Lebensdaten
1736 bis 1777
Geburtsort
Wechte bei Tecklenburg
Sterbeort
Duisburg
Beruf/Funktion
reformierter Theologe ; Pädagoge ; Schulmann
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 116513306 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hasenkamp, Johann Gerhard
  • Hasencamp, Johann Gerhard
  • Hasencampius, Ioannes Gerhardius
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Zitierweise

Hasenkamp, Johann Gerhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116513306.html [21.07.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Gerd (s. Gen. 1);
    M Christina Elis. Ehrnken ( 1742);
    Halb-B Frdr. Arnold (s. 1);
    Duisburg 1767 Elisabeth, T d. Postverwalters Frdr. Kriegen in Lengerich u. d. Sophia Gertrud Meese;
    2 S, 3 T (2 früh †), u. a. Christoph Hermann (1774–1834), Pfarrer in Vegesack (s. Brem. Biogr. d. 19. Jh., 1912, W, L).

  • Leben

    H. entstammte mystisch und pietistisch bestimmten bäuerlichen Kreisen. Unter drei Brüdern war er der bedeutendste. Auf die ältere Erweckungsbewegung reformierter Prägung am Niederrhein wie auf die frühe Romantik übte er einen nachhaltigen Einfluß aus bis hin zur Entstehung eines antirevolutionären Patriotismus, wie er in den Befreiungskriegen zur Auswirkung kam. Doch ist diese vielschichtige Wirkung noch nicht eingehend untersucht worden. Fest steht jedoch, daß H. durch seine Schriften und durch seine persönliche Verbindung mit den führenden Männern der frühesten Erweckungsbewegung wie Collenbusch, Menken, Tersteegen, Jung-Stilling, G. D. Lavater und Fr. W. Krummacher zum Wiedererwachen ursprünglichen evangelischen Glaubenslebens wesentlich mitbeigetragen hat.

    H. besuchte die Lateinschule in Tecklenburg, studierte 1753-55 an der vom Calvinismus geprägten Akademie in Lingen und trat 1759 bereits mit Schriften hervor, die ihm viel Unruhe einbrachten. Wegen Heterodoxie und Aufruhrs wurde er 1761 verhaftet, auf Synoden von Jülich-Kleve zweimal verurteilt (1769, 1771). Enthusiastische Visionen ließen ihn 1761 nach Breslau wandern, um die Bekehrung Friedrichs des Großen zu versuchen. Doch fand er zu dem preußischen König keinen Zugang, wandte sich an G. Woltersdorf und reiste nach Berlin. – Dieses Jahr 1761 bedeutete eine Wendung zu innerer und äußerer Mäßigung und Reife. 1766 erhielt er seine erste feste Anstellung als Rektor des Gymnasiums zu Duisburg, das er zu neuer Blüte führte. Zugleich übte er durch seine Predigten, die er in Duisburg zwischen 1766 und 1777 im Auftrag des Stadtmagistrates hielt, eine weitreichende Wirkung aus. Kirchlicher als Tersteegen, dem er die Leichenrede hielt, lehnte er mit ihm Herrnhut ab, geriet aber später mit einigen Schülern Tersteegens in Widerstreit.

    Von seinem biblizistischen Vitalismus aus gewann er eine Einheitsschau, mit der er die Gegensätze von Natur und Gnade, Diesseits und Jenseits zu überwinden suchte und zugleich zum Kampf gegen den Supranaturalismus der Orthodoxie und den Naturalismus der Aufklärung antrat. Bei dieser Grundschau verbanden sich bei ihm Elemente aus der Reich-Gottes-Idee im Sinne einer coccejanischen Bundestheologie in Verbindung mit der typisch württembergischen Prägung, wie sie Bengel, Ötinger und Fricker vertraten, mit Motiven aus dem Organismusdenken von Leibniz und der Theosophie Jakob Böhmes. Von dem reformatorischen Verständnis von Gesetz und Gnade sich entfernend, wird Inhalt der Versöhnungslehre ein von Collenbusch entwickelter Perfektionismus, dem H. zeitlebens verhaftet bleibt. Der Strafbegriff der kirchlichen Satisfaktionslehre wird geleugnet. Der erhöhte Christus spendet die Lebenskräfte und Lebensgerechtigkeit. Die Heiligung vollzieht sich in 7 Stufen, hier wie jenseitig zusammengesehen. Durch Selbstbeobachtung konstatiert H. schon in seinem Erdenleben die erreichten Staffeln, inspiriert durch die Visionen der Dorothea Wuppermann in Barmen. So reflektiert er bereits auf den himmlischen Rang. Auch Swedenborgs Spiritismus stärkt seine Überzeugung von der Leibhaftigkeit der jenseitigen Wirklichkeit. Die Begegnung mit Goethe auf der Rheinreise 1774 blieb ein sporadisches Ereignis. So wurde H. das Haupt einer eigenwillig geformten pietistischen Sondererscheinung innerhalb der frühen Erweckungsbewegung, der als seine Meister Bengel und Collenbusch betrachtete, die ihn aus seinem „Sturm und Drang“ und aller Phantasterei zur Besinnung führten.

  • Werke

    u. a. Gedanken üb. d. Gottesgelehrtheit, 1759;
    Bestreitung d. stellvertretenden Strafleidens Christi, o. J.;
    Bestreitung d. Unmöglichkeit e. vollendeten Heiligung auf Erden, 1760; Bibliogr.:
    in: Meusel V, S. 206. - Briefwechsel mit Lavater, hrsg. v. K. Ehmann, 1870.

  • Literatur

    ADB X (W) (auch f. Fam.);
    C. H. G. Hasenkamp (S), Mitt. a. d. Leben J. G. H.s, in: Die Wahrheit z. Gottseligkeit 2, H. 5/6, 1832/34;
    K. Ehmann, F. Chr. Ötingers Leben u. Briefe, 1859, S. 783 ff.;
    A. v. d. Goltz, Th. Wizenmann, 2 Bde., 1859;
    C. H. Gildemeister, Leben u. Wirken G. Menkens, 1860;
    G. Frank, Gesch. d. prot. Theol. III, 1875, S. 216;
    A. Ritschl, Gesch. d. Pietismus I, 1880, S. 505, 570 ff.;
    F. Augé, S. Collenbusch u. s. Freundeskreis, 2 Abt., 1905/07;
    PRE (W);
    RGG.

  • Autor/in

    Erich Beyreuther
  • Empfohlene Zitierweise

    Beyreuther, Erich, "Hasenkamp, Johann Gerhard" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 33 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116513306.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hasenkamp: Johann Gerhard H., reformirter Theolog und Schulmann des 18. Jahrhunderts, der älteste und bedeutendste des theologischen Brüderkleeblatts, Halbbruder von Fr. Arnold und Joh. Heinrich H., geb. den|12. Juli 1736 zu Wechte, Grafschaft Tecklenburg, Provinz Westfalen, gest. den 10. Juni 1777 in Duisburg. — Aus einfacher westfälischer Bauernfamilie entsproßt, schon im 10. Lebensjahre von einer in seiner Heimath verbreiteten pietistisch-schwärmerischen Erweckung ergriffen, studirte er 1753—55 auf der reformirten Akademie zu Lingen unter den Professoren Mieg und Stosch Philosophie und Theologie. Lebhaft und wohlbegabt, aber unruhig und unklar, nach seinem eigenen Geständniß bald zur Hoffart bald zur Fleischeslust geneigt, sammelt er allerlei Kenntnisse, geräth aber auch auf bedenkliche Irrwege, kommt wegen unberufenen Predigens in Conflicte mit der Polizei, wird von der reformirten Synode wegen Heterodoxie von der Candidatur suspendirt, macht einen Versuch Friedrich den Großen zu bekehren, dem er 1761 ins Hauptquartier nach Breslau nachreist. Aus diesen krankhaften, zwischen unnatürlicher Exaltation und Depression schwankenden Seelenzuständen allmählig zu größerer Ruhe und Klarheit gebracht, wird er 1762 Hauslehrer in seiner Heimath, 1763 in seine Candidatenrechte restituirt, lebt in Berlin, wo Hecker und Sack sich seiner annehmen, und erhält 1766 eine Anstellung als Rector in Duisburg, wo er nun die elf letzten Jahre seines Lebens als demüthiger und frommer Christ und eifriger Schulmann bei beschränktem Gehalt, in glücklicher Ehe trotz schwächlicher Gesundheit mit aufreibendem Eifer und schönem Erfolg für Hebung des verfallenen Gymnasiums und für Pflege christlichen Lebens in seiner Umgebung wirkt. In Berlin war er mit Joh. Albrecht Bengel's Schriften bekannt und ein eifriger Anhänger der Bengel'schen Schrifttheologie wie der Oetinger'schen Theosophie geworden. Anstatt aber bei der einfachen Schriftwahrheit stehen zu bleiben, huldigte H. theils in Folge seiner eigenen Originalitätssucht, theils unter dem Einfluß seiner Umgebungen, im Verkehr mit Tersteegen, Jung Stilling und besonders Collenbusch, im brieflichen Verkehr mit Lavater, Pfenninger u. A., auch unter Berufung auf angebliche Visionen und Revelationen einer christlichen Jungfrau Anna Dorothea Wuppermann aus Barmen, allerlei besonderen theologischen Lieblingsmeinungen, die am Maßstab der kirchlichen Orthodoxie gemessen als mehr oder minder bedenkliche Einseitigkeiten erscheinen mußten und ihn wiederholt mit der reformirten Provinzialsynode zu Cleve wie mit der Jülich'schen Generalsynode in Conflict brachten. Insbesondere polemisirt er scharf gegen die kirchliche Genugthuungs- und Rechtfertigungslehre, während er im Gegensatz gegen diese eine eigenthümliche Theorie von einer "proportionirten göttlichen Reichsgerechtigkeit" und von einer genau unterschiedenen "Stufenordnung in der Heiligung" sich zurechtmacht. Er starb 41jährig an der Auszehrung mit Hinterlassung einer Wittwe und dreier Kinder, die an seinem Bruder Friedr. Arnold H. (s. o.) einen treuen Versorger fanden. — Sein früheres Leben hat er selbst beschrieben in einem Brief an Lavater vom J. 1766: auf Grund desselben hat sein Sohn Christoph Hermann Gottfried H., gest. als Pastor in Vegesack bei Bremen, eine ausführliche Lebensbeschreibung seines Vaters bearbeitet und in der Zeitschrift "Wahrheit zur Gottseligkeit" (Bremen 1836) publizirt. Dort sind auch die meisten seiner Schriften genannt, die zur Zeit ihres Erscheinens zum Theil großes Aufsehen machten, jetzt aber nahezu vergessen sind. Dahin gehören 1) sieben Programme "De liberorum educatione", Duisburg 1767—70, 2) "Theses contra Socinum", 1770, 3) "Predigten im Geschmack der drei ersten Jahrhunderte nebst einer Rede bei Tersteegen's Begräbniß", 1773, 4) Verschiedene Schriften, herausgegeben von Lavater 1772, 5) "De optima cum Judeis de religione disputandi ratione", 1772, 6) "Unterredungen über Schriftwahrheiten", 1775, 7) "Ein christliches Gymnasium nach dem Herzen des Königs von Preußen", 1776. In der deutschen Litteraturgeschichte hat H. eine gewisse Berühmtheit durch sein Zusammensein mit Goethe, Lavater, Jung Stilling u. A. auf der bekannten Rhenreise 1774.

    • Literatur

      S. Meusel's Lexikon V, 208 ff.; Max Göbel in Herzogs theol. R.-E. 2. Aufl. Bd. V, 631 ff.; Ehmann, Briefwechsel zwischen Lavater und Hasenkamp, Basel 1870; Frank, Gesch. der protest. Theologie, III, S. 216.

  • Autor/in

    Wagenmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagenmann, Julius August, "Hasenkamp, Johann Gerhard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 737-739 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116513306.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA