Lebensdaten
um 1561 bis 1610
Geburtsort
Riga
Sterbeort
Orissowo
Beruf/Funktion
Humanist ; Jurist ; Syndikus
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 11953083X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hilchen, David

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Zitierweise

Hilchen, David, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11953083X.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hans ( 1597), aus Köln, Kaufm. u. Gildenältermann in R.;
    M Catharina Kalb;
    B Johannes, Apotheker u. Stadtphysikus in R., 1600-06 Leibarzt d. Zaren;
    - Riga 8.1.1587 Katharina, T d. Kaufm. Hans Krummhausen; Stief-V d. Ehefrau Franz Nyenstede ( 1622), Bgm. v. Riga, Humanist, Historiker (s. ADB 24);
    4 S, mehrere T.

  • Leben

    H. ist der Typ des aus den Fugen des spätmittelalterlich-bürgerlichen Lebenskreises geratenen, zum Politiker und Reformer großen Stils gewachsenen Humanisten. Er studierte die Rechte seit 1580 in Tübingen und Heidelberg, vollendete sein Studium erstaunlicherweise an der Jesuitenuniversität Ingolstadt, machte dann als Hofmeister eines jungen Prinzen die übliche Bildungsreise eines arrivierten jungen Mannes durch Europas Hauptstädte. 1585 kehrte er nach Riga zurück und stieg bis 1589 schnell zum rechtskundigen Rats-Obersekretär auf. Die protestantische Stadt Riga erschütterten damals die „Kalenderunruhen“. Die Hoheitsmacht, das katholische Königreich Polen, wollte gegen alle Proteste und blutigen Aufstände, die in Hinrichtungen von|Polenfreunden gipfelten, mit Waffengewalt den moderneren gregorianischen Kalender einführen. H. stand auf seiten der Stadt, und er vor allem war es, der, seine gute Freundschaft zum humanistisch hochgebildeten litauisch-polnischen Krongroßfeldherrn Jan Zamoyski einsetzend, als Gesandtschaftsführer schließlich den sogenannten Severini-Vertrag (nach dem Tag der Verkündung genannt), zustandebrachte, der nicht nur den Kalenderstreit, sondern auch allgemein die internen Verhältnisse Rigas (zwischen Rat und Gilden) regelte. Er rettete die deutschen Privilegien der Stadt gegenüber der Krone Polens.

    Diese Verdienste machten H. zum Stadtsyndikus, königlichen Sekretär und livländischen Landgerichtsnotar. Er verfaßte 1599 den Entwurf des neuen livländischen Landrechtes. Er reformierte das Rigaische Kirchenkonsistorium und als Schulvorsteher das Stadtschulwesen in modernisiert lutherischem Sinne. Er hatte 1588 den ersten Buchdrucker, Klaas Mollyn, in die Stadt geholt, der auch H.s humanistische, juristische und poetische Schriften druckte. 1600 hatte er mit seinem gehässigen Konkurrenten und Stellvertreter Jakon Godemann einen tätlichen Zusammenstoß, wurde von diesem des Hochverrats angeklagt und floh, das übliche rigorose Vorgehen fürchtend, aus der Stadt nach Litauen. Er brachte sogar seinen reichen und mächtigen Schwiegervater ins Unglück, indem er dessen Kaution verfallen ließ, obgleich viele Freunde sich für ihn einsetzten. Auf alle Zitationen erschien er nicht vor Gericht, wurde in contumaciam zum Tode verurteilt, sein Haus und Vermögen wurden seinem Gegner und Nachfolger Godemann zuerkannt. Er ging abenteuernd zur polnischen Armee, folgte im Kriege gegen Schweden seinem Freunde Zamoyski und dem Abenteurer und Söldnerführer Jürgen Farensbach, der 1602, bei dem Sturm auf Fellin verwundet, angeblich in seinen Armen verschied; 1605 starb auch Zamoyski. 1605 wurde H.s Todfeind Godemann aus Riga vertrieben. Aber erst 1609 revidierte König Sigismund III. von Polen das Urteil zu H.s Gunsten: Er und sein Schwiegervater wurden formell in Amt, Würden und Ehren restituiert. Doch zögerte H. mit der Rückkehr, sei es aus Furcht, sei es wegen Krankheit, sei es aus Verbitterung oder anderen Gründen. Die feindlichen Gilden drohten ihm mit neuen Prozessen. Er starb im Exil.

  • Werke

    zahlr. kleinere jur., hist., pol. u. poet. Schrr. s. J. F. v. Recke u. S. E. Napiersky, Allg. Schriftst.- u. Gel.-Lex. d. Provinzen Livland, Esthland u. Kurland, 1827–32, Abdr. z. T. in: E. Winkelmann, Bibl. Livoniae hist., 1878.

  • Literatur

    ADB XII;
    B. Bergen, in: Mgz. f. Rußlands Gesch., Länder- u. Völkerkde. I, II, 1825 f.;
    H. J. Böthführ, Die Rig. Rathslinie, 21877.

  • Autor/in

    Heinz Mattiesen
  • Empfohlene Zitierweise

    Mattiesen, Heinz, "Hilchen, David" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 117 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11953083X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hilchen: David H., Humanist und Staatsmann, geboren um 1561 zu Riga als Sohn des Gildenältermanns Hans H., studirte Rechtswissenschaft erst in Tübingen, dann in Heidelberg, vollendete seine Studien in Ingolstadt als Erzieher eines polnischen Fürstensohnes, den er auf weiten Reisen durch Mittelund Südeuropa begleitete. Nach seiner Rückkehr 1585 erhielt er den wichtigen Posten eines Obersecretärs beim rigischen Ruth, 1587 vermählte er sich mit der Stieftochter des Bürgermeisters Franz Nyenstede, der durch seine patriotische Thätigkeit und seine historischen Aufzeichnungen noch heute in gutem Andenken steht. H. gelangte bald zu bedeutendem Einfluß und verwerthete ihn im Interesse der Ordnung während der damals herrschenden Unruhen. Es waren die Tage des Kalenderstreites. Mit dem ersten Advent 1584 war in Riga unter polnischem Drucke der gregorianische Kalender eingeführt worden. Ein wüthender Aufstand der niederen Bürgerschaft, welche diese Neuerung in Zusammenhang mit den katholisirenden Bestrebungen Polens setzte, konnte lange nicht beruhigt werden. Erst 1589 zog eine polnische Commission unter dem Schutz polnischer Truppen die Partei der Gegner des neuen Kalenders, die eine förmliche Schreckensherrschaft ausübte, zur Rechenschaft. Die Führer der Aufständischen wurden hingerichtet und die Ruhe wieder hergestellt. Die Beziehungen zwischen Rath und Gilden, sowie zwischen der Stadt Riga und Polen regelte der von H. abgefaßte sogenannte Severinsvertrag (weil er am Severinstage öffentlich verlesen wurde). Während dieser Wirren hat H. es verstanden, mit großem Geschick die Interessen der Stadt zu vertreten. „Hätte nicht Gott der Herr — sagt Nyenstede — den Serretär David H. gesandt in der hochbetrübten, aufrührerischen und kläglichen Lage der Stadt, so würden sie Schelme und Buben zur Grube gebracht haben“. Auch fernerhin hat er sich um Stadt und Land verdient gemacht. Seine Beziehungen zum Großfeldherrn Johann Zamoisky verschafften ihm Einfluß am polnischen Hofe und er wußte ihn zum Schutze der Landesprivilegien zu verwerthen. So verfaßte er, nachdem man ihn zum königlichen Secretär und zum wendenschen Landgerichtsnotar erhoben hatte, den Entwurf eines livländischen Landrechts; auf ihn geht eine Reformation des Consistoriums und der Stadtschule zurück und er hat 1588 in Nicolaus Mollin den ersten Buchdrucker nach Riga gezogen. Aus dieser Thätigkeit riß ihn eine Streitsache mit seinem Stellvertreter Dr. Jacob Godemann. Letzterer war von H. thätlich beleidigt worden und klagte ihn nun in leidenschaftlichster Weise des Verraths an der Stadt an. Er brachte ihn in eine so gefährliche Lage, daß H. es für gut fand, die von Nyenstede für ihn geleistete Caution in Stich zu lassen und aus der Stadt zu entfliehen. Vergebens verwandten sich seine Freunde in Riga und seine polnischen Gönner für ihn. Er wurde, da er sich auf eine an ihn ergangene Citation nicht stellte, in contumaciam verurtheilt, dem Syndicus Godemann das Hilchen'sche Haus und Vermögen Nyenstedes zuerkannt (Februar 1601). H. hat Riga nie wiedergesehen. In dem damals entbrannten schwedisch-polnischen Kriege ist er den Fahnen Zamoisky's und Fahrensbach's gefolgt. Letzterer starb in Hilchen's Armen. In seinem Rechtshandel mit der Stadt Riga, die „in hanseatischem Trotze“ den Entscheidungen Polens die Stirn bot, erfolgte zwar 1609 das Urtheil Sigismunds III. zu seine Gunsten, auch hatte Godemann schon 1605 Riga verlassen müssen und Nyenstede war in Amt und Würden restituirt worden. Dennoch waren die Gilden dem früheren Secretäre noch immer feindlich gesinnt und so starb er, bevor er sich entschließen konnte, nach Riga zurückzukehren, zu Orissowo im März 1610. Ueber die zahlreichen politischen, historischen und poetischen Schriften Hilchen's vgl. Recke-Napiersky's Schriftstellerlexikon und Winkelmann, Bibliotheca. Von größtem Interesse sind namentlich seine Briefe, von den 715 erhalten sind.

    • Literatur

      Vgl. B. Bergmann, David v. Hilchen in Bergmann's Magazin für Nutzwilds Geschichte, Länder- und Völkerkunde, Bd. I. u. II. und H. J. Böthführ, Die rigische Rathslinie, Riga 1877.

  • Autor/in

    Th. Schiemann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schiemann, Theodor, "Hilchen, David" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 394-395 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11953083X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA