Lebensdaten
1864 bis 1925
Geburtsort
Sankt Petersburg
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Jurist ; Professor der Rechte
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117638609 | OGND | VIAF: 57397523
Namensvarianten
  • Tuhr, Andreas von
  • Thur, Andreas von
  • Tuhr, A. von
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Tuhr, Andreas von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117638609.html [24.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus litau. Fam.;
    V Nikolaus (Nicolai) Eduard (1834–1905, ev., russ. Adel, 2] Louise v. Schneider, gesch. v. Nandelstaedt, * 1852, 1] Theodor v. Nandelstaedt, 1845–1903, wohl russ. Offz., Schw d. Katharina Wilhelmina Margarethe v. Schneider, s. u.), Jur., russ. Staatsrat, Oberprokurator b. Kassationshof in St. P., GR, Senator, S d. Andreas T. (1790–1866, kath.), Kaufm. (Tuhr’sche Möbel), KR, Ehrenbürger v. St. P., u. d. Maria Kraebs (1794–1849, ev.);
    M Katharina Wilhelmina Margarethe (1839–96, ev.), T d. August Wilhelm v. Schneider (1793–1872), aus Reval, o. Prof. d. Röm. Rechts in St. P., GR, Wirkl. Staatsrat (s. Dt.balt. Biogr. Lex.), u. d. Cathérine Wilhelmine v. Rachette (1814–80), aus Baden-Baden;
    Ov Karl (1814–96), Untern., Mitinh. d. chem. Fabrik Tentelevo in St. P., zuletzt Rentier auf d. Quettighof in Baden-Baden;
    Tante-v Marie (1819–97, Johann Philipp Heck, 1812–83, Kaufm. in St. P.);
    Om Karl Schneider (1837–1914), Mitgl. d. Konsultanz d. russ. Justizmin. u. d. Eisenbahnrats, GR, Senator, Woldemar Schneider (1843–1914), Dr. chem., Chef d. chem. Abt. d. russ. Münze, Mitgründer u. Dir. d. chem. Fabrik Tentelevo in St. P. (s. Pogg. III u. V);
    2 B (1 früh †), 2 Schw Katharina Maria Luisa (1861–1913, ⚭ Feodor Fromhold Martens [Frommhold v. Martens], 1845–1909, Dipl., Prof. f. internat. Recht u. a. in St. P., Initiator d. Haager Friedenskonferenz, s. V. E. Grabar’, The History of Internat. Law in Russia 1647–1917, 1990; Internat. Review of the Red Cross 312, 1996, S. 300–14), Marie Julie (1866–1906, Sergej Ivanovič Timashev, 1858–1920 verschollen, russ. Handelsmin., Präs. d. russ. Reichsbank, WGR, 1919 inhaftiert), Leiterin e. Lehrerbildungsinst.;
    Basel 1892 Johanna Therese (1865–1935), studierte Gesang in Berlin (s. Wedel), T d. Carl v. Rentzell ( 1870), Bes. e. Rr.guts in Elsenau (Westpreußen), u. d. Amalia Ro(h)loff;
    1 T Johanna (Hanna) (1894–1974, Karl Vonder Mühll, 1879–1936, Dr. iur., RA, Oberst im Gen.stab, s. HBLS), Malerin, Schriftst. (s. Wi. 1962; W, L, P); Vt Philipp v. Heck (1858–1943, württ. Personaladel 1912), Prof. f. dt. Recht, Handels- u. Wechselrecht u. bürgerl. Recht in Tübingen (s. NDB VIII);
    E Johanna Müller-Vonder Mühll (* 1921, Hanspeter Müller, 1919–2014, Dr. phil., Päd., 1965 Dir. d. Kantonalen Lehrerseminars Basel-Stadt), Autorin (s. L).

  • Leben

    Vor Beginn der Gymnasialzeit zogen die Eltern mit T. zur Schonung seiner Gesundheit von St. Petersburg auf das familieneigene Gut Quettighof in Baden-Baden. Nach dem Abitur in Karlsruhe 1881 und dem Studium der Rechtswissenschaft in Heidelberg, Leipzig, dort u. a. bei Bernhard Windscheid (1817–92), sowie in Straßburg wurde T. 1885 in Heidelberg bei Ernst Immanuel Bekker (1827– 1916) promoviert und habilitierte sich dort 1888 für Röm. Recht und Zivilrecht. Seit 1891 wirkte T. in Basel in der Nachfolge Eugen Hubers (1849–1923) als ao. Professor, seit 1893 als o. Professor (Dekan 1896/97), seit 1895 auch als nebenamtlicher Richter am Appellationsgericht. 1898 wechselte T. an die Univ. Straßburg (Rektor 1918). Der 1. Weltkrieg und sein Ausgang mit den Revolutionen in Rußland und Deutschland erschütterten T. offenbar tief. Bei der Übernahme der Univ. Straßburg durch Frankreich wurde er des Rektoramtes enthoben; er verließ die Stadt mit seinen dt. Kollegen, obwohl ihm als russ. Staatsbürger eine Fortsetzung seiner Lehrtätigkeit möglich gewesen wäre. Vermittelt durch die preuß. Universitätsverwaltung fand T. kurzfristig Verwendung an den Univ. Halle (1919/20) und Köln, dort als einer der fünf jur. Gründungsprofessoren. 1920 erwarb T. die bad., in Köln die preuß. Staatsbürgerschaft hinzu. Im selben Jahr übernahm er ein Ordinariat in Zürich, das ihm aufgrund des|Einsatzes von Fritz Fleiner (1867–1937) angeboten worden war. Zeitlebens blieb T. seiner russ. Heimat verbunden; auf den Behalt der russ. Staatsbürgerschaft legte er Wert. Staatspolitische und rechtswissenschaftliche Aspekte der russ. Entwicklungen behandelte er in zahlreichen Aufsätzen, Rezensionen und Vorträgen.

    Als Wissenschaftler war T. von Anfang an geleitet von einem großen Zutrauen in die fortschreitende begriffliche Systematisierbarkeit des Zivilrechts. Hiervon profitierten nicht so sehr seine anfänglichen Studien auf dem Gebiet des röm. Rechts als vielmehr seine Grundlagendarstellungen zum Allgemeinen Teil des dt. BGB und das Gegenstück zum Allgemeinem Teil des schweizer. Obligationenrechts. Beide Lehrbücher behandeln wegen des unterschiedlichen Zuschnitts dieser Kodifikationsteile nur partiell dieselben Themen; das dem schweizer. Recht geltende Werk ist auch sonst mehr als eine Adaptation der Darstellung zum BGB. T. verfeinerte zentrale privatrechtliche Grundbegriffe (u. a. Verfügung, Anspruch, Einrede, Beschluß), die er mit logischer Stringenz und juristischem Takt zur Lösung zahlreicher Fallkonstellationen kombinierte. Damit entfaltete er eine lang anhaltende Wirkung auf das Systemverständnis und die Begriffswelt der nachfolgenden Juristengenerationen, besonders in der Schweizer Rechtslehre, wo sein Werk lange Zeit eine Alleinstellung einnahm. Die moderne Rechtsvergleichung attestiert dem Werk, es sei, „notwithstanding its title, of European, and not only of German, significance“ (Gretton, S. 820). Die Univ. Kyoto, die seine nach dem 1. Weltkrieg als Reparationsobjekt an Japan gegangenen Bücher bewahrt, benannte ihre Bibliothek für Zivilrecht nach ihm (Tuhr Bunko).

  • Auszeichnungen

    A Ehrenbürger d. Stadt Basel (1899); preuß. Roter Adlerorden 4. Kl. (1908/13); württ. Wilhelmskreuz (1918).

  • Werke

    W Der Nothstand im Civilrecht, 1888 (Habil.schr.);
    Schadensersatz nach d. Lex Aquilia, 1892;
    Actio de in rem verso, 1895, Neudr. 1970, 2008;
    Zur Lehre v. d. abstrakten Schuldverträgen n. d. BGB, 1907;
    Allg. T. d. dt. Bürgerl. Rechts, 3 Bde., 1910–18, Neudr. 1957, span. 1946–48, Neudr. 1998–2005, Extrakt f. d. Enz. d. Rechts- u. Staatswiss., hg. v. E. Kohlrausch u. a., 1923, span. 1927;
    Allg. T. d. Schw. Obligationenrechts, 2 Bde., 1924/25, fortgeführt durch A. Siegwart I/II, 2 1942/44, A. Escher (jun.) u. H. Schulin, Bd. II, 31974, H. Peter u. H. Schulin, Bd. I, 31979, Neudr. Bd. I/II, 31984 mit Suppl., franz. 1929/31, span. 1934, Neudr. 1999, 2007, türk. 1952/53, Neudr. 1983;
    W-Verz.: R. Kunz, Gesch. d. Basler Jur. Fak. 1835–2010, 2011, S. 272 f.;
    Nachlaß: Univ.archiv Zürich (Privatarchiv);
    Univ. Kyoto (Bibl.).

  • Literatur

    L F. Fleiner, in: Schweizer. Jur.-Ztg. 22, 1925/26, S. 214 ff.;
    Ph. Heck, in: Archiv f. civilist. Praxis 125, 1925, S. 257 ff.;
    A. B. Schwarz, A. v. T., 1938 (P);
    Johanna Vonder Mühll-v. Tuhr (Hg.), Jus u. Johanna, Liebesbriefe e. Jur., 1938, dies., Erinnerungen an Prof. A. v. T., in: Zs. f. öff. Recht N. F. 73, 1954, H. 7;
    R. Gmür, in: NJW 1975, S. 2140;
    Kat. d. A. v. T. Bibl. in d. Jur. Fak. d. Univ. Kyoto, 1976;
    G. L. Gretton, Ownership and its Objects, in: Rabels Zs. f. ausländ. u. internat. Privatrecht 71, Nr. 4, 2007, S. 802–51;
    U. Fasel, „Auf d. Spuren v. T.s“, in: W. Wiegand u. a. (Hg.), ZUG mit Weitsicht, FS f. E. Bucher z. 80. Geb.tag, 2009, S. 129–44;
    dies., in: HLS;
    R. Kunz, Gesch. d. Basler Jur. Fak. 1835–2010, 2011, S. 268 ff.;
    S. Hofer, A. v. T. (1864–1925), Das Phänomen e. gelobten Begriffsjur., in: S. Augsberg u. A. Funke (Hg.), Kölner Juristen im 20. Jh., 2013, S. 5–32; – zu Johanna ( 1974): Johanna Müller-Vonder Mühll, Ein Frauenleben in d. Zeitenwende, Die Malerin u. Schriftst. J. Vonder Mühll-v. T., 1996 (P).

  • Portraits

    P Büste v. F. Seeböck, o. J. (Univ. Zürich, Rechtswiss. Inst.); Öl/Lwd., v. Johanna Vonder Mühll (Privatbes.)

  • Autor/in

    Wolfgang Ernst
  • Empfohlene Zitierweise

    Ernst, Wolfgang, "Tuhr, Andreas von" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 500-501 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117638609.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA