Lebensdaten
1780 bis 1806
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Winkel (Rheingaukreis)
Beruf/Funktion
Dichterin
Konfession
lutherische Familie
Normdaten
GND: 118543202 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Günderrode, Caroline Friderike Louise Maximiliane von
  • Tian (Pseudonym)
  • Die deutsche Sappho (genannt)
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Zitierweise

Günderrode, Caroline von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543202.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hector Wilh. (1755–86), bad. Reg.rat, Historiker (s. W, L), S d. Joh. Maximilian (1713–84), auf Höchst/Nidder, hessen-kassel. GR, Rentkammer- u. Regierungsdir. in Hanau (s. L), u. d. Susanna Maria v. Kellner;
    M Louise (1759–1819), T d. Chrstn. Maximilian v. Günderrode (1730–1813) u. d. Louise v. Drachstedt; Vorfahre Tilemann (s. 3);
    Groß-Ov Justinian (s. Gen. 1);
    Ov Phil. Maximilian (1745–1814), auf Höchst/Nidder, kurhess. GR u. Gesandter am Reichstag, zuletzt in Wien, Mitgl. d. ao. Reichsdeputation 1802/03 (s. L), Frdr. Justinian (1747–85), nassau-weilburg. Oberstallmeister, bad. Kammerherr, Dramatiker, Reiseschriftsteller (s. Goedeke V, S. 369), Frdr. Maxim. (s. 1);
    B Hektor Wilh. (1786–1862), Schöffe, Senator u. Älterer Bgm. zu Frankfurt;
    Schw Wilhelmine ( Carl Du Bos Frhr. du Thil, 1859, hessen-darmstädt. Staatsminister, s. NDB IV); Cousinen Elisabeth ( Georg Ferdinand Frhr. v. Lepel, 1779–1874, kurhess. Bundestagsgesandter u. Min., dann sachsen-coburg. u. gotha. Staatsmin.), Henriette ( Dietrich Frhr. v. Stein, 1790–1867, sachsen-meining., dann sachsen-coburg. u. gotha. Staatsmin.); - ledig.

  • Leben

    Nicht ihre zu Unrecht kaum beachteten Dichtungen, sondern ihr „romantisches“ Leben, Lieben und Sterben haben der G. andauerndes, sentimentales Interesse gesichert. Schon mit 17 Jahren (1797) wurde sie von Hanau aus, wohin die gebildete und literarisch dilettierende Mutter nach dem frühen Tode des Vaters gezogen war, aus Versorgungsgründen und auf Drängen der Mutter in das von Cronstetten und von Hynspergische adelige evangelische Damenstift zu Frankfurt a. M. aufgenommen. Obwohl sie durch häufige und längere Reisen zu Freunden und Verwandten ihre Isolierung zu durchbrechen suchte, litt sie schwer unter dem Stiftsleben, mußte auch ständig heftige Kopfschmerzen und Sehschwierigkeiten erdulden (sie drohte am schwarzen Star zu erkranken). Sie war befreundet mit der um 5 Jahre jüngeren Bettina Brentano, die ihr später eine einfühlende, wenn auch biographisch nur bedingt zuverlässige Brief-Biographie widmete und deren schwesterliche Erzieherin und Vertraute sie war. Eine erste, unerwidert gebliebene Liebe ergriff die G. 1799 zu dem 20jährigen F. K. von Savigny; Clemens Brentanos pathologisches Begehren hatte sie mehrfach in Freundschaft umzulenken versucht. Mit Savigny und seiner Frau Kunigunde (der Schwester Brentanos) verband sie nach jener Episode eine ruhige und heitere Freundschaft; auf dem Hofgut Trages bei Gelnhausen fand sie bei ihnen oft Aufnahme. Ihr Schicksal wurde jedoch bestimmt durch die Liebe zu dem Philologen Friedrich Creuzer, den sie im August 1804 in Heidelberg kennengelernt hatte. Creuzer, grundhäßlich und kränkelnd, verheiratet mit einer um 13 Jahre älteren Professorenwitwe, gewann wohl durch seine geistige Verwandtschaft mit der G. ihre Hingabe, die er jedoch in ihrer Tiefe und Unbedingtheit, ja tödlichen Konsequenz nicht erfühlen, geschweige denn erwidern konnte. Wohl liebte er sie, über sich und sein philiströses Gelehrtenleben durch die Größe ihres Gefühls, durch ihre Schönheit, ihre intellektuelle und poetische Ausstrahlungskraft für eine Weile hinausgehoben, gab ihrer Dichtung Anregung und Förderung, wie er auch selbst für seine mythologischen Studien ihrem intuitiven Denken vieles verdankte, vermochte sich jedoch nicht von seiner ungeliebten, zwischen Entsagung und Versorgungsfurcht schwankenden Frau zu trennen. Nach 2 Jahren peinlichen Schwankens und abenteuerlicher Lösungsversuche glaubte er, nach einem heftigen Nervenfieber, während dem seine Frau ihn gepflegt hatte, seine Pflicht erfüllen und von der G. sich endgültig lossagen zu müssen. Sein Freund, der Theologe Carl Daub, schrieb an eine Freundin der G. einen „Lossagungsbrief“, der der G. in Winkel unvorbereitet in die Hände fiel. Von Bettina auf Creuzers eifersüchtiges Verlangen hin getrennt, mit ihren Freunden Lisette und Christian Nees von Esenbeck, die ihr in Dingen der Poesie und des praktischen Lebens Rat und Hilfe gegeben hatten, wegen des Verhältnisses mit Creuzer überworfen, sah sie sich des letzten Halts in dem ihr stets feindlichen Leben beraubt. Sie tötete sich am Rhein mit drei Stichen ins Herz.

    Die G., wegen ihres Lebens und ihrer Poesie „deutsche Sappho“ genannt und mit Hölderlin verglichen, steht mit ihrer empfindungstiefen, pathetisch-heroischen und formstrengen Dichtung zwischen Klassik und Romantik. Sie war historisch und mythologisch gebildet und zunächst von „Ossian“, Herder und Goethe, später von Schelling, Novalis, Jean Paul und Hölderlin tief beeindruckt; von Creuzer wurde sie mit Heraklit, Plotin sowie mit griechischer und vorderasiatischer Mythologie als ihr wesensverwandtem Bildungsgut vertraut gemacht. Ihre Dichtungen sind durchzogen von der Sehnsucht nach Heimkehr aus irdischer Begrenzung in die Allheit, vom Glauben an die ewige Einheit von Leben und Tod. Der Tod war ihr vertraut, und nur die Liebe schien ihr auf Erden noch jene Unsterblichkeit zu ersetzen, die sie sich von ihm in der Geborgenheit des Alls, der Quelle des Lebens, erhoffte. Gedichte waren ihr „Balsam auf Unerfüllbares im Leben“ (nach Bettina Brentano), Mittel zur Überwindung von Tod und Trennung. Sie erstrebte, Friedrich Schlegels Forderung entsprechend, eine Synthese von Philosophie, Mythologie und Poesie, die sie in den formsicheren, rhythmisch und sprachlich reinen Gedichten „Adonis Tod“, „Adonis Todtenfeyer“ und „Orphisches Lied“ auch erreichte. Ihre Lyrik, bilderarm und zuweilen gedanklich überanstrengt, auch metrisch nicht stets vollkommen, aber immer von warmem Gefühl erfüllt, erreichte ihren Gipfel in den Zeugnissen der bedingungslosen Hingabe und Liebesverlorenheit an Creuzer: „Gebet an den Schutzheiligen“ und „Die eine Klage“ (sämtlich in der von Creuzer 1806 im Druck angehaltenen Sammlung „, Melete' von Jon“). Neben den Gedichten vermögen auch einige rhythmische, zum Teil philosophische Prosastücke formal wie gedanklich zu überzeugen („Timur“, „Ein apokalyptisches Fragment“ [beide 1804] und „Briefe zweier Freunde“ [aus „Melete“]). Ihre Ossian nachgebildeten frühen Lieder, besonders aber ihre Dramen, die formal und in ihrem ethischen Gehalt der deutschen Klassik, in ihrer Gefühlserfülltheit jedoch der Romantik verpflichtet sind, besitzen keine poetische Kraft. Den Dramen fehlt die zwingende Handlung und die Durchzeichnung der Charaktere. Ihre Struktur ist durchsetzt von philosophischen Deklamationen und, freilich empfindungsstarken, Lyrismen. Ihr Bestes und Persönlichstes gab die G. in den wenigen Liebesgedichten, die unvergänglicher Ausdruck ihrer unerfüllten Sehnsucht sind, „Eins im Andern sich zu finden,/ Daß der Zweiheit Gränzen schwinden/ Und des Daseins Pein.“

  • Werke

    Ges. Werke, hrsg. v. L. Hirschberg, 3 Bde., 1920 (P);
    Dichtungen, hrsg. v. L. v. Pigenot, 1923 (P);
    Ges. Dichtungen, hrsg. v. E. Salomon, 1923;
    K. v. G., e. apokalypt. Fragment, Gedichte u. Prosa, hrsg. v. H. Blank, 1960. - Unbekannte Briefe d. K. v. G. an Fr. Creuzer, mitgeteilt v. P. Pattloch, in: Hochland 35, 1937/38, H. 1, S. 50-59;
    Ein unbek. Brief d. K. v. G. an Fr. Creuzer, hrsg. v. W. Rehm, in: DVjS 24, 1950, Bd. III, S. 387. - Zu V Hector Wilh.: Sämtl. Werke aus d. teutschen Staats- u. Privatrecht, d. Gesch. u. Münzwiss., 2 Bde., hrsg. v. E. L. Posselt, Leipzig 1787 f.

  • Literatur

    ADB X;
    Bettina v. Arnim, Die G., 2 Bde., 1840, wieder in: dies., Sämtl. Werke, hrsg. v. W. Oehlke, Bd. 2, 1920;
    K. Schwartz, in: Ersch-Gruber I, 97, S. 167-231 (grundlegende Biogr.);
    L. Geiger, K. v. G. u. ihre Freunde, 1895 (Briefe v. G., Savigny, Lisette Nees v. Esenbeck, Cl. Brentano u. Creuzer, P, fehlerhafte Angaben);
    R. Steig, Zur G., in: Euphorion 2, 1895, S. 406 ff., 3, 1896, S. 478 ff., 4, 1897, S. 358 ff., 6, 1899, S. 340 ff., 10, 1903, S. 788 ff. (korrigiert Geiger);
    E. Rohde, Friedr. Creuzer u. C. v. G., 1896 (1. Teildr. v. Creuzers Briefen an G.);
    G. Bianquis, C. de G., 1780-1806, Ouvrage accompagné des lettres inédites, Paris 1910;
    E. Regen, Die Dramen K.s v. G., 1910;
    K. Preisendanz, Die Liebe der G., Fr. Creuzers Briefe an C. v. G., 1912 (Titelbild stellt nicht G. dar);
    W. Rehm, Der Todesgedanke in d. dt. Dichtung, 1928, S. 433-36 u. ö.;
    ders., Über d. Gedichte d. K. v. G., in: Goethe-Kal. auf d. J. 1942, hrsg. v. Frankfurter Goethe-Mus., S. 93-121;
    R. Wilhelm, Die G., Dichtung u. Schicksal, 1938;
    A. Neumann, C. v. G., Diss. Berlin 1957 (L);
    M. Preitz, K. v. G. in ihrer Umwelt (Briefe v. Lisette u. Chrstn. Nees v. Esenbeck, K. v. G., Fr. Creuzer, Cl. Brentano u. Susanne v. Heyden), in: Jb. d. freien dt. Hochstifts 1962, S. 208-306;
    Goedeke VI, S. 66 f.;
    Kosch, Lit.-Lex. - Zu V Hector Wilh.:
    K. W. F. L. Frhr. v. Drais, Leben d. Frhrn. H. W. v. G., Kehl 1786;
    Ersch-Gruber I, 97, S. 157-67;
    - Zu Gvv Joh. Maxim.:
    R. Jung, in: Alt-Frankfurt 5, 1913, S. 66-73 (P);
    - zu Ov Phil. Maxim.:
    ders., ebd., S. 73-75 (P).

  • Portraits

    Ölgem. v. Charl. v. Günderrode (Schw), 1797 (Frankfurt/Main, Hist. Mus.), danach Titelbild b. Hirschberg I, s. W.

  • Autor/in

    Martin Glaubrecht
  • Empfohlene Zitierweise

    Glaubrecht, Martin, "Günderrode, Caroline von" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 261 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543202.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Günderode: Karoline v. G., Dichterin, geboren am 11. Februar 1780 zu Karlsruhe, Tochter des badischen Kammerherrn, Hof- und Regierungsrathes Fr. Just. v. G. (welcher sich auch im Drama versuchte, vgl. Goedeke's Grundriß, II, 1080), lebte als Stiftsdame zu Frankfurt a. M., am Rhein und zu Heidelberg, liebte den berühmten Heidelberger Philologen und Symboliker Creuzer und gab sich deshalb in der Nähe von Winkel am 26. Juli 1806 selbst den Tod. Ein tiefer Schmerz zittert durch die Seele dieser liebekranken Nachtigall, den sie in einer ganz musikalischen Sprache ergießt. Ihre Dichtungen erschienen unter dem Namen „Tian": „Gedichte und Phantasien“, 1804, und „Poetische Fragmente“. Anderes kam erst später (durch M. Bachmann) in poetischen Taschenbüchern etc. zu Tage. Ihre ges. „Dichtungen“ (darunter auch viel Dramatisches) gab Götz (Mannheim 1857, mit dem Portrait der Dichterin) heraus; manches klingt ganz ossianisch-nebelhaft, Anderes gemahnt an Lessing's Vorbild, Alles aber ist mehr oder minder von einem sentimentalen Mondlicht und zarter todttrauriger Wehmuth überstrahlt. — Bettina setzte ihr aus einer Mischung wirklicher Erinnerungen mit phantastischen Zuthaten ein zweibändiges Denkmal „Die Günderode“, Grünberg u. Leipzig 1840. In Betreff der Aechtheit der hier mitgetheilten Briefe ist wol mancher Zweifel erlaubt, nachdem der „Briefwechsel Goethe's mit einem Kinde“ kritisch beleuchtet worden ist.

    • Literatur

      Vgl. M. Carriere, Achim v. Arnim und die Romantik. Die Günderode. Grünb. 1841. Franz Sauter's Aesthetische Excursionen, Leipz. 1875. Goedeke's Grundriß, III. 37.

  • Autor/in

    Hyac. Holland.
  • Empfohlene Zitierweise

    Holland, Hyacinth, "Günderrode, Caroline von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 126 unter Günderode, Karoline von [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118543202.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA