Lebensdaten
1686 bis 1744
Geburtsort
Schwerin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Mätresse des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118696955 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Graevenitz, Christine Wilhelmine Friederike Gräfin von
  • Grävenitz, Wilhelmine Gräfin von
  • Graevenitz, Christiane Wilhelmine Gräfin von
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Zitierweise

Graevenitz, Wilhelmine Gräfin von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696955.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Frdr. Wilh. (s. 1);
    Schw Henriette ( 1740, ⚭ Josua Albrecht v. Boldewin, 1670–1740, württ. Kriegsrats-Vizepräs. 1715, Gen.-Kriegskommissar 1719–29, Obervogt), Eleonore ( David Nathanael v. Sittmann, württ. Obrist, GR u. Obervogt);
    1) (morganat.) Juli 1707 (f. ungültig erklärt 1710) Hzg. Eberhard Ludwig v. Württemberg ( 1733, s. NDB IV), 2) (Scheinehe) Oberhausen 11.1.1711 Joh. Franz Ferd. Gf. v. Würben (Wrbna) ( 1729).

  • Leben

    1706 wurde G. durch ihren Bruder Friedrich Wilhelm nach Stuttgart geholt und erlangte auf den jungen Herzog Eberhard Ludwig als dessen Mätresse großen Einfluß. Im November 1707 wurde ihre Ende Juli geschlossene morganatische Ehe (als Gräfin von Urach) mit dem Herzog offiziell bekanntgegeben. Auf den Einspruch des Konsistoriums, der Landschaft und seiner Gemahlin Johanna Elisabeth erklärte der Herzog, als protestantischer Fürst über Gewissensfälle nur Gott Rechenschaft schuldig zu sein. Nach langem Widerstreben|mußte er sich auf Verlangen des Kaisers, an den die Herzogin sich gewandt hatte, von G. trennen. G. reiste in die Schweiz, der Herzog folgte ihr, willigte aber 1710 ein, daß die Eheschließung für ungültig erklärt wurde. 1711 vermählte sich G. zum Schein mit dem böhmischen Grafen Würben. Dieser mußte sich im Ausland aufhalten, durfte die Ehe nicht vollziehen und erhielt neben einer bedeutenden Geldentschädigung den Titel eines Landhofmeisters, Geheimen Rats und Kriegsratspräsidenten. Als „Landhofmeisterin“ kehrte G. unangefochten nach Stuttgart zurück und nahm die erste Stelle bei Hof ein. Durch ihren Einfluß auf den ihr hörigen Herzog führte sie 20 Jahre lang eine fast unumschränkte Herrschaft, Der Kaiser wurde durch geschickte Verhandlungen (Geheimer Rat von Schütz) bestimmt, sich nicht um die Sache zu kümmern. Die wichtigsten Stellen in der Regierung wurden durch Verwandte und Günstlinge G. besetzt, die Gegner entfernt. G. selbst beeinflußte die Staatsangelegenheiten und nahm an den Beratungen des neuerrichteten Konferenzministeriums (unter Ausschaltung des Geheimen Rats) teil. Sie fühlte sich als Madame de Maintenon, erhielt einen eigenen Hofstaat, stiftete einen eigenen Orden und wohnte im schönsten Bau Stuttgarts. Eberhard Ludwig verlegte ihretwegen die Residenz nach dem 1704 gegründeten Ludwigsburg. Seine Gemahlin blieb im alten Schloß in Stuttgart. Der Hofstaat in Ludwigsburg wurde prächtig ausgebaut. Der sich daraus ergebenden Zerrüttung der Finanzen sollte durch neue Steuern und Finanzquellen (Lotterie, Kalenderprivileg, Stempelpapier, Verkauf von Ämtern, Titeln und Gnadenbezeugungen) abgeholfen werden. G. verfolgte den planmäßigen Ausbau ihres Hausbesitzes durch Schenkungen des Herzogs, Kauf und Tausch. Es gelang ihr, die Zustimmung des Erbprinzen und der Landschaft dafür zu erlangen, außerdem preußische und kaiserliche Schirmbriefe (1716 beziehungsweise 1726). Der Besitz wurde straff und geschickt verwaltet.

    1728 entzweite sich G. mit ihrem Bruder wegen Sitz und Stimme auf der fränkischen Grafenbank, die ihm wegen der Herrschaft Welzheim übertragen wurde. 1730 versuchte sie, den Fürstenstand zu erlangen. 1731 löste sich Eberhard Ludwig von der Alternden und söhnte sich mit seiner Gemahlin aus. Am 14.10.1731 wurde G. auf seinen Befehl verhaftet und nach Schloß Urach geführt. Zunächst in relativer Freiheit, wurde sie auf ihre Weigerung hin, ihre Besitzungen herauszugeben und ihre Klage in Wien zurückzuziehen, wobei sie sich auf ihre Reichsunmittelbarkeit berief, im Juni 1732 auf der Festung Hohenurach in strengen Gewahrsam genommen. Die Ritterschaft erhob Vorstellungen wegen ihrer Vorhaftung in dem ritterschaftlichen Gut Freudental. Auch von Hohenurach aus leitete sie noch die Verwaltung ihrer Güter. Ihr hartnäckiger Widerstand brach jedoch schließlich zusammen, sie bequemte sich am 19.12.1732 zu einem Vergleich, den der Kaiser 1733 bestätigte: Verzicht auf ihre Klage beim Reichshofrat, Abtretung aller Güter bis auf Welzheim, das in ein Mannlehen verwandelt wurde und an ihre Brüder fallen sollte. Dafür erhielt sie all ihre beschlagnahmten Kapitalien, die Juwelen und das restliche unbewegliche Vermögen zurück, mußte aber gegen eine Entschädigung von 125 000 Gulden das Land verlassen. Darauf wurde sie nach Heidelberg gebracht. Der Nachfolger Eberhard Ludwigs ( 1733), Herzog Karl Alexander, ließ die gesamte Familie Graevenitz verhaften und bereitete ihrer Herrschaft in Württemberg ein Ende. G., die sich bis zum Tod Eberhard Ludwigs in Heidelberg und Mannheim aufhielt, fand Unterstützung und Unterschlupf beim König von Preußen. Vergebens versuchte sie, die schwäbische Reichsritterschaft gegen Württemberg aufzuhetzen. Herzog Karl Alexander, der einen Kriminalprozeß gegen sie angestrengt hatte, schloß 1736 mit ihr einen Vergleich, in dem sie gegen Zahlung von 152 300 Gulden auf all ihre Forderungen an Württemberg verzichtete. In Berlin geriet die Kränkelnde in Vergessenheit.

    Die von vielen Zeitgenossen und namentlich den Württembergern viel geschmähte und gehaßte Frau hatte sich Eberhard Ludwigs Schwäche zunutze gemacht, um für sich und ihre Familie beträchtlichen Landbesitz in Württemberg zu erwerben. Sie scheiterte, weil sie die Mittel des kleinen Württembergs wie ihren Einfluß auf den Herzog und dessen Widerstand gegen den Druck von Seiten der Ehrbarkeit, der Kirche und der öffentlichen Meinung überschätzte. Bewundernswert sind Konsequenz und Zähigkeit, mit denen sie ihr Ziel verfolgt hatte, ihr Widerstand, dem Druck nachzugeben, erstaunlich ihr überlegenes Finanzgebaren und die Kaltblütigkeit, mit der sie gefährliche Situationen zu meistern verstand, auch ihr Familiensinn. Die Verwaltung ihrer Besitzungen gelang ihr beispielhaft, sie verstand, immer neue Hilfsquellen für ihre Zwecke zu erschließen. G. hatte den Ehrgeiz, eine politische Rolle zu spielen, aber nicht das Wohl des Staates, sondern ihr eigener Vorteil war stets das Motiv ihres Handelns.

  • Literatur

    ADB V, S. 562 (überholt);
    M. Hay, A German Pompadour, The extra ordinary history of W. G., London 1906.

  • Portraits

    P nicht gesichert; angeblich:
    Miniaturbildnis v. C. E. de Quitter, 1721 (Stuttgart, Württ. Landesmus.).

  • Autor/in

    Hans Jürgen Rieckenberg
  • Empfohlene Zitierweise

    Rieckenberg, Hans Jürgen, "Graevenitz, Wilhelmine Gräfin von" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 720-722 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696955.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA