken der Romantik und des Deutschen Idealismus (ähnlich wie Adolf Lasson das Hegels) noch hoch in ihnen feindlich gesonnener, positivistischer Umwelt. Als einer der ersten erkannte J. die Größe Nietzsches, den er als Romantiker verstand, und der daher nach ihm nicht zufällig auch für das Romantische bei den Griechen, in der Tragödie und bei Heraklit, hellsichtig war. J. stand der Lebensphilosophie nahe und beteiligte sich (wie Buber, Simmel u. a.) an der Wiederentdeckung der Mystik als lebensgebundener, gefühlshafter Erkenntnis der Weltganzheit. Aus ihr, also aus religiös-metaphysischem Geist, ließ er die (von vielen Zeitgenossen als „Vorstufe“ der Wissenschaft interpretierte) Naturphilosophie der Vorsokratik (wogegen dann K. Reinhardt in seinem „Parmenides“ polemisierte) und der Renaissance hervorgehen. Aus seiner idealistischen Provenienz vertrat er entgegen dem damals landläufigen Determinismus die Freiheit des Willens. Wie Dilthey wandte er sich gegen die experimentelle Psychologie, über die er spottete: „Die Psychologie sitzt an der Seele und melkt Zahlen.“ So gehörte J. um 1900 (ähnlich wie der mit ihm befreundete Georg Simmel) zu den Außenseitern der Zunft, um die sich eine vom Naturalismus und der Mechanistik der Zeit unbefriedigte Jugend gruppierte. Er durfte erleben, wie das von ihm Verteidigte sich weithin durchsetzte. Freilich wurde er eben dadurch als bloßer Vorbereiter bald wieder vergessen. – Eine weniger glückliche Hand hatte J. in seinem Frühwerk. Im Anschluß an die Kyniker-Forschungen F. Dümmlers ließ er in konstruktiver Weise die Gestalt des Antisthenes ins Gigantische wachsen. Davon rückte er selbst|später ab. In seiner „Geschichte der antiken Philosophie“ (I, 1921), deren Platon-Band vorbereitend er starb, ist das Kyniker-Kapitel das hervorragendste. Zwischen der „Aufklärung“ des Sokrates und der „Klassik“ Platons sieht er Antisthenes als „Romantiker“ und als Vorbereiter der Stoa. J. schrieb auch eine Gesamtdarstellung der Philosophiegeschichte mit der These, daß immer Epochen der „Bindung“ und solche der „Lösung“ sich abwechseln und „Saeculargeister“ miteinander streiten. Solche weitgefaßten Typisierungen und Periodisierungen, als Antithesen gegen den „Tatsachenglauben“ seiner Zeit motiviert, sind uns heute ebenso ferngerückt wie J.s überladene, „dionysische“ Sprache. Doch behauptet er seine Stelle als eine der charakteristischen Übergangsfiguren der „Neuromantik“ zwischen Nietzsche und den 20er Jahren. J.s von seiner Schwester (Th. Mann: „Das ehelose Kinderpaar“) geführtes Haus in Basel war ein beliebter Treffpunkt für viele am geistigen Austausch interessierte Zeitgenossen. Menschlich verkörperte er die Praxisferne des Philosophen, wie Platon ihn im Theätet schildert.

  • Werke

    Weitere W u. a. Der echte u. d. xenophont. Sokrates, 1892-1901; Philosophenwege, Ges. Aufsätze, 1901; Nietzsche u. d. Romantik, 1905, 21913; Ursprung d. Naturphilos. aus d. Geiste d. Mystik, 1906, 21926; Der freie Wille, 1908; Seele u. Welt, Versuch e. organ. Auffassung, 1912, 21923; Die phil. Krisis d. Gegenwart, 1914, 21922; Antibarbarus, 1914; Die neue Weltkultur, 1915; Die Vernunft in d. Gesch., 1916; Kant als Vollender d. Humanismus, 1924; Wandlungen d. Weltanschauung, Eine Philos.gesch. als Gesch.-philos., 2 Bde., 1928–34, 21964; Autobiogr. in: Die Philos. d. Gegenwart in Selbstdarst. I, 1921.

  • Literatur

    Festschr. z. 70. Geb.tag, 1934; E. v. Schenck, in: Basler Nachrr. v. 24.7.1934; Ziegenfuß.

  • Portraits

    in: Professoren d. Univ. Basel aus 5 Jhh., 1960.

  • Autor

    Michael Landmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Landmann, Michael, "Joël, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 455 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117148199.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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