• Leben

    „Gerart deken to Minden“ wird im Prolog zu einer mittelniederdeutschen Fabelsammlung|des späteren 15. Jahrhunderts (Handschrift in Magdeburg) genannt als Verfasser oder Übersetzer einer deutschen Fabelsammlung; allerdings nennt der Prolog die Jahreszahl 1370, zu der jedoch ein Domdekan dieses Namens in Minden nicht nachzuweisen ist (1368/69-79 ist Friedrich Dume als Dekan bezeugt). Es kommt nur ein Dekan Gerhard in Betracht, der 100 Jahre früher lebte. Dessen Herkunft und Geburtsstand sind unbekannt. 1257-61 wird er wiederholt als Domkantor, 1261-78 als Domdekan in Minden genannt. 1274 erhält er einen päpstlichen Richterauftrag, 1276 erscheint er als Schiedsrichter der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Er starb am 27. oder 29.10.1278.

    Darf man also mit einem Schreibfehler der späten Handschrift rechnen, müßte „Gerhard von Minden“ der Verfasser einer solchen Sammlung sein. In der Tat besteht eine weitere Sammlung, vollständig überliefert in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts (Wolfenbüttel), mittelfränkisch mit hyperhochdeutschen Formen, außerdem 1 Stück auf einem Blatt der Zeit um 1400 in mittelniederdeutscher Sprache (München). Die Reime dieser letzteren Fassung zeigen viele hochdeutsche Kriterien, was dem Gebrauch der mittelniederdeutschen Dichtung in der Frühzeit, das heißt eben dem späteren 13. Jahrhundert, entsprechen würde. Die verlorene Vorlage könnte also das Werk des Mindener Dekans sein, nach dem auch die erheblich erweiterte Magdeburger Fassung bearbeitet wurde.

    Als Quelle der Wolfenbütteler (und damit wohl auch der ursprünglichen) Sammlung gilt in der Hauptsache eine der „Romulus“-Fassungen, während „Esopus“ nur als sagenhaft überlieferter Name dahinter steht. (Die Magdeburger Bearbeitung führt zusätzlich „Romulus“ und König Aelfred von England an, weiß also noch etwas von dem sogenannten „Romulus Anglicus“, hat außerdem aber die Sammlung des „Anonymus Neveleti“ benutzt.) Der vermutliche Verfasser G. war noch kein bedeutender Erzähler (doch könnte an den starken Kürzungen auch die Handschrift mit schuld sein). Außer Tierfabeln hat er Schwanknovellen und Beispielerzählungen aufgenommen. Die „Moral“ ist stets in 4 Zeilen zusammengefaßt, gelingt aber nur selten zu einer abgerundeten knappen Sprichwortform. Die letzten Stücke sind lebendiger und freier erzählt. Ein persönlicher Ton klingt in dieser Dichtung nicht durch.

    Der Bearbeiter der späteren Sammlung ist dagegen als Persönlichkeit eher zu erkennen, wenn er auch seinen Namen verschweigt. Er war Westfale, möglicherweise Landgeistlicher, zeitweilig jedoch (vielleicht in diplomatischer Stellung) in Dänemark, seine Lebenszeit liegt um die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Als Dichter ist er wesentlich freier und kunstvoller als der Vorgänger. Da er aber (entgegen dem Titel der Ausgabe) nicht als Gerhard von Minden bezeichnet werden darf, kann hier nur kurz auf ihn hingewiesen werden.

  • Werke

    Ausg.: Die Fabeln G.s v. Minden in mittelniederdt. Sprache, hrsg. v. A. Leitzmann, 1898;
    dazu: Borchling, Götting. Gel. Anz., 1900, S. 292 ff. - Die spätere (Magdeburger) Slg.: G. v. Minden, hrsg. v. W. Seelmann, Nd.dt. Denkmäler II, 1878.

  • Literatur

    Westfäl. UB VI, 1898, Register S. 615;
    L. Wolff, in: Vf.-Lex. d. MA II u. V (L).

  • Autor/in

    Gerhard Cordes
  • Empfohlene Zitierweise

    Cordes, Gerhard, "Gerhard" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 272 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118890506.html#ndbcontent

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