• Leben

    Hunczovsky: Johann Nep. H., k. k. Rath, Leibchirurgus, Professor an der medicinisch-chirurgischen Josephs-Akademie zu Wien, Stabsfeldarzt, war am 15. Mai 1752 zu Czech in Mähren geboren und kam, nachdem er in Olmütz die „Humaniora“ und die „Philosophie“ absolvirt, im J. 1771, arm an Geld und Aussichten, nach beendigter zunftmäßiger Lehrzeit in der Barbierstube seines Vaters nach Wien, um sich dem Studium der Chirurgie zu widmen. Zwei edelgesinnte Damen, die Fürstin Tarocca und die Gräfin Burghausen sorgten hier für seine Fortbildung. Erstere schickte ihn nach einiger Zeit, auf des berühmten Chirurgen Brambilla Rath nach Mailand, um sich daselbst unter Moscati's Leitung in der Chirurgie auszubilden. Er blieb daselbst zwei Jahre und kehrte nach dem Tode der Fürstin nach Wien zurück, woselbst er nunmehr an der chirurgisch-praktischen Schule des spanischen Spitals dem Professor Steidele assistirte, später aber seinem Gönner Brambilla. In diese Zeit fällt sein erster schriftstellerischer Versuch, nämlich die Uebersetzung eines Werkes von Bernh. Genga aus dem Lateinischen ("Erläuterung der chirurgischen Lehrsätze des Hippocrates“, von Bernh. Genga; aus dem Italienischen übers. 1777). Auf Empfehlung Brambilla's wurde H. 1777 vom Kaiser Joseph II. auf Reisen geschickt. Er ging zunächst nach Paris und erwarb sich während seines dortigen zweijährigen Aufenthaltes, den er eifrig zu seiner Fortbildung benutzte, die Freundschaft des Professor Louis, des berühmten Secretärs der königlichen Akademie der Chirurgie, ebenso wie er mit den übrigen bedeutendsten Chirurgen der Zeit, wie Sabatier, Fabre, Tenon, Peyrilhe, Desault näher bekannt wurde. Von Paris ging H. nach London, verweilte daselbst 13 Monate, während welcher er bei dem Besuche der Privatlehranstalten und der Hospitäler sich der Unterweisung Seitens eines Pott, Bromfield, Cruikshank, Alanson und John Hunter zu erfreuen hatte. Von London aus besuchte er die zwei großen Marinehospitäler zu Plymouth und Portsmouth, ging dann im Jahre 1780 wieder nach Frankreich zurück, um auch in diesem Lande noch andere Hospitäler, namentlich die der verschiedenen Seehäfen, kennen zu lernen, so die von Rouen, Brest, l'Orient la Rochelle, Rochefort, Bordeaux, Toulouse, Montpellier, Marseille, Toulon und Lyon. Zu Ende des Jahres 1780 reiste er dann über Turin und Mailand nach Wien zurück. Einige Jahre später erstattete er über die Ergebnisse seiner großen wissenschaftlichen Reise öffentlich Bericht ("Medicinisch-chirurgische Beobachtungen auf seinen Reisen durch England und Frankreich, besonders über die Spitäler“, 1783). — Im J. 1781 wurde H. an der von Brambilla errichteten medicinisch-chirurgischen Schule im Militärhospitale zu Gumpendorf als Professor angestellt, demonstrirte und lehrte daselbst Anatomie und Physiologie, allgemeine Pathologie und Therapie, Operations- und Instrumentenlehre und hielt in einem von ihm übernommenen großen Krankensaale des Militärhospitals chirurgische Klinik ab. Als im J. 1784 die Lehranstalt durch drei Professoren erweitert wurde, übernahm H. blos die chirurgische Operationslehre, über welche er ein Compendium verfaßte ("Anweisung zu chirurgischen Operationen“, 1785, 4. vermehrte Aufl. 1808), ferner die Geburtshilfe, gerichtliche Semiotik und Medicinal-Polizei. — Im J. 1791 hatte H. im Gefolge des Kaisers Leopold II. Gelegenheit, eine Reise durch ganz Italien zu machen und dabei die berühmtesten Aerzte und Heilanstalten Italiens kennen zu lernen. Nach seiner Zurückkunft wurde er vom Kaiser für seine ihm auf der Reise geleisteten guten Dienste zum k. k. Leibchirurgen ernannt. — Als H., der in sich den Wundarzt, Gelehrten und Schriftsteller, damals einander ziemlich fremdartige Begriffe, vereinigte, als Operateur in Wien auftrat und die ihm in Frankreich und England anerzogenen Grundsätze eines energischen, namentlich operativen Handelns, selbst in verzweifelten Fällen, zur Geltung zu bringen versuchte, stieß er bei den einer entgegengesetzten Richtung huldigenden wundärztlichen Veteranen Wiens auf lebhaften Widerstand, und als wenige von ihm gleich in den ersten Jahren unter ungünstigen Umständen unternommene Operationen, sowohl im Militärhospital als in der Stadt, einen unglücklichen Ausgang nahmen, ließ auch H. sich dadurch entmuthigen, wurde blutscheu und ängstlich und wich in zweifelhaften Fällen entscheidenden großen Operationen aus. Beim Antritt seines öffentlichen Lehramtes strebte er rastlos nach Erwerbung neuer Kenntnisse, und stand wirklich auch 10 Jahre hindurch auf der Höhe seiner Wissenschaft und Kunst, die er für seine Schüler nutzbar zu machen verstand. Er war enthusiastisch arbeitsam zum Vortheil der Lehranstalt, an welcher er wirkte, indem er sie durch nützliche pathologische Präparate bereicherte und die Vermittelung für den Ankauf der berühmten Wachspräparate, welche so lange den Stolz der Josephs-Akademie bildeten, übernahm. Als H. aber in seinem Eifer erkaltete, als er mit den Schicksalen der Akademie unzufrieden zu werden anfing, hörte er auf, mit dem Fortschreiten der Wissenschaft gleichen Schritt, zu halten, obgleich er für seine Schüler immer noch vermöge seiner reichen Erfahrungen ein anregender Lehrer blieb, der nicht nur die angehenden jungen Feldärzte, sondern auch in- und ausländische Aerzte zu seinen Zuhörern zählte. Eine seiner letzten schriftstellerischen Arbeiten, nachdem er früher ein thätiger Mitarbeiter an der Jenaer allgemeinen Litteraturzeitung und an der Wiener Realzeitung gewesen war, war eine freie Uebersetzung eines englischen Werkes ("Rob. Hamilton, Ueber die Pflichten der Regiments-Chirurgen. Aus dem Engl. übersetzt und mit Anmerkungen versehen“, 1790), welches er, obgleich er nie in der Armee als Feldarzt gedient hatte und die Eigenthümlichkeiten dieses Dienstes nicht genau kennen konnte, mit Anmerkungen in Beziehung auf den feldärztlichen Dienst beim österreichischen Heere begleitete. Im J. 1791 nahm er noch mit Professor Schmidt|Antheil an der Herausgabe des 2. und 3. Bandes der „Bibliothek der neuesten medicinisch-chirurgischen Litteratur für die k. k. Feldchirurgen"; seitdem hatte seine literarische Thätigkeit ein Ende, obgleich er sich nach dieser Zeit mit mancherlei Plänen über die Herausgabe seiner chirurgischen Erfahrungen und seiner Beobachtungen über die italienischen Hospitäler trug. — Sein Tod war ein unerwarteter; er starb, erst 47 Jahre alt, am 4. April 1798 an den Folgen einer Fingerverletzung, die er sich, 10 Wochen vorher, bei einer chirurgischen Operation zugezogen hatte. Von der medicinisch-chirurgischen Josephs-Akademie wurde das Andenken ihres ältesten Lehrers durch eine am 27. Juli begangene Todtenfeier und eine bei dieser Gelegenheit von dem Professor Dr. Joh. Ad. Schmidt gehaltene Gedächtnißrede, in Gegenwart der dem k. k. Hofkriegsrath und dem k. k. Landes-General-Commando ungehörigen Generale und Räthe und einer zahlreichen Versammlung von Aerzten, Gelehrten, Künstlern und Militärs, geehrt. — Im Uebrigen war H. eine den schönen Künsten und Wissenschaften mit Enthusiasmus ergebene Natur, ein Sammler von Naturalien, Kunstgegenständen und Büchern, gewandt und beliebt im Umgange in den hervorragendsten Kreisen der Gesellschaft, mit einem vorzüglichen Sprachtalent begabt; dabei war er wohlwollend und wohlthätig, gereizt aber von ätzendem Witz und bitterem Spott.

    • Literatur

      Vgl. Joh. Ad. Schmidt, Rede zum Andenken des k. k. Rathes und Professors Dr. J. N. Hunczovsky. Gehalten im Hörsale der k. k. med.-chir. Josephs-Akademie, als sie in voller Versammlung sein Todtengedächtniß feyerte. Wien 1798. 4. — (Salzburger) Medicinisch-chirurgische Zeitung, 1798. Bd. 2. S. 80; Bd. 3. S. 225.

  • Autor/in

    E. Gurlt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gurlt, Ernst, "Hunczovsky, Johann Nepomuk" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 389-391 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100295649.html#adbcontent

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