• Genealogie

    V Rudolf (1842–1922), Kaufm. in R., S d. Kaufm. Friedrich Wilhelm in R. u. d. Kaufm.-T Rudolfine Herberts;
    M Maria (1849–1936), T d. Robert Busch, Kaufm. u. Stadtkämmerer in R., u. d. Julie Grimm;
    Düren 1903 Freya (1880–1945), T d. Cäsar Schüll, Papierfabr. (Schleicher u. Schüll) in Düren, u. d. Adele Hinsberg;
    2 T, u. a. Lotte ( Herbert v. Einem, * 1905, Prof. d. Kunstgesch.).

  • Leben

    Nach Studium der Rechte (London, Paris, Bonn, Berlin; Dr. iur. 1897 Erlangen) und Referendarzeit wandte J. sich unmittelbar der kommunalen Verwaltung zu. Vor seiner Wahl zum Bürgermeister von Remscheid (1910) war er in Düren (1901 Stadtassessor, 1903 Beigeordneter) und Köln (1907 Beigeordneter) tätig. Als Bürgermeister (seit 1911 Oberbürgermeister) von Remscheid hat er die Geschicke der Stadt mit großer Umsicht geleitet und sich als weitblickender und sozial denkender Kommunalpolitiker erwiesen. 1914-33 hatte er das Amt des Oberbürgermeisters von Duisburg inne. Während des Krieges bemühte er sich erfolgreich um die Lebensmittelversorgung der Stadt, in der unmittelbaren Nachkriegszeit galt sein Bestreben der Abwehr der die Räteherrschaft propagierenden Bewegung, wobei ihm selbst körperliche Mißhandlungen nicht erspart blieben. Nach der Ruhrbesetzung (1923) wurde er ausgewiesen und, da er den Befehl mißachtete, vor ein belg. Kriegsgericht gestellt und zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung bestellten ihn die Preuß. und die Reichsregierung zum Vertrauensmann für das besetzte Gebiet. Übersteigertes Nationalgefühl – vor allem Erbe burschenschaftlicher Erziehung – und ungestümer Freiheitsdrang ließen ihn zum Hauptverfechter der sog. „Versackungspolitik“ werden, die die alleinige Verantwortung an der Ruhr den Besatzungsmächten überlassen wollte.

    Am 11.11.1923 übernahm er auf Wunsch Stresemanns das Ministerium des Innern, im 1. und 2. Kabinett Marx war er außerdem Vizekanzler. Nach der Lösung der Ruhrkrise folgte er loyal dem außenpolitischen Kurs Stresemanns, auf dessen Drängen hin er 1925 als Kandidat des rechtsparteilichen Reichsbürgerblocks für die Reichspräsidentschaftswahl aufgestellt wurde. Da er im 1. Wahlgang nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erhielt, verzichtete er zugunsten Hindenburgs. Nach seiner Rückkehr aus Berlin setzte er sich für eine großzügige Ausdehnung Duisburgs im Rahmen der kommunalen Neugliederung des Industriegebiets ein, erreichte aber nur die Eingemeindung Hamborns (1929). In der erheblich vergrößerten Industriestadt mit ihrer recht einseitig strukturierten Wirtschaft (Kohle und Stahl) galten in der Weltwirtschaftskrise seine meist vergeblichen Bemühungen dem|Ziel, die drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden. Nach seiner Absetzung durch die Nationalsozialisten (1933) fand er in der Industrie einen neuen Wirkungskreis (Aufsichtsratsvorsitzender bzw. -mitglied renommierter Duisburger Unternehmen). Nach 1945 war er entscheidend am Wiederaufbau der Ruhrindustrie beteiligt.

    J.s Leistung liegt auf dem Gebiet der Kommunalpolitik, er zählt mit Adenauer zu den „großen rhein. Oberbürgermeistern“. Er setzte sich erfolgreich für ein geordnetes Wachstum der Wirtschaft ein; auf dem sozialen Sektor wurden in seiner Amtszeit beispielhafte Einrichtungen geschaffen. Die Vorliebe des Humanisten J. galt dem kulturellen Bereich, in dem Duisburg unter seiner Leitung die führende Stellung am Niederrhein erlangte (Theater, Oper).

    Als Minister repräsentierte er den Typ des nach Sachgesichtspunkten handelnden Fachmannes, der nicht selten übergeordnete politische Erwägungen außer acht ließ. Er kam über die Nationalliberalen zur Deutschen Volkspartei, der er bis zu ihrer Auflösung angehörte, ohne dort eine bedeutende Rolle gespielt zu haben. Er war nie Parteipolitiker im eigentlichen Sinn, seine Gedankenwelt war und blieb vom deutsch-nationalen und besitzbürgerlich-liberalen Element bestimmt. Frei von reaktionären Neigungen, paßte er sich dennoch nicht ohne Schwierigkeiten der Republik an: ein Mann des Übergangs zwischen Monarchie und Republik.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Preuß. Herrenhauses u. Preuß. Staatsrats, des engeren Vorstands d. Dt. u. Preuß. Städtetages sowie Vorsitzender d. Rhein. Provinziallandtages u. Rhein. Städtetages.

  • Literatur

    A. Bonhage, in: Alemann. Lb., hrsg. v. G. Möhlmann, 1952, S. 62-75 (Veröff. d. Burschenschaft Alemannia z. Bonn);
    H. Berndt, Politiker i. d. Entscheidungsj. d. Weimarer Republik, in: Darst. u. Qu. z. Gesch. d. dt. Einheitsbewegung im 19. u. 20. Jh. VI, 1965, S. 125-52 (W, L, P);
    W. Först, in: Pol. u. Landschaft, 1969, S. 142-47; Rhdb. (P);|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Koblenz, Bundesarchiv.

  • Autor/in

    Paul Heinz Dünnebacke
  • Empfohlene Zitierweise

    Dünnebacke, Paul Heinz, "Jarres, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 358 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118776029.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA