Lebensdaten
1652 bis 1715
Geburtsort
Batavia (Java)
Sterbeort
Paris
Beruf/Funktion
Chemiker ; Naturforscher
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 122149335 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Homberg, Wilhelm
  • Homberg, Wilhelmus

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Zitierweise

Homberg, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd122149335.html [26.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes, aus Quedlinburg, im Dienst d. Niederländ.-Ostind. Kompagnie, Kommandant d. Arsenals v. B.;
    M Barbara van Hedemar, Offiziers-Wwe;
    1708 Marguerite Angelique, T d. Denis Dodart (1634–1707), Dr. med., Botaniker (s. BLÄ).

  • Leben

    H. verließ im Knabenalter sein Geburtsland Java, als sein Vater, ein Mann von Kenntnissen und mathematischer Schulung, durch die ungünstigen klimatischen Verhältnisse und Ausbildungsmöglichkeiten der Insel veranlaßt, mit der Familie nach Europa zurückkehrte. Wohnsitz war für mehrere Jahre Amsterdam, wo H. die Lateinschule besuchte, später die ursprüngliche Heimatstadt Quedlinburg. Nach dem Studium der Jurisprudenz in Jena und Leipzig ließ sich H. 1674 als Advokat in Magdeburg nieder. Doch bewogen ihn seine naturwissenschaftlichen Neigungen – er beschäftigte sich als Liebhaber mit Botanik und Astronomie und unter dem Einfluß des damals noch in Magdeburg weilenden Otto von Guericke mit Physik –, den Juristenberuf aufzugeben. Vorhaltungen und Heiratsvorschlägen von Verwandten und Freunden entzog er sich durch Studienreisen. Stationen waren Padua, wo er sich der Medizin und Botanik widmete, Bologna, wo er sich mit den „Bologneser Leuchtsteinen“ beschäftigte, und Rom, wo er sich vor allem an den Mathematiker, Astronomen und Mechaniker Marco Antonio Cellio, den Hersteller großer Brenngläser, anschloß. Dann nahm er in Frankreich Beziehungen zu verschiedenen Gelehrten auf und lernte in England Boyle und dessen berühmtes Laboratorium kennen. Über Holland, wo er sich bei Reinier de Graaf in Anatomie vervollkommnete, kehrte er nach Quedlinburg zurück. Nachdem er in Wittenberg 1676 den medizinischen Doktorgrad erworben hatte, verwirklichte er weitere Reisepläne durch Deutschland und die nordischen Länder, wobei er physikalische Kuriositäten zu tauschen gedachte. Er erwarb von A. Chr. Baldewein (Balduinus) in Großenhain (Sachsen) Leuchtsteine nach Bologneser Art. Mit Kunckel, der durch seine Untersuchungen über den elementaren Phosphor, damals eine Kostbarkeit ersten Ranges, berühmt geworden war, traf er in Berlin zusammen. Es kam ein Tausch mit dem als Barometer fungierenden „Guerickeschen Wettermännchen“ zustande. H. besuchte Bergwerke in Sachsen, Böhmen, Ungarn und Schweden. In Stockholm arbeitete er als angesehener Ratgeber bei U. Hjaerne, dem Leibarzt des Königs, in dessen Laboratorium. Bei einem 2. Aufenthalt in Frankreich (1682) wurde er durch ein sehr vorteilhaftes Angebot Colberts zum Verbleiben bestimmt. Im gleichen Jahr trat er zum katholischen Glauben über. Der darauffolgende Bruch mit seiner Familie und der Tod Colberts verschlechterten seine Lage. Er trat in Verbindung mit dem Abbé de Chalucet, dem späteren Erzbischof von Toulon, ohne sich jedoch der Alchemie, die er verachtete, zu widmen. 1685 erlaubten ihm glückliche Umstände, nach Rom zu gehen, wo er mit viel Erfolg eine ärztliche Praxis ausübte und seinen naturwissenschaftlichen Interessen lebte. Einige Jahre später kehrte er nach Paris zurück. Sein Besitz an Instrumenten, Luftpumpen, Mikroskopen eigener Konstruktion und die Kenntnis „einer unendlichen Fülle von seltenen Operationen oder Entdeckungen der Chemie (Fontenelle) reihten ihn unter die ersten Gelehrten seiner Zeit ein. Abbé Bignon, 1691 Präsident der Académie Royale, nahm H. unter deren Mitglieder auf. Im Laboratorium dieser Institution konnte H. ungestört arbeiten. Er gehörte zu den rührigsten Mitgliedern, die den bis zur Neuorganisation (1699) matten Betrieb durch eigene Beiträge ungemein belebten. 1702 trat er in die Dienste des Herzog Philipp II. von Orléans, des späteren Regenten, der starke naturwissenschaftliche Neigungen zeigte und in dem vorzüglich eingerichteten herzoglichen Laboratorium als ein „rude travailleur“ durch Geschick, Eifer und Verständnis das Erstaunen seines Lehrmeistors erregte. Zur Ausrüstung gehörte ein großes Tschirnhaussches Brennglas aus Deutschland, mit dessen Hilfe die bekannten Metalluntersuchungen vorgenommen wurden. 1705 wurde H. Leibarzt des Herzogs, nachdem er ein günstiges Angebot des Kurfürsten von der Pfalz abgelehnt hatte. Durch königlichen Erlaß wurde ihm gestattet, trotz der strengen Wohnsitzvorschriften für Akademiemitglieder das Amt eines „Pensionnaire“ der Akademie, welches er um den Preis der neuen Tätigkeit aufzugeben nicht gewillt war, beizubehalten, ein Zeichen besonderer Hochschätzung. Es spricht für den anhaltenden Kontakt zwischen dem Herzog und H., daß für die 1712 erhobenen Beschuldigungen, der Herzog habe bei den drei Todesfällen in der königlichen Familie mit Gift nachgeholfen, seine chemischen Versuche mit H. als wichtigstes Indiz angeführt wurden, und für die achtbare Persönlichkeit H.s, daß alle Verdächtigungen in kurzer Frist ausgeschaltet wurden. In seiner Frau – die Ehe wurde 1708 geschlossen – fand H. für die letzten Lebensjahre eine überaus tätige und verständnisvolle Mitarbeiterin. Er starb 1715 nach einer jahrelangen Darmerkrankung.

    Als einer der 3 Pensionnaires, die in der Académie Royale die Chemie vertraten, hat H. im wissenschaftlichen Leben von Paris eine hervorragende Rolle gespielt. Seine zahlreichen Beiträge zu Botanik und Zoologie, zu Medizin und Physik, vor allem aber zur Chemie, sind in den „Mémoires“ der Akademie veröffentlicht. Betrachtungen grundsätzlicher Art bringt er in den „Essais de Chimie“ (1702-09). Wie auch andere seiner Zeitgenossen nimmt er in Erweiterung der Lehre des Paracelsus 5 Grundbestandteile (Prinzipien) an. Zu Quecksilber, Salz und Schwefel kommen noch Wasser und Erde. Auf die Erklärung der Prinzipien als einfachste Materien, die Klassifikation der Körper in vegetabilische und mineralische Substanzen, die Beteiligung der Prinzipien an diesen Klassen wird Sorgfalt und Anstrengung verwandt. Der Versuch, die Fülle der Erscheinungsformen in ein überschaubares System einzuordnen, wird mit sachlichem Ernst und frei von Phantastereien durchgeführt. Er besaß große Geschicklichkeit als Experimentator und Konstrukteur von Apparaten und eine hervorragende Beobachtungsgabe, die ihn auch dort etwas finden ließ, wo andere nichts sahen. Das Streben nach quantitativen Aussagen ist allenthalben spürbar. Seine Betrachtungen über das Licht sind Vorläufer der Phlogistontheorie.

    So enthalten H.s Schriften zahlreiche vorausschauende Gedanken und wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Nachwelt blieb er dadurch im Gedächtnis, daß er den Phosphor in Frankreich bekannt machte, dessen „intensive“ Flamme und Gefährlichkeit bei Verbrennungen er beschrieb, und den Unterschied zwischen dem elementaren Phosphor und den Leuchtsteinen lehrte. Er stellte aus Borax die Borsäure (Sedationssalz) her. Er lieferte erste Ansätze zum Gesetz der konstanten Proportionen, indem er die Mengen verschiedener Säuren festzustellen suchte, die zur Neutralisation einer festen Menge an kohlensaurem Kali gebraucht werden, und umgekehrt. H.s Schriften sind frei von Polemik, Überheblichkeit und Übertreibungssucht. Sie bestätigen vollauf das Urteil des Biographen Fontenelle, der H.s Aufrichtigkeit, seinen klaren Ausdruck, seine Friedfertigkeit, Wahrheitsliebe und Rechtlichkeit rühmt. In Übereinstimmung hiermit stehen briefliche Äußerungen der Liselotte von der Pfalz, der Mutter Philipps II, die auch die menschliche Erscheinung H.s und ihr eigenes freundschaftliches Verhältnis zu dem Gelehrten deutlich werden lassen.

  • Werke

    W Verz. in: Table Generale des Matières contenues dans l'Histoire et les Memoires de l'Ac. Royale des Sciences de Paris 1699-1734, S. 234-40.

  • Literatur

    Briefe d. Liselotte v. d. Pfalz an Sophie, Kfn. v. Hannover, v. 21.2.1712, u. an d. Raugfn. Louise v. 4.2. u. 7.3.1720;
    B. Le Bovier de Fontenelle, Eloge, in: Hist. d. l'Ac. Royale des Sciences, 1715;
    F. Höfer, in: Hist. de la Chimie, 1843, S. 307-13;
    F. M. Jaeger, in: Hist. Stud., 1919, S. 171-97;
    Pogg. I;
    NNBW;
    Ferchl;
    BLÄ.

  • Autor

    Grete Ronge
  • Empfohlene Zitierweise

    Ronge, Grete, "Homberg, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 585-586 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122149335.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA