Lebensdaten
vermutlich 1635 bis 1724
Geburtsort
Zürich
Sterbeort
Grimma
Beruf/Funktion
Goldschmied ; Modellformer der Meißner Porzellanmanufaktur
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 135606780 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Irminger, Johann Jacob

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Zitierweise

Irminger, Johann Jacob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd135606780.html [22.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    1) Marie Hedwig Kreß ( 1702), 2) Grimma 22.3.1703 Anna Sophie, T d. Bgm. Christian Huhn in G.;
    2 S, 2 T aus 1), u. a. Carl Gotthelf, Goldschmied in Dresden, Christian Gottlob, Hofsilberarbeiter, Meister 1719, arbeitete f. d. Silberschatz Augusts d. Starken.

  • Leben

    I. hatte bei einem Streit im Züricher Zunfthaus seinen Gegner erstochen und kam als Flüchtling nach Dresden, wo er sich 1681 in der Goldschmiede-Innung zur Meisterprüfung anmeldete (1682 Meister und Bürger, 1687 Hofjuwelier). 1699-1701 war er Ältester der Innung. Schon vorher hatte I. zwei silberne Pauken mit dem Wappen des Kf. Johann Georg III. gefertigt (zw. 1680/91, die eine Schloß Moritzburg b. Dresden, die andere Kriegsverlust 1945); 1694-97 arbeitete er zusammen mit Augsburger Silberschmieden am ersten silbervergoldeten Service für August den Starken (eingeschmolzen). Gleichzeitig entstanden ein silberner Deckelbecher mit reicher barocker Treibarbeit (Kriegsverlust 1945, Abb. b. Holzhausen, s. L), 1697, im Jahre der poln. Königskrönung, ein großer goldener Pokal mit Bildnismedaillen sächs. Fürsten, Diamanten, Smaragden, der goldenen Reiterstatuette Augusts des Starken auf dem Deckel, liegenden Sklaven auf dem Fuße, verschnörkelten Henkeln und Blumen mit Edelsteinen (nach 1724 eingeschmolzen), 1699 ein goldener Pokal mit Emailmedaillons, auf dem Deckel Felsen, Jäger und Wild (1707 eingeschmolzen). Diese wohl unter M. Dinglingers Einfluß entstandenen, seinem Stil nahestehenden Werke der Juwelierkunst haben dazu geführt, daß der Weißenfelser Jagdpokal der Brüder Dinglinger zeitweise I. zugeschrieben wurde.

    I.s hochbarocker Gefäßstil wandelte sich nach der Jahrhundertwende zur klaren, klassizistischen Form seines Deckelpokals von 1708. Wohl auf Böttgers Vorschlag wurde I. 1710 an die neugegründete Manufaktur in Meißen berufen, wo er (laut nachträglichem Vertrag von 1712) für das rote Böttgersteinzeug Modellformen schaffen, zugleich die Handwerker (Töpfer, Dreher, Schleifer u. a.) anlernen und beaufsichtigen sollte. So hat I. seit 1710 die künstlerische Gestaltung und technische Ausführung der meisten Geschirre des Böttgersteinzeugs bestimmt. Die Hauptmerkmale seines Stils sind die straffen, oft kantig abgesetzten Formen nach dem Vorbild seiner Silbergefäße und antikisierende Reliefauflagen wie Akanthus, Lorbeerblätter, Masken u. a. Auch für die Geschirre des seit 1713 verkaufsfähigen, weißen Böttgerporzellans lieferte I. größtenteils die Modelle. Er fand dafür einen neuen Gefäßstil – die meisten Steinzeug-Gefäße wurden nicht nachgeformt – und verwendete andersartigen Reliefschmuck, der entweder aus wenigen Verzierungen an glatten Vasen und Kannen oder dicht aufgelegten Weinlaubranken und vollplastischen Rosen bestand. Da sich unter I.s Vorbildern auch Augsburger, holländ. und engl. Hugenotten-Silber befand, sind zunächst nur die nach seinen eigenen Silbervorbildern geformten Gefäße uneingeschränkt auf ihn zurückzuführen. Nach Böttgers Tod 1719 wurde I. von der Meißner Lohnliste gestrichen, im gleichen Jahr wieder verpflichtet. Seine Tätigkeit für Meißen ist bis 1720, dem Eintritt Höroldts in|die Manufaktur, gesichert. Seitdem verdrängte die Bemalung des Porzellans den Reliefschmuck, und I. wandte sich in Leipzig wieder der Goldschmiedekunst zu. 1723 siedelte er nach Grimma über, wo er ein Jahr später „in hohem Alter“ starb. Daß I. schon bald nach Erlangung der Meisterwürde bedeutende Aufträge vom Hofe erhielt, die dann durch August den Starken an Umfang zunahmen, läßt bereits auf seine damalige Meisterschaft schließen. Seinem schöpferischen Erfindungsgeist in Verbindung mit handwerklicher Geschicklichkeit und technischer Erfahrung verdankte er seine ausschlaggebende Position an der Meißner Manufaktur. Er ist der Meister des Reliefstils der frühen Meißner Geschirre. Einschließlich des vollplastischen Figurenschmuckes seiner späten, silbervergoldeten Kaffeekannen hat er eine Entwicklung vorgezeichnet, die später Kändler fortgeführt hat. I. bewirkte, daß die Nachahmung ostasiat. Vorbilder Episode blieb und das erste europ. Porzellan vorwiegend in europ. Form in Erscheinung trat.

  • Werke

    Weitere W u. a. Goldschmiedearbb.: Ehrenbecher, Silber teilvergoldet, 1708 (Kriegsverlust, Abb. b. Holzhausen, s. L);
    Kelch (mit Allianzwappen Kanitz/Kyau), Hostienbüchse, Silber vergoldet, 1711 (Kirche Hainewalde, Oberlausitz);
    Altarschmuck (Pfeiler, Kapitelle, Glorie), Kupfer vergoldet, 1721 (Leipzig. Thomaskirche, dann Johanniskirche, 1943 zerstört, Abb. b. Asche, s. L, Tafel 141);
    2 Kaffeekannen, Untersätze, Tabletts, Silber vergoldet, mit Figuren nach Permoser, 1722 (Dresden, Grünes Gewölbe). -
    Böttgersteinzeug nach I.s Modellen: Leuchter, um 1709;
    Pastetennapf, um 1710-13;
    Kaffeekanne mit Akanthusfries, 1710-13 (alle Dresden, Porzellanslg.). Böttgerporzellan: Deckelpokal mit aufgelegtem Weinlaub u. Trauben, um 1713-15;
    Kaffeekanne ohne Deckel mit aufgesetzten Lorbeerblättern u. Früchtegruppen, um 1715;
    2 große Deckelvasen mit aufgesetzten Engelsköpfen n. d. „Orléans-Vase“ (mit Leplat), 1716/17, (ebd.);
    zahlr. Werke ebd. u. in Schloß Favorite b. Baden-Baden;
    Schloß Lustheim, Schleißheim b. München, Berlin-Charlottenburg, Kunstgewerbe Mus., München, Bayer. Nat. Mus. u. a. Orten.

  • Literatur

    E. Zimmermann, Meißner Porzellan, 1926;
    S. Asche, Die Bildhauer a. d. Elbe, 1961;
    E. v. Watzdorf, Joh. Melch. Dinglinger, 1962;
    G. Reinheckel, in: Keramos 21, Juli 1963;
    W. Holzhausen, Prachtgefäße, Geschmeide, Kabinettstücke, 1966;
    R. Rückert, Meißener Porzellan 1710-1810, Kat. d. Ausstellung Bayer. Nat. Mus. München, 1966;
    I. Menzhausen, Böttgersteinzeug, Böttgerporzellan aus d. Dresdner Porzellanslg., 1969;
    Schriftl. Mitt. v. ders.;
    ThB (L).|

  • Quellen

    Qu.: Stadtarchiv Dresden Bürgerbuch.

  • Autor/in

    Erna von Watzdorf
  • Empfohlene Zitierweise

    Watzdorf, Erna von, "Irminger, Johann Jacob" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 181 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd135606780.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA