Lebensdaten
1680 bis 1753
Sterbeort
Berleburg
Beruf/Funktion
separatistischer Mystiker
Konfession
evangelisch,Separatist
Normdaten
GND: 128971800 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haug, Johann Heinrich (in der ADB)
  • Haug, Johann Friedrich
  • Haug, Johann Heinrich (in der ADB)
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Zitierweise

Haug, Johann Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd128971800.html [20.01.2019].

CC0

  • Genealogie

    V David (1647–1726), Buchdrucker in St. u. B. (seit 1723), druckte den 1. Bd. der Berleburger Bibel, S d. Buchdruckers Antonius in St. (aus Augsburg) u. d. Maria Salome Andreae;
    M Anna Cath. Kretschmann;
    Ur-Gvv Joh. Andreae ( 1647), Buchdrucker in St. (s. NDB I);
    B Joh. Jakob (1690–1756), Buchhändler, -binder u. -verleger in B., verlegte zahlr. mystische u. Separatist. Schrr.;
    - 1) N. N., 2) Juliana Charl., T d. Joh. Gg. v. Rauchbar, Regierungs- u. Konsistorialdir., u. d. Elisabeth Charl. Viëtor.

  • Leben

    H. studierte Theologie, erwarb den Magistergrad, zeichnete sich durch umfassende Gelehrsamkeit aus, geriet aber in seiner Heimatstadt früh unter den Einfluß eines schwärmerischen Pietismus. Verschiedene Predigten des Kandidaten der Theologie verfielen 1703/04 der Zensur des Konventes. 1705 wurde er schließlich wegen Abhaltung verbotener Konventikel aus Straßburg ausgewiesen und wandte sich den Inspirationsgemeinden zu. 1710 trat er mit einer Vorrede über die „Akademische Theologie und deren systematische Lehrart“ zu „Theosophia pneumatica“, einer Sammlung von enthusiastischen Traktaten unbekannter Verfasser, hervor, denen zum Schluß Jakob Brills „Weg zum Frieden“ zugefügt war. Hier polemisierte er gegen den Aristotelismus innerhalb des theologischen Studienbetriebes im Sinne des Pietismus, plädierte in deutlicher Anlehnung an Gottfried Arnold für eine biblische Darstellungsweise der Schriftwahrheiten gegenüber einer kirchlichen Dogmenbildung, bei der er sich besonders scharf gegen Athanasius äußerte, und proklamierte die Auslegung der Schrift mit Hilfe der himmlischen Sophia, wie sie den Wiedergeborenen innewohne. Damit erklärte er die Inspiration der „Wiedergeborenen“ für gleichrangig mit der der biblischen Schriftsteller.

    Spätestens 1723 befand H. sich innerhalb der philadelphisch gesinnten Gesellschaft zu Berleburg, zog sich aber dann als individualistischer mystischer Spiritualist fast völlig von der Außenwelt zurück. H. war – nach Jung-Stillings „Theobald“ – „von sanftestem, liebenswürdigstem Charakter, von ganzem Herzen fromm und in seinem sittlichen Leben ganz untadelhaft“. Seinen Grundsätzen nach war er ein strenger Mystiker, glaubte an die Wiederbringung aller Dinge und an das tausendjährige herrliche Reich Christi auf Erden in nicht fleischlichem, sondern geistlichem Sinne. Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg nahm ihn zeitlebens zu sich ins Schloß, wo er fast wie ein Einsiedler lebte. Man fing an, ihn, wie Hochmann, für den Elias, den Vorläufer des Herrn zu halten“.

    Für die Frömmigkeits- und Theologiegeschichte bedeutsam wurde nur das Berleburger Bibelwerk, dessen Vorarbeit H. bereits 1723 als verantwortlicher Redakteur und Herausgeber einleitete. Dieses Gemeinschaftswerk der in Berleburg versammelten führenden Köpfe der philadelphischen Bewegung erschien in 8 Bänden 1726–42. Nach Jung-Stillings Urteil hat es „hernach in aller Stille und unbemerkt allenthalben wie ein Ferment“ gewirkt, vor allem in den kirchenkritischen spiritualistisch-pietistischen Kreisen bis in die Erweckungsbewegung hinein, selbst in der russischen Freimaurerei wahrnehmbar, in Schwaben greifbar durch die Verbreitung der in ihr vertretenen androgynen Spekulation.

    Als Mitarbeiter betätigten sich der Berleburger Konsistorialrat Ludwig Christoph Scheffer ( 1731), ein aus Thüringen ausgewiesener Pfarrer Christoph Seebach ( 1745), der Jurist Tobias Eisler aus Nürnberg, auch Johann Christian Edelmann, dessen Beiträge nicht ohne Korrekturen gedruckt wurden. Graf Casimir arbeitete die Anmerkungen zur Heiligen Schrift der Mme de Guyon ein. Neben einer neuen, möglichst wortwörtlichen Übersetzung der Bibel aus dem Grundtext erstrebte dieses Bibelwerk eine über die buchstäbliche Auslegung hinausführende Erklärung, welche die „vornehmsten Vorbilder und Weissagungen von Christo und seinem Reich, und zugleich einige Lehren, die auf den Zustand der Kirchen in unseren letzten Zeiten gerichtet sind“ einbezog, „welchem allen noch untermengt: Eine Erklärung, die den inneren Zustand des geistlichen Lebens oder die Wege und Wirkungen Gottes in der Seele zu deren Reinigung und Erleuchtung und Vereinigung mit ihm zu erkennen gibt“. Mit diesem Bibelwerk wollte man der Sammlung philadelphischer Gemeinden dienen und die Erkenntnis der Gegenwart als Endzeit fördern. Die Quellen dieses Bibelwerkes sind für die „buchstäbliche Auslegung“ die traditionelle kirchliche Auslegung, für den moralisch-geistlichen Sinn Coccejus, für die „innere Erkenntnis“ unter anderem die deutsche Mystik, Johann Arnd, Jakob Böhme und die Böhmisten, barocke Kabbalisten, die englischen Philadelphen wie Bromley, Pordage, Jeane Lead, katholisch-romanischer Mystizismus Fénelons, der Mme. de Guyon und der Mme. Bourignon.

  • Literatur

    ADB XI;
    M. Goebel, Gesch. d. christl. Lebens in d. rhein.-westf. Kirche II/2, 3, 1852, S. 736 ff., III, 1860, S. 71 ff., bes. 103 ff.;
    A. Ritschl, Gesch. d. Pietismus II, 1884, S. 352 f;
    J. Adam, Ev. KG d. Stadt Straßburg I, 1922, S. 476 ff.;
    M. Hofmann, Theol. u. Exegese d. Berleburger Bibel, in: Btrr. z. Förderung christl. Theol. 39, 2, 1937 (L);
    N. Thune, The Behmenists and the Philadelphians, Upsala 1948, S. 148 ff. u. ö.;
    E. Hirsch, Gesch. d. neuern ev. Theol. II, 1951, S. 299 ff.;
    E. Benz, Adam, Der Mythos vom Urmenschen, 1955, S. 135 ff., 304 f. (L);
    W. Hartnack, Berleburg als Druckort. Druck d. Berleburger Bibel, in: Wittgenstein 44, Bd. 20, 1956, S. 73-79;
    Die Berleburger Chroniken, ebd., Beih. 2, 1964;
    PRE III, S. 182 f., VIII, S. 355 f., IX, S. 203 ff.;
    RGG.

  • Autor/in

    Erich Beyreuther
  • Empfohlene Zitierweise

    Beyreuther, Erich, "Haug, Johann Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 90 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128971800.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Haug: Joh. Heinrich H., separatistischer Mystiker im Kreise der seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland hervorgetretenen philadelphischen Gemeinden, welche das wirkliche Philadelphia der Apostelgeschichte, d. h. eine Vereinigung aller wirklich wiedergeborenen Christen der reformirten, lutherischen|und katholischen Kirche darstellen wollten. H. war zunächst in Straßburg (wo er sich zum Magister hatte Promoviren lassen) als Vertreter dieser Richtung hervorgetreten, hatte vewandte Elemente zu einem Conventikel versammelt, hatte aber darüber sehr bald auf Andrängen des geistlichen Ministeriums die Stadt verlassen müssen. Seine Wege führten ihn nun direct nach Berleburg, wo alle mystischen und pietistischen Separatisten damals bei dem Grafen Casimir die bereitwilligste Aufnahme fanden, und wo er bald der Mittelpunkt der auf die Herstellung eines engeren Verbandes aller gottseligen, mit der verderbten äußeren Kirche zerfallenen Seelen gerichteten Bestrebungen wurde. Nach Stilling's „Theobald“ war H. von sehr einnehmendem Aeußeren. Er besaß ein sanftes, liebenswürdiges Wesen, war von ganzem Herzen fromm und in seinem Wandel durchaus untadelhaft. Als Mystiker glaubte er an die endliche Wiederbringung aller Dinge und an ein tausendjähriges Reich Christi auf Erden. Graf Casimir, der in ihm einen Propheten Gottes sah, nahm ihn für Lebenszeit in sein Schloß auf, wo er jedoch wie ein Einsiedler lebte, und von wo aus er nun die Organisation einer sich durch das ganze westliche Deutschland erstreckenden philadelphischen Gemeinde betrieb. In derselben waren jedoch, namentlich im Berleburger Lande, die verschiedenartigsten Elemente zusammengewürfelt. Um in dieselben Uebereinstimmung und Einheit zu bringen, kam Graf Zinzendorf auf Einladung des Grafen Casimir 1730 nach Berleburg, wo derselbe in größerem Umfange zu verwirklichen gedachte, was er hernach kleiner in Herrnhut begann. An die Spitze der großen Societät stellte er H. Doch zerfiel die ganze Zinzendorf'sche Organisation schon nach wenigen Jahren wieder, und H. kehrte daher mit den anderen Separatisten zu den früheren Gewohnheiten zurück. Seine Hauptarbeit war seitdem die (auf Grundlage der „Marburger Bibel“ Horch's seit 1726 ausgeführte) Berleburger Bibel — eine Bearbeitung des ganzen Inhalts der hl. Schrift im Sinne der Mystik der Frau v. Guyon, — deren ersten und letzten Folioband er (von dem geistlichen Inspector Scheffer zu Berleburg und anderen Freunden unterstützt) 1742 erscheinen ließ. Er starb zu Berleburg — schließlich ganz vereinsamt — 1753.

    • Literatur

      Vgl. M. Göbel, Geschichte des christlichen Lebens, Bd. III. S. 103 ff.

  • Autor/in

    Heppe.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heppe, Heinrich, "Haug, Johann Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 51-52 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128971800.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA