Lebensdaten
1759 bis 1839
Geburtsort
Quedlinburg
Sterbeort
Ibenhain bei Schnepfenthal (Thüringen)
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Lehrer der Gymnastik
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118699520 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Guts Muths, Johann Christoph Friedrich
  • Guts-Muths, Johann Christoph Friedrich
  • Guts-Muths, Christoph
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Zitierweise

Guts Muths, Christoph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118699520.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Quedlinburger Rotgerberfam.;
    V Joh. Andreas Gutsmuth (1725–73), S d. Christoph Andreas, beide Rotgerber;
    M Barbara Marg. (* 1737), T d. Hufschmiedemeisters Joh. Christoph Öhme in Blankenburg am Harz u. d. Brauers-T Joh. Maria Hohmann;
    1797 Joh. Sophia, T d. Pfarrers Joh. Simon Petrus Eckardt in Bindersleben b. Erfurt u. d. Eva Kath. Schnell, N d. Päd. Chrstn. Gotthilf Salzmann ( 1811) in Sch.; Schwager Julius Girtanner, Lehrer in Sch.;
    8 S (2 früh †), 3 T (1 früh †);
    N Wilh. Girtanner (1823–61), Prof. d. röm. Rechts in Kiel (s. ADB IX).

  • Leben

    G. besuchte seit 1770 das Gymnasium in Quedlinburg. Nach dem Tode seines Vaters 1773 wurde er Hauslehrer und Erzieher von Carl Ritter, dem späteren Geographen. Schon dabei kam ihm die Beschäftigung mit pädagogischen Fragen, wobei er sich vor allem an Basedows Schriften und an Rousseau orientierte, zugute. Auch an geographischen Fragen zeigt er bereits während dieser Zeit großes Interesse.

    1779-82 studierte G. in Halle Theologie, hörte daneben vor allem Vorlesungen über Pädagogik bei Trapp. 1782 kehrte er als Hauslehrer zu Ritter zurück. 1785 wurden Carl Ritter und sein Bruder in das Schnepfenthaler Philanthropinum aufgenommen. Salzmann erkannte bei dieser Gelegenheit das pädagogische Talent des die beiden Schüler begleitenden jungen G. und stellte ihn als Lehrer an der Schnepfenthaler Anstalt ein. Ihm wurde der Unterricht in Geographie, in der sogenannten Technologie, in Französisch sowie in Gymnastik und Schwimmen übertragen. G. blieb bis wenige Monate vor seinem Tode in Schnepfenthal.

    Vom Beginn seiner Tätigkeit in Schnepfenthal an fand er Gelegenheit, sich neben seinen geographischen Interessen mit pädagogischen Problemen zu beschäftigen; im Zusammenhang damit begann er sich zunächst mehr praktisch, dann auch theoretisch-systematisch im Hinblick auf seine Tätigkeit als Turnlehrer Fragen der Leibesübungen zu widmen, indem er geeignete Übungen sammelte und erdachte. Das erste Ergebnis seiner Überlegungen war die Schrift „Gymnastik für die Jugend“ (Schnepfenthal 1793, 21804, Neuauflage 1957, dänische, englische, französische, holländische, italienische, griechische Übersetzungen). In dieser Schrift verdichten sich eine Reihe verschiedener Motive zu einer einheitlichen Gesamtsicht der Leibesübungen. Zeitkritische Absichten, das Bemühen, an die Leibeskultur der Griechen und Germanen anzuknüpfen, Berufung auf die Erkenntnisse der Ärzte (zum Beispiel Galen, Tissot, Franke, Hufeland), Nützlichkeitsgesichtspunkte, die die philanthropische Erziehung häufig auszeichneten, kommen mit pädagogisch-moralischen Zielsetzungen zusammen. Besonders tiefgehend sind die Einflüsse Rousseaus.

    Die folgenden Schriften G. über das Schwimmen fanden ebenso breite Anerkennung wie seine Veröffentlichungen über die Spiele. Wenngleich es sich bei diesen um eine Sammlung von Spielen handelt und auch diese häufig im Sinne ihrer Zweckmäßigkeit gesehen werden, taucht hier schon jener in der Romantik so fruchtbar werdende Gedanke auf, nach dem das Spiel ein unaustauschbares Element im Rahmen der kindlichen Entwicklung darstellt. – Die Schriften zur vaterländischen Erziehung tragen demgegenüber deutlich das Zeichen volkstümlich-nationalen Denkens. Das allgemeine pädagogische Interesse G. zeigte sich in der unter wechselndem Namen herausgegebenen „Bibliothek für Pädagogik“ (1800-20).

    Neben dem Bemühen G. um die Leibesübungen stand als seine „Lieblingsbeschäftigung“ die Geographie. Er versuchte, den sich an Ländergrenzen orientierenden und vielfach in Reiseschilderungen sich erschöpfenden geographischen Unterricht zugunsten einer jeweils umfassenderen Darstellung zu überwinden und in seiner eigenen Tätigkeit wie in einer Reihe von Veröffentlichungen und Rezensionen einer neuen Methode des geographischen Schulunterrichts zum Durchbruch zu verhelfen.

    Das Hauptverdienst G. liegt indes in seinem Bemühen, den im weitesten Sinne verstandenen Leibesübungen einen anerkannten Platz in der Erziehung zu sichern und nach einem tieferen pädagogischen Sinn in den Maßnahmen, die der Übung und Pflege des Leibes gewidmet sind, zu suchen. Er gehört mit Recht zu den wesentlichen „Wegbereitern“ und „Neugestaltern“ der Leibesübungen in der Geschichte der Pädagogik.

  • Werke

    Weitere W u. a. Spiele z. Übung u. Erholung d. Körpers u. Geistes, Für d. Jugend, ihre Erzieher u. alle Freunde unschuldiger Jugendfreuden, ges. u. prakt. bearb., Schnepfenthal 1796, Neuaufl. 1959, dän. 1801, schwed. 1805;
    Kleines Lehrb. d. Schwimmkunst z. Selbstunterrichte, enthaltend e. vollst, prakt. Anweisung zu allen Arten d. Schwimmens nach d. Grundsätzen d. neuen ital. Schule d. Bernadi u. d. älteren Deutschen, Weimar 1798;
    Spielalm. f. d. Jugend, 1802 f.;
    Über vaterländ. Erziehung, in: Bibl. d. Päd. Lit., 1814;
    Turnbuch f. d. Söhne d. Vaterlandes, 1817;
    Lehrb. d. Geogr., Zum Gebrauch f. Lehrer b. Unterricht,… u. f. Freunde d. Geogr. überhaupt, mit Rücksicht selbst auf d. letzten, b. z. May 1810 eingetretenen pol. Veränderungen ausgearb., Abt. 1-2, 1810-13;
    Kurzer Abriß d. Erdbeschreibung als Leitfaden u. Memoirenbuch f. Schulen, 1819;
    Versuch e. Methodik d. geogr. Unterrichts …, 1835. - Hsrg.:
    Bibl. d. Päd. Lit., 1800–05, fortges. als: Zs. f. Päd., Erziehungs- u. Schulwesen, 1806 f., fortges. als: Neue Bibl. f. Päd., Schulwesen u. d. gesamte päd. Lit., 1808-19 (1820).

  • Literatur

    ADB X;
    K. J. Waßmannsdorff, J. Ch. F. G., Festschr., 1884;
    A. B. Netsch, G.s päd. Verdienst um d. Päd., d. Geogr. u. d. Turnen, Diss. Leipzig 1901;
    M. Hobohm, J. Ch. G., Sein Lebenswerk im Lichte s. Persönlichkeit u. im Verhältnis zu uns, 1927;
    L. Gerbing, in: Mitteldt. Lb. II, 1927, S. 46-59 (W, L, P);
    E. Neuendorff, Gesch. d. neueren dt. Leibesübung v. Beginn d. 18. Jh. b. z. Gegenwart I, 1930 (P);
    H. Groll, Die Systematiker d. Leibesübungen, 1955;
    U. Weidig, G. Bibliogr., in: Festschr. z. 200. Geb. tag v. J. Ch. F. G., 1959;
    H. Bernett, Die päd. Neugestaltung d. bürgerl. Leibesübungen durch d. Philanthropen, 1960.

  • Portraits

    Denkmal (mit Carl Ritter) in Quedlinburg;
    Gipsbüste v. K. Albiker (Foto Marburg).

  • Autor/in

    Ommo Grupe
  • Empfohlene Zitierweise

    Grupe, Ommo, "Guts Muths, Christoph" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 350-351 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118699520.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Guts-Muths: Johann Christoph Friedrich G., der Vater der deutschen Gymnastik, geb. am 9. August 1759 in Quedlinburg, am 21. Mai 1839 in Ibenhain bei Schnepfenthal. Der einzige Sohn eines wenig begüterten Vaters, den er bereits im zwölften Lebensjahre verlor, entwickelte er früh die Neigung zur Selbstthätigkeit, auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt aber erhielt er durch tüchtige Lehrer eine gründliche Vorbereitung für die wissenschaftliche Laufbahn. Noch als Schüler begann er dann auch bereits in der Familie des Leibarztes Ritter, der die häusliche Unterweisung seiner Kinder ihm anvertraute, eine pädagogische Thätigkeit, die, durch Basedow's Elementarwerk mannigfach bestimmt, ihn früh auf den seiner Natur besonders angemessenen Beruf hinleitete. Im J. 1779 bezog er die Universität Halle, wo er unter Semler, Knapp und Niemeyer Theologie studirte, aber auch unter Trapp's Anleitung seine pädagogische Einsicht erweiterte, während er zugleich mit Mathematik und Physik, mit Geschichte und neueren Sprachen eifrig sich beschäftigte. Als er 1782 in die Vaterstadt zurückgekehrt war, trat er auch wieder in Ritter's Haus ein, um mit erweitertem Wissen und größerer Sicherheit seine pädagogische Thätigkeit fortzusetzen, die er auch dann nicht abbrach, als das Haupt der Familie 1784 der Tod hinweggenommen hatte. Er war in dieser Zeit auch Führer Karl Ritter's geworden, der durch ihn die ersten Anregungen zu seinen großartigen geographischen Studien erhielt. Und diesen Knaben führte er nun auch 1785, einen älteren Bruder mitnehmend und in Begleitung der Mutter, der kurz vorher erst begründeten Erziehungsanstalt Salzmann's in Schnepfenthal zu. Salzmann aber, der in dem jungen Hauslehrer rasch ungewöhnliche Eigenschaften erkannte, hielt ihn für seine Anstalt fest, wie er beide Brüder bei sich aufnahm. Seitdem ist G. bis in sein hohes Alter dem Schnepfenthaler Erziehungshause treu geblieben. Er übernahm neben dem Unterrichte in Geographie und Technologie (seine Geschicklichkeit in mancherlei Handarbeiten war anerkannt) mit besonderer Vorliebe den Unterricht in der Gymnastik, und dazu konnte ja der Philanthropinismus, der so früh auf ihn eingewirkt hatte und in Schnepfenthal eine so besonnene Ausbildung erhielt, ihn wie von selbst bestimmen. Was er für die gymnastischen Uebungen der Anstalt vorfand, war zunächst nur ein in der Nähe gelegener halb freier, halb von Buchen beschatteter Platz; aber Uebung und Nachdenken, verbunden mit Erforschung dessen, was im Alterthum zur Gymnastik gehört hatte, brachten ihm gleich in den ersten Jahren ein reiches Material, das dann in sorgfältiger Durcharbeitung 1793 seine „Gymnastik für die Jugend“ darstellte, ein Buch, welches 1804 in einer zweiten sehr vermehrten, ja völlig umgearbeiteten Ausgabe wieder erschien. Von der Handarbeit durch die geselligen Spiele hindurch bis zur fein berechneten Uebung hinauf hat alles der Ausbildung körperlicher Kraft und Gewandtheit Dienende für ihn seine Bedeutung, und man darf wol sagen, daß das von ihm entwickelte System der Gymnastik durch die neuere Turnkunst nicht wesentliche Ergänzungen erhalten hat. Und so ist auch der bescheidene Platz, auf welchem er seine Zöglinge so lange geübt hat, durch die nach und nach getroffenen Einrichtungen und aufgestellten Geräthe für Viele von vorbildlicher Bedeutung geworden. Die patriotischen Zwecke, denen er durch sein „Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes“ (Frankfurt a. M. 1817), wie durch den „Katechismus der Turnkunst“ (ebd. 1818) zu dienen strebte, ließ freilich die hereinbrechende Zeit der Reaction nicht erreichen; aber er zeigte dabei doch, wie die Jahre herrlicher Erhebung ihn mit der von F. L. Jahn vertretenen Richtung in denselben|großen Zusammenhang geführt hatten. In anderer Weise hatte er schon 1796 durch die Schrift „Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes" (2. Aufl. 1802), sowie durch sein 1797 erschienenes „Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst" wichtige Gesichtspunkte aufgestellt und zweckmäßige Anleitung gegeben. Der ersteren Schrift schloß sich 1802 der „Spielalmanach für die Jugend“ an. In den geographischen Unterricht hat er vielleicht zum ersten Male Methode und Leben gebracht. Wie er seine Mittheilungen veranschaulichte, durch die mit den Zöglingen unternommenen Wanderungen anregender machte, durch das Zeichnen von Landkarten den Schülern fester einprägte, so hatte noch kaum ein Anderer die Sache angegriffen. Und auch auf diesem Gebiete hat er als Schriftsteller gewirkt. Wir erinnern an sein „Handbuch der Geographie“ (Leipzig 1810, 2 Bde., 2. Aufl. 1825 f.), an seinen „Abriß der Erdbeschreibung“ (Leipz. 1819, 3. Aufl. 1839), an seine „Methodik der Geographie“ (1835), an seine Mitarbeit bei dem vollständigen Handbuch der Erdbeschreibung von Gaspari, Hassel, Ukert u. A., an das mit J. A. Jacobi bearbeitete Werk „Deutsches Land und deutsches Volk“ (Gotha 1821 f.). — In Verbindung mit seinem technologischen Unterrichte erschien sein viel gebrauchtes Buch „Mechanische Nebenbeschäftigungen für Jünglinge und Männer“ (Altenburg 1801, 2. Aufl. Leipzig 1816). — Eine besondere Thätigkeit entwickelte er noch bei der Herausgabe der Zeitschrift „Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesammte pädagogische Litteratur Deutschlands“, die mit wiederholt verändertem Titel von 1800—20 sich behauptete und ihm vielfache Gelegenheit gab, die regen pädagogischen Bestrebungen jener Zeit fördernd zu begleiten. Die meisten seiner litterarischen Arbeiten sind in dem freundlichen Landhause entstanden, das er seit 1797 in dem nicht fern von Schnepfenthal gelegenen Ibenhain bewohnte. Da entfaltete sich nun auch um ihn — er war mit einer Seitenverwandten Salzmann's verheirathet, die ihm eine Reihe von Kindern schenkte — das traulichste Familienleben, dem er in patriarchalischer Würde vorstand. Nebenbei beschäftigte ihn auch die Pflege seines Blumen- und Obstgartens, die Besorgung seiner Bienenstöcke, die Arbeit an der Drechselbank. Nach Schnepfenthal kam er in früheren Jahren täglich zweimal, später nur einmal, um Unterricht zu ertheilen, und da wußte er stets Ernst und Milde, Würde und Freundlichkeit in glücklicher Weise zu verbinden. Die allezeit festgehaltene einfache, naturgemäße Lebensweise ließ ihn noch im Alter rüstig erscheinen; am 1. Juni 1835 konnte er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum feiern. Aber zwei Jahre später sah er sich durch das Schwinden der Kräfte genöthigt, seine pädagogische Thätigkeit einzustellen. Er trat völlig zurück zu Ostern 1839, und schon nach wenigen Wochen führte eine kurze Krankheit seine Auflösung herbei.

    • Literatur

      S. Diesterweg in den Rhein. Blättern für Erziehung und Unterricht 1840. I. Kawerau in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1859, 643 ff. Kramer, K. Ritter, Bd. I. K. Salzmann in Schmid's päd. Encykl., Bd. III.

  • Autor/in

    H. Kämmel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kämmel, Heinrich, "Guts Muths, Christoph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 224-225 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118699520.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA